{"id":270,"date":"2008-03-25T04:50:01","date_gmt":"2008-03-25T02:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=270"},"modified":"2008-03-25T04:50:01","modified_gmt":"2008-03-25T02:50:01","slug":"kuss-das-salzbrot-diagnose-hoffnung-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=270","title":{"rendered":"K\u00dcSS DAS SALZBROT! DIAGNOSE: HOFFNUNG (DIE PRESSE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief. \u201eDer K\u00f6nig wohnt in mir\u201c im Kunstraum Innsbruck zeigt Umwege zur Heiligen Johanna.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON ALMUTH SPIEGLER <\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nProphezeiung. Pr\u00fcfung. Feuer. Tod. Nur Auferstehung, Erl\u00f6sung gibt es vorl\u00e4ufig noch keine in Christoph Schlingensiefs erster Rauminszenierung im Vorfeld seiner \u201eJeanne d&#8217;Arc\u201c-Regie f\u00fcr die Deutsche Oper Berlin, die Ende April Premiere feiern soll. Gerade im kleinen, aber wunderbaren \u201eKunstraum Innsbruck\u201c ist ein erster Eindruck des Weges zu erhaschen, den der mittlerweile elegant ergrauende deutsche Universalk\u00fcnstler eingeschlagen hat, um sich Walter Braunfels Heiliger Johanna n\u00e4hern zu k\u00f6nnen: Er reiste vergangenen Dezember und J\u00e4nner nach Nepal.<\/p>\n<p>Als eine Art Dandy in bl\u00fctenwei\u00dfem Anzug, die Lesebrille auf halber Nasenh\u00f6he, die Haare wie \u00fcblich zerzaust, lie\u00df er sich in Katmandu und Bhaktapur filmen. Ungewohnt verloren und distanziert, das sind die Eindr\u00fccke, die man von diesen Aufnahmen Schlingensiefs in der Tempelanlage, im Hospiz und an den rituellen Verbrennungsstellen am Fluss bekommt. \u201eEin vorl\u00e4ufiges Festhalten an der Distanznarbe\u201c hat er schlie\u00dflich auch auf den Raumplan geschrieben, nach dem seine Assistenten Mitte M\u00e4rz die Ausstellung in Innsbruck aufbauten. Er selbst konnte das damals nicht \u00fcbernehmen, seine Gesundheit lie\u00df es pl\u00f6tzlich nicht zu, verursachte eine zweimalige Verschiebung der Er\u00f6ffnung und sogar eine kurzfristige Absage der Opernregie. Nur kurz darauf wurde aber bekannt, Schlingensief sei wieder da, wieder dabei, wieder dran an Jeanne d&#8217;Arc. Und sp\u00fcrte wohl wieder: \u201eDer K\u00f6nig wohnt in mir\u201c, wie die Ausstellung so sch\u00f6n \u00fcbertitelt ist.<\/p>\n<p>Videofegefeuer in Marmorkaminen<\/p>\n<p>Auf einer roh gezimmerten Raumb\u00fchne, die Schlingensief seit seinen animatografischen Anf\u00e4ngen 2005 nicht mehr loszulassen scheint, kann eine Art Stationendrama abgeschritten werden, in f\u00fcr den Meister ungewohnt strenger formaler Abfolge. Denn jede der sechs Kojen wird von demselben gutb\u00fcrgerlichen Arrangement an der silbern folierten Au\u00dfenwand begleitet: Je einem detailgetreuen Nachbau des offenen schwarzen Marmorkamins, der in Schlingensiefs Wohnung steht, sowie dar\u00fcber einem Fototriptychon in einer Leuchtbox.