{"id":243,"date":"2007-09-04T13:05:45","date_gmt":"2007-09-04T11:05:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=243"},"modified":"2007-09-04T13:05:45","modified_gmt":"2007-09-04T11:05:45","slug":"nach-der-scheidung-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=243","title":{"rendered":"NACH DER SCHEIDUNG (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Moritz Eggerts Oper &#8222;Freax&#8220; und Schlingensiefs Freakstars&#8230;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON WOLFGANG FUHRMANN<\/em><\/p>\n<p>Es muss als ein gl\u00e4nzender H\u00f6hepunkt in Christoph Schlingensiefs k\u00fcnstlerischem Wirken angesehen werden, dass er Moritz Eggerts Oper &#8222;Freax&#8220; nicht inszeniert hat. Keine zwei Wochen vor der Urauff\u00fchrung in der Bonner Kunsthalle hatte das Beethoven-Fest bekanntgegeben, dass &#8222;Musik und Inszenierung getrennt&#8220; dargeboten w\u00fcrden. Schlingensiefs Beitrag, eine Performance mit Filmprojektion, wurde in der Pause gezeigt, die Oper konzertant uraufgef\u00fchrt. Zu Beginn des Abends hatte Eggert dem Auditorium pathetisch verk\u00fcndet: &#8222;Ich lege meine Musik in Ihre H\u00e4nde. Sie, das Publikum, sind jetzt die besten Regisseure dieses St\u00fccks.&#8220; Hinterher freilich h\u00e4tte man den Regieauftrag gerne wieder zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n<p>Warum gingen Regie und Musik getrennte Wege? Auf seiner Website hat sich Schlingensief dezidiert dazu ge\u00e4u\u00dfert. Die Oper &#8222;Freax&#8220; lehnt sich an Tod Brownings Film &#8222;Freaks&#8220; von 1932 an, der lange in einigen US-Bundesstaaten verboten war, weil er Behinderte als Hauptdarsteller und Sympathietr\u00e4ger einsetzte (w\u00e4hrend die normal Gewachsenen die eigentlich B\u00f6sen sind, an denen die Freaks zuletzt archaische Rache nehmen). Dieser Film gab Schlingensief wesentliche Impulse f\u00fcr die eigene Arbeit mit seiner Behinderten-Truppe, den &#8222;Freakstars&#8220;, und dass diese nun &#8222;ausgerechnet bei dem Thema, das ihr Thema ist, nur als ,Generalpausenf\u00fcller&#8216; und Referenzmaterial vorkommen&#8220; sollten, sei der Anlass gewesen, die Sph\u00e4ren von Musik und Regie zu trennen. <\/p>\n<p>Im fertigen B\u00fchnenbild und vollen Kost\u00fcm sa\u00dfen die S\u00e4nger nun mit den Noten in der Hand &#8211; was allerliebst wirkte, wenn etwa Johannes Fl\u00f6gl als Romeo in einem schlaff vom K\u00f6rper h\u00e4ngenden Schneeleopardenkost\u00fcm beim Hinsetzen immer seinen Pl\u00fcsch-Schwanz artig zur Seite legte. Text und Szenenanweisungen waren von der \u00dcbertitelungsanlage zu lesen, und das Beethoven-Orchester Bonn leistete unter Wolfgang Lischke Hervorragendes. So bot sich jede Gelegenheit, unabgelenkt von szenischen Umtrieben \u00fcber das &#8222;Was&#8220; des Werkes nachzudenken, wie es Eggert im Programmheft emphatisch gefordert hat. <\/p>\n<p>Es gehe ihm, so hatte er vorab erkl\u00e4rt, eigentlich gar nicht um Behinderte, sondern um Sch\u00f6nheitsideale: Die seien einerseits immer subjektiv, andererseits sehe man ja an den d\u00fcrren Models, wohin das f\u00fchre. Das geistige Niveau, auf dem sich die Oper nach einem Libretto von Hannah D\u00fcbgen bewegt, ist damit schon markiert. Angesichts einer schlagworthaft pr\u00e4tendierten Medien- und Gesellschaftskritik kann sich der Zuseher beruhigt zur\u00fccklehnen &#8211; wie so oft, wenn diese Stichworte fallen. Auf sie gab Schlingensief die richtige Antwort, als er die Beteiligung der Behinderten forderte &#8211; und er w\u00e4re nicht Schlingensief, h\u00e4tte er diese richtige Antwort nicht sogleich ins Konsequent-Abseitige weitergef\u00fchrt: Die Behinderten h\u00e4tten, als Zentralthema, auch selbst zu singen. So absurd dies auch wirken mag, w\u00e4re damit doch etwas gewagt worden, so wie in Schlingensiefs Theater mit