{"id":278,"date":"2008-07-10T19:36:27","date_gmt":"2008-07-10T17:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=278"},"modified":"2008-07-10T19:36:27","modified_gmt":"2008-07-10T17:36:27","slug":"alles-so-schon-esoterisch-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=278","title":{"rendered":"ALLES SO SCH\u00d6N ESOTERISCH (DIE ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Paris sucht eine gro\u00dfe Ausstellung nach den \u00bbSpuren des Heiligen\u00ab in der Moderne. Doch wie religi\u00f6s ist die Gegenwartskunst?<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Wolfgang Ullrich, DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn schlechten Zeiten, so lautet ein Gemeinplatz, werden die Menschen gl\u00e4ubig. Doch das ist h\u00f6chstens die halbe Wahrheit. Denn die in den letzten Jahren oft proklamierte \u00bbWiederkehr des Religi\u00f6sen\u00ab ist auch ein Wohlstandsph\u00e4nomen: Wer seine t\u00e4glichen Lebensgrundlagen gesichert hat und sich saturiert f\u00fchlt, giert nach Bewusstseinserweiterung. Da wird nicht zuletzt die Kunst zur metaphysischen Verhei\u00dfung. Bereits im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert galt sie als Psychotherapeutikum und gesellschaftliches Allheilmittel, und auch heute vermuten manche in ihr gewaltige Ressourcen des Spirituellen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/EXP_TRACESDUSACRE.jpg\" width=\"307\" height=\"450\" alt=\"Traces Du Sacre\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>So verwundert nicht, dass es in den letzten Jahren wiederholt Ausstellungen moderner und zeitgen\u00f6ssischer Kunst gab, die von einem spezifisch religi\u00f6sen Interesse motiviert waren. In Dresden fand 2004 die Schau Die Zehn Gebote statt, die anhand von Werken heutiger K\u00fcnstler die Aktualit\u00e4t und Berechtigung gro\u00dfer religi\u00f6ser Themen beweisen wollte. Noch weiter greift eine Ausstellung, die derzeit das Pariser Centre Pompidou zeigt und die im Herbst ins M\u00fcnchner Haus der Kunst weiterwandert. Unter dem Titel Traces du Sacr\u00e9 (\u00bbSpuren des Heiligen\u00ab) versammelt sie rund 350 Arbeiten, die dokumentieren sollen, wie K\u00fcnstler der Moderne auf den Verlust von Glaubensgewissheiten reagiert haben. Wie gingen sie um mit Nietzsches Diktum vom Tod Gottes?<\/p>\n<p>Gerade die Avantgarden verweigerten sich der Entzauberung der Welt durch Aufkl\u00e4rung und Industrialisierung. Sie nutzten das entstandene Vakuum, um eigene metaphysische Weltentw\u00fcrfe zu lancieren. Viele Heroen der Moderne hielten spiritistische Sitzungen ab, glaubten an okkulte Kr\u00e4fte oder tr\u00e4umten von einer kosmischen Reinigung der Welt. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde dies von der kunsthistorischen Forschung umfangreich dargestellt, zuerst sehr zum Entsetzen vieler Freunde der Moderne. Sie hingen n\u00e4mlich der hehren Vorstellung an, dass die Avantgarde klar dem Fortschritt \u2013 also dem Rationalismus und den gro\u00dfen Emanzipationsbewegungen \u2013 verpflichtet gewesen sei. Die antimodernistischen Bestrebungen der Moderne, ihre esoterischen Motive wurden lange ausgeblendet, gar tabuisiert.