{"id":283,"date":"2008-09-13T12:10:05","date_gmt":"2008-09-13T10:10:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=283"},"modified":"2008-09-13T12:10:05","modified_gmt":"2008-09-13T10:10:05","slug":"ich-habe-dem-krebs-eine-tur-geoffnet-frankfurter-rundschau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=283","title":{"rendered":"&#8222;ICH HABE DEM KREBS EINE T\u00dcR GE\u00d6FFNET&#8220; (FRANKFURTER RUNDSCHAU)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief, 47, ist gl\u00fccklich, dass er wieder arbeiten kann. Zu Beginn dieses Jahres musste der Aktionsk\u00fcnstler, Film- und Theaterregisseur der Tatsache ins Auge sehen, dass er Lungenkrebs hat. Chemo- und Strahlentherapie sind \u00fcberstanden. Was sofort auff\u00e4llt: Er hat seine ber\u00fchmten wuscheligen Haare behalten. Seit drei Wochen arbeitet Schlingensief in Duisburg f\u00fcr die Ruhrtriennale an &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;, Premiere ist am 21. September. F\u00fcr die Auff\u00fchrung hat er in der Gebl\u00e4sehalle in Duisburg die Kirche, in der er als Junge Messdiener war, nachbauen lassen.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>2002 haben Sie schon einmal eine &#8222;Kirche der Angst&#8220; ins Leben gerufen. Damals gab es Pfahlsitzer und die Auseinandersetzung mit dem 11. September. Was ist die Kirche der Angst heute?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas Thema der Terroranschl\u00e4ge hatte damals noch etwas Karikaturhaftes zwischen den Pfahlsitzern und der gebauten Kirche. Jetzt ist diese Kirche der Angst f\u00fcr mich eher etwas Privates geworden, dadurch dass der Terrorist jetzt in mir war, der Krebs in mir ist ein Terrorist gewesen, er ist Anfang dieses Jahres ausgebrochen, hat eine Explosion in mir gestartet, Organe angegriffen. Jetzt ist er noch mal &#8222;neoadjuvant&#8220; versorgt, wie die Medizin sagt, er soll also nicht wiederkommen, dieser Terrorist. Die Frage ist, ob das stimmt. Wenn ich diesmal die Angst vor mir selbst thematisiere, dann ist das auch die Frage: Wer bin ich gewesen? Was habe ich mit dem Terroristen eigentlich am Hut gehabt, als er aufgetaucht ist? Was ist das Geheimnis, das hinter diesem Krebs steckt, den ja auch viele Mediziner nicht deuten k\u00f6nnen?<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Sie sprechen \u00fcber den Krebs wie \u00fcber ein Alter Ego?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch war von Beginn der Krankheit an auf der Suche, wo der Krebs herkommt. F\u00fcr mich ist das eine Lebenslinie, auf der ich mich bewege, die ist vorgesehen oder nicht, genetisch angelegt oder nicht, was wei\u00df ich. Diese Lebenslinie umgibt ein Toleranzbereich, in dem ich alles veranstalten kann, was ich will. Wenn ich dann aber anfange, Dinge zu tun, die aus diesem Bereich herausfallen, unter denen ich leide, dann hat das Folgen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Was haben Sie sich angetan?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch glaube, dass ich mir in der Zeit von Bayreuth das Weltabschiedswerk von Herrn Richard Wagner, zusammen mit der Kritik von Nietzsche, so zu Herzen genommen habe, dass es zu viel wurde. Ich habe den Tod, das Abschiedswerk, das &#8222;zum letzten Mal&#8220;, &#8222;zum Raum wird hier die Zeit&#8220;, vielleicht zu ernst genommen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Inwiefern?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch habe dieses Weltabschiedswerk in Bayreuth n\u00e4her an mich herangelassen, als es mir zutr\u00e4glich war. Man braucht daf\u00fcr, wie man oft h\u00f6ren kann, eine gewisse Reife. Die hatte ich nicht. Ich hatte auch keinen Schutzpanzer, keine einge\u00fcbte Professionalit\u00e4t, im Umgang mit der Oper, ich hatte sozusagen ungesch\u00fctzten Verkehr mit diesem Werk.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Sie meinen tats\u00e4chlich, dass Sie sich Richard Wagners Abschiedswerk &#8222;Parsifal&#8220; so zu Herzen genommen haben, dass daraus ein todbringender Teil Ihres K\u00f6rpers wurde?