{"id":280,"date":"2008-09-06T10:10:03","date_gmt":"2008-09-06T08:10:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=280"},"modified":"2008-09-06T10:10:03","modified_gmt":"2008-09-06T08:10:03","slug":"der-krebs-war-wie-eine-vorholle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=280","title":{"rendered":"&#8222;DER KREBS WAR WIE EINE VORH\u00d6LLE&#8220; (WILFRIED MOMMERT, DPA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regisseur Christoph Schlingensief meldet sich nach einer l\u00e4ngeren krankheitsbedingten Pause zur\u00fcck und stellt bei der RuhrTriennale in Duisburg ein &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220; vor. Mit Wilfried Mommert spricht das ehemalige Enfant Terrible erstmals \u00f6ffentlich \u00fcber seine erfolgreich behandelte Krebserkrankung, seine Angst vor der Welt, sein Bed\u00fcrfnis nach Liebe sowie \u00fcber Bayreuth und den Tod.<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Sie bauen in Duisburg die Kirche Ihrer Kindheit in Oberhausen nach. \u201eKirche der Angst\u201c war auch schon ein fr\u00fcheres Projekt von Ihnen. Ist das jetzt die Fortsetzung?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief: Es ist mir ein altvertrautes Gel\u00e4nde, wo ich auch schon 1990 \u201eDas deutsche Kettens\u00e4genmassaker\u201c gedreht habe. Aber ich pr\u00e4sentiere nicht meine Memoiren auf der B\u00fchne, sondern kehre mit dieser Arbeit an den Altar zur\u00fcck, an dem ich als sechsj\u00e4hriger Messdiener gescheitert bin. Es ist also die Rekonstruktion der ersten Angst, wenn man so will. Und ich will auch wissen, ob ich mit meiner Krebserkrankung noch mal gescheitert bin oder Scheitern, wie ich fr\u00fcher gerne gesagt habe, eben auch eine Chance bedeutet. Zum Beispiel f\u00fcr einen Neuanfang. Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Haben Sie heute andere \u00c4ngste als fr\u00fcher und ist die \u201eKirche der Angst\u201c heute eine andere f\u00fcr Sie?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Die \u201eKirche der Angst\u201c entstand zur Zeit der New Yorker Terroranschl\u00e4ge vom 11. September 2001, wo jeder jeden verd\u00e4chtigt hat. Hier auf der RuhrTriennale geht es um viel individuellere Fragen. Eine ganz pers\u00f6nliche Angstkirche. Ich lebe wie alle Menschen in meiner eigenen Angst, die niemand nachempfinden kann und ich habe eine gro\u00dfe Angst vor der Welt, die ich aber gleichzeitig auch liebe. Mir geht es wieder gut, ich kann wieder arbeiten, ich habe Spa\u00df am Leben und der Arbeit, auch wenn ich manchmal noch \u00c4ngste habe, kalte F\u00fc\u00dfe sozusagen.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Ihr Leben hat sich aber stark ver\u00e4ndert, Ihre Einstellung zum Leben auch?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Nat\u00fcrlich, ich musste ja erst einmal lernen, mit so einer Krankheit umzugehen. Ich war ja praktisch mit meiner Arbeit bis dahin quasi in einem Hochgeschwindigkeitsrausch und wurde pl\u00f6tzlich angehalten, mit einem Fleck auf einem R\u00f6ntgenbild. Man kann es erst einmal nicht fassen und denkt an Tuberkulose oder Lungenentz\u00fcndung oder eine Pilzinfektion aus dem brasilianischen Urwald, wo ich im vergangenen Jahr auch gearbeitet habe. Da knallt es pl\u00f6tzlich im Leben und alle Sicherungsma\u00dfnahmen sind erst mal au\u00dfer Kraft gesetzt. Und dann die Diagnose, Lungenkrebs, es ist kein Raucherkrebs, ich gelte als Nichtraucher und auch in der Familie kein Lungenkrebs. Es nennt sich Adenokarzinom. Basta. Das ist alles. Weitere Daten des unwillkommenen Schmarotzers gab es nicht.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Wie hat der Katholik Schlingensief das verarbeitet?