{"id":275,"date":"2008-05-02T19:15:43","date_gmt":"2008-05-02T17:15:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=275"},"modified":"2008-05-02T19:15:43","modified_gmt":"2008-05-02T17:15:43","slug":"und-am-ende-wartet-der-tod-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=275","title":{"rendered":"UND AM ENDE WARTET DER TOD (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Frankfurter Rundschau zur &#8222;Johanna&#8220;-Premiere in der Deutschen Oper Berlin<\/strong><\/p>\n<p><em>Von J\u00fcrgen Otten<\/em><\/p>\n<p>Als Walter Braunfels im Jahr der Reichspogromnacht daran geht, eine neue Oper zu komponieren, tut er es in dem Bewusstsein, dass dieses Werk wom\u00f6glich nie das Licht der Welt erblicken wird. Seit 1933 ist er aller \u00c4mter enthoben, seine Musik mit Auff\u00fchrungsverbot belegt. Braunfels, als Halbjude in die M\u00fchlen des nationalsozialistischen &#8222;Entartungs&#8220;- Wahns geraten, befindet sich zwar noch in Deutschland, lebt jedoch isoliert. Gleichwohl komponiert er. Aber er komponiert f\u00fcr die Schublade.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"centered\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc305__1600x1200_.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"jeannedarc305  1600x1200 \" \/><\/p>\n<p>Aus dieser psychologischen Konstellation heraus inspirieren Braunfels die 1935 erschienenen Prozessakten zur Causa Jeanne d&#8216; Arc. Im Sinn hat er eine Oper, in der das Leid der Heiligen Johanna aus dem 15. Jahrhundert gleichsam als Parallele zu seinem eigenen Leiden dient. Der Flammentod der historischen Jungfrau bildet die Metapher f\u00fcr den geistigen Flammentod. 1942 ist das Werk vollendet: ein Zwitter, halb Oper, halb Oratorium. Jedenfalls ein Tongem\u00e4lde, das die N\u00e4he zu Wagner vor allem und zu Strauss nicht negiert. Den Werken der Zeitgenossen Pfitzner, Zemlinsky und Schreker scheint es klanglich verwandt, schielt aber zugleich mit einem Weill&#8217;schen Auge in die popul\u00e4re Moderne. Anders als &#8222;Die V\u00f6gel&#8220; auf Aristophanes bleibt &#8222;Jeanne d&#8217;Arc&#8220; lange ungeh\u00f6rt. 2001 gibt es in Stockholm die konzertante Urauff\u00fchrung, Juliane Banse singt die Titelrolle.<\/p>\n<p><strong>In Qualm und Symbole geh\u00fcllt<\/strong><\/p>\n<p>Dass dieses opulente Opus nun den Weg auf eine Musiktheaterb\u00fchne gefunden hat &#8211; mit einer in jeder Hinsicht gefeierten Premiere in der Deutschen Oper Berlin -, ist ein besonders gl\u00fccklicher Umstand. Denn mag auch ein Diktum von Alfred Einstein der Wahrheit nahe kommen, nach dem Braunfels&#8216; Musik &#8222;zeitlos unzeitgem\u00e4\u00df&#8220; sei, so liegt gerade darin ein eminenter Reiz: das Randst\u00e4ndige und Eigensinnige der Partitur verlangt nach einer nicht nur musikalischen Realisierung. Einfach ist dies freilich nicht angesichts der Komplexit\u00e4t des Sujets.<\/p>\n<p>Zumal dann nicht, wenn mitten in der Probenarbeit der Regisseur schwer erkrankt. Umso gr\u00f6\u00dfer muss das Lob ans Regieteam ausfallen: Wie Carl Hegemann, S\u00f6ren Schuhmacher und Anna-Maria Mahler aus den Notizen, Videos und weiteren Filmmaterialien, die Christoph Schlingensief ihnen hinterlie\u00df, eine szenische Realisiation erstellten, ist schlicht meisterlich. Sie wirkt zwar in Teilen problematisch, weil sie das Profane mitunter allzu plakativ-provokativ neben das Geistige stellt (und manchmal zu Ungunsten des Letzteren). Dem Impetus des urspr\u00fcnglichen Ansatzes aber verhilft sie zu seiner Wirkkraft und str\u00f6mt in sich von Energie nachgerade \u00fcber: eine immense Tat. Vor allem die zentrale Ambiguit\u00e4t wird an diesem Abend herausgemei\u00dfelt, dieser h\u00e4ufig abrupte, nur mit gesch\u00e4rfter Dialektik aufzul\u00f6sende Widerspruch des Katholischen und Ketzerischen.