<\/p>\n<p>Die Pariser Ausstellung macht diese Motive nun pr\u00e4sent, will dabei aber nicht noch einmal den Glauben an eine rationalistische Moderne ersch\u00fcttern, sondern best\u00e4tigt die mittlerweile allgemein anerkannten Erkenntnisse \u00fcber die spirituellen Affinit\u00e4ten moderner Kunst, um diese einem seinerseits spirituell empf\u00e4nglicher gewordenen Publikum schmackhaft zu machen. In 24 Sektionen wird die moderne Kunst als Ladestation f\u00fcr geistige Energien, als Reflexionsmasse s\u00e4mtlicher ersten und letzten Fragen gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p> Deren Erhabenheit verf\u00fchrt jedoch auch zur Grenzenlosigkeit: Es geht um den Neuen Menschen, um Eros und Thanatos, um das Motiv des Tanzes, um den Zufall und um vieles mehr. Oft vermittelt sich trotz gewissenhaft zusammengetragener Exponate nur eine vage Ahnung von dem, was die K\u00fcnstler umtrieb. So hat man etwa Hugo Balls ber\u00fchmten Auftritt als magischer Bischof im Z\u00fcricher Cabaret Voltaire im Jahr 1916 erstmals genau rekonstruiert. Gezeigt wird ein Film, in dem ein Dadaismus-Experte das Lautgedicht Karawane im bischofs\u00e4hnlichen Fantasiekost\u00fcm des Dichters rezitiert. Doch vers\u00e4umt die Ausstellung, zugleich darauf hinzuweisen, wie stark sich Ball damit auch in gnostische und mystische Traditionen stellte, ja als Erneuerer eines \u2013 eigenwillig interpretierten \u2013 Katholizismus begriff.<\/p>\n<p>Wenn es schon verwundert, dass manche Sektionen nur einem Jahrzehnt, andere einem Land, wieder andere aber einem Motiv gewidmet sind, dann erstaunt noch mehr, wie stark die Ausstellung eine Kontinuit\u00e4t vom sp\u00e4ten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart suggeriert. Vermutlich verleitete aber gerade die aktuelle Renaissance spiritueller Themen dazu, auch den zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstlern entsprechende Ambitionen zu unterstellen.<\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich ausgerechnet anhand einiger der eindrucksvollsten neueren Exponate der Ausstellung zeigen, dass sich wichtige Gegenwartsk\u00fcnstler teils cool, teils ironisch von heilsgeilem und esoterischem Gebaren distanzieren. So rekurriert Damien Hirst mit einem 2006 entstandenen Triptychon zwar auf einen Bildtypus sakraler Kunst, zitiert den absolutistischen Impetus eines Malewitsch, Rothko oder Reinhardt, indem er es ganz in Schwarz anlegt, ja er gibt ihm sogar den religi\u00f6sen Titel <em>Forgive Me Father for I Have Sinned. <\/em><\/p>\n<p>Doch unterl\u00e4uft Hirst jegliche metaphysische Sehnsucht damit nur umso effektiver. Die Bildtafeln bestehen n\u00e4mlich aus toten, in Kunstharz getr\u00e4nkten Fliegen, taugen also nicht zum Symbol f\u00fcr Transzendenz, sondern zeigen profan-ekle Sterblichkeit. Dieses Triptychon neben Bilder von Caspar David Friedrich und August Strindberg zu h\u00e4ngen, wie es in Paris geschieht, verkehrt seinen im wahrsten Sinn schwarzen Humor in eine d\u00fcstere Sakralit\u00e4t und stellt es in die Tradition, die es persifliert.<\/p>\n<p>Gerade Damien Hirst aber ist repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine Kunst, die genauso wie die neue Suche nach Spiritualit\u00e4t als Wohlstandsph\u00e4nomen gelten darf. Es handelt sich dabei um eine demonstrativ eiskalte Luxus-Kunst, die sich nur leisten kann und will, wer sorglos in gesicherten Verh\u00e4ltnissen lebt und gen\u00fcgend Vitalit\u00e4t besitzt, um sich sogar \u00fcber die Heilsbed\u00fcrfnisse anderer zu am\u00fcsieren \u2013 und zu erheben. Es w\u00e4re lohnend, diese freche Abkehr wichtiger zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstler vom \u00bbGeistigen in der Kunst\u00ab, die demonstrative Diesseitigkeit eines Takashi Murakami oder den gut gelaunten Materialismus eines Richard Prince im Kontext der Ausstellung zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>So f\u00e4llt auf, dass der Kunstmarkt gerade diese K\u00fcnstler mit Preisrekorden verw\u00f6hnt \u2013 dass den Werken also allein durch das viele Geld, das f\u00fcr sie gezahlt wird, wieder eine Aura von Geheimnis zukommt. Schafft der Markt, so w\u00e4re zu fragen, eigene Sakralit\u00e4ten? Provoziert die profanste Kunst den st\u00e4rksten Willen zur Verzauberung? Ist es vielleicht gar nicht m\u00f6glich, dem allgemeinen Bed\u00fcrfnis nach Metaphysik zu entgehen?