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Man sucht als Christ und erst recht als Katholik die Schuld doch zuerst bei sich selbst, Krankheit als Bestrafung. Nat\u00fcrlich habe ich in meinem bisherigen Leben extrem um Anerkennung gek\u00e4mpft. Mir war wahnsinnig wichtig, dass ich geliebt werde, auch von meinen Eltern, dass sie sehen, aus ihrem Jungen ist doch was geworden. Der gro\u00dfe Junge ist sich aber innerlich noch immer fremd. Ich konnte nie im Leben sagen, ob ich ein guter oder ein b\u00f6ser Mensch bin, das wei\u00df ich immer noch nicht, das ist mir auch durch die Krankheit nicht klarer geworden.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Da kann auch die Kirche nicht helfen?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Ich bin als Christ erzogen worden, aber Gott und auch Jesus waren mir immer wieder fremd, und die Kirche viel zu seicht, viel zu weinerlich, ein Riesenproblem. Aber wenn ich das gro\u00dfe Leid auf der ganzen Welt und in vielen pers\u00f6nlichen Trag\u00f6dien auf den Stationen oder Chemo- und Strahlen-Wartezimmern sehe, dann geht mir das jetzt noch st\u00e4rker unter die Haut, so stark, dass ich dadurch meine zun\u00e4chst lebensbedrohende Erkrankung relativieren konnte. Es gibt immer Schlimmeres, aber was ich erlebt habe, kam mir wie eine Art Vorh\u00f6lle vor, und ich hoffe, dass mir das im Fegefeuer angerechnet wird, auch wenn der Papst da anderen Unfug verbreitet.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Kann die Kunst eine Rettung sein wie die Religion?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter K\u00fcnstler. Wenn ich jetzt etwas l\u00e4nger hinschaue, Gef\u00fchle nicht mehr nur oberfl\u00e4chlich abperlen lasse, dann frage ich mich, ob ein Sch\u00f6pfer wie Gott als K\u00fcnstler versagt hat. Sein Werk ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau da hilft sie Gott.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frage: Welche Rolle hat dann Richard Wagners christlich-mythisches Weltabschiedswerk \u201eParsifal\u201c, das Sie in Bayreuth inszeniert haben, in Ihrem Leben gespielt?<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief: Ich bin damit in eine gewisse Todesn\u00e4he gerutscht, die mich stark angegriffen hat! Die andauernde Besch\u00e4ftigung \u00fcber Jahre mit dieser Todesn\u00e4he im Parsifal-Stoff, das wurde fast zu viel. Wenn man permanent auf eine Stelle haut, dann wird sie wund und bricht irgendwann mal auf. Ich habe mir in den Jahren in Bayreuth, als der Krebs schon zu wachsen begann, ein paar Dinge erlaubt, die nicht zu meinem Naturell geh\u00f6ren. Dagegen lehnt sich auch der K\u00f6rper auf. Man f\u00e4hrt wahrscheinlich sehr oft nach Bayreuth nicht um zu leben, sondern um zu sterben. Es gibt ja Dirigenten, die keinen \u201eTristan\u201c dirigieren wollen, weil sie meinen, dass sie danach sterben w\u00fcrden. Ich w\u00fcrde diese Oper gerne inszenieren. Und nicht um zu sterben, sondern um der Liebe ein Denkmal zu setzen! Und um zu sehen wie weit man in der Kunst bei lebendigem Leibe kommen kann.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220; mit dem Titel &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; hat bei der RuhrTriennale in Duisburg am 21. September Premiere.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>dpa, 5.9.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regisseur Christoph Schlingensief meldet sich nach einer l\u00e4ngeren krankheitsbedingten Pause zur\u00fcck und stellt bei der RuhrTriennale in Duisburg ein &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220; vor. 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