{"id":271,"date":"2008-03-31T17:00:57","date_gmt":"2008-03-31T15:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=271"},"modified":"2008-03-31T17:00:57","modified_gmt":"2008-03-31T15:00:57","slug":"passion-der-ambigiutat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=271","title":{"rendered":"PASSION DER AMBIGIUT\u00c4T"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Walter Braunfels JEANNE D\u2019ARC \u2013 SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Carl Hegemann<\/em><\/p>\n<p>\u00bbConfidence Games\u00ab nennt der amerikanische Religionswissenschaftler Mark C.Taylor,die Strategien,die in Religion und \u00d6konomie f\u00fcr Bewegung sorgen. \u00bbT\u00e4uschungsspiele\u00ab ist wahrscheinlich eine unzureichende \u00dcbersetzung, die der Dialektik von Vertrauen und Verdacht, die in diesem Wort mitschwingt, nicht gerecht wird. F\u00fcr Taylor sind diese Spiele,die eine Sph\u00e4re grunds\u00e4tzlicher Unsicherheit und Ungewissheit erzeugen, von zentraler Bedeutung. In einem Buch \u00fcber \u00bbGeld und Markt in einer Welt ohne Erl\u00f6sung \u00ab sieht er die Triebfeder religi\u00f6ser und \u00f6konomischer Praktiken nicht in der Sicherheit g\u00f6ttlicher Offenbarungen und g\u00fcltiger Wahrheiten, sondern in der Unruhe, die entsteht,wenn wir uns bewusst machen, dass wir nichts wissen k\u00f6nnen und dass alle unsere \u00dcberzeugungen von einem Moment auf den andern zusammenbrechen k\u00f6nnen.Unsicherheit und Ungewissheit treten an die Stelle der Hoffnung auf eine wieauch immer geartete \u00bbErl\u00f6sung von dem \u00dcbel\u00ab. Der Verzicht auf diese Hoffnung f\u00fchre zur Offenheit f\u00fcr die Zukunft. Das Annehmen dieser grunds\u00e4tzlichen Ungewissheit und Unsicherheit, so Taylor, vernichte zwar die Hoffnung auf Erl\u00f6sung, erm\u00f6gliche aber gleichzeitig auch, ohne diese Hoffnung zu leben und sich offensiv und unbefangen dem Leben in seiner Unberechenbarkeit zuzuwenden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/aus_opernheft.jpg\" width=\"450\" height=\"366\" alt=\"Deutsche Oper Berlin: Jeanne D&#39;Arc\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Walter Braunfels, zum Katholizismus konvertierte Halbjude, war einer der erfolgreichsten Komponisten in der Zeit der Weimarer Republik. Von den Nazis wurde er ab 1933 mit einem Auff\u00fchrungsverbot belegt. Seine Johanna-Oper schrieb er zwischen 1938 und 1942 f\u00fcr die Schublade. Braunfels thematisiert in dieser so katholischen wie ketzerischen Oper, Abgr\u00fcnde und Ausweglosigkeiten zwischen Gewissheitsstreben und Verzweiflung an  der Wahrheit: eine Passion der Ambiguit\u00e4t. Der unbefriedigte Drang nach Glaubens- und Heilsgewissheit, der den Katholizismus faszinierend macht, ist der rote Faden in diesem Spiel. Warum soll eine 16j\u00e4hrige erotische androgyne Kindfrau mit l\u00e4ngst verstorbenen Heiligengestalten auf du und du stehen, die ihr erkl\u00e4ren,das kein geringerer als Gott, sie das kleine Hirtenm\u00e4dchen dazu bestimmt hat,den Franzosen gegen die Engl\u00e4nder zum Sieg zu verhelfen?