{"id":252,"date":"2007-11-08T13:08:38","date_gmt":"2007-11-08T11:08:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=252"},"modified":"2007-11-08T13:08:38","modified_gmt":"2007-11-08T11:08:38","slug":"mit-facettenaugen-deutschlandradio-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=252","title":{"rendered":"MIT FACETTENAUGEN (DEUTSCHLANDRADIO KULTUR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausstellung gibt \u00dcberblick \u00fcber das Werk von Christoph Schlingensief<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Christian Gampert<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn den Kosmos der Welt Christoph Schlingensiefs f\u00fchrt eine Ausstellung in Z\u00fcrich. &#8222;Querverst\u00fcmmelung&#8220; ist bis zum 3. Februar 2008 im migrosmuseum zu sehen.<\/p>\n<p>Dass Christoph Schlingensief Realit\u00e4t verzerrt und verst\u00fcmmelt, auf dass sie endlich erkennbar werde, ist seit seinen fr\u00fchen Filmen lustvoll zelebrierte Methode. &#8222;Querverst\u00fcmmelung&#8220; will sagen, dass man hier mehrere Projekte querlesen kann. W\u00e4hrend sich Schlingensief in den Theaterarbeiten und Happenings immer wieder selbst als entertainender Provokateur in Szene gesetzt hat, muss nun ausschlie\u00dflich das Material sprechen. Kein kanzler-feindliches gemeinsames Baden im Wolfgangsee mehr, keine Publikums-Ver\u00e4ppelung wie bei der Wiener Container-Aktion, bei der Asylanten eine Aufenthaltsgenehmigung gewinnen konnten: nur noch Film- und Schrott-Installationen, die zwar vielfach auf vergangene und gerade laufende Arbeiten Bezug nehmen, aber eben ganz allein im Museum stehen.<\/p>\n<p>Wir schreiten also an den einzelnen Zellen der &#8222;Kaprow City&#8220; vorbei, die Schlingensief schon einmal in der Berliner Volksb\u00fchne aufgebaut hatte, ein m\u00fcllumsp\u00fcltes, Favela-\u00e4hnliches Holzh\u00fctten-Labyrinth, wo einzelne Filmsequenzen laufen, eine Teufelsaustreibung, Stripper, Zauberer, Bodybuilder; in einer Kammer mit Kinderwagen, vage Reminiszenz an Rosemary&#8217;s Baby oder auch die Schleyer-Entf\u00fchrung, w\u00e4scht sich ein Kind namens Christoph Schlingensief &#8211; ein alter Super-8-Film.<\/p>\n<p>Das Famili\u00e4re hat bei Schlingensief immer eine gro\u00dfe Rolle gespielt, und in all dem Theaterm\u00fcll, der nun ins Museum geschwappt ist, in diesen abgespielten Requisiten f\u00e4llt ein ganz neuer, nachdenklicher, trauernder Ton auf, den man von Schlingensief nicht gewohnt ist. Der jetzt 47-J\u00e4hrige, das ewige Kind, ist schwer getroffen vom Tod seines Vaters. Mit dunkel ger\u00e4nderten Augen sitzt er da und erinnert sich an das Familienhobby, Filmen, das als fl\u00fcchtiger Schatten der 60er, 70er Jahre durch die Ausstellung geistert, Landschaftsaufnahmen, Ausfl\u00fcge mit Papa.<\/p>\n<p>&#8222;Die Filmerei hat er immer unterst\u00fctzt. Ich wei\u00df noch, einmal hat er ein Wahnsinns-Theater gemacht. Und zwar hatte ich da mit 12 oder 13 versucht, Hollywood anzurufen, um zu fragen, wie diese Lampen hei\u00dfen, die die benutzen. Die Telefonrechnung war immens. Da hat er sich richtig aufgeregt; aber eine halbe Stunde sp\u00e4ter hat er gelacht und fand das toll.&#8220;<\/p>\n<p>Die Anh\u00e4nglichkeit an die Familie teilt Schlingensief mit dem anderen gro\u00dfen, ungezogenen Jungen der deutschen Kunstszene, mit Martin Kippenberger: Zwar muss man die Eltern provozieren (und damit gleich die ganze Gesellschaft), aber man bleibt ihnen auch erhalten. Schlingensief verfilmt Leidensgeschichte und Kreuzigung Christi mit lauter Zwergen, mit Kleinw\u00fcchsigen und st\u00f6\u00dft uns darauf, dass Leiden heute eben eine Nummer kleiner, allt\u00e4glicher stattfindet. Religion ist sowieso bestes Provokationsmittel: In der Ausstellung durchschreiten wir eine Phalanx riesiger biblischer Apostelfiguren, die aus dem Karneval von Manaus stammen. In diese Figuren werden kurze Filme projiziert, die Schlingensief w\u00e4hrend seiner Inszenierung von Wagners &#8222;Fliegendem Holl\u00e4nder&#8220; in Brasilien gedreht hat, Kinder, Samba-T\u00e4nzer, Alltag. Das sind Loops, Wiederholungsschleifen, Filmmaterial, das sich vor den Augen des Betrachters abschleift, abwetzt, aufl\u00f6st &#8211; eine Inszenierung von Verg\u00e4nglichkeit. <\/p>\n<p>Ein dritter Ausstellungsteil, &#8222;The African Twintowers&#8220;, \u00fcberblendet nordische Sagenwelt mit afrikanischen Zauberritualen und dem 11. September. Wer hier Sinn sucht und \u00fcberschaubare Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, ist verloren. Es geht um eine andere, neue Wahrnehmung kultureller Klischees, um das Verschmelzen des angeblich Unvereinbaren, um Synkretismus.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe sehr viel Lust bekommen gerade in Brasilien auf dieses Synkretische, also wo die Sachen sich alle vermischen. Da kann eben die Samba-T\u00e4nzerin mit ihrem Popo neben dem Jesus wackeln, und das f\u00e4hrt beim Karneval rum, und vorne wird getrommelt.&#8220;<\/p>\n<p>Es geht aber auch, immer wieder, um das Erbarmen mit den Armen &#8211; Schlingensief ist ein enorm moralischer Mensch, ein Parzival. Oder tut er nur so? &#8222;Ein reiner Tor, durch Mitleid wissend&#8220;? In der Abschluss-Installation der Ausstellung f\u00e4hrt uns ein Behinderten-Aufzug zu einem letzten Monitor hoch &#8211; das wirkt provokant, aber auch das hat aber einen pers\u00f6nlichen Hintergrund: Schlingensiefs Mutter ist auf ein solches Ger\u00e4t angewiesen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Deutschlandradio Kultur, 7.11.07<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDiesen Beitrag als MP3-Datei herunterladen: <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/audio_symbol.gif\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\"\/>&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/dlf_20071106_1750_cd395520.mp3\" target=\"_blank\">Download<\/a> (1.5 MB)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Kosmos der Welt Christoph Schlingensiefs f\u00fchrt eine Ausstellung in Z\u00fcrich. &#8222;Querverst\u00fcmmelung&#8220; ist bis zum 3. 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