{"id":285,"date":"2008-09-20T13:17:19","date_gmt":"2008-09-20T11:17:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=285"},"modified":"2008-09-20T13:17:19","modified_gmt":"2008-09-20T11:17:19","slug":"ich-habe-den-tod-gespurt-er-sas-in-mir-ich-habe-gekampft-sz-magazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=285","title":{"rendered":"&#8222;ICH HABE DEN TOD GESP\u00dcRT, ER SA\u00df IN MIR. ICH HABE GEK\u00c4MPFT.&#8220; (SZ MAGAZIN)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gesellschaft\/Leben | Heft 38\/2008 | Von Georg Diez<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief sieht nicht besonders m\u00fcde aus, er sieht auch nicht krank aus. Er hat vielleicht ein paar Falten mehr um die Augen, er ist d\u00fcnner, die Haare sind ein wenig grau geworden. Aber sieht so jemand aus, der mit dem D\u00e4mon gerungen und ihn erst einmal besiegt hat? Dieser D\u00e4mon, den manche Krebs nennen oder Tod und der man doch immer auch selbst ist.<\/p>\n<p>Er bestellt Kakao und ein Eis-Sandwich, braun-wei\u00df-rot gestreift, an der Pommesbude hier im Landschaftspark Duisburg-Nord, wo fr\u00fcher der Stahl floss und heute die riesigen Kesselanlagen und die rostigen Rohre wirken wie die Organe eines K\u00f6rpers, der vor langer Zeit gestorben ist.<\/p>\n<p>Wir setzen uns in die Sonne, auf zwei Plastikst\u00fchle, der eine ist rot, der andere ist gelb. Ein leichter Wind geht durch die Birken. Schlingensief inszeniert hier gerade: Am 21. September wird sein Oratorium \u00bbEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u00ab bei der Ruhr Triennale Premiere haben. Daf\u00fcr hat er eine Monstranz gebaut, in die er ein R\u00f6ntgenbild seiner Lunge eingef\u00fcgt hat. \u00bbIch trinke sehr viel Kakao\u00ab, sagt Schlingensief, \u00bbund eine Weile habe ich mich fast ausschlie\u00dflich von diesen Eis-Sandwichs ern\u00e4hrt.\u00ab<\/p>\n<p>Eigentlich hatte er dieses Treffen schon abgesagt. \u00bbIch will hier arbeiten\u00ab, hatte er in einer SMS geschrieben, \u00bbich tauche nach sieben Monaten Horrorzeit wieder langsam und \u00e4ngstlich ins Leben.\u00ab Eigentlich wollte er nicht mit der Presse sprechen.<\/p>\n<p>Aber dann reden wir. Er erz\u00e4hlt von seinem Vater, der im Januar 2007 starb, und von der Chemotherapie, von \u00c4rzten, von den \u00c4ngsten, der Wut. Es gibt so viel zu sagen, es gibt so wenige Worte.<\/p>\n<p>\u00bbWenn dein Leben sich in eine Trag\u00f6die verwandelt, versuche, sie als Zuschauer zu betrachten.\u00ab Das ist einer der S\u00e4tze, die Schlingensief festgehalten hat, in den langen N\u00e4chten, als er im Krankenhaus lag und ins Diktierger\u00e4t sprach. 450 Seiten sind es geworden, ein ganzer Leitz-Ordner voll, kleine Teile daraus sind in die Inszenierung gewandert, die seine Krankheit zum Thema hat.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Rest: ein beeindruckendes Protokoll der Selbstbefragung.<br \/>\nChristoph Schlingensief war nie der Provokateur, als den ihn viele sehen wollten. Er war immer ein wunder, ein verletzter Mensch. Jetzt, da er wirklich krank ist, ver\u00e4ndern sich sein Leben und seine Kunst. Und auch unser Blick auf Christoph Schlingensief ist ein anderer.<br \/>\nMuss es sein.<\/p>\n<p>Im Januar 2008 erfuhr er, dass er, der nie geraucht hat, Lungenkrebs hat. Er kam gerade aus Nepal, wo er die rituellen Totenverbrennungen gefilmt hatte. Er hatte einen Husten, der hartn\u00e4ckig blieb. Er ging zum Arzt, lie\u00df sich r\u00f6ntgen \u2013 und war gezeichnet.<\/p>\n<p>Lesen Sie auf der n\u00e4chsten Seite: &#8222;Ich habe dann bald auch daran gedacht, mich umzubringen. Vielleicht haue ich ab, dachte ich.