{"id":247,"date":"2007-11-03T14:11:52","date_gmt":"2007-11-03T12:11:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=247"},"modified":"2007-11-03T14:11:52","modified_gmt":"2007-11-03T12:11:52","slug":"zersetzung-hat-mit-erlosung-zu-tun-zurcher-tagesanzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=247","title":{"rendered":"ZERSETZUNG HAT MIT ERL\u00d6SUNG ZU TUN (Z\u00dcRCHER TAGESANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief denkt im Z\u00fcrcher Migros-Museum intensiv \u00fcber den Film nach<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Barbara Basting<\/em><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, das sind Aufsehen erregende Theaterinszenierungen samt Strassenaktion wie \u00abHamlet\u00bb (2001) unter Einbezug von ausstiegswilligen Neonazis oder \u00abAttabambi Pornoland\u00bb (2003), beide in der \u00c4ra Christoph Marthaler in Z\u00fcrich. Es sind politische Akupunkturen wie der \u00abAusl\u00e4nder raus\u00bb-Container (2000) in Wien oder die Gr\u00fcndung der \u00abChurch of Fear\u00bb (2003) in Venedig. Es sind seine viel diskutierten Operninszenierungen, sein Bayreuther \u00abParsifal\u00bb (seit 2004) und sein \u00abFliegender Holl\u00e4nder\u00bb (2007) im brasilianischen Manaus.<\/p>\n<p>Und es sind Provokationen, so weit das Auge reicht. Doch das Auge schaut bekanntlich manchmal zu weit voraus und sucht reflexartig die Provokation, weil das zum von Schlingensief abgesteckten Erwartungshorizont geh\u00f6rt. So mag mancher schon aufschrecken und Blasphemie wittern, wenn auf der Einladungskarte des Migros-Museums, in dem der 1960 geborene deutsche Multik\u00fcnstler nun mit einer Einzelausstellung unter dem Titel \u00abQuerverst\u00fcmmelung\u00bb zu Gast ist, ein verkr\u00fcppelter Gekreuzigter zu sehen ist.<\/p>\n<p>Es ist aber \u00abnur\u00bb einer der behinderten Schauspieler, mit denen Schlingensief seit langem zusammenarbeitet. Nicht allein die Sch\u00f6nheit, auch das Vorurteil liegt eben im Auge des Betrachters. Dazu passt, was Schlingensief j\u00fcngst in einem Interview \u00e4usserte: \u00abWas mich langweilt, ist das Monopol des Betrachters. Wer betrachtet mal den Betrachter?\u00bb<\/p>\n<p>Der stotternde, sich aufl\u00f6sende Film<\/p>\n<p>Und so montierte er in seiner begehbaren Theaterinstallation \u00abKaprow City\u00bb an der Volksb\u00fchne Berlin 2006 Videokameras, die auch die Besucher beim Rundgang mitfilmte. Im Migros-Museum er\u00f6ffnet ein Teil der Berliner Drehb\u00fchne, die wie ein aufgeschnittener Ammonit in Kompartimente eingeteilt war, die Schau. Sie ist aber nicht mehr wie dort begehbar, sondern knapp einsehbar in Plastikfolie verpackt. Nur Filme, alle in Schwarzweiss, und Fotografien erinnern unter anderem an Schlingensiefs Remake der \u00ab18 Happenings in 6 Parts\u00bb (1959) des Performance-K\u00fcnstlers Allan Kaprow. Manche Filme sind auf und hinter faltige Folien projiziert. Verschleierungen, Verzerrungen, Verwischungen \u2013 Traumbilder, Schemen der Erinnerung sind das.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief scheint das Theater ad acta legen zu wollen. Vor einer Projektion mit doppelt belichteten Filmszenen aus seiner Kindheit, die er nach dem Tod seines Vaters im vergangenen Fr\u00fchjahr wieder ausgegraben hat, erkl\u00e4rt er, dass er sich nun wieder st\u00e4rker auf seine Anf\u00e4nge als Filmemacher zur\u00fcckbesinne. Deren Wurzeln l\u00e4gen in den Normal-8-Filmen des Vaters. Schlingensief erz\u00e4hlt von den Minikinos, die er als Sch\u00fcler baute, und von unausgepackten, aber entwickelten Filmen, die er k\u00fcrzlich wie eine Flaschenpost aus seiner Jugend entdeckt hat. Er schw\u00e4rmt fast von den Doppelbelichtungen, die sich mit diesem Vorg\u00e4ngerformat des Super-8-Films ergaben.