{"id":261,"date":"2007-12-14T13:41:23","date_gmt":"2007-12-14T11:41:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=261"},"modified":"2007-12-14T13:41:23","modified_gmt":"2007-12-14T11:41:23","slug":"fliegender-hollander-im-berufsverkehr-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=261","title":{"rendered":"FLIEGENDER HOLL\u00c4NDER IM BERUFSVERKEHR (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>R\u00e4tsel \u00fcber R\u00e4tsel: Christoph Schlingensiefs brasilianische Operngeisterbahn<\/strong><\/p>\n<p>Von JOSEF OEHRLEIN<\/p>\n<p>Sao Paulo, im Dezember.<br \/>\nSo einfach war es also doch nicht. Als sich Christoph Schlingensief vor drei Jahren erstmals in S\u00fcdamerika auf Geistersuche machte, ist er gleich wieder abgehauen. Man hatte ihm El Dorado versprochen. Aber da war nichts. Man hatte ihm versichert, er werde rasch mit Leuten in Kontakt kommen, die Geld und Glauben an die Kultur haben oder wenigstens schnell eine Drehb\u00fchne bauen k\u00f6nnen. Das Einzige, was er damals in S\u00e3o Paulo fand, war ein Mann, der im Zentrum herumlief und einen merkw\u00fcrdigen Sprechfluss hatte, dabei eine Hand auf dem Boden an einem Faden zucken lie\u00df. Das war Bu\u00f1uel. Ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Die Stadt, sagt Schlingensief heute, war kein R\u00e4tsel, sondern nur furchtbar. Seit jener Begebenheit hat sich viel ver\u00e4ndert, auch Schlingensief. Er geisterte jetzt zum dritten oder vierten Mal durch S\u00fcdamerika. In S\u00e3o Paulo haben sie ihm, sogar ganz schnell, in zehn Tagen nicht nur eine, sondern gleich mehrere Drehb\u00fchnen gebaut. In einem abgelegenen Arbeiterviertel hat er seinen Animatographen aufgebaut und eine Geisterbahn hindurchfahren lassen. Am liebsten h\u00e4tte er seinen &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; aus Manaus als Gespensterschiff durch die Fluten des Stadtverkehrs gejagt. Mit der Operngeisterbahn ging es so, wie es ihm bei allen Projekten am liebsten ist: Sie drohte bis kurz vor der Verwirklichung zu scheitern. Die Erl\u00f6sung kam dank der &#8222;Sesc&#8220;, dem Sozialwerk des brasilianischen Privathandels, einem Kulturgro\u00dfveranstalter und gener\u00f6sen Sponsor sowie durch das Goethe-Institut in S\u00e3o Paulo. Eine Woche lang drehten sich die Drehb\u00fchnen, schlug sich ein spastischer T\u00e4nzer in seiner Psychozelle fast den Kopf ein, wurde nebenan in der Revolutionskammer die venezolanische Revolution zu Grabe getragen, starb Titurel, w\u00e4hrend Zerline Masetto kokett ansang. Und die drei betagten Geisterbahnw\u00e4gelchen von einem brasilianischen Schaustellerunternehmen schl\u00e4ngelten sich, mal gem\u00fctlich, mal in rasendem Tempo, durch das Operngeisterland. <\/p>\n<p>Am spielfreien Tag ist Schlingensief nach Buenos Aires geflogen. Im Teatro Col\u00f3n, dem Operntempel, auch da: nichts als Geister: Caruso, Kleiber, Strauss, Nilsson, Callas. Die Kraft ist noch da, befindet Schlingensief. Aber das Col\u00f3n ist eine Baustelle. Der Termin der Wiederer\u00f6ffnung wird immer wieder hinausgeschoben. Eigentlich sollte es der 25. Mai 2008 sein, der hundertste Geburtstag des Col\u00f3n. Jetzt ist die Rede von fr\u00fchestens Oktober, wahrscheinlich wird es aber doch erst irgendwann 2009. <\/p>\n<p>Schlingensief will im Col\u00f3n unbedingt etwas machen. Ein Wagner wird es schon sein m\u00fcssen. Zuerst aber hei\u00dft es, die b\u00f6sen Geister zu bannen. Das ist gar nicht so einfach, weil sich Schlendrian, B\u00fcrokratie, Anma\u00dfung, Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, politischer Opportunismus und Gewerkschaftsdenken fest eingenistet haben. Da wird Schlingensief wohl vorher noch seinen Operngeisteranimatographen in der europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 in Herne zur Schau stellen. <\/p>\n<p>Es scheint, als habe Schlingensiefs W\u00e4hnen in S\u00fcdamerika eine gewisse Ruhe gefunden. S\u00e3o Paulo und Buenos Aires waren die richtigen Orte, um Erl\u00f6sungsarbeit in eigener Sache zu betreiben. &#8222;Ich lebe sehr davon, wenn etwas nicht klar ist und eine gewisse Drohung drinsteckt&#8220;, sagt Schlingensief. Ein Abgrund, vielleicht: ein mystischer Abgrund.   <\/p>\n<p>Text: F.A.Z., 14.12.2007, Nr. 291 \/ Seite 35<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00e4tsel \u00fcber R\u00e4tsel: Christoph Schlingensiefs brasilianische Operngeisterbahn<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/261"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=261"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/261\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}