&#8220;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob ich jemals einen solchen Tag erlebt habe. Vielleicht einmal, in meiner Jugend, da war ich elf und habe auf einem Feld von Bauer Mewes ein Gef\u00e4\u00df gefunden, in dem eine Taube sa\u00df. Ich habe das Ding ber\u00fchrt, dann gab\u2019s einen gro\u00dfen Knall, die Taube flog hoch und zur Seite raus \u2013 und mein Arm w\u00e4re fast in diesem Metallst\u00e4nder gelandet, abgequetscht.<\/p>\n<p>Es war eine Falkenfalle. Der Falke sollte runterfliegen auf die Taube, das Ger\u00e4t schl\u00e4gt zu, die Taube fliegt raus, er ist gefangen.<br \/>\nDr. Bauer hat mich heute ins Zimmer geholt und war direkt bei der Sache. Er w\u00fcrde gern etwas anderes sagen, sagte er, aber wir haben den Befund und das ist gro\u00dfe Schei\u00dfe. Das ist ein Adenokarzinom.<br \/>\nIch habe dann bald auch daran gedacht, mich umzubringen. Vielleicht haue ich ab, dachte ich. Fliege nach Afrika, besorge mir Morphium oder irgendwas und setze mich irgendwohin, schaue in die Landschaft, und vielleicht kommt ja eine Kobra vorbei, und dann l\u00e4sst man sich kurz mal bei\u00dfen und erstickt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gibt es zwei M\u00f6glichkeiten. Ich muss entweder ganz abhauen und sagen: Das soll halt wachsen, das ist jetzt so in mir, das geh\u00f6rt dazu. Der andere Weg ist: Nee, bitte, bitte, noch eine Infusion und dann ein bisschen kotzen und dann noch mal ein St\u00fcckchen hier raus und da raus.<\/p>\n<p>Und da werde ich eben aggressiv, weil ich denke, ja, ich kann nicht abhauen, und ich kann eben vor allem vor mir nicht abhauen, ich kann mich nicht wegschlie\u00dfen und sagen, ich wach etwas sp\u00e4ter auf, dann ist alles wieder gut.<\/p>\n<p>Im Moment denke ich: Wie kann ich raus aus dieser Wut, aus dieser Aggression in mir, wo f\u00fchrt mich das hin?<\/p>\n<p>Aber Selbstmord ist nicht mein Ding. Noch nicht. Die M\u00f6glichkeit wenigstens brauche ich, glaube ich. Aber dann kommt das christliche Geschw\u00e4tz: Er hat seinen Mann nicht gestanden, sich der Sache entzogen, wir haben doch alles hier getan, Intensivmedizin stand da, und er hat sich einfach nur h\u00e4ngen lassen. Da kann ich nur sagen, bei Jesus war auch keine Intensivmedizin, der hat sich auch h\u00e4ngen lassen.<\/p>\n<p>Aber mit wem rede ich da eigentlich? Du sagst ja doch nix. Die ganzen Schlingensiefs werden ausgerottet. Und vorher noch gevierteilt und gegrillt. Von wem, bitte sch\u00f6n? Von wem? Wer ist das? Ich bin sehr, sehr entt\u00e4uscht und traurig. Der anf\u00e4ngliche Schub zu Jesus und Gott geht eher wieder weg. Vielleicht kommt er wieder, wenn man ganz am Arsch ist. Aber das find ich dann auch sehr, sehr schade. Wozu denkt man dar\u00fcber nach? Wozu erhofft man sich da einen Segen?<\/p>\n<p>Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur \u2013 zu alldem bricht aus mir eine gro\u00dfe Wut, eine gro\u00dfe B\u00f6sartigkeit aus. Vielleicht hab ich die immer in mir getragen. Es ist schon ein unglaublicher Dreck, der jetzt rauskommt aus meinen Poren, aus meinem Hirn, aus meiner Nase. Aber er riecht gut und er scheint sogar in gewisser Weise mehr zu duften als all der Weihrauch und all der rote Tand, den ich da irgendwie sehen musste, und der Altar und das ganze Zeug.<\/p>\n<p>Gott also. Der ehemalige Messdiener Schlingensief, der gegen die Kirche w\u00fctet und das Theater gerne f\u00fcr Performances nutzt, die irgendetwas zwischen Kindergeburtstag und Gottesdienst sind: Aber vor der Krankheit zerfallen die Klischees.