{"id":248,"date":"2007-11-04T21:51:01","date_gmt":"2007-11-04T19:51:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=248"},"modified":"2007-11-04T21:51:01","modified_gmt":"2007-11-04T19:51:01","slug":"provokation-ist-uberflussig-das-leben-an-sich-ist-eine-provokation-tagesanzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=248","title":{"rendered":"&#8222;DAS LEBEN IST EINE PROVOKATION&#8220; (TAGESANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief im Interview aus Anla\u00df seiner Installation &#8222;Querverst\u00fcmmelung&#8220; in Z\u00fcrich<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Sarah St\u00e4hli<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>TA: Beim Durchgang durch die Ausstellung haben Sie gesagt: \u00abErinnern heisst Vergessen\u00bb. Ist Erinnerung und Verg\u00e4nglichkeit ein Thema der Ausstellung?<\/em><\/p>\n<p>CS: Das Erinnern spielt momentan eine grosse Rolle f\u00fcr mich, weil dieses Jahr mein Vater gestorben ist. Ich fange jetzt an, Geschichten \u00fcber ihn zu erz\u00e4hlen. Objekte, Gegenst\u00e4nde, Fotos kommen zum Vorschein. Diese Erinnerungen sind wie belichtete Kabinen, dunkle Gruften.<br \/>\nDer Film am Anfang der Ausstellung ist eine Doppelbelichtung. Mein Vater hat den Film mit einer alten Doppel-8-Kamera gedreht und aus Versehen zweimal belichtet. Als ich diesen Film mit sieben Jahren gesehen habe, war das sensationell. Ich habe dann selber angefangen zu filmen und meine Filme auf alles M\u00f6gliche projiziert. Einmal habe ich meine Mutter beim Kochen mit einer Projektion \u201ebestrahlt\u201c. Sie musste dann im Dunkeln weiter kochen, bis der Film zu Ende war. Dieses \u00dcbereinanderlegen von Realem und Konserviertem interessiert mich. Dasselbe habe ich auch auf der Tonebene gemacht. Ich habe die Filme jeweils auf einen Fernseher projiziert, das Bild ausgeschaltet und nur den Ton beibehalten. Die Kl\u00e4nge einer Vorabendserie \u00fcberlagerten sich dann mit meinen Aufnahmen.<\/p>\n<p><em>Ist es f\u00fcr Sie selbstverst\u00e4ndlich, pers\u00f6nliche Themen in Ihrer Arbeit aufzugreifen?<\/em><\/p>\n<p>Ich verstehe nicht, dass viele Leute so tun, als h\u00e4tten sie nie eine Familie gehabt. Oder sich nie einer Gruppe zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt. Viele Politiker haben ja angeblich gar keine Vergangenheit.<br \/>\n\u201ePers\u00f6nlich\u201c heisst aber bei mir nicht, dass ich meine Fussn\u00e4gel filme und dann von grosser Kunst spreche. Ich rede auch nicht \u00fcber eine Privatmythologie. Den Begriff Familie fasse ich viel weiter. Es gibt in meinem Leben Ersatzv\u00e4ter, Ersatzm\u00fctter. Meine behinderten Schauspieler sind auch eine Familie f\u00fcr mich, ohne deren Kraft k\u00f6nnte ich viele Filme gar nicht machen. <\/p>\n<p><em>Mit den behinderten Schauspielern haben Sie unter anderem die Musicstar-Parodie \u00abFreakstars 3000\u00bb gedreht. Wie schaffen Sie es, diese Menschen nicht bloss zu stellen?<\/em><\/p>\n<p>Den Begriff \u201ebehindert\u201c sollte man ignorieren. Es gibt mehr \u201eNormale\u201c unter den angeblich Behinderten als unter uns. Ich mag keine Dressur von Menschen, die \u201ebehindert\u201c sind. Ich sage ihnen nicht: Zeig mal vor, was du gelernt hast. Sie zeigen mir etwas und kommen nicht auf die Idee, dass sie mir gefallen m\u00fcssen. Wir br\u00fcllen uns auch an, ich behandle sie genauso wie meine anderen Schauspielern.<br \/>\nVor etwa sechs Jahren hatte ich einen grossen Tiefpunkt. Da ist Horst Gelonneck, einer der \u201ebehinderten\u201c Schauspieler, aufgetaucht. Ich stand auf der B\u00fchne und in dem Moment, als ich loslegte, machte Horst, ohne mich zu imitieren, etwas ganz Wahnsinniges aus meiner Performance. Das war unglaublich, er hat eine T\u00fcre aufgestossen. Es war, als w\u00fcrde er sagen: Merkst du eigentlich nicht, dass du da oben nur noch M\u00e4tzchen machst?