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SCHLI37831__1024x768_.jpg\" width=\"450\" height=\"337\" alt=\"Abendmahl\"\/><\/p>\n<div class=\"bildlegende\">Foto: A. Burger<\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Andere zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler greifen zwar nach wie vor gern bedeutungsstarke religi\u00f6se Sujets auf, doch erscheinen ihre Werke so schalkhaft-freiz\u00fcgig, dass sie damit ihre Unabh\u00e4ngigkeit von Glaubenss\u00e4tzen aller Art, ihr postmetaphysisches Bewusstsein unter Beweis stellen. So mischt Christoph Schlingensief in seiner Skulptur Abendmahl (2007) den Propheten Mohammed unter die J\u00fcnger Christi, missachtet deren Anzahl und l\u00e4sst insgesamt neun Figuren vor vierzehn Tellern sitzen und in einen Bildschirm glotzen, auf dem eine Fledermaus mit einem Fisch k\u00e4mpft. Das ist feinste Absurdit\u00e4t, ger\u00e4t aber in der Ausstellung nicht etwa in die Sektion Blasphemie, sondern in die Abteilung, die sich dem Motiv des Opfers widmet, in direkte N\u00e4he zu Hermann Nitsch und Marina Abramovi\u0107. Wieder wird so das Wesen einer zeitgen\u00f6ssischen Arbeit merkw\u00fcrdig verkannt.<\/p>\n<p>Man kann den Kuratoren aber dankbar daf\u00fcr sein, dass sie auf viele Varianten religi\u00f6ser und spiritueller Kunst verzichten, die nur noch aus l\u00e4ngst konfektionierten Heilsversprechen bestehen. So sind etwa Anselm Kiefer, A.R. Penck oder Wolfgang Laib nicht in der Ausstellung vertreten. Doch vermisst man andererseits auch eine Analyse jener Orte, an denen der spirituelle Habitus unserer Gesellschaft entwickelt und zelebriert wird.<\/p>\n<p>Gerade weil die Ausstellung sich als kulturgeschichtliche Expedition versteht, h\u00e4tte sie untersuchen k\u00f6nnen, inwieweit mittlerweile manche Formen der Wellness-Industrie das Erbe der Avantgarde-Kunst angetreten haben und dieser damit n\u00e4herstehen als K\u00fcnstler wie Hirst und Schlingensief. Auf Spuren des Heiligen trifft man heute am offensivsten in der Vermarktung von Mineralwasser, bei Duftkerzen, Tees und in Tourismusprospekten. In den oft exotisch anmutenden Wellness-Anwendungen leben Archaismen und Paradiesvorstellungen fort; beschworen wird eine Ganzheit von Seele, Geist und K\u00f6rper, und viele lassen sich auf magische Substanzen und ritualisierte \u00dcbungen ein. All das gr\u00fcndet genauso in antimodernistischen Affekten wie ehedem die Esoterik der klassischen Moderne. Das mag diese wieder interessant machen, aber man sollte deshalb nicht gleich die gesamte Kunst darauf reduzieren, esoterische Fantasien zu befriedigen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Der Autor ist Professor f\u00fcr Kunstwissenschaft in Karlsruhe; zuletzt erschien von ihm im Wagenbach-Verlag \u00bbGesucht: Kunst! Das Phantombild eines Jokers\u00ab<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nNoch bis 11. August 2008, Centre Pompidou, Paris<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.centrepompidou.fr\/Pompidou\/Manifs.nsf\/AllExpositions\/342C7AE0FF5244C6C125742F003A6C10?OpenDocument&#038;sessionM=2.1.1&#038;L=2&#038;form=Actualite\">http:\/\/www.centrepompidou.fr<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Paris sucht eine gro\u00dfe Ausstellung nach den \u00bbSpuren des Heiligen\u00ab in der Moderne. 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