<\/p>\n<p>\u00bbIch glaube an Gott\u00ab, sagt Schlingensief, \u00bbich habe immer an ihn geglaubt.\u00ab Aber irgendwo muss die Wut ja hin.<\/p>\n<p>Und davon erz\u00e4hlen seine Aufzeichnungen, deshalb sind sie wichtig, in diesen Zeiten, da der Brustkrebs von Barbara Rudnik in \u00bbBild\u00ab verhandelt wird, da zwischen \u00bbKostenexplosion\u00ab und \u00bbGesundheitswesen\u00ab kaum ein Platz f\u00fcr das wahre Gesicht der Krankheit bleibt und man immer noch gern Krankengeschichten als Heldengeschichten verkauft.<\/p>\n<p>Schlingensief zeigt, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt; dass der Zweifel die einzige Konstante ist; dass es vor der Krankheit keine Theorie gibt, sondern nur Praxis.<\/p>\n<p>Ich bin ganz still geworden und habe hochgeguckt, und da hing das Kreuz, und in dem Moment hatte ich ein warmes, wunderbares, wohliges Gef\u00fchl. Ich war pl\u00f6tzlich jemand, der sagt: Halt einfach die Klappe, sei still, es ist gut, es ist gut.<\/p>\n<p>Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diesen Satz hat Jesus am Kreuz nicht gesagt, davon bin ich fest \u00fcberzeugt. Das ist einfach Quatsch. Das ist nicht das Zeichen: Ja, ich bin auch so schwach wie ihr. Ich glaube, er ist einfach ganz still da oben gehangen, hat Aua gesagt und was wei\u00df ich, aber er hat nie den Vorwurf gemacht, dass man ihn verlassen hat. Er hat einfach gesagt: Ich bin autonom.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief redet zum Gl\u00fcck immer noch so schnell und so viel wie fr\u00fcher. Von der Frage nach der Absolution \u00fcber den blinden Vater und die Tochter des KZ-Kommandanten Amon G\u00f6th geht es zum Kaktus auf dem Klavier von Adorno und zu der Sch\u00f6nheit des Allt\u00e4glichen.<\/p>\n<p>Der Krebs, haben die \u00c4rzte gesagt, ist vor drei oder vier Jahren gekommen \u2013 genau zu der Zeit, als Schlingensief in Bayreuth Wagners \u00bbParsifal\u00ab inszenierte, der von einer Wunde handelt, die nicht heilen will, von der Erl\u00f6sung und einem toten Vater. Am Ende, sagt Schlingensief heute, habe er sich leer gef\u00fchlt, vernichtet, er wusste nicht, wie es weitergehen sollte.<\/p>\n<p>Als er von dem Krebs erfuhr, sagt er, dachte er erst, es sei der \u00bbgiftige Atem\u00ab seines Vaters gewesen, der daran schuld sei. Im Grunde ist er froh, dass der Krebs \u00e4lter ist, dass er l\u00e4nger zur\u00fcckliegt als der Tod seines Vaters.<\/p>\n<p>Krankheit ist kompliziert; Familie ist kompliziert. Aber irgendwo muss die Wut ja hin.<\/p>\n<p>Der Weg in die Freiheit kann nur bedeuten, dass man sich auf eigene Gesetze einl\u00e4sst, die man nat\u00fcrlich nicht selber macht, sondern die einem, in diesem Falle besonders, von anderen vorgeschrieben werden. Aber jetzt noch irgendwo eine \u00d6ffnung zu haben, wo man dann sagt, ich werde betreut, ich werde bemitleidet, ich habe noch jemanden, der H\u00e4ndchen h\u00e4lt und so weiter, das ist es nicht, das geht auch nicht.<\/p>\n<p>Ich werde die Entscheidung treffen m\u00fcssen, ob ich mir in den Kopf schie\u00dfe, habe aber keine Pistole; ob ich in die Badewanne steige und mir einfach die Adern aufmache; ob ich irgendwie aus dem Fenster falle, dazu ist es hier aber nicht hoch genug. Oder ob ich hoffentlich Tabletten kriege und irgendwas anderes: Denn der Lebenswille, den ich die ganze Zeit geheuchelt habe, dieses Gef\u00fchl von, ja, der Christoph, der hat Kraft, der macht\u2019s \u2013 das ist vorbei.