<\/p>\n<p><em>Ist die Ausstellung auch eine R\u00fcckkehr zum Film?<\/em><\/p>\n<p>Meine Arbeit hat mit Film begonnen. Dass die meisten Filme noch erhalten sind, ist ein Gl\u00fccksfall, denn ich sehe darin viele Parallelen zu sp\u00e4teren Arbeiten.<br \/>\nIch will aber nicht nur Filme machen. Das Theater reizt mich zurzeit nicht mehr so, die Oper hingegen sehr. Theater bildet sich politisch zuviel ein. Theater m\u00fcsste mehr sein als ein lauer Cocktail, der allen gef\u00e4llt. Bei der Hamlet-Inszenierung in Z\u00fcrich zum Beispiel habe ich das Theater als Forschungsanlage benutzt. Ich habe Experimente durchgef\u00fchrt, die sich pl\u00f6tzlich aus der T\u00fcre bewegen konnten, auf die Strasse rannten und dann wieder zur\u00fcckkamen. Leider haben damals viele nur \u201eden Schlingensief\u201c gesehen.<\/p>\n<p><em>Ist es schwierig, sich von dieser Rolle als Provokateur zu distanzieren?<\/em><\/p>\n<p>In Z\u00fcrich gr\u00fcssen mich die Leute auf der Strasse. Da ist etwas h\u00e4ngen geblieben und es ist nicht nur der Schlingensief, bei dem man gleich die Polizei rufen muss, es war auch viel Sympathie da. Die Medien haben mich als Provokateur einbauen m\u00fcssen, weil sie Schlagzeilen brauchen und ihre angeblich dummen Leser nur dann etwas verstehen, wenn Namen genannt werden.<br \/>\nEs gibt immer Momente, in denen man sich selber nicht so mag. Nur musste ich fr\u00fcher das immer gleich kundtun und den wilden Mann markieren.<br \/>\nDie Museumsarbeit ist ein wichtiger Schritt. Ich nehme das Museum als Schutzraum komplett f\u00fcr mich in Anspruch. Zum Denken, zum Experimentieren ist dieser Raum grossartig. Wenn die Leute entt\u00e4uscht sind, dass ich nicht mehr provoziere, dann ist das nicht mein Problem. Sollen sie sich doch eine andere Tablette einwerfen.<br \/>\nIch bin der Meinung, wer das Leben nicht als Provokation empfindet, ist schon tot. Ich komme auf die Welt: das ist doch eine Riesenprovokation! <\/p>\n<p><em>Was ist Ihr n\u00e4chstes Projekt? <\/em><\/p>\n<p>Ich werde in Brasilien drei Wochen an einer \u00abOpern-Geisterbahn\u00bb arbeiten. Eine Installation, durch die man mit dem Auto f\u00e4hrt oder l\u00e4uft. Dort wird es zum Beispiel ein st\u00e4ndiges Finale mit Schlussapplaus, das alle drei Minuten wiederholt wird, zu sehen geben und eine ewige Premierenfeier, an der alternde Operns\u00e4nger besoffen rumstehen und erz\u00e4hlen, wie toll sie einmal waren.<br \/>\nIn Brasilien werde ich unter anderem mit Trommlern und Favela-Kindern zusammenarbeiten, Menschen, die ich noch nie gesehen habe. Aber ich will das Risiko eingehen. Die \u00dcberforderung interessiert mich. Der \u00abAusl\u00e4nder Raus\u00bb-Container in Wien hat mich nur in dem Moment fasziniert, in dem ich ihn nicht mehr kontrollieren konnte. Ich mag es, wenn sich meine Arbeit verselbstst\u00e4ndigt, die Bilder autonom werden.<\/p>\n<p><em>Z\u00fcrcher Tagesanzeiger, 5.11.07<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDiesen Artikel als PDF-Datei herunterladen: <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/zuerich_tagesanzeiger_24_06_11_2007-51.pdf\">Download<\/a> (300 KB)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief im Interview aus Anla\u00df seiner Installation &#8222;Querverst\u00fcmmelung&#8220; in Z\u00fcrich<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/248"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=248"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/248\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}