<\/p>\n<p>Der Eintritt in den Kreislauf geschieht dort, wo viele Dramen von heute beginnen, im Warte- und Begr\u00fc\u00dfungszimmer. Ein wenig nerv\u00f6s l\u00e4sst man sich nieder auf einem der beiden grauen Sesseln, daneben ein Tischchen mit Blumen, an der Wand ein Urlaubsfoto des Meisters in Plakatgr\u00f6\u00dfe. Nepal, ja, der wei\u00dfe Anzug, hier schon bedeckt mit bunten Handabdr\u00fccken. Der Blick schweift nach drau\u00dfen. Im Kamin gegen\u00fcber lodert ein Video, ein alter Nepalese winkt und nickt und l\u00e4chelt \u00fcbereifrig. Welcome. Dar\u00fcber enth\u00fcllt sich uns die \u201eProphezeiung\u201c, der heilige Schlingensief-Dandy wandelt durch Kuhherde, umweht von einem Vogelschwarm. Er dreht sich um zu uns. Haben wir eine Mission?<\/p>\n<p>Das Arztzimmer. Aus dem Kamin l\u00e4sst der Wiener Aktionismus gr\u00fc\u00dfen. Nein, es ist ein Roma-Junge, der gerade ein im Hinduismus als unrein geltendes Schwein ausweiden muss; in einem Gitter verh\u00e4ngt erkennt man Infusionsschl\u00e4uche des Hospizes. Durch den Maschendraht erahnt man schon das Flussbett, wo alles einmal im Feuer endet. Wie die Heilige Johanna. \u201eWir haben eine Heilige verbrannt\u201c, ist der moralische Schl\u00fcsselsatz der Oper, der Legende. Bei Schlingensief findet man sich nach einem Parcours durch ein \u201eOperationszimmer\u201c und \u201eAufwachzimmer\u201c, nach weiteren Kaminbildern von geschlachteten Ziegen, einem schlafenden Bettelm\u00f6nch und einer Totenverbrennung am Ende des \u201eAbschiedsweges\u201c wieder, der ins Herz der Raumb\u00fchne f\u00fchrt. Ein H\u00e4ufchen Asche liegt da am Boden. Egal, ob sie nun \u201eecht\u201c ist oder schlicht aus dem Ofen der Galeriemitarbeiterin stammt. Es trifft einen. Zumindest nicht allein, denkt man. Zeigt das gro\u00dfe Foto dar\u00fcber doch Schlingensief, wie er statt uns vor der noch rauchenden Bestattungsstelle steht.<\/p>\n<p>Doch wenig Mitgef\u00fchl, wenig Empathie ist von hier zu erhoffen, seine \u201eDistanznarbe\u201c scheint noch zu stark zu schmerzen. Und wie zur Best\u00e4tigung bekommen wir unser pathetisches Touristenstarren, unseren so europ\u00e4isch kultivierten Kolonialblick auf das Exotische serviert, wenn wir zum n\u00e4chsten Kaminfeuer tapsen: Da drinnen, im Videofegefeuer t\u00e4nzelt Schlingensief, t\u00e4nzelt der K\u00f6nig in wohl jedem von uns, in wei\u00dfem Anzug und mit Zeichenstift, spielerisch die richtigen Proportionen der Arbeiter sch\u00e4tzend, die vor ihm kniend in Akkordarbeit Lehm zu Ziegeln formen. Hinter uns wartet das \u201eBefundzimmer\u201c: ein Krankenbett, eine Lichtbank, das Zitat von Beuys&#8216; Installation \u201ezeige deine Wunde\u201c, Memento mori und Heilungshoffnung in einem.<\/p>\n<p>Also doch ein Ausweg aus dem scheinbar Ausweglosen \u2013 ein Wunder. Bei Jeanne d&#8217;Arc, bei Schlingensief. Bleibt noch, vor dem endg\u00fcltigen Abschied die dargereichte Reliquie zu k\u00fcssen: Durch eine kreisrunde Aussparung in einer schwarz gef\u00e4rbten Folie, die eine Holzkiste bedeckt, erkennt man etwas, das aussieht wie eine vergammelte Schaumrolle. Es ist eine in Salzteigbrot eingebackene Filmrolle. Bedeckt wie auch erst erkenntlich gemacht durch das eigene R\u00f6ntgenbild. Diagnose: Hoffnung.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n&#8222;Die Presse&#8220;, Print-Ausgabe, 18.03.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief. \u201eDer K\u00f6nig wohnt in mir\u201c im Kunstraum Innsbruck zeigt Umwege zur Heiligen Johanna.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=270"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}