{"id":260,"date":"2007-12-03T19:23:50","date_gmt":"2007-12-03T17:23:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=260"},"modified":"2007-12-03T19:23:50","modified_gmt":"2007-12-03T17:23:50","slug":"wagner-durch-den-filter-der-antropophagie-estado-de-sao-paulo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=260","title":{"rendered":"WAGNER DURCH DEN FILTER DER ANTROPOPHAGIE (ESTADO DE SAO PAULO)"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Jo\u00e3o Luiz Sampaio<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n\u201eHalten Sie sich am Sitz fest.\u201c Nur knapp ist Schlingensief einmal einem Strafproze\u00df entkommen, als er w\u00e4hrend einer Kunstaktion gegen Antisemitismus in der deutschen Politik eine Puppe mit dem Antlitz des damaligen Ministerpr\u00e4sidenten Ariel Sharon verbrannte. In Berlin und London erschuf er eine von Boulevardmedien verseuchte Kunststadt, in der Prinzessin Diana sexuelle Beziehungen mit zwei Mongoloiden hatte und die K\u00f6nigin Elisabeth II. von einer Kleinw\u00fcchsigen dargestellt wurde. Um nur zwei aus der Liste der Absonderlichkeiten des deutschen Regisseurs Christoph Schlingensief zu nennen. <\/p>\n<p>In den letzten Jahren wandte er sich dem Werk des deutschen Komponisten Richard Wagners zu. Das Thema \u00e4nderte sich, das Querdenken blieb. Vor drei Jahren inszenierte er Parsifal, Wagners Oper \u00fcber das Mittelalter, in Afrika angelegt. Zu Beginn dieses Jahres begann seine Opernkonzeption des Fliegenden Holl\u00e4nders in Manaus im Amazonastheater und endete mit einer Prozession in Richtung Hafen, gemeinsam mit der Trommelfraktion einer Sambaschule. Jetzt war Schlingensief in S\u00e3o Paulo angekommen, um im SESC Belenzinho die Operninstallation Geisterbahn vorzustellen, die gestern zum vorerst letzten Mal ge\u00f6ffnet hatte. Man kann sie als eine Synthese seiner Erfahrungen mit Wagners Werk verstehen, ein sehr interessanter und abwechslungsreicher Ansatz.<\/p>\n<p>Das Publikum war nicht nur zum Opernh\u00f6ren eingeladen, sondern wurde aufgefordert, an der Vorstellung teilzunehmen. In einer Bahn, genau wie in einem Vergn\u00fcgungspark, konnte der Zuschauer durch die sechs Stationen der Installation fahren, Videoprojektionen &#8211; sowohl auf Objekten, als auch auf Personen &#8211; betrachten und Wagners Musik h\u00f6ren. F\u00e4sser, deformierte Puppen, Gr\u00e4ber, Fernsehger\u00e4te, Clowns, ausgestopfte Tiere waren nur einige der unz\u00e4hligen Elemente, die den Regisseur interessierten. Mitten im Chaos jedoch, fing man besser am Anfang an: warum Wagner? Sofort kommt einem ein \u201cSchimpfwort\u201d in den Sinn: Gesamtkunstwerk. Wagner ging es darum, neue Vorstellungsformen zu erschaffen, die alle k\u00fcnstlerischen Ausdrucksformen umfassen sollten: Musik, Theater, bildende Kunst, Literatur&#8230; Schlingensiefs Arbeit, die diese Referenzen immer aufnimmt, vereint Musik, bildende Kunst, alles. <\/p>\n<p>Schlingensief: \u201eMan sieht ein Bild im Museum an und es ist leer, wir verstehen seinen Wert, nehmen aber nicht mehr an ihm Teil. In der Musik kommt uns eine Rolle im Werk zu, das Kunstwerk involviert uns, w\u00e4hrend es wiedererschaffen wird. Und auf diese Art wird die Geisterbahn das Publikum mit den verschiedenen Facetten der Installation in Kontakt bringen.\u201d <\/p>\n<p>Als er in Bayreuth, dem Festival der Familie Wagners, arbeitete, so Schlingensief, sp\u00fcrte er eine sehr starke Hierarchie, eine gro\u00dfe Vertikalisierung. Mit seiner Arbeit m\u00f6chte er Wagner in die Vertikale zur\u00fcck bef\u00f6rdern. Das ist ihm mit Geisterbahn vollends gelungen, wie auch die Zuschauerreaktionen an allen Ausstellungstagen zeigten. Schlingensief selbst spricht aber trotzdem von einem \u201ePrototypen\u201c, er will weiter an der Oper \u201ebauen\u201c. <\/p>\n<p>Schlingensief: \u201cWagner hat zu seiner Zeit an verschiedenen Quellen getrunken und diese verschlungen, um sein Werk zu erschaffen.\u201d Dies hat Schlingensief nun auf beeindruckende Weise mit ihm gemeinsam.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Estado de S\u00e3o Paulo, 04.12.07<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im SESC kreierte der deutsche K\u00fcnstler eine Geisterbahn, durch die Echos und Dilemmas aus dem Werk des ber\u00fchmten Komponisten hallen (dt. \u00dcbersetzung der brasilianischen Rezension)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}