{"id":272,"date":"2008-04-28T17:03:13","date_gmt":"2008-04-28T15:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=272"},"modified":"2008-04-28T17:03:13","modified_gmt":"2008-04-28T15:03:13","slug":"schlingensief-triumph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=272","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF-TRIUMPH (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Berlin ist die Oper Jeanne DArc &#8211; Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna von Walter Braunfels zu sehen. Das St\u00fcck wurde nach Aufzeichnungen des erkrankten Regisseurs Christoph Schlingensief inszeniert. Marry Mills in der Rolle der Johanna und Daniel Kirch als Karl von Valois.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Manuel Brug<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEndlich. Die Deutsche Oper Berlin \u2013 und damit auch ihre umstrittene Intendantin Kirsten Harms \u2013 hat ihren seit Langem dringend n\u00f6tigen gro\u00dfen, unstrittigen, von einem illustren Publikum bejubelten Premierenerfolg.<br \/>\nUnd das weder mit einer krampfigen Kernrepertoire-Moderniserung noch mit einem der dort so beliebten italienischen Veristen aus der dritten Reihe. Daf\u00fcr mit der gewagten, aufwendigen szenischen Urauff\u00fchrung der \u201eSzenen aus dem Leben der Heiligen Johanna\u201c von Walter Braunfels, einer 66 Jahre alten Oper, die eindrucksvoll vorf\u00fchrt, dass es in den braunen Jahren deutscher Geschichte auch noch ein anderes Komponieren f\u00fcr das Musiktheater gab als Carl Orffs effektvoll simplifizierte \u201eCarmina Burana\u201c-Ostinati (1937) oder Richard Strauss\u2019 \u00e4sthetisierende Glasperlenspielerei \u201eCapriccio\u201c (1942).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc307__1600x1200_.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Und mehr noch: Man feierte mit Christoph Schlingensief einen Regisseur, der gar nicht da war, der keine Probe selbst geleitete hatte, dessen Sterberitual-Konzept diesem ungew\u00f6hnlichen Werk dennoch seinen eigenwilligen optischen Stempel aufgedr\u00fcckt hatte. Ein typisches Paradox dieser kaum fassbaren, in schwer trennbaren Bereichen zwischen privater Mythologie und \u00f6ffentlicher Zurschaustellung agierenden und agitierenden K\u00fcnstlerseele. <\/p>\n<p>Einst hatte er auf der Documenta 1997 zum \u201eT\u00f6tet Helmut Kohl!\u201c aufgerufen. 2003 thematisierte er jeden Streit und jede gesundheitliche Schw\u00e4chung w\u00e4hrend seines \u201eParsifal\u201c in Bayreuth, anschlie\u00dfend verarbeitete der Regisseur die Querelen mit dem Wagner-Clan in seinem St\u00fcck \u201eKunst und Gem\u00fcse\u201c an der Berliner Volksb\u00fchne. Jetzt zeigt er sich in dieser besonderen Situation pl\u00f6tzlich verwundbar \u2013 um auch in der \u201eHeiligen Johanna\u201c eben diesen Zustand auf die sich best\u00e4ndig drehende B\u00fchne zu bringen, die mit dreifach gestaffelten Projektionen als Zentrifuge und Lebensstationenkarussell funktioniert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc108__1600x1200_.jpg\" width=\"301\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Da ist der Flammentod der M\u00e4rtyrerin gleich zu Anfang krass als Film \u00fcber tibetanische Leichenverbrennungen pr\u00e4sent. Da sieht man das Gef\u00e4ngnis der heiligen Johanna als Krankenhaus, in dem Pflegepersonal, aber auch der ganze Kost\u00fcmkatalog katholische W\u00fcrdentr\u00e4ger herumwuselt. Da f\u00e4hrt Johannas Vater als Heiliger Nikolaus im Schlitten samt Rentier vor, auf dem ein Schild klebt: \u201eNach Aufzeichnungen von C. Schlingensief\u201c.<\/p>\n<p>Immer wenn Johanna ihre Visionen hat und zu Gott fleht, senkt sich ein ausged\u00f6rrter Bronchialbaum herab. Und ihr monstr\u00f6ses, im finalen Feuer angeblich unbrennbares Herz wird als monstr\u00f6ses Fetischobjekt angebetet; so wie der tote Hase im \u201eParsifal\u201c. Der liegt als stille Schlingensief-Erkennungsmarke ausgestopft neben dem Projektor (der auch Aufnahmen von Schlingensief selbst auf die Leinw\u00e4nde wirft) auf dem Souffleurkasten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc316__1600x1200_.jpg\" width=\"450\" height=\"301\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Eine unter schwierigsten Bedingungen herausgekommene Premiere eines hoch komplizierten, gewichtigen Werkes. Der man in keinem Moment die Anstrengung anmerkte. Da wurde die komplexe, vor allem die Bl\u00e4ser immens fordernde Partitur gro\u00dfartig musiziert, obwohl der nimmerm\u00fcde Dirigent Ulf Schirmer mit vielen falschen Noten im Auff\u00fchrungsmaterial und Abstimmungsproblemen zu k\u00e4mpfen hatte. Da sangen die Ch\u00f6re mit nie nachlassender Stimmkraft. Und da war jeder der vielen Solisten in dem f\u00fcr sie unbekannten Werk richtig und vokal gut klingend besetzt.