<\/p>\n<p>Der Erzbischof von Manila, Kardinal Jaime Sim, hat gesagt: \u00bbMenschen, die behaupten, sie w\u00fcrden Gott sehen oder die Stimme der Mutter Gottes h\u00f6ren, sollten versuchen, etwas mehr zu essen\u00ab. Aber seine Kirche hat die Jungfrau Johanna 1910 heilig gesprochen. Machen vermeintliche Unschuld, erotische Ausstrahlung und selbstbewusstes Auftreten den Beobachter vielleicht blind?. Man sieht es den Ereignissen nicht an, ob es sich bei ihnen um den wunderbaren Einbruch der Transzendenz, des Heiligen in die Welt handelt oder um eine betr\u00fcgerische Manipulation der Welt, deren Instrumente von der \u00bbfrommen L\u00fcge\u00ab bis zu hochkriminellem Verhalten reichen k\u00f6nnen. Auch die \u00fcberzeugensten Beweise k\u00f6nnen sich als F\u00e4lschungen herausstellen. In diesem Zwiespalt bewegt sich &#8211; nicht nur bei Braunfels &#8211; auch die Geschichte der Heiligen Johanna. Das Heilige, Jungfr\u00e4uliche, Unschuldige und das Hexenhafte,Teuflische und erotisch Obsessive sind nur einen Millimeter voneinander entfernt. In ihren Erscheinungsweisen k\u00f6nnen beide Seiten identisch sein. Ob wir uns in diesem Zwiespalt f\u00fcr Glauben oder Misstrauen entscheiden, h\u00e4ngt wahrscheinlich weniger von den vermeintlichen Fakten ab als von unserer Lage. Je aussichtsloser sie ist, desto mehr neigen wir dazu, an Wunder zu glauben und auf Manipulationen hereinzufallen.<\/p>\n<p>Der abgekl\u00e4rt aufgekl\u00e4rte Drahtzieher La Tremouille, nach Johanna und Gilles de Rais,die wichtigste Figur in Braunfels\u2019Oper, wei\u00df das alles. Er glaubt nicht an Wunder sondern sehr modern an Massenpsychosen, Illusionen und Wahrnehmungsverzerrungen in Extremsituationen, aber auch, wo solche Erkl\u00e4rungsmuster nicht greifen, bewahrt er einen k\u00fchlen Kopf. Die Merkw\u00fcrdigkeiten, die Johanna ausl\u00f6st, sind f\u00fcr ihn Material, das er f\u00fcr seine Zwecke einsetzen kann, Johanna wird benutzt f\u00fcr Strategien im Rahmen von N\u00fctzlichkeitserw\u00e4gungen, die alles andere als religi\u00f6ser Natur sind. Zuerst benutzt er die lebendige Johanna f\u00fcr seine Zwecke und dann, nachdem sie ihren Zauber verloren hat, plant er die tote zu benutzen Kostenrechnungen ersetzen die Fragen nach Glauben und Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Gilles de Rais, der naiv glauben wollende ritterliche Begleiter Johannas, ist schon als historische Figur ein ganz anderer Charakter. Ihm geht es um Wahrheit. Er braucht \u00bbGewissheit\u00ab. Johanna muss f\u00fcr ihn eine von Gott Berufene sein,wenn sie es nicht ist, ist sie eine Betr\u00fcgerin und ihre Wundertaten sind Teufelswerk.Wenn sie aber unschuldig den Scheiterhaufen betritt, haben die h\u00f6chsten kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger, die sie dazu verurteilt haben, ein teuflisches Spiel gespielt und sich gegen Gott gestellt. Wenn Gott Johannas Martyrium auf dem Scheiterhaufen trotzdem zul\u00e4sst,hat Gott sich abgewendet. So bleibt diesem Mann,der Gewissheit wollte, am Ende nur eine Gewissheit: \u00bbSatan,du hast gesiegt!