Behinderten etwas gewagt wird, und sei es, sich den Vorwurf der Ausbeutung zuzuziehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Eggert hingegen ist das Behindertsein nur ein fl\u00fcchtiger Charakterstrich in einer Dramaturgie, die Personen nach dem Muster von Seifenopern skizziert. Die Frage, was etwa das Dasein eines siamesischen Zwillings von dem eines Hermaphroditen unterscheide, erscheint den Autoren nur insofern interessant, als das Zwillingsschwesternpaar ein Duett singen kann, w\u00e4hrend der Hermaphrodit seine gespaltene Identit\u00e4t allein, nur im Dialog zwischen Brust- und Falsettstimme, verhandeln muss. <\/p>\n<p>Daraus entstehen dann sch\u00f6ne Nummern; die Darsteller Hege Gustava Tj\u00f6nn\/Barbara Schmidt-Gaden (Anne-Marie\/Marie-Claire) sowie vor allem der Countertenor Otto Katzameier (Dominique) entpuppten sich denn auch als die Publikumslieblinge des Abends. Das Nummern-Singen ist die Form, in der Textautorin und Komponist am ehesten zusammenfinden &#8211; alles andere beschr\u00e4nkt sich auf die sattsam bekannte Deklamation unmusikalisch konzipierter Stadttheaterdialoge. Bezeichnenderweise macht es musikalisch dabei keinerlei Unterschied, ob das Zwitterwesen Dominique sich im ersten Akt in einer Travestienummer zur Schau stellt oder ob es im zweiten Akt seine unerwiderten Gef\u00fchle f\u00fcr Isabella bekennt: Registerwechsel und Stil sind dieselben, die Schlussphrase wird mehrfach verklingend wiederholt, wie in einer gro\u00dfen Nummer im Friedrichstadtpalast. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheint sich diese Oper in ihren pr\u00e4gnanteren Momenten weniger auf die eigene Gattungsgeschichte zu beziehen, als in Szenenwechsel, Dramaturgie und musikalischer Gef\u00e4lligkeit der Popkultur nahezukommen, ohne freilich wiederum eine entsprechend leichte Konsumierbarkeit zu erzielen. Die anspielende, zitierende (unter anderem &#8222;Rheingold&#8220; und Beethovens Neunte) und verfremdende musikalische Sprachlosigkeit dieser gro\u00dforchestrierten Partitur wirkt am freiesten und unverkrampftesten in den Barszenen, wenn Eggert f\u00fcr Es-Klarinette, Trompete, Akkordeon, Violine, Bass und Schlagzeugset ganz unverf\u00e4lscht jazzige Hintergrundmusik komponieren kann. &#8222;Freax&#8220; ist ein andersbegabtes Musical.<\/p>\n<p>Von Christoph Schlingensief mag man nun halten, was man will, auf die Rolle des gel\u00e4ufigen Kunstgewerbetreibenden versteht er sich nicht; wie Eggert mal ein Fu\u00dfballoratorium f\u00fcr die Ruhrtriennale, mal ein Behindertenst\u00fcck f\u00fcrs Beethovenfest zu komponieren, w\u00e4re ihm fremd. In Schlingensiefs Installation und Film &#8222;Fremdverst\u00fcmmelung, 2007&#8220; gaben sich seine Freakstars bei bester Laune einem Festmahl hin, im Arrangement an Leonardos &#8222;Das letzte Abendmahl&#8220; erinnernd. Dar\u00fcber wurde ein Schwarzwei\u00dffilm projiziert, der auch die Kreuzigung eines Freaks zeigte; neben Zitaten von Theodor W. Adorno und Erving Goffman las man unkommentierte Aussagen von Menschen, die nach einem Unfall als Behinderte wieder zu sich kamen. &#8222;Soll ich jetzt etwa mein ganzes Leben unter Blinden verbringen?&#8220;, fragte da einer. Und ein anderer mochte einfach nicht glauben, dass die Maske im Spiegel nun sein Gesicht sein sollte. Diese paar Minuten \u00fcberbelichtetes Pausenfilm l\u00f6sten in den Betrachtern mehr Fragen aus als der ganze, qu\u00e4lend aufgeplusterte Opernapparat vor- und hinterher.  <\/p>\n<p>FAZ, 4.9.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moritz Eggerts Oper &#8222;Freax&#8220; und Schlingensiefs Freakstars&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/243"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=243"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/243\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}