{"id":287,"date":"2008-10-13T12:02:29","date_gmt":"2008-10-13T10:02:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=287"},"modified":"2008-10-13T12:02:29","modified_gmt":"2008-10-13T10:02:29","slug":"deutschland-kennt-keinen-ekel-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=287","title":{"rendered":"DEUTSCHLAND KENNT KEINEN EKEL (DIE PRESSE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Exorzismus als Polonaise: Christoph Schlingensiefs \u201eMenu total\u201c, wieder im Stadtkino Wien.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn den Filmen von Christoph Schlingensief hat Deutschland den Herbst schon hinter sich: Die druckvollen, hysterischen Kinoarbeiten des nunmehr eher als Theatermacher bekannten Oberhauseners st\u00fclpen die inneren Befindlichkeiten nach au\u00dfen. Damit passen sie gut zu einer Gesellschaft, die sich f\u00fcr viel Geld austherapieren l\u00e4sst, aber trotzdem nichts verarbeitet hat.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/stadtkino_schlingen20081007210706.jpg\" width=\"450\" height=\"270\" alt=\"Menu Total\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Menu Total von 1986, einer der ersten Langfilme von Schlingensief, pfeift, wenig \u00fcberraschend, auf die Konventionen des Erz\u00e4hlkinos: Die Dramaturgie ist anarchisch statt aristotelisch, das Schauspiel grotesk \u00fcbersteigert, die Dialoge zusammenhanglos. Es galt damals, sich abzusetzen von den vorigen und vorvorigen Filmemacher-Generationen, von den Diskursw\u00fctigen des Neuen Deutschen Films, etwa Volker Schl\u00f6ndorff oder Alexander Kluge, auch wenn Schlingensief mit Letzterem befreundet war und ist. Es galt \u2013 in kindlicher Naivit\u00e4t \u2013 mit der physisch erlebbaren \u00dcberw\u00e4ltigungsmacht des Kinos bestehende Sensibilit\u00e4ten zu zerschlagen.<\/p>\n<p><strong>Untote marschieren zu Hitler-Reden<\/strong><\/p>\n<p>Da marschieren Untote im Nachthemd zum Gebrabbel von Adolf Hitler durch die Wiesen\u00f6dnis des Ruhrgebiets, da stopft sich einer in Nazi-Uniform das gerade Erbrochene zur\u00fcck in den Mund \u2013 und erbricht es wieder. Ein Kreislauf: zum Kotzen.<\/p>\n<p>Mittendrin in den teilweise grandiosen, teilweise unertr\u00e4glichen Vignetten stecken Helge Schneider, damals zwar schon erfolgreicher Jazzmusiker, aber noch nicht ausgewiesenes Kom\u00f6dien-genie, und Alfred Edel, eines der wichtigsten Gesichter des Neuen Deutschen Films. Menu Total gef\u00e4llt sich im Anklecksen von Symbolen, denen des Gro\u00dfb\u00fcrgertums wie denen des Dritten Reichs, im Kaputthauen von Bedeutungen, letztendlich im Unsinnmachen \u2013 die Anarchie des Wohlstandsmenschen.<\/p>\n<p>\u201eWir kennen keinen Ekel!\u201c br\u00fcllen die Figuren und tanzen eine Polonaise. Schlingensiefs Gesellschaftsgroteske wirkt heute, zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung, mindestens ebenso frisch, frei und fr\u00f6hlich wie damals. Und gerade im Angesicht von Bernd Eichingers haltungsfreien Geschichtserziehungsfilmen wie Der Untergang und Der Baader Meinhof Komplex l\u00f6st er sein hysterisches Potenzial noch immer voll ein: kein Prestigefilm, sondern ein Triebfilm.<\/p>\n<p>Hinter all dem b\u00fcbisch-frechem Schabernack steht schlie\u00dflich ein Tr\u00e4umer, und sein Film ist wie ein Exorzismus: Hinfort mit den falschen, den vorgefertigten Schuldgef\u00fchlen, her mit der neuen Schuld! Und die ist garantiert untherapierbar.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON MARKUS KEUSCHNIGG<\/em><br \/>\n&#8222;Die Presse&#8220;, Print-Ausgabe, 08.10.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Exorzismus als Polonaise: Christoph Schlingensiefs \u201eMenu total\u201c, wieder im Stadtkino Wien.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=287"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}