<\/p>\n<p>Ich bin schon lange m\u00fcde. Ich habe genug gestrampelt. Ich habe genug gemacht. Und allein die Vorstellung, dass ich etwas Fressendes in mir habe, das sich irgendwo reinschleicht und mich in die Ecke eines gehandicapten, atemlosen \u00dcberlebensk\u00e4mpfers oder so zw\u00e4ngt, nee! Das geht nicht. Irgendwie ist es vorbei. Ich starre in den Kamin, und der ist leer. Ich habe auch keine Lust mehr, ihn anzuz\u00fcnden, nicht mal mehr die Lust, irgendwas zu sehen, was verbrennt.<\/p>\n<p>Es gibt keine Blumen, die ich noch haben will, und auch keine verwelkten Blumen. Es gibt nur den Hass auf den Vater und auch den Hass auf die Mutter.<\/p>\n<p>Ich bin innerlich tot. Und ich lasse mir jetzt nicht irgendwie noch hier die halbe Lunge rausrei\u00dfen, damit ich mal sehe, wie die Welt aussieht, wenn man mit halbem Atem durch die Gegend rast. Nur noch schlurft. Nee, das mache ich nicht. Und wieder auf die Liege. Und noch mal nachgucken. Das ist doch alles nicht zu fassen! Ist doch alles nicht zu fassen!<\/p>\n<p>Ich geh dahin, wo Schmerzen noch erlaubt sind, wo Schmerzen nicht sofort im System erkennbar sind. An andern Orten kann man besser Schmerzen haben. Ich ziehe mich zur\u00fcck. Und wenn ich aufwache, wei\u00df ich, dass da keiner ist, der irgendwelche S\u00e4fte absaugt oder Kraft geben will oder sonst etwas. Weil dieses Kraftspielchen, das spielt man einfach nicht mehr. Das Kraftspielchen ist zu Ende.<\/p>\n<p>Dann die gro\u00dfe Erleuchtung. Jesus hat sich mir, Christoph Schlingensief, in der Kapelle gezeigt, indem er mich verstummen lie\u00df, und pl\u00f6tzlich wurde alles warm. Ja, super, du Furzknuppen! Das war ein sch\u00f6nes Erlebnis, kann ich nicht abstreiten. Hat mir was gebracht. Fand ich sch\u00f6n. Aber Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist nicht da. Und die Mutter Maria ist nicht da.<\/p>\n<p>Es ist alles ganz tot. Es ist alles ganz kalt. Es ist keiner mehr da.<br \/>\nIch bin so beleidigt, so derma\u00dfen beleidigt und verletzt von diesem Ding. Mit 47 Jahren. Ist echt eine unglaubliche Beleidigung!<\/p>\n<p>Der Tod r\u00fcckt n\u00e4her. Das ist die triviale Tatsache, der Grund, warum es eine ziemliche Aufregung gab, als Schlingensiefs Krankheit bekannt wurde, mitten in den Vorbereitungen zu seiner n\u00e4chsten Operninszenierung: Das Schicksal ist ein fremdes, die Angst ist die eigene.<\/p>\n<p>Also schaut man so ein Gesicht an und versucht zu verstehen, was die Krankheit erz\u00e4hlt. Was es bedeutet, wenn man gezeichnet ist. Was es bedeutet, wenn man den Tod gesehen hat.<\/p>\n<p>Sein Vater hat gel\u00e4chelt, als er starb, sagt Schlingensief. Er empfand das als ungerecht. Das L\u00e4cheln bedeutete ja, dass es dort sch\u00f6n sein musste, wo der Vater hinging. Aber Schlingensief musste ja hier bleiben.<br \/>\nLangsam schmilzt das Eis-Sandwich in seiner Hand.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne noch so viel machen. Die Frage ist nur, muss ich das dann mit einem Sauerstoffger\u00e4t machen, oder muss ich das mit irgendwelchen Kan\u00fclen oder irgendwelchen Kacktaschen am Bauch oder so. Aber im Kern hat Beuys sicher recht, dass das Leiden irgendwie die Welt auch ausmacht in ihrer Entwicklung und dass der Tod Bestandteil ist dieses Lebens.<\/p>\n<p>Trotzdem: Es gab so viele Momente, wo ich das Gl\u00fcck eigentlich nicht zugelassen hab. Und da hatte ich am Freitag ein gutes Erlebnis, als ich \u00fcber die Stra\u00dfe ging, um mir was zum Fr\u00fchst\u00fcck zu holen \u2013 und ich pl\u00f6tzlich einen Stich sp\u00fcrte, in der Brust, von der Punktion.<br \/>\nIch habe dann erst gemerkt, wie langsam ich gehe, wie vorsichtig. Und dieses vorsichtige Gehen, dieses langsame Gehen, das hat mir auch gezeigt, wie sehr ich ja auf meinen eigenen Erhalt bedacht bin. Das zeigt ja diese kleine Schmerznummer: Christoph, k\u00fcmmere dich um dich selber! Mach jetzt keinen Schei\u00df!