{"id":241,"date":"2007-09-04T13:00:47","date_gmt":"2007-09-04T11:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=241"},"modified":"2007-09-04T13:00:47","modified_gmt":"2007-09-04T11:00:47","slug":"fehlgeburt-einer-monsteroper-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=241","title":{"rendered":"FEHLGEBURT EINER MONSTEROPER (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Bonn verweigert sich Christoph Schlingensief den &#8222;Freax&#8220; des Komponisten Moritz Eggert&#8230;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Manuel Brug<\/em><\/p>\n<p>Die Beteiligten hatten es sich so sch\u00f6n ausgemalt. Da ist zun\u00e4chst Moritz Eggert, 42-j\u00e4hriger Komponist mit ziemlich mittelm\u00e4\u00dfiger Begabung, aber vielen Auftr\u00e4gen. Er wei\u00df gut auf der Medienklaviatur zu klimpern. Einst machte er auf seinem albernen &#8222;A*Devantgarde&#8220;-Festival viel L\u00e4rm, dann gab es eine Liebesoper mit Helmut Krausser bei der M\u00fcnchner Biennale. Zuletzt vertonte er einen abendf\u00fcllend gespielten Altherrenwitz von Hans Neuenfels (&#8222;Die Schnecke&#8220;), vermurkste f\u00fcr J\u00fcrgen Flimms Ruhrtriennale ein Fu\u00dfballspiel zum Oratorium und kondensierte zur Er\u00f6ffnung der Salzburger Mozart-Festspiele dessen 22 B\u00fchnenwerke zu einer zehn Minuten Schnipsel-Kakophonie.<\/p>\n<p>Nun wollte Eggert, zusammen mit der sich offenbar f\u00fcr eine Literatin irgendwo zwischen Ulla Hahn und Hera Lind haltenden Hannah D\u00fcbgen, den lange verbotenen Kultfilm &#8222;Freaks&#8220; von &#8222;Dracula&#8220;-Regisseur Tod Browning f\u00fcr eine Oper ausschlachten. In dem Klassiker von 1932 werden echte Kleinw\u00fcchsige und Behinderte gezeigt, die eine intrigante Zirkusk\u00fcnstlerin selbst in einen Freak verwandeln. Eggert glaubte, hier ein ganz hei\u00dfes Operneisen anzufassen. Offenbar ist ihm das Behindertenpotenzial &#8211; sei es sprachlos, blind, verkr\u00fcppelt oder zwergw\u00fcchsig &#8211; von Opern wie Aubers &#8222;Die Stumme von Portici&#8220; (1830) verborgen geblieben, oder von Verdis &#8222;Rigoletto&#8220; (1851), Wagners &#8222;Ring&#8220; (1851-1874), Tschaikowskys &#8222;Jolanthe&#8220; (1892), Schmidts &#8222;Notre Dame&#8220; (1914), d&#8217;Alberts &#8222;Die toten Augen&#8220; (1916) oder Schrekers &#8222;Die Gezeichneten (1918).<\/p>\n<p>Als Auftraggeber f\u00fcr &#8222;Freax&#8220; kommen nun Klaus Weise und Ilona Schmiel mit ins Opernspiel. Der nicht eben gl\u00fccklich agierende Bonner Generalintendant, dem die Landesregierung immer mehr Zusch\u00fcsse streicht, und die teflonglatte Intendantin des von ihr erfolgreich neu positionierten Beethoven-Festes witterten hier die Chance, die neue Saison mit einem Knaller zu starten &#8211; der nun leider ein totaler Rohrkrepierer wurde.<\/p>\n<p>Und das lag nicht nur an Christoph Schlingensief und seiner frohgemuten Behindertentruppe, die man als quasi authentisches Garnierwerk um und in die Opernurauff\u00fchrung zu arrangieren trachtete. Schlingensief wollte nat\u00fcrlich den von ihm hoch verehrten &#8222;Freaks&#8220;-Film zur Grundlage seiner B\u00fchnenauseinandersetzung machen (von Inszenierung wollen wir gar nicht sprechen), Eggert die verblasenen Herzergie\u00dfungen seiner Librettistin. Schlingensief hat zwar die exterritoriale Dramenmaschine Berliner Volksb\u00fchne neu befeuert, mit seiner Bilderwalze &#8222;Parsifal&#8220; Bayreuth in die Knie gezwungen und eben den brasilianischen Dschungel mit seinem &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; erobert, von der ihn hei\u00df an ihr geldiges Herz dr\u00fcckenden Kunstwelt ganz zu schweigen. Aber das Tarif-Terrain Deutsches Stadttheater und die im Subventionsgestr\u00fcpp wuchernde M\u00f6chtegern-Musikavantgarde sind ihm herzlich fremd.