{"id":246,"date":"2007-10-22T19:36:53","date_gmt":"2007-10-22T17:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=246"},"modified":"2007-10-22T19:36:53","modified_gmt":"2007-10-22T17:36:53","slug":"christoph-schlingensief-querverstummelung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=246","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: QUERVERST\u00dcMMELUNG"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einzelausstellung, 3. November \u2013 3. Februar 2008 im Migros Museum f\u00fcr Gegenwartskunst, Z\u00fcrich<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas k\u00fcnstlerische Bet\u00e4tigungsfeld Christoph Schlingensiefs (1960 geboren in Oberhausen) zusammenzufassen, gleicht einem Streifzug durch die K\u00fcnste \u2013 vom Filmemacher zum politischen Aktionsk\u00fcnstler, vom Theater- und Opernregisseur zum Schauspieler, vom Maler zum Kolumnenschreiber. Mit seinen \u00fcberbordenden Materialballungen schafft er nicht nur fliessende Grenzen zwischen Kunstgattungen, sondern de- und rekonstruiert Bildwelten, die alles in sich aufsaugen, sich einer Linearit\u00e4t und klassischen Narration verweigern und den Betrachter mit dem Gef\u00fchl der \u00dcberforderung zur\u00fccklassen. Um seine T\u00e4tigkeiten unter einen Oberbegriff zu fassen, ist man versucht, den Begriff des \u00abUniversalk\u00fcnstlers\u00bb zu verwenden. In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz bringt Schlingensief Werkkomplexe der letzten beiden Jahre zusammen: von einer (Re-)Dekonstruktion seiner Kaprow City (2006), die erstmals an der Volksb\u00fchne in Berlin pr\u00e4sentiert wurde, \u00fcber seine 16-mm-Film-Installation 18 Bilder pro Sekunde (2007) bis zu einer erstmalig pr\u00e4sentierten Filmfassung von The African Twintowers (2005\/07), die in L\u00fcderitz (Namibia) gedreht wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/4_DSC8284.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Querverst&Atilde;&frac14;mmelung\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Bereits in seinen fr\u00fchen Filmen, die Schlingensief Ende der 1980er Jahre drehte, wie 100 Jahre Adolf Hitler \u2013 Die letzten Stunden im F\u00fchrerbunker (1988) oder Egomania \u2013 Insel der Hoffnung (1986) l\u00e4sst sich eines seiner wichtigsten \u00e4sthetischen Prinzipien erkennen, mit dem er auch heute noch konsequent arbeitet: Anhand einer visuellen und\/oder akustischen \u00dcberlagerung, die beim Betrachter eine \u00dcberforderung ausl\u00f6st und eine Implosion im eigenen Bildaufnahmespeicher stattfinden l\u00e4sst, wird ein alternativer Weg f\u00fcr den Betrachter geebnet, um sich eine eigene \u00abneue Bildmontage\u00bb und Narration zu schaffen. Die Total-Irritation als Mittel zur Befreiung, zu einer neuen Form der Konzentration erfordert eine aktive Haltung und Entscheidungsf\u00e4higkeit des Betrachters. Gerade in seinen Theaterarbeiten, mit denen er die gr\u00f6sste Bekanntheit erlangt hat, wie zum Beispiel Attabambi-Pornoland \u2013 Die Reise durchs Schwein, die im Jahr 2004 am Schauspielhaus Z\u00fcrich aufgef\u00fchrt wurde, l\u00e4sst sich exemplarisch das Prinzip der Illusionsverweigerung konstatieren, das in einer intermedialen Welt abgehandelt wird, in der \u00dcberbleibsel der Wagnerianischen Gesamtkunstwerksidee sich mit dem Artaudschen Theater der Grausamkeit sowie dem Abjekten der Postmoderne paaren. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/1_DSC8241.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Querverst&Atilde;&frac14;mmelung\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Als Auftakt der Ausstellung steht die als urspr\u00fcnglich begehbare Installation auf einer Drehb\u00fchne konzipierte Kaprow City, die erstmals im Jahr 2005 an der Volksb\u00fchne in Berlin gezeigt wurde. Als Ausgangslage diente Schlingensief das bekannte Happening 18 Happenings in 6 Parts (1959) des amerikanischen K\u00fcnstlers Allan Kaprow (1927\u20132006). Zentrales Anliegen in diesem Happening war das \u00dcberf\u00fchren von theatralen Elementen in die bildende Kunst, um diese aus ihrer malerisch-kontemplativen Stagnation zu befreien. Dies jedoch nicht mit artifiziellen, k\u00fcnstlerischen Handlungen, sondern durch einfache Verrichtungen wie zum Beispiel das Auspressen einer Orange. Indem es dem Betrachter verunm\u00f6glicht wurde, durch r\u00e4umliche Trennungen alle stattfindenden Happenings gleichzeitig zu sehen, sollte auch die Idee eines fragmentarischen Sehens gef\u00f6rdert werden. Diese beiden Ans\u00e4tze, die Aufspaltung der Betrachter in verschiedene Gruppen und das Ausf\u00fchren von einfachen, allt\u00e4glichen Verrichtungen \u2013 teilweise von Menschen mit Behinderungen \u2013, wurden in Kaprow City \u00fcbernommen. Das Einbinden von Behinderten, aber auch Arbeitslosen oder anderen Sozialgruppen, die am Rande der postfordistischen Gesellschaft existieren, kann als weiteres Element der Arbeitspraxis Schlingensiefs gesehen werden: Sie werden aufgrund ihrer scheinbaren Funktionslosigkeit zu Agenten der Kritik. Die Rekonstruktion von Kaprow City, die durch ihren Funktionswechsel gleichsam zu deren Dekonstruktion wird, deutet nicht nur Schlingensiefs Abkehr vom Theaterraum an, sondern wird gleich einer M\u00f6biusschleife kurzgeschlossen. Die Stadt wird zur Ruine, die von neuem als Projektions- und Spielfl\u00e4che dienen kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"centered\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/3_DSC8269.