{"id":240,"date":"2007-09-04T12:58:02","date_gmt":"2007-09-04T10:58:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=240"},"modified":"2007-09-04T12:58:02","modified_gmt":"2007-09-04T10:58:02","slug":"bitte-keine-musik-kolner-stadt-anzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=240","title":{"rendered":"BITTE KEINE MUSIK! (K\u00d6LNER STADT-ANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im letzten Moment trennte sich Regisseur Christoph Schlingensief von Moritz Eggerts Oper \u201eFreax\u201c. Als Torso \u00fcbrig blieb die konzertante Urauff\u00fchrung der Oper &#8211; und getrennt davon Schlingensiefs Filminstallation \u201eFremdverst\u00fcmmelung\u201c&#8230;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON RAINER NONNENMANN<\/em><\/p>\n<p>Dass sich ein Komponist von der Inszenierung seiner Oper distanziert, kommt vor. Wohl einzigartig ist, dass der Regisseur den Komponisten fallen l\u00e4sst, weil sich herausstellt, dass beider Auffassungen unvereinbar sind. Mit vollen Segeln sind jetzt Theater Bonn und Beethovenfest auf eine solche Kollision zugesteuert &#8211; und kl\u00e4glich gekentert. Im letzten Moment trennte sich Regisseur Christoph Schlingensief von Moritz Eggerts Oper \u201eFreax\u201c. Als Torso \u00fcbrig blieb die konzertante Urauff\u00fchrung der Oper &#8211; und getrennt davon Schlingensiefs in der Pause im Opernfoyer ablaufende Filminstallation \u201eFremdverst\u00fcmmelung\u201c, mit der er einen eigenen Zugang zur Vorlage von Tod Brownings Film \u201eFreaks\u201c \u00fcber Schwerbehinderte von 1932 realisierte.<\/p>\n<p>Die Intendanz h\u00e4tte wissen m\u00fcssen, dass zwischen diesen K\u00fcnstlern keine Zusammenarbeit m\u00f6glich ist. Der eine ist die Fehlbesetzung des anderen. Indes ist Scheitern ein zu gro\u00dfes Wort f\u00fcr die Unverfrorenheit, mit der man das eigentliche Ziel verfolgte: mit Hilfe von \u201eSkandalregisseur\u201c Schlingensief mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr die erste Urauff\u00fchrung am Bonner Stadttheater seit zehn Jahren zu erzwingen.<\/p>\n<p>Schlingensief brachte das Debakel mit der Frage auf den Punkt: \u201eWarum hat man mich nicht fr\u00fcher rausgeschmissen?\u201c Indes verwundert auch die Fehleinsch\u00e4tzung des Regisseurs, mit was f\u00fcr Musik er es hier zu tun bekommen w\u00fcrde. Trotz Beteuerungen, seine Inszenierung sei in erster Linie durch eine Infektion seiner Augen vereitelt worden, klangen die \u00e4sthetischen Differenzen durch. Der Hinweis, f\u00fcr die Regie in der Art eines Ausstattungsmusicals von Andrew Lloyd Webber h\u00e4tte man jemand anderes suchen m\u00fcssen, lie\u00df ahnen, was Schlingensief von Eggerts Musik h\u00e4lt &#8211; zu Recht \u00fcbrigens.<\/p>\n<p>Eggerts \u201eFreax\u201c ist eine Handlungsoper, wie sie konventioneller nicht ausfallen k\u00f6nnte. Sie reiht Gassenhauer, M\u00e4rsche, Walzer, Jazz-Combos, Chansons bis hin zum Beethoven-Jubel \u201eFreude sch\u00f6ner K\u00f6rperformen\u201c. Die Musik gleicht dem Kuriosit\u00e4tenkabinett, in dem fr\u00fcher verst\u00fcmmelte Menschen zur Schau gestellt wurden. Kongeniale Entsprechung zur Musik fand der Killmayer-Sch\u00fcler im phrasen- und kalauerreichen Textbuch der Librettistin Hannah D\u00fcbgen.<\/p>\n<p>Wer dachte, die Hollywood-Schnulzen seien Parodien auf die Geldgier, Bosheit und Verlogenheit, mit der die sch\u00f6ne S\u00e4ngerin Isabella (strahlend Julia Rutigliano) den zwergw\u00fcchsigen Franz (souver\u00e4n in gro\u00dfer Partie Thomas Harper) hintergeht, wurde eines Anderen belehrt. Eggerts eindimensionale Musik macht keinen Unterschied zwischen der Rahmenhandlung und den Show-Nummern, mit denen die \u201eFreax\u201c auftreten. Alle pathetischen Ch\u00f6re und Arien sind ernst gemeint. Neben den Operns\u00e4ngern ist kein Platz f\u00fcr die echten Behinderten, mit denen Schlingensief seit 1993 an der Berliner Volksb\u00fchne arbeitet.<\/p>\n<p>Stattdessen macht sich die Musik auf Kosten geschundener Kreaturen mit dem Showbusiness gemein, das sie zu kritisieren vorgibt. Das zeigten ein Duett der Siamesischen Zwillinge \u00fcber ihre jeweils \u201ebessere H\u00e4lfte aus einem Ei\u201c und ein Liebesduett, das ein st\u00e4ndig zwischen Bariton und Counter-Tenor wechselnder Hermaphrodit mit sich selbst singt. Der Szenenapplaus, den Hege