{"id":263,"date":"2008-01-04T11:50:26","date_gmt":"2008-01-04T09:50:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=263"},"modified":"2008-01-04T11:50:26","modified_gmt":"2008-01-04T09:50:26","slug":"pfadfinder-mit-kleinem-latinum-rettet-schauspielerherzen-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=263","title":{"rendered":"PFADFINDER MIT KLEINEM LATINUM RETTET SCHAUSPIELERHERZEN (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Wer, wenn nicht sie? Schauspieler, Herr Regisseur Schlingensief, sind die Seele des Theaters!&#8220; Die &#8222;Generation Zeitungspraktikum&#8220; meldet sich live aus dem Max-Reinhardt-Seminar zum Zustand des deutschen Theaters<\/strong><\/p>\n<p>Von DIETER BARTETZKO<\/p>\n<p>In einem Interview mit dem Magazin &#8222;Monopol&#8220; hat Christoph Schlingensief, unter anderem bekannt als Regisseur, seinen R\u00fcckzug vom Theater erkl\u00e4rt. Als einen Grund nennt er &#8222;diese angestrengten Typen, die meinen, sie w\u00e4ren heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenne sie alle aus der Kantine, sie saufen und erz\u00e4hlen von fr\u00fcher . . . Ihre Nasen sind rot und gro\u00dfporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist gr\u00f6\u00dfer als ihr Einfluss.&#8220; Schlingensief, so muss man daraus schlie\u00dfen, hat sich zu oft in der Kantine und zu wenig auf der B\u00fchne umgesehen.<\/p>\n<p>Man nehme als Beispiel Frankfurt am Main. Zwar gl\u00e4nzen die dortigen St\u00e4dtischen B\u00fchnen seit langem nicht mehr durch Regisseure, sie erregen allenfalls mitunter Aufsehen, exakter: Aufsehenchen in puncto Krakeel. Mit einer Ausnahme: die gefeierte Inszenierung der &#8222;Orestie&#8220; des Aischylos. Deren Regisseurin ist Karin Neuh\u00e4user. Und die wiederum ist auch eine exzellente Schauspielerin. In der vergangenen Spielzeit riss sie als Mrs. Peachum eine Dreigroschenoper-Premiere aus der Belanglosigkeit; eine k\u00f6niglich verschlampte Schnapsdrossel, deren gurgelndes &#8222;Denn wovon lebt der Mensch?&#8220; so durch Mark und Bein ging, als h\u00e4tte Brecht die Frage gestern erst gestellt. Ihr Gatte Peachum war Joachim Nimtz, ein bulliger Typus, der, wenn&#8217;s darauf ankam, Shimmy so aasig grazi\u00f6s wie ein Tingeltangel-Nurejew tanzte, als Sprecher vor Zynismus erfrieren lassen konnte und blendend sang. Und Wolfram Koch, als Mackie Messer sangesunf\u00e4hig und damit am Rande einer Fehlbesetzung, setzte sich offenbar nicht beleidigt in die Kantine, sondern besann sich auf die M\u00f6glichkeit des Sprechgesangs und brilliert mittlerweile.<\/p>\n<p>Lessings &#8222;Emilia Galotti&#8220;? Von der Regie zum Tanzb\u00e4renreigen verballhornt, aber sehenswert dank der jungen Anne M\u00fcller, die die Titelfigur wie in Trance spielt und so das Publikum bannt. Victor Hugos &#8222;Lucrezia Borgia&#8220;? Die Regie steckte Friederike Kammer als Titelfigur in eine Renaissance-Schabracke, st\u00fclpte ihr eine blonde Per\u00fccke mit Mausefaden-Locken \u00fcber &#8211; und schaffte es doch nicht, ihr K\u00f6nnen auszumerzen. Shakespeares &#8222;Was ihr wollt&#8220;? Zur Ballermann-Klamotte erniedrigt. Man h\u00e4tte das Theater verlassen, w\u00e4re da nicht der junge Oliver Kraushaar gewesen, dessen Malvolio zum Heulen gut und Br\u00fcllen komisch einen speichelleckenden Muskelprotz vorf\u00fchrte, den ein einziges Mal wahre Liebe zum Mann gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ob einer der genannten Akteure eine gro\u00dfporige rote Nase besitzt? Keine Ahnung, daf\u00fcr spielen sie allesamt viel zu gut. Was f\u00fcr Frankfurt gilt, gilt cum grano salis f\u00fcr jedes Theater. Auf der B\u00fchne beweist sich, ob ein Schauspieler, mag er abseits der Bretter noch so sonderbar, eitel oder naiv sein, ein Schauspieler ist. Durch ihn lebt das Theater. Es war Max Reinhardt, das Regie-Genie des zwanzigsten Jahrhunderts, der schrieb, dass &#8222;dem Schauspieler und keinem anderen das Theater geh\u00f6rt&#8220;. Und es k\u00f6nne, so schrieb Reinhardt weiter, &#8222;von guten Geistern verlassen, das traurigste Gewerbe, die armseligste Prostitution sein&#8220;. Dass dies momentan so oft zutrifft, liegt gewiss nicht an den Schauspielern, sondern an Regisseuren, die nicht mehr wissen, was Schauspieler sind. So gesehen, hat Christoph Schlingensief absolut recht, wenn er sagt: &#8222;Theater war noch nie mein Ding.&#8220;  <\/p>\n<p>Text: F.A.Z., 04.01.2008, Nr. 3 \/ Seite 40<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wer, wenn nicht sie? 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