<\/p>\n<p>Jenseits der biografischen Anekdote beginnt hier der rote Faden der Ausstellung: Sie ist eine Auseinandersetzung mit der Materialit\u00e4t des Mediums Film. Nicht als Technikgeschichte, sondern als Geschichte von Bildr\u00e4umen, experimentellen Strukturen, \u00abBildern, die sich fortschreiben, einander \u00fcberlagern, aufl\u00f6sen\u00bb, so Schlingensief. Ihn interessiert der Moment, in dem die Dinge nicht mehr reibungslos laufen, in dem der Film reisst, ins Stottern kommt, sich abn\u00fctzt. Dann, er sagt das \u00f6fter, \u00abbeginnt es zu atmen\u00bb.<\/p>\n<p>In der Installation \u00ab18 Bilder pro Sekunde\u00bb (2007) \u2013 weniger als die \u00fcblichen 24, wegen des Stotterns \u2013 projiziert er 12 Filme, die in Manaus entstanden, auf die B\u00e4uche von zw\u00f6lf monumentalen Apostelfiguren. Sie stammen von einem Karnevalswagen aus Manaus. Das Ganze erinnert halb an die Teletubbies mit ihrem Bildschirmbauch, halb an Operationsbilder von ge\u00f6ffneten M\u00e4gen. Verdaut und verschlissen wird bei diesem Abendmahl das Medium Film; die Reste liegen wie Reliquien in Vitrinen vor den Aposteln. Der Synkretismus, mit dem hier Religion, Volkstum, Oper, Alltag gemischt werden, ist typisch f\u00fcr Schlingensief \u2013 und f\u00fcr sein Interesse \u00abam Raum, den der Film erzeugt\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abWas k\u00f6nnten hier f\u00fcr Texte passen?\u00bb<\/p>\n<p>Schlingensief sucht \u2013 daf\u00fcr gibt es in der Schau noch weitere Beispiele \u2013 nicht nur nach neuen Pr\u00e4sentationsformen, sondern auch nach dem \u00abFilm der Zukunft\u00bb. Am deutlichsten ist dies in der Installation mit seinem \u00abAnimatographen\u00bb (2007) und dem auf vielen Screens gleichzeitig projizierten Rohmaterial aus seinem unvollendeten Projekt \u00abThe African Twintowers\u00bb; Rund 80 Minuten Film hat er bereits zusammengeschnitten, auch sie sind zu sehen. Die Weigerung, sich an konventionelle Erz\u00e4hlmuster zu halten, wird etwa in ironisch eingestreuten Regiebemerkungen sichtbar: \u00abWas k\u00f6nnten hier f\u00fcr Texte passen?\u00bb, heisst es an einer Stelle.<\/p>\n<p>\u00abDie Geradlinigkeit ist f\u00fcr uns das dominante Prinzip des Erz\u00e4hlens\u00bb, so Schlingensief. Klar, dass es f\u00fcr ihn das langweiligste ist. Denn es verf\u00fchrt zum \u00abBebildern\u00bb. Genau dies will er umgehen, weil es immer auch eine Vereindeutigung mit sich bringt. Es geht ihm um das \u00abPr\u00fcfen von M\u00f6glichkeiten\u00bb, um neue Erfahrungen mit dem Geschichtenerz\u00e4hlen. Damit kn\u00fcpft er an eine lange Tradition des Experimentalfilms an. Und es ist wie mit seiner im \u00abParsifal\u00bb gezeigten Nahaufnahme eines verwesenden Hasen: F\u00fcr den Regisseur hat Zersetzung mit Erl\u00f6sung zu tun. Was dem Hasen widerf\u00e4hrt, widerf\u00e4hrt auch den Bildern: Sie werden permanent in einen neuen Aggregatzustand \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Unpolitisch und zahm geworden ist Schlingensief damit keineswegs: Gibt es etwas Politischeres als die Arbeit an Projektionen? Dass sie weniger plakativ ist als seine fr\u00fcheren \u00abSchnellinterventionen\u00bb, scheint ihm derzeit gerade recht. Schlingensiefs neue Skepsis gegen\u00fcber dem medial rasch ausgebeuteten, schnell verpufften Skandal spricht f\u00fcr ihn. <\/p>\n<p>Z\u00fcrcher Tagesanzeiger, 3.11.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief denkt im Z\u00fcrcher Migros-Museum intensiv \u00fcber den Film nach<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=247"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}