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch glaube, dass das zu einer Form von Entartung gef\u00fchrt hat, so hei\u00dft das ja auch bei diesen Zellen. Es geht mir dabei aber nicht um etwas Esoterisches. Ich wurde und werde von Schulmedizinern behandelt. Ich bin mir dabei sehr sicher, wie viele Schulmediziner auch, dass es in 20, vielleicht 30 Jahren gro\u00dfes Gel\u00e4chter geben wird, wenn man sich daran erinnert, dass man fr\u00fcher Krebs mit Chemotherapie behandelt hat. Ich glaube, dass dieser Weg inkonsequent ist. Das Immunsystem, das beim Krebs nicht mehr funktioniert, ist ein wesentlicher Bestandteil meines Ich, es hat etwas mit Autonomie, mit meiner St\u00e4rke zu tun. Dass der Mensch sein Immunsystem entscheidend schw\u00e4cht, wenn er gegen sein Naturell handelt, wird aber von der Medizin nicht in die Behandlung einbezogen. Irgendwann in der Zukunft wird sie einsehen, dass sie das individuelle Immungesicht jedes einzelnen Menschen bei der Therapie von Krebs nicht ber\u00fccksichtigt hat. Ich merke ganz deutlich, dass ich Klarheit dar\u00fcber brauche, was ich getan habe, das meinem Naturell widersprochen hat, um weiter bestehen zu k\u00f6nnen. Da habe ich mich in ein Fahrwasser begeben, das mir nicht entsprach, und dem Krebs eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Und das muss die Medizin mitbedenken. Warum bekomme ich, der ich nicht geraucht habe, Lungenkrebs, einen Nichtraucherlungenkrebs, der langsam w\u00e4chst? Der Krebs hat ein Gesicht, dieses Gesicht hat mit mir zu tun, und ich muss mir selber in die Fresse schauen, um zu wissen, wann ich mir etwas leisten darf und wann nicht. Aber dass wir uns richtig verstehen, es war nicht der &#8222;Parsifal&#8220;, der den Krebs erzeugt hat, sondern aus Angst habe ich damals Dinge getan, die ich mir bis heute vorwerfe. Ich habe teilweise auf Kosten anderer Menschen gelebt und ich habe mich, einfach gesagt, damals nicht lieb genug gehabt. Das hat mich in einen Zustand permanenter Angst versetzt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Mir f\u00e4llt kein K\u00fcnstler ein, der so offensiv sein kann wie Sie. Jetzt schildern Sie sich als \u00e4ngstlichen Menschen. Wie passt das zusammen?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas ist doch klar, weil ich etwas darstellen und dabei Pufferzonen schaffen wollte, die mir dann wieder Ruhe gaben. Die Arbeiten, die ich mit den Behinderten, der Partei oder den Neonazis gemacht habe, das habe ich total ernst genommen. Ich kann mich extrem in ein Thema hineinbegeben. In Bayreuth hat mich das gef\u00e4hrdet.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Sie scheinen nun auf der Suche nach einfachen und klaren Wahrheiten.<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nJa, ich sch\u00e4tze das Normale jetzt viel mehr, auch wenn ich dabei oft scheitere und an meine Grenzen sto\u00dfe.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Welches Normale?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nZum Beispiel wenn ich mit meiner Freundin Aino Laberenz Hand in Hand spazieren gehe. Oder wenn ich im Schlaf dirigiere und ich sehe, wie sie sich neben mir kaputtlacht, wenn ich dann aufwache. Oder: mit dem Auto durch das Ruhrgebiet fahren. Farben springen mich an, trivialste Dinge. Es geht nicht mehr um das Au\u00dferordentliche, ich kann auch nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen. Ich muss mich jetzt klarer fragen: Wo geht das hin? Ich habe \u00fcbrigens gerade herausgefunden, welche Gl\u00fccksgef\u00fchle es erzeugt, nach einer solchen Krankheit eine Aktion zu machen und zu filmen. Das muss nicht mehr gleich auf einer B\u00fchne sein, wo man sich ausverkauft, sondern ich konserviere jetzt die Bilder anders, f\u00fcr mich selbst. Auch Bilder von vor der Krankheit werden jetzt ganz anders aufgetankt, ich schaue mir Bilder aus Nepal an und sehe in ihnen das, was dann sp\u00e4ter passiert ist. Dort habe ich z. B. in das G\u00e4stebuch eines Kinderkrankenhauses den Satz geschrieben: &#8222;Auf dass die kreisenden Gedanken einen Grund finden.&#8220;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Und was ist der Grund?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDrei Tage sp\u00e4ter habe ich das Bild von meiner Lunge mit dem Karzinom in die Hand bekommen. Nun kann der Krebs ja nicht der Grund sein. Aber der Zweifel an der Kunst, der Zweifel an meiner Kunst, kam immer wieder. Dass da etwas fehlt. Dass alles Simulation ist. Aber dieses R\u00f6ntgenbild war mehr als ein Bild. Die Diskrepanz zwischen dem, was jemand vorgibt, und dem, was dahinter steckt, ist auch in der Kunst oft ziemlich gro\u00df. Und das betrifft auch mich.