{"id":273,"date":"2008-04-30T21:13:20","date_gmt":"2008-04-30T19:13:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=273"},"modified":"2008-04-30T21:13:20","modified_gmt":"2008-04-30T19:13:20","slug":"wunder-geschehen-anders-als-wir-glauben-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=273","title":{"rendered":"WUNDER GESCHEHEN ANDERS, ALS WIR GLAUBEN (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die M\u00fche hat sich gelohnt: Schlingensiefs &#8222;Johanna&#8220; an der Dt. Oper Berlin<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Gerhard R. Koch<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDer Satz des amerikanischen Malers Willem de Koning, die Kunstgeschichte beeinflusse nicht ihn, sondern er die Kunstgeschichte, gilt generell f\u00fcr das Widerspiel von Vergangenheit und Gegenwart, gerade in der Musik. Selbst die Darmst\u00e4dter Schule der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre war keineswegs homogen. Erst recht hat die Postmoderne die Avantgarde-Kriterien vielf\u00e4ltig relativiert. Deshalb ist es nicht nur wohlbegr\u00fcndete Wiedergutmachung, wenn in der NS-Zeit verfemte, vertriebene und ermordete Komponisten wie Schreker, Zemlinsky, Korngold, Ullmann, Schulhoff oder Max Brand wieder aufgef\u00fchrt werden, denen ihre j\u00fcdische Herkunft 1933 zum Verh\u00e4ngnis wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc307__1600x1200__01.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>So ging es auch Walter Braunfels, der als Rektor der K\u00f6lner Musikhochschule hoch angesehen war. Er musste zwar Deutschland nicht verlassen, verlor aber alle \u00c4mter, durfte sich nicht mehr \u00f6ffentlich bet\u00e4tigen, \u00fcberlebte immerhin in der \u201einneren Emigration\u201c. Zwischen 1945 und 1954 konnte er zwar an fr\u00fchere Erfolge ankn\u00fcpfen, doch das musikalische Klima hatte sich gewandelt: Er galt nun als \u201eTraditionalist\u201c, war kaum mehr als eine geachtete Randfigur, \u00e4hnlich wie Berthold Goldschmidt, der nach der englischen Emigration bitter feststellen musste, dass der politischen \u00c4chtung nun die \u00e4sthetische Verdr\u00e4ngung folgte.<\/p>\n<p><strong>Geschichte als flammender Horror<\/strong><\/p>\n<p>Braunfels hat, allen Repressalien zum Trotz, nach 1933 weiter komponiert, sogar als Hauptwerk 1938 bis 1942 die \u201eSzenen aus dem Leben der Heiligen Johanna\u201c. Nach konzertanten Auff\u00fchrungen in Stockholm und M\u00fcnchen brachte die Deutsche Oper Berlin nun die szenische Premiere. Das \u201eJeanne d&#8217;Arc\u201c-Sujet entsprach nicht nur Braunfels&#8216; Konversion zum Katholizismus, sondern reflektierte auch den NS-Terror: Macht- und Siegesrausch, Verfolgung und Mord sind die Themen, Geschichte als blutig-flammender Horror. An \u201eJohanna\u201c-Dramen, -Opern und -Filmen fehlt es nicht; bedeutendste Adaption bleibt Dreyers epochaler Stummfilm, basierend auf den Prozessakten von 1431. Auf diese griff Braunfels f\u00fcr sein Libretto ebenfalls zur\u00fcck. Vor allem setzte er einen neuen Akzent, indem er die Rolle des Gilles de Rais entschieden aufwertete, indem er aus dem Kampfgef\u00e4hrten der Heiligen einen Gott- und Sinnsucher machte, der des Heils als Mittel wider die dunklen M\u00e4chte in ihm bedarf und erst nach Johannas Ende zum Unheil wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc119__1600x1200_.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Die Berliner Urauff\u00fchrung konfrontierte mit einem textlich wie musikalisch fesselnden St\u00fcck, das einmal mehr belegte, wie wichtige Komponisten dem omin\u00f6sen \u201eUrteil der Geschichte\u201c zum Opfer fielen: auch eine \u00e4sthetische Passionsgeschichte. Braunfels schrieb eine gro\u00dfe Oper mit ausladenden Chorpartien und plastisch differenziertem Relief. Mit archaisierendem Pseudo-Mittelalter h\u00e4lt sie sich zur\u00fcck, wahrt trotzdem einen herben Duktus, dessen Espressivo gerade in der Sparsamkeit beredt ist, etwa in den Halbton-\u201eJohanna\u201c-Seufzern des Schlusses. Auch wenn dieser im \u201eLohengrin\u201c-A-Dur steht, fehlt ihm doch alles Apotheotische.