<\/p>\n<p>Und so wird das ja auch sein. Wenn ich aufwache, werde ich eben anders atmen, und dann wird das eben erst mal anders.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief f\u00e4hrt sich oft unter das Hemd w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs, unbewusst wahrscheinlich, er wischt sich kurz mit der Hand \u00fcber seine linke Brust. Die Brust, wo der Lungenfl\u00fcgel fehlt.<\/p>\n<p>Er hat sich doch entschieden zu bleiben und zu k\u00e4mpfen, nicht nach Afrika zu gehen und langsam zu verl\u00f6schen. Er hat verstanden, warum er immer der Alleinunterhalter war, der den Eltern vorspielen musste, dass doch alles gut war. Er hat gelernt, warum er sich fr\u00fcher nicht gemocht hat, \u00bbeinfach nicht gemocht\u00ab, sagt er.<\/p>\n<p>Die Operation, bei der ihm der linke Lungenfl\u00fcgel entfernt wurde, verlief gut. Ist er geheilt? Das ist dann immer sofort die Frage, die man sich stellt. Aber es geht nat\u00fcrlich weiter. Das ist die einzige Klarheit bei all den Tests und dem ewigen Warten auf Ergebnisse, Tumormarker, das alles: Es h\u00f6rt nie mehr auf.<\/p>\n<p>So, da bin ich wieder. Die Operation hat stattgefunden, drei oder vier Stunden. Ich hatte keine Angst vor der Operation, vor dem Reinfahren, Bet\u00e4uben, dem Schnitt, dem Aufwachen. Ich gehe da gem\u00fctlich rein, ich freue mich, wenn es warm wird. Ist mir ein Hochgenuss abzutauchen. Und das ist wunderbar.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich aber sehr m\u00fcde und auch schwach. Meine linke Brust ist voll gelaufen mit Sekret vom K\u00f6rper. Das Ganze schwabbelt und gluckst. Im Arm habe ich einen Anschluss mit sechs Anschl\u00fcssen \u2013 da k\u00f6nnen die eine Kan\u00fcle bis ins Herz f\u00fchren oder kurz vor das Herz und sp\u00fcren dann, ob das feucht ist, ob da zu viel Wasser ist. Und auch im R\u00fccken habe ich einen Schlauch.<\/p>\n<p>Alles begann mit einer Nacht voller Schei\u00dferei. Ich bin in die Analphase eingetreten. Alles war sehr fl\u00fcssig, aber die \u00c4rzte sind begeistert, weil das ein gutes Zeichen ist: Wenn der Darm anf\u00e4ngt, ist schon mal Befreiung in Sicht.<\/p>\n<p>Und dann ist heute etwas Merkw\u00fcrdiges passiert. Ich habe nebenan ein Kind schreien geh\u00f6rt. Ganz laut. Und ich hab gedacht, oh Gott, das Kind stirbt, dem geht\u2019s auch so dreckig, das ist auch so traurig und verlassen und braucht Liebe. Ich habe gesagt, dann lasst doch das Kind leben und mich sterben. Aber nicht pathetisch, sondern wirklich. Das war so ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Kaum hatte ich das ausgesprochen, ging meine elektronische Superanlage an, die alle Werte nimmt, Blutdruck, Puls, Sauerstoffgehalt und ich wei\u00df nicht was. Da habe ich gedacht, oje, siehst du, irgendwas stimmt nicht, und jetzt sterbe ich tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Aber ich will nicht sterben!, dachte ich da panisch. Maria, bitte, lieb mich doch, was ist denn los mit euch? Bitte, bitte, ich will leben, ich will noch ganz lange leben, ich hab noch ganz viel zu tun, ich will noch ganz, ganz viel auf der Erde tun. In dem Moment h\u00f6rte das Kind auf zu schreien. Und da habe ich gedacht, oh Gott, das Kind ist tot.<\/p>\n<p>Mein Ger\u00e4t war wieder leise. Ich habe dann einen Arzt hier gefragt, da war doch ein Kind, das geschrien hat. Und der Mann hat gesagt, ja, das hatte eine kleine Operation, es ist alles in Ordnung \u2013 und da habe ich mich erinnert, dass ich das Baby schon gesehen hatte mit der Mutter und sie gefragt hatte, was das Baby denn hat. Und die Mutter sagte, das Kind rollt vorne immer so komisch ab auf den Fu\u00dfballen. Wissen Sie, warum das Kind das tut?, sagte ich. Weil Ihr Kind ein hochintelligentes Wesen ist, ein Autist. Der denkt ganz viel und geht auf Zehenspitzen durch diese Welt.