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Wenn Sie jetzt n\u00e4her an dem sind, worum es Ihnen geht, was ist das dann?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch habe lernen m\u00fcssen, auf dem Sofa zu liegen und nicht mehr zu tun, als Gedanken zu denken. Die Zeit hat sich gedehnt. Das sehe ich auch bei anderen: Der Kranke und damit Langsame hat in einer schnellen Welt keinen Wert, das kranke Kind kommt als Kraft nicht vor, es gibt keine W\u00e4hrung daf\u00fcr. Aber es hat eine Kraft. Zumindest ist es unser Betrachter, dem gegen\u00fcber unsere Hektik und Regelungswut relativiert wird. Es ist aber auch eine Aufgabe, den Patienten m\u00f6glichst schnell aus den F\u00e4ngen der Medizin zu befreien, so dass der Kranke sich auch als Kranker noch als Teil dieser Gesellschaft f\u00fchlen kann. Es ist schlimm, wenn man das Gef\u00fchl hat, dass alles vorbei ist. Der Kontakt zwischen Gesunden und Kranken ist enorm wichtig. Ich glaube, auch f\u00fcr die Gesunden, das hei\u00dft f\u00fcr die zuk\u00fcnftig Kranken.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Wenn man sich damit besch\u00e4ftigen muss, merkt man, dass es sehr viele Menschen gibt, die Krebs haben. Trotzdem ist es immer noch eine fremde Krankheit.<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nKrebs war das Todesurteil, und man hat nicht dar\u00fcber gesprochen, so wie Susan Sontag das ja auch durchdacht hat. Jetzt f\u00e4ngt man langsam an, dar\u00fcber auch \u00f6ffentlich zu sprechen. Die Minimalforderung dabei ist: Holt den Krebspatienten aus seiner Isolation heraus. Es geht um eine Krankheit, die, wie Parkinson oder Multiple Sklerose, nicht bekannt gibt, wann sie aufh\u00f6rt. Die im Hintergrund droht mit weiteren Schl\u00e4gen. Das ist im Leben zwar immer so, man kann jeden Tag auch vor ein Auto laufen. Das ist \u00fcbrigens genau der Satz, womit man im Krankenhaus immer getr\u00f6stet wird. Aber es ist doch etwas anderes, wenn es einen wirklich erwischt hat, man hat dann auf einmal richtig eiskalte F\u00fc\u00dfe bekommen: Wenn es dunkel wurde im Krankenhaus, kamen die Geister. Bis Patti Smith mich besuchte. Die gab mir den Rat: &#8222;Du holst jetzt alle Geister an den Tisch und fragst sie, warum bist du hier und willst mir Angst machen?&#8220; Vielleicht ist es das, was den Krebs so unheimlich macht, diese Angst.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Kann man was dagegen machen?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nObwohl es da Scharlatane ohne Ende gibt: Alle Methoden, von denen der Krebspatient glaubt, dass sie ihm Kraft geben, sind zul\u00e4ssig. Wenn man das nicht als die Superpille hinstellt, sondern sagt, unter anderem mache ich auch noch Quigong oder sowas, dann ist das legitim und muss akzeptiert werden. Was einen aber fertig macht, sind die endlosen Ger\u00fcchte, die ganzen Ratschl\u00e4ge, die von \u00fcberallher auf einen einh\u00e4mmern. Permanent bekommt man irgendwelche Behauptungen um die Ohren gehauen, mit denen man sich auseinandersetzen soll. Man ist zur\u00fcckgeworfen auf sich und muss mit Zahlen, R\u00f6ntgenbildern, neusten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden klar kommen. Man soll positiv denken und nicht verdr\u00e4ngen und Vertrauen haben oder nur sich selbst trauen. Und in der Apothekenrundschau steht auch noch etwas.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Warum arbeiten Sie so schnell wieder?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs kommt mir nicht so vor. Texte, die ich jeden Abend in das Diktierger\u00e4t gesprochen habe, die ich abgeladen habe, bevor ich einschlief, zeige ich jetzt. Sie sind Vexierbilder, je mehr Unklarheit darin ist, desto besser. Obwohl klar ist, dass es um mich geht. F\u00fcr mich sind das kleine Mutproben. Man ist sch\u00fcchtern, wenn man Krebs hat, dann freut man sich, wenn man drau\u00dfen sein kann.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>So wie das hier in der Gebl\u00e4sehalle aussieht, wird die Auff\u00fchrung ein Gottesdienst.