{"id":274,"date":"2008-05-02T19:12:23","date_gmt":"2008-05-02T17:12:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=274"},"modified":"2008-05-02T19:12:23","modified_gmt":"2008-05-02T17:12:23","slug":"wiedergeburt-mit-totenritualen-nzz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=274","title":{"rendered":"WIEDERGEBURT MIT TOTENRITUALEN (NZZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Walter Braunfels&#8216; \u00abJeanne d&#8217;Arc\u00bb-Oper in Berlin szenisch uraufgef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Georg-Friedrich K\u00fchn<\/em><\/p>\n<p>Man kann das lesen als pers\u00f6nliche Krankengeschichte des zum Ideengeber reduzierten Regisseurs, man kann es lesen als Komponistenkommentar zu dem in der Oper auch apostrophierten \u00abTausendj\u00e4hrigen Reich\u00bb. 1938 bis 1943 dichtete und komponierte der von den Nazis aus dem Amt des K\u00f6lner Musikhochschul-Rektors vertriebene und mit Auff\u00fchrungsverbot belegte Walter Braunfels seine \u00abJeanne d&#8217;Arc \u2013 Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna\u00bb. Kurz zuvor war er nach \u00dcberlingen am Bodensee \u00fcbergesiedelt. Die Urauff\u00fchrung von Hindemiths \u00abMathis der Maler\u00bb in Z\u00fcrich regte ihn an, sich noch einmal mit einer grossen Figur der Geschichte zu befassen. Jeannes Prozessakten, aus denen er zitiert, waren erschienen. In der Zeit der inneren Emigration war das ein St\u00fcck \u00abSchicksalsbew\u00e4ltigung\u00bb, wie Braunfels&#8216; Enkel Stephan, der bekannte Architekt, sagt. Die \u00abJohanna\u00bb war die neunte und letzte Oper des Komponisten, der in den zwanziger Jahren fast so erfolgreich war wie Richard Strauss.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc317.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Die szenische Urauff\u00fchrung jetzt an der Deutschen Oper Berlin sollte der Regisseur Christoph Schlingensief besorgen. Er ist schwer krank und konnte nur das Konzept erarbeiten. Ein Team um den \u00abParsifal\u00bb- und \u00abHoll\u00e4nder\u00bb-erprobten Dramaturgen Karl Hegemann versuchte es umzusetzen. Der Kontakt mit dem Kranken lief per Video, Telefon und SMS. Die filmische Arbeitsweise Schlingensiefs kommt dem entgegen: Es m\u00fcssen vor allem Abl\u00e4ufe organisiert werden. Vorg\u00e4nge werden kaum entwickelt, was aber auch eine gewisse Spannungslosigkeit bewirkt. Dicht an dicht reihen sich die Bilder, die meist \u00fcbervolle Drehb\u00fchne mit Totenverbrennungsst\u00e4tten und Krankenzimmern rotiert, Videoschleifen flimmern allenthalben, gleich zu Beginn Aufnahmen aus dem nepalesischen Pashupatinath, wo Schlingensief Ende Dezember noch filmte und wo Leben, Sterben, Kranksein, Dahinsiechen dicht nebeneinanderliegen.<\/p>\n<p>Ein Pand\u00e4monium hinduistischer und christlicher Totenrituale l\u00e4sst Schlingensief auferstehen, die unheilige Inquisition inbegriffen. Prozessionen kreisen im Raum. Johannas bisch\u00f6flicher Vater gleitet im Elchtest vorbei. Der Schlingensiefsche Zoo mit Kuh, Schweinen, Schafen, Ziegen, H\u00fchnern wird aufgeboten. Zwergw\u00fcchsige und ein behinderter T\u00e4nzer erg\u00e4nzen das Personal. Vor Schreck hebt Jesus beim Abendmahl ab in den Himmel. Die gefangene, todgeweihte Johanna wird wie ein Pralin\u00e9 mit roter Brustschleife auf der Krankenbahre am Tropf pr\u00e4sentiert. Ihr unverbranntes Herz zirkuliert als Riesenmonstranz. Immer wieder senkt sich eine Riesenlunge ins Bild. Ein Blaubart genannter Satansbruder, Gilles de Rais, im schwarzledernen Biker-Outfit und mit Sternenhelm umkreist Johanna bis zuletzt. Er hat&#8217;s mit Kindlein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc305.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Mit dieser Figur leuchtet das Inszenierungsteam auch in den politischen Subtext der Oper. Johanna tr\u00e4gt ja Z\u00fcge des unhinterfragten \u00abHeilsbringers\u00bb Lohengrin, Gilles de Rais ist auch historisch ein Massenm\u00f6rder. Er finanzierte Johannas Feldzug und nach ihrem Tod Orgien mit Kindern, die er massenweise auf sein Schloss verschleppte, sch\u00e4ndete und t\u00f6tete. Und dann gibt&#8217;s da auch noch den Herzog von Tr\u00e9mouille, einen zynischen Manipulator, der Johanna f\u00fcr seine Ziele benutzt. Braunfels, nach dem Ersten Weltkrieg zum Katholizismus \u00fcbergetreten, spielt mit diesen Selbstzweifeln auf die Ambiguit\u00e4t nationalreligi\u00f6ser Feldz\u00fcge an, wie Johanna einen initiiert. Oder frei nach Dostojewski: \u00abWenn Gott tot ist, ist alles erlaubt.\u00bb Bei Schlingensief scheitert diese Johanna freilich nicht eigentlich auf dem Scheiterhaufen. Sie verduftet in den Wunderkerzen einer riesigen Geburtstagstorte zur Wiedergeburt. Dieser entsteigt sie am Ende. Menschen wollen Wunder, immer wieder.<\/p>\n<p>Braunfels&#8216; Musik entwickelt eine sehr eigenst\u00e4ndige Kraft, sie changiert zwischen Strauss, Pfitzner und Othmar Schoeck. Auch Ankl\u00e4nge an Kurt Weill kann man entdecken und viel Liturgisches. Ulf Schirmer am Pult steuert sicher durch diese oft herb-d\u00fcsteren Klangmassen. Eine wunderbar hellstimmige Johanna ist Marry Mills, Morten Frank Larsen ihr satanischer Begleiter Gilles. Paul McNamara gibt den naiven K\u00fcnder himmlischen Heils, Saint Michel. Und auch wenn es schwer ist, auf Anhieb sich in diesem personenreichen St\u00fcck und der verschlungenen Inszenierung zurechtzufinden, die Musik lohnt es allemal. Am Ende gab es einhelligen Beifall von einem Publikum mit Glamour-Faktor, wie es sich Intendantin Kirsten Harms neuerdings so sehr w\u00fcnscht. <\/p>\n<p>2.5.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter Braunfels&#8216; \u00abJeanne d&#8217;Arc\u00bb-Oper in Berlin szenisch uraufgef\u00fchrt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/274"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=274"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/274\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}