<\/p>\n<p>Unter Mitwirkung und nach Aufzeichnungen von Christoph Schlingensief\u201c hat nun ein dreik\u00f6pfiges Regieteam unter F\u00fchrung des Dramaturgen Carl Hegemann Schlingensiefs Vorgaben umgesetzt. Man stand mit dem Regisseur per Videokamera und SMS im Kontakt \u2013 und das Geschehen tr\u00e4gt auch durchaus seine unverwechselbare, katholisch aufm\u00fcpfige Handschrift.<\/p>\n<p>Es gibt die Zwerge und Behinderten seiner B\u00fchnen-Family, diesmal auch st\u00f6rrische Ziegen und ein meckerndes Schaf. Die Stellw\u00e4nde und Podeste auf der Drehb\u00fchne sind mit seinen Bildmotiven und Schriftzeichen versehen. Die Filme wirbeln alles in einem gewaltigen Mahlstrom der Bilder durcheinander, doch die (etwas k\u00fcrzungsbed\u00fcrftige, sich bisweilen dramaturgisch wiederholende) B\u00fchnenaktion wird davon nicht zu sehr \u00fcberlagert. Es stellte sich aber auch nicht \u2013 wie beim Bayreuther \u201eParsifal\u201c \u2013 diese halluzinogene Aufhebung des Raum-Zeit-Gef\u00fchls ein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/jeannedarc315__1600x1200_.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna - Foto: Thomas Aurin\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>So gelang ein doch viel rationalerer Opernabend \u2013 angemessen aber auch Walter Braunfels\u2019 in der inneren Emigration verfasster, nur f\u00fcr sein inneres Ohr h\u00f6rbarer, erst 2001 in Stockholm konzertant uraufgef\u00fchrter Partitur, die dumpf und schwer daherkommt, und doch ein abwechslungsreiches, individuell t\u00f6nendes Klangbild bietet.<br \/>\nErst im zweiten Teil, mit der Kr\u00f6nung Karls VII. in Reims und der Auseinandersetzung mit Gilles de Rais, dem sp\u00e4teren Kindersch\u00e4nder und Serienm\u00f6rder, aber eben auch Marschall von Frankreich, Kriegsheld und (wohlm\u00f6glich) Johanna-Vertrauten, gewinnt dieser locker gewirkte Bilderbogen an Vehemenz und Substanz.<br \/>\nDer Damien-Hirst-Totensch\u00e4del taucht auf<\/p>\n<p>Hier wird es dann bildkr\u00e4ftig, die Figuren entwickeln griffigere Konturen. So gelingt Walter Braunfels eine Fassung, die sich deutlich abheben von den Opernvariationen Verdis, Tschaikowskys und Honeggers (im Verein mit Paul Claudel) \u00fcber die \u201ePucelle d\u2019Orleans\u201c, jenes legendenhafte, von seinen Engelsvisionen getrieben sich zur politischen Retterin eines schwachen, von England bedrohten Frankreichs aufschwingenden Bauernm\u00e4dchen aus dem lothringischen Domr\u00e9my. Besonders die beiden m\u00e4nnlichen Hauptrollen profitieren, der markante Morten Frank Larsen als Sternenkrieger Gilles mit Damien-Hirst-Brillantsch\u00e4delhelm und der spielfreudige Daniel Kirch als K\u00f6nig Karl im Sarg, dem zudem noch ein behinderter T\u00e4nzer beigegeben ist.<\/p>\n<p>Die himmlischen Heiligen l\u00e4sst das Inszenierungsteam auf Krankenbahren erscheinen, von Aino Laberenz in schwarze Glitzerroben gekleidet. Auch die famos und leuchtend sch\u00f6n, dabei kraftvoll singende Mary Milles als Jeanne d\u2019Arc liegt auf der Intensivstation, die ihr zugleich Zelle ist. Viel konkreter, anekdotischer als sonst bei einem Original-Schlingensief schreitet sie wirkungsbewusst durch die Szenen \u00fcber \u201eBerufung, Triumph und Leiden\u201c.<\/p>\n<p>Sie trinkt mit ihrem Vater Kaffee im Plastikgartengest\u00fchl vor dem Gro\u00dffoto seines Fertighauses. In einer nachgestellten Abendmahlszene sieht sie Jesus gen Himmel schweben. Am Ende steht sie \u2013 obwohl es auch drei aufgeschichtete Holzst\u00f6\u00dfe gibt \u2013 schwarz verkokelt in einer dreist\u00f6ckigen Hochzeitstorte und entz\u00fcndet selbst die Funken spr\u00fchenden Wunderkerzen.<\/p>\n<p>Man wird dieses so seltsam aus der Zeit gefallene und dann doch durch seine musikalische und inhaltliche Lauterkeit anr\u00fchrende Werk sicher auch einmal anders inszenieren m\u00fcssen. Die sich allm\u00e4hlich ein wenig abn\u00fctzende, weil optisch zu wenig variationsf\u00e4hige Methode der Schlingensief-Factory hat dem Werk bei seiner schweren B\u00fchnengeburt mehr gen\u00fctzt als geschadet. Allzu Deutliches wurde in verfremdende, mal ironische, mal schr\u00e4ge Bilder umgesetzt. Aber der Jubel \u00fcber diese \u201eJohanna\u201c war ungetr\u00fcbt. <\/p>\n<p>28. April 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin ist die Oper Jeanne DArc &#8211; Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna von Walter Braunfels zu sehen. Das St\u00fcck wurde nach Aufzeichnungen des erkrankten Regisseurs Christoph Schlingensief inszeniert. 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