<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs wird, im zweiten Teil, ein Begr\u00e4bnisgottesdienst, eine Totenmesse, so wie ich sie mir vorstelle, die Defizite der anonymen kirchlichen Rituale, die mich schon als Kind gest\u00f6rt haben, sollen angegangen werden. Der Versuch, eine Kirche zu bauen, die zu mir passt und mir wirklich hilft und die dann vielleicht auch anderen hilft. Vielleicht wird ein Kind beerdigt. Ich habe einige meiner kindlichen Seiten verloren. Dabei m\u00f6chte ich keinem Achtj\u00e4hrigen das Leben vergraulen, indem ich ihm erz\u00e4hle, was ihm mit Sicherheit alles noch bl\u00fcht. Aber ich glaube, ich habe da noch ein paar kleine K\u00e4mpfchen zu k\u00e4mpfen, weil ich mir vom Glauben und von einer Glaubensgemeinschaft mehr erwarte, als die Kirche leistet.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Was erwarten Sie in Ihrer Kirche?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs ist eine gro\u00dfe Befriedigung und ein gro\u00dfes Privileg, dass jetzt in meiner Kirche aus Oberhausen Texte gesprochen werden, die ich in einem Zustand totaler Angst und Ungewissheit produziert habe. So wie ich bei meinem ersten Auftritt in dieser Kirche H\u00f6llenangst hatte, weil ich als Messdiener alles falsch gemacht habe. Dass diese Kirche jetzt als B\u00fchne dasteht, auf der andere F\u00fcrbitten gesprochen werden als die \u00fcblichen Routinesentenzen &#8211; die wollte ich schon immer austauschen, weil den Leuten da ein solcher Nonsens vorgegeben wird. Oder dass es jetzt nicht mehr hei\u00dft &#8222;Durch meine Schuld&#8220;, sondern &#8222;Durch meinen Irrtum&#8220;. Vielleicht kann man den ganzen Kultus dadurch noch mal anders betrachten. Wirksamer und mit weniger Angst.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Es geht Ihnen darum, im Ritus durch Ver\u00e4nderung eine neue Kraft zu finden?<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nJa, auf jeden Fall. Ich habe nicht vor, die Kirche einzustampfen. Und Protestantismus ist mir zu h\u00f6lzern, es gibt sch\u00f6ne, dunkle, geruchsintensive Ecken im Katholizismus, die ich nicht missen will. Ich m\u00f6chte aber weg von dieser festgefahrenen Routine und dem bl\u00f6den Anspruch, dass es eine Institution geben soll, die wei\u00df, wie&#8217;s mit Gott l\u00e4uft. Daf\u00fcr liegen mir zu wenig Karten auf dem Tisch und ich habe zu wenig M\u00f6glichkeiten, mich pers\u00f6nlich einzubringen. Es ist alles zu schematisch und \u00fcbergest\u00fclpt. Wenn ich Gott als Teil von mir betrachten k\u00f6nnte, w\u00e4re das ein Riesenschritt nach vorne. Das kann ich aber nur, wenn ich zu mir stehe. Da ist wieder die Frage der Autonomie. Wenn ich pl\u00f6tzlich sage, dass ich zu mir stehe, egal ob ich Krebs habe oder nicht, ob ich geschafft habe, was ich schaffen wollte, dann bin ich auch bereit zu sterben. Das w\u00e4re mal ein Ansatz. Kein Mann mit Bart, sondern ein System, dessen Teil ich bin. Das habe ich als Selbsterkenntnis jetzt auf dem Brot liegen, und das muss ich essen und weiter lernen. Das schmeckt mir. Ich nutze die Zeit jetzt anders als fr\u00fcher.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Das h\u00f6rt sich sehr entschieden an. Fr\u00fcher waren bei Ihnen immer Zweideutigkeiten eingebaut.<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nFr\u00fcher sagte ich auf die Frage meiner Mutter, ob es geschmeckt hat: &#8222;Kann sein, kann aber auch nicht sein.&#8220; Das ist es, was mich inzwischen in der Kunst oft st\u00f6rt. Die Beliebigkeit und die Gleichg\u00fcltigkeit. Soll ich das wirklich in der Zeit, die mir noch verbleibt, alles anschauen und wichtig finden, was da so auf dem Markt ist? Damit will ich niemandem einen Vorwurf machen, aber was mich angeht, versuche ich jetzt eher mal zu sagen, was ich glaube, was mich ausmacht. Auch wenn das vielleicht viel weniger ist, als ich gedacht habe.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n13. September 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit drei Wochen arbeitet Schlingensief in Duisburg f\u00fcr die Ruhrtriennale an &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;, Premiere ist am 21. September. 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