<\/p>\n<p>Die Urauff\u00fchrung beginnt mit dem Bild einer in Brand gesetzten Leiche, noch bevor der erste Ton erklingt. Als der Vorhang dann hochgeht, sich die F\u00e4den des dicht gewebten, vor allem im ersten Teil indes kammermusikalisch aufgehellten Gespinstes der Braunfels&#8217;schen Klangwelt langsam ausbreiten, sehen wir auf der B\u00fchne die Nachbildung eines Verbrennungplatzes innerhalb der Tempelanlage im nepalesischen Pashupatinath. Schlingensief hat dort Ende 2007 in Vorbereitung zu seiner Inszenierung gedreht und das Todesritual untersucht. Was daraus erw\u00e4chst, f\u00fcr die B\u00fchne, ist ein heikles Bild: Die Konnotationen zu einer &#8222;Verbrennung&#8220; sind hierzulande geschichtlich bedingt andere, weit grausamere als in der nepalesischen Kultur.<\/p>\n<p>Um diese kulturelle Differenz, um diese enorme nicht nur semantische Fallh\u00f6he ging es Schlingensief in seiner &#8222;Jeanne d&#8217;Arc&#8220;. Hegemann und seine Mannschaft halten daran fest: Im Grunde l\u00e4sst sich die gesamte Inszenierung als Darstellung dieser inneren und \u00e4u\u00dferen Konfliktsituation begreifen, als eine in viel Dampf, Qualm, Licht, Blut und \u00fcberquellende Symbole geh\u00fcllte Frage: Was soll der Tod? Wie gehen wir damit um? Warum verweigern wir uns dem Unausweichlichen, bis wir doch scheitern? Darin liegt das Beklemmende des Abends. Dass er uns einmal anfasst mit diesem Thema in der Hand und dann nicht mehr losl\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Von der Musik \u00fcberschwemmt<\/strong><\/p>\n<p>Faszinierend ist, dass Braunfels&#8216; Musik das unterst\u00fctzt. Sie brodelt, dr\u00e4ut, \u00fcberschwemmt unsere Ohren, sie geht uns in die Nervenbahnen, kurz: Sie best\u00fcrzt uns in ihrer imaginativen Kraft. Ulf Schirmer und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin gelingt hier Gro\u00dfes. Gleichfalls den durchweg guten Solisten, von denen Mary Mills in der Titelrolle, Daniel Kirch (Karl von Valois), Morton Frank Larsen als Gilles de Rais und Lenus Carlos (Herzog de la Tr\u00e9mouille) herausragen. Und ebenso dem Chor des Hauses, dem Staats- und Domchor Berlin. Es gelingt, weil Schirmer sich jeder Seite der Partitur (dies im doppelten Sinn) zuwendet: dem sich durch die Gegenden tastenden, in zarten Fragmenten voranschreitenden Melos; dem schillernden romantischen Aufbegehren; dem in sich gekehrten Cantus; schlie\u00dflich dem \u00fcberladenden Pathos, der in den Massenszenen zuweilen be\u00e4ngstigende Intensit\u00e4t gewinnt.<\/p>\n<p>Was man dabei aus dem Auge zu verlieren droht, ist das Privatistische der Inszenierung, das zuweilen arg Kitschige. Nicht nur wird hier das Liebesleben von Am\u00f6ben gezeigt, das kleinb\u00fcrgerliche Scheinidyll mit Reihenhaus, auch die niederen Beweggr\u00fcnde einer m\u00f6glichen Liebe treten deutlich hervor. Doch kennte man sie nicht, w\u00fcsste man nicht um das andere, Gro\u00dfe. Und: Am Ende, wenn der Sensenmann wartet, spielt das ohnehin keine Rolle mehr.<\/p>\n<p>2.5.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frankfurter Rundschau zur &#8222;Johanna&#8220;-Premiere in der Deutschen Oper Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/275"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=275"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/275\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}