<\/p>\n<p>Und die Frau war wahnsinnig gl\u00fccklich in dem Moment und hat das Kind so sch\u00f6n angel\u00e4chelt, als h\u00e4tte sie das Kind neu begriffen. Und als ich weggefahren wurde, hat sie mir zugel\u00e4chelt. Das Kind und ich, wir wollen beide nichts mehr als einfach leben. Das h\u00f6rt sich jetzt vielleicht zu pathetisch an, aber ich glaube, im Rhythmus dieser Geschichte liegt etwas, n\u00e4mlich dass man pl\u00f6tzlich begreift, dass man immer nur das Entweder-oder kennt und nie das Zusammen.<\/p>\n<p>Der Wind geht immer noch durch die Birken. Schlingensief schl\u00e4ft viel, er ist leicht ersch\u00f6pft, er hat sich trotzdem entschieden, relativ kurz nach der Operation wieder zu arbeiten. \u00bbWeiter, immer weiter\u00ab, sagt er, das ist das Einzige, was bleibt, was hilft. Arbeit ist keine Therapie, aber ein Weg.<\/p>\n<p>Er ist nicht mehr so aufbrausend, sagt er, respektvoller im Umgang, verst\u00e4ndnisvoller mit seinen Mitarbeitern. Er nimmt das Papier, in das das Eis-Sandwich gewickelt war, wirft es in den Abfalleimer und geht zur\u00fcck zur Probe.<\/p>\n<p>Eins ist klar. Ich kann mich nicht komplett \u00e4ndern. Ich habe den Tod gesp\u00fcrt, er sa\u00df in mir. Dieser Tod ist erst einmal weg. Was daraus wird, muss man sehen. Ich habe gek\u00e4mpft. Wahrscheinlich m\u00fcssen noch einige K\u00e4mpfe stattfinden.<\/p>\n<p>Ich glaube, ich habe Kr\u00e4fte. Die kann man auch brechen. Aber ich bin gest\u00e4rkt \u2013 nicht in der Arroganz und \u00dcberheblichkeit, sondern in der Selbstliebe.<\/p>\n<p>Ich lasse mich da fallen. Ich m\u00f6chte wissen, warum ich mich selbst nicht wirklich gemocht habe. Ich m\u00f6chte verstehen, warum es abends f\u00fcr mich so wichtig war, mir mit einer Flasche Rotwein die Birne vollzuhauen. Ich will das nicht mehr. Ich m\u00f6chte gern geliebt werden.<\/p>\n<p>Mein gro\u00dfer Wunsch an Gott und Maria und Jesus ist es, dass durch diese Entkernung und das Herausnehmen dieser ganzen Lymphen und Dr\u00fcsen wirklich eine Chance besteht, mit der Chemo und anderen Sachen das Ding wirklich zu putzen. Und dann muss man sich seelisch sauber halten und man muss sich auch k\u00f6rperlich sauber halten.<br \/>\nUnd dabei nicht verkrampfen. Das Leben lieben.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 im norddeutschen Oberhausen als Sohn eines Apothekers und einer Krankenschwester geboren. Er ist Filmregisseur und Theatermacher und hat Wagner<br \/>\nin Bayreuth inszeniert. Sein Traum ist ein eigenes Opernhaus in einem Sumpfgebiet in Afrika.<br \/>\nIm Januar 2008 wurde bei Christoph Schlingensief eine besonders t\u00fcckische Form von Lungenkrebs diagnostiziert: Ein Adenokarzinom hatte auch sein Dr\u00fcsensystem befallen. Bei der folgenden Operation wurde ihm der linke Lungenfl\u00fcgel entfernt. Er hat eine Chemotherapie hinter sich und wurde<br \/>\nmit Bestrahlungen behandelt.<\/p>\n<p>Fotos: Albrecht Fuchs; &#8222;Eine Kirche der Angst vor den Fremden in mir&#8220;, Produktionsarbeiten 2008, Filmstill; Copyright: Christoph Schlingensief<\/p>\n<p>Quelle: http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/26434<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber sein Leben mit dem Lungenkrebs<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=285"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}