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"3 DSC8269\" \/><\/p>\n<p>Seit geraumer Zeit wendet sich Schlingensief wieder intensiver dem Medium Film zu, dem eine Hauptrolle in der Ausstellung zukommt. In der Arbeit 18 Bilder pro Sekunde (2007), eine aus zw\u00f6lf 16-mm-Projektoren bestehende Installation, deren Filme auf einer Bolex-Kamera gedreht und allesamt in Manaus w\u00e4hrend der Vorbereitungszeiten zu seiner Operninszenierung von Wagners Fliegendem Holl\u00e4nder entstanden sind, zeigt sich besonders Schlingensiefs Interesse an der Materialit\u00e4t des Films, an dessen organischem Anteil \u2013 und somit dessen M\u00f6glichkeit der langsamen Zersetzung, des Sichaufl\u00f6sens. Nicht nur verheddern und reissen die Filme durch die Loop-Projektionen immer wieder \u2013 sie bleichen auch langsam aus: Erinnerungen werden kathartisch gel\u00f6scht, durch die Lampen der Projektoren gereinigt, erl\u00f6st. Ihre Vorg\u00e4nger, Kopien vom letzten Ausstellungsort, werden sarg\u00e4hnlich in Vitrinen aufbewahrt, mitsamt ihrer protokollierten Leidensgeschichte, wann und an welcher Stelle sie gerissen sind. In diesem Zusammenhang k\u00f6nnen auch die monumentalen Apostelfiguren gelesen werden, die von einem Karnevalswagen in Manaus stammen. Sie referieren auf das letzte Abend-mahl, das durch Judas\u2019 Verrat den Anfang der Passionsgeschichte darstellt, und fassen die Projektoren r\u00e4umlich ein. Bilder werden in Schlingensiefs Arbeiten immer zur Abnutzung freigegeben, auf einen \u00abErl\u00f6sungsweg\u00bb geschickt. Der Titel bezieht sich dabei auf das filmische Paradigma der 24 Bilder pro Sekunde, die, mit Godard, 24 Mal pro Sekunde die Wahrheit erz\u00e4hlen und unterzieht dieses einer Revision. F\u00fcr Schlingensief gen\u00fcgen bereits 18 Bilder pro Sekunde, um ein fl\u00fcssiges Bild zu bekommen. Die Dunkelphase, die Zeitspanne zwischen zwei Einzelbildern, macht f\u00fcr ihn ausserdem den eigentlichen Kreationsimpuls, die Lebendigmachung des Bildes, aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/2_DSC8256.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Querverst&Atilde;&frac14;mmelung\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Die erste Filmfassung von The African Twintowers (2005\/07), eine 80-Minuten-Version, die erstmals im Museum gezeigt wird, kann als \u00abAuswuchs\u00bb aus Schlingensiefs Animatograph (2005), einer \u00abaktionistischen Fotoplatte\u00bb, einer Installation auf einer Drehb\u00fchne, bezeichnet werden. Dabei bezieht sich Schlingensief auf den historischen Begriff des \u00abAnimatographen\u00bb, einer Apparatur aus der Fr\u00fchzeit des Films, die synonymisch f\u00fcr die erste funktionierende Kamera steht. Dabei handelte es sich um einen Kinematographen, der gleichzeitig zur Aufnahme, aber auch Projektion benutzt werden konnte. So kann Schlingensiefs Animatograph nicht nur als Projektionsfl\u00e4che verwendet werden, sondern auch als Aktionsort f\u00fcr The African Twintowers. Gedreht wurde der Film in L\u00fcderitz (Namibia). Der Film handelt von den Ereignissen von 9\/11 und verwendet Versatzst\u00fccke aus der nordischen Sagenwelt sowie Elemente aus dem afrikanischen Schamanentum. Es kommen Figuren wie Hagen von Tronje, Odin und Edda, Mitglieder des Volkes der Hereros, eines afrikanischen Hirtenvolks, und Geister darin vor \u2013 sowie Musik von Patti Smith mit Texten von Elfriede Jelinek. Die Projektion erfolgt aus der Kirche der Church of Fear (2003), einer Initiative, deren Ziel es ist, ihre Anh\u00e4nger zum Bekennen der eigenen Angst und des Versagens zu bringen. \u00abMan kann meines Erachtens voller Lust, Freude und Vorsatz scheitern. In meiner Arbeit war das immer ein Scheitern, das durch die Aufhebung von Zielgerade und Zielpunkt, von Raum und Zeit entstanden ist. Wenn man es innerlich schafft zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns bedarf, um Kr\u00e4fte nutzbar zu machen, wird viel passieren.\u00bb<\/p>\n<p>migros museum f\u00fcr gegenwartskunst<br \/>\nLimmatstrasse 270<br \/>\n8005 Z\u00fcrich<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.migrosmuseum.ch\">www.migrosmuseum.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einzelausstellung, 3. November bis 3. 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