<\/p>\n<p><strong>Im Kr\u00e4ftefeld der Heilserwartungen<\/strong><\/p>\n<p>Braunfels&#8216; Oper \u201evom Blatt\u201c zu inszenieren h\u00e4tte das St\u00fcck zum Historien-Spektakel entwertet und die Perspektiven verengt. So war es ein Segen, dass Christoph Schlingensief sich mit dem St\u00fcck identifizierte und es als Heils-Pand\u00e4monium konzipierte, ein ikonographisches Puzzle mehr in der Bosch-Bu\u00f1uel-Tradition als im Mittelalter-Bild, darin gleichwohl sehr katholisch. Wie bei seinem Bayreuther \u201eParsifal\u201c hat Schlingensief filmisch-surrealistisch disparate Schichten \u00fcbereinanderkopiert: ein Gewirr von Bedeutungsebenen, multipler individueller Mythologien. Die plane Legende interessiert ihn nicht im mindesten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc113__1600x1200_.jpg\" width=\"450\" height=\"301\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Schlingensief setzt nicht nur auf die Schreckens-Szenen, sondern auch aufs Kr\u00e4ftegeschiebe der Heilserwartungen. So konterkariert er eingangs Johannas Flammentod mit Filmaufnahmen der Totenverbrennung in Nepal, wobei sich Bilder eines anderen Verst\u00e4ndnisses von Leben und Sterben, Alltag und Touristengetriebe verwirrend amalgamieren. Nun sind Ketzerverbrennung und Leichenein\u00e4scherung nicht vergleichbar, doch Schlingensief geht es um verschiedene Aggregatzust\u00e4nde religi\u00f6sen Wahns, w\u00fcste Verformungen der Wirklichkeit, Zeitreisen zwischen 1430 und heute.<\/p>\n<p><strong>Groteske Liturgie<\/strong><\/p>\n<p>Und alle sind Freaks. Gilles de Rais, der \u201eBlaubart\u201c, h\u00f6llische Kindersch\u00e4nder und -m\u00f6rder, tr\u00e4gt eine Goldmaske und erstrebt das Heil; doch wenn bei der stroboskop\u00fcberzitterten Kr\u00f6nung in Reims ein Riesenherz, Johannas nicht verbranntes, enth\u00fcllt wird, kann er seine kannibalistische Gier kaum z\u00fcgeln. Dem K\u00f6nig ist ein Double zugesellt, halb Lustknabe, halb Spastiker, Johannas braver Vater mutiert zum Bischof, der zeitunglesend in der Kutsche f\u00e4hrt, derweil per Video das Haus im Gr\u00fcnen winkt. An solchen Doppel-Kodierungen mangelt es nicht. Und selbstverst\u00e4ndlich changiert Johanna vom Landm\u00e4dchen im wei\u00dfen Hemd zur Heroine, dann zum Opfer der Wei\u00dfkittel &#8211; und ihr Scheiterhaufen zur Riesentorte, dem sie bonbonfarben drapiert, gleichwohl schwarz entsteigt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc305__1600x1200_.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Das Ganze wirkt wie eine Summe liturgischer Rituale, die sich gegenseitig grotesk relativieren. Gezielte Verkleinerungen und Vergr\u00f6\u00dferungen geh\u00f6ren zum Prinzip st\u00e4ndiger Transformationen, geben dem Abend sein unheimlich Unberechenbares. Wunder geschehen, aber anders als erwartet. Insofern war es ein bewegender Theaterabend, ein manieristisches \u201eConcetto\u201c gewiss, aber von intensivem Ernst. Schlingensief, erkrankt, konnte die Proben nicht leiten; aber ein Team ihm Verpflichteter hat hingebungsvoll seine Intentionen befolgt und weitergef\u00fchrt. Das Ergebnis spricht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Zugleich war es ein beredtes Zeugnis des Leistungsverm\u00f6gens der Deutschen Oper. Ulf Schirmer realisierte die Partitur, bei schwieriger Materiallage, mit Orchester und Chor nachdr\u00fccklich, brachte die Musik eindringlich zum Sprechen und machte zeitbedingte Schw\u00e4chen vergessen. Die Riesenpartie der Johanna wurde von Mary Mills vokal wie in der B\u00fchnenpr\u00e4senz mit gro\u00dfer Identifikationskraft, gerade in den Br\u00fcchen, bewegend realisiert, Morten Frank Larsens Gilles de Rais war nicht nur baritonal imposant in seiner Zerrissenheit, Lenus Carlsons Tr\u00e9mouille war ein markanter Realo-Zyniker, Daniel Kirch ein schw\u00e4chlich dandyhafter K\u00f6nig. Die M\u00fche hat sich gelohnt.<\/p>\n<p>30.8.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die M\u00fche hat sich gelohnt: Schlingensiefs &#8222;Johanna&#8220; an der Dt. 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