\u00ab Der Umschlag vom radikal Guten zum radikal B\u00f6sen. Von diesem Schlusspunkt her,k\u00f6nnte man die ganze Oper als eine schwarze Messe deuten, die in der Anbetung Satans gipfelt.Die historische Figur des Gilles de Rais,der ja weniger als der treue Begleiter der Jungfrau Johanna in die Geschichte eingegangen ist, als durch seine zweite Karriere, nach deren Tod , die ihn zu einem der gr\u00f6\u00dften M\u00f6rder und Kindersch\u00e4nder aller Zeiten machte, einem Blaubart, der dem Marquise de Sade zum Vorbild gedient hat, diese Figur also passt gut zu einem solchen Ende, das dann perspektivisch die These von Dostojewskis Gro\u00dfinquisitor untermauern w\u00fcrde: \u00bbWenn Gott tot ist, ist alles erlaubt.\u00ab Es bleibt aber bei Braunfels nicht bei diesem satanischen Schlu\u00df,denn im allerletzten Bild geschieht dann doch noch ein (historisch schlecht belegtes) Wunder.Das Volk str\u00f6mt auf die B\u00fchne,begeistert und entgeistert mit der Hymne: \u00bbIhr Herz ist nicht verbrannt\u00ab.<br \/>\nMit diesem Zeichen,dem wundersamerweise nicht verbrannten Herzen der Johanna,meldet sich Gott wieder zur\u00fcck,rehabilitiert Johanna<br \/>\nund auch sich selbst (wenn man es glaubt).Damit ist die urspr\u00fcngliche Ambiguit\u00e4t wieder hergestellt.<\/p>\n<p>Braunfels hat den Standpunkt der angepassten Ketzerin Johannas in mancher Hinsicht \u00fcbernommen.Nur als M\u00e4rtyrerin kann sie dem Widerspruch entkommen.Das \u00e4ndert nichts an ihrem Ketzertum, das sich im Wunder auf dem Scheiterhaufen nur best\u00e4tigt: An die Stelle des Kreuzes Christi tritt am Ende dieser Johanna-Passion das Herz der Johanna.Die Retterin Frankreichs wird dem Erl\u00f6ser implizit gleichgestellt, der sich am Kreuz f\u00fcr uns geopfert hat.Das Kreuz Christi wird durch das nicht verbrannte blutende Herz der jungfr\u00e4ulichen Kriegerin ersetzt. Braunfels\u2019 Passionsspiel ist, so betrachtet, ein \u00dcberbietungsversuch der \u00e4lteren christlichen Passionsspiele,wenn nicht der christlichen Passion \u00fcberhaupt.Johanna soll offensichtlich dramatischer,vielschichtiger und widerspr\u00fcchlicher als Jesus wirken. Eine Passion als Stationendrama,ohne L\u00f6sung und ohne Erl\u00f6sung, so heilig wie profan,vermessen und dem\u00fctig,gl\u00e4ubig und ungl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>Der bekennende Katholik Christoph Schlingensief,der \u00fcberall in der Welt gegenw\u00e4rtige vor allem synkretistische, (para-)religi\u00f6se Praktiken<br \/>\nuntersucht und diese in seinen Filmen,Inszenierungen und Kunstinstallationen mit seinem eigenen profanen Alltag und dem m\u00fcden Christentum des Westens konfrontiert, wird diese Oper als synkretistisches Hochamt, zelebriert von den Mitgliedern einer Kunstsekte, inszenieren,in einem Ambiente,das die Grenzen zwischen Sakralraum und B\u00fchne systematisch sprengt.Die Fotos auf dervorigen Seite sind Dokumente seiner Nepalreise,die Schlingensief zusammen mit seinem Filmteam im Dezember und Januar zur mentalen und \u00e4sthetischen Vorbereitung seiner Inszenierung unternommen hat.<\/p>\n<p><em>Aus: Deutsche Oper Berlin Magazin, Zukunft Gro\u00dfe Oper, Magazin Nr. 4, Februar &#8211; Juli 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Walter Braunfels JEANNE D\u2019ARC \u2013 SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=271"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}