<br \/>\nAls h\u00f6chste mediale Aufmerksamkeit sichernder &#8222;Freax&#8220;-B\u00fchnenmeister kam er mit dem Stoff kaum zurecht, die Musik \u00fcberzeugte ihn nicht, er sah darin keine M\u00f6glichkeit, seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Eine Augenkrankheit Schlingensiefs und die Sommerpause taten ihr \u00dcbriges. Die Premiere fiel aus und fand trotzdem statt: Bonn erlebte nun das Kuriosum einer Urauff\u00fchrung, die keine war, aber zweieinhalb vergn\u00fcgliche und einen halben, zum G\u00e4hnen faden Akt hatte.<br \/>\n1. Akt: Pressekonferenz im Saal Paris des Bonner Hilton. Die federnumflatterte Schmiel und der total liberale Weise philosophieren \u00fcber Wege und Werkstatt, das offene Ende des Neuen. Sie wollen, dass der Premierenlappen hochgeht, koste es, was es wolle. Eggert annektiert das Schlingensief-Motto &#8222;Scheitern als Chance&#8220; und hofft, dass in der konzertanten Urauff\u00fchrung, ohne st\u00f6rende Szene, der wahre Wert seiner Musik gew\u00fcrdigt werde. Au\u00dferdem hat er im Programmheft neun (!) Seiten f\u00fcr Biografie, Preise, Auszeichnungen, Ehrungen, wichtigste Werke, \u00f6ffentliche Funktionen und \u00c4mter bekommen. Schlingensief sagt wenig, philosophiert \u00fcber die Oper als Freakshow und wedelt mit den Attesten seiner Adeno-Viren, die ihn nat\u00fcrlich sofort auf Adorno bringen.<\/p>\n<p>Wenig aufgekl\u00e4rt, eher verwirrt begibt man sich in die Oper zum 2. Akt, der von Akt Zweieinhalb unterbrochen wird. Auf der B\u00fchne ist ein dreist\u00f6ckiger Aufbau zu sehen. Unten sitzen neben einem Kr\u00e4merladen mit Waage in zwei Zimmerchen Pianisten und eine Tanzkapelle. Dar\u00fcber steht der Chor in bunten, Oscar Schlemmers Triadischem Ballett nicht un\u00e4hnlichen Kost\u00fcmen. Man kann ihn wegdrehen, dann sind da wieder drei R\u00e4ume, mit B\u00fcgelbrett und Weihnachtsbaum. In der dritten Etage laufen hinter J\u00e4gerz\u00e4unen und Plastikgeranien Probenfilme aus den Zimmern im Erdgeschoss. Vor dem Orchestergraben sind die S\u00e4nger im Kost\u00fcm aufgereiht, im halb \u00fcberbauten Parkett lauern zwei Schauspieler auf einem J\u00e4gersitz und einem Wachturm. Die stammelnden Texte und B\u00fchnenanweisungen gibt es zum Mitlesen.<\/p>\n<p>Zum H\u00f6ren gibt es eine \u00fcberinstrumentiert drittklassige, von Wolfgang Lischke und dem Beethoven-Orchester glei\u00dfend aufgesch\u00e4umte Musik zwischen Rummelplatz und Gekreisch, die sich in ihren besseren Momenten anh\u00f6rt wie durch den Zw\u00f6lftonfleischwolf gewursteter Weill. Obwohl oftmals s\u00e4ngerunfreundlich geschrieben, k\u00f6nnen wenigstens Otto Katzamaier mit einer Hermaphroditen-Ballade \u00e0 la Lloyd Webber sowie Hege Gustava Tj\u00f6nn und Barbara Schmidt-Garden als siamesische Zwillinge in einem Koloratur-Irrlauf punkten.<br \/>\nEingerahmt von unger\u00fchrtem Sektgl\u00e4serklirren f\u00fchrt Christoph Schlingensief in der Pause seinen szenisch-filmischen, auch als DVD verteilten Kommentar &#8222;Fremdverst\u00fcmmelung, 2007&#8220; auf. Weil hier die eingeb\u00fcrgerte Vorstellung von Oper, &#8222;also die Vorbelichtung des Gehirns&#8220; gescheitert sei. Eingerahmt von sechs Monitoren spielt schemenhaft auf einer B\u00fchne hinter einem Gazevorhang die Schlingensief-Familie offenbar Thomas Bernhards Behindertenparty &#8222;Ein Fest f\u00fcr Boris&#8220;. &#8222;Eine Torte, eine Torte&#8220;, schreit eine, &#8222;ich liebe nur Operette&#8220;, eine andere. \u00dcber sie hinweg projiziert werden ein dirigierender Torero, Probenausschnitte und eine Kreuzigung &#8211; samt Zitaten von Pirandello, Erving Goffman bis zu Adornos Furunkel. Dann folgt, leider, der zweite Opern-Teil.<\/p>\n<p>Nach der Vorstellung geht es ins chinesische Restaurant hinter der Oper, Schlingensief und Familie. Man futtert fr\u00f6hlich Ente s\u00fc\u00dfsauer. &#8222;Den S\u00e4ngern zuliebe&#8220; wechselt er dann doch noch auf die offizielle Premierenfeier. Und denkt noch einmal dar\u00fcber nach, die vom WDR live gesendete Eggert-Musik \u00fcber den Tod-Browning-Film zu legen und auf YouTube zu stellen.<\/p>\n<p>Die Welt, 4.9.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bonn verweigert sich Christoph Schlingensief den &#8222;Freax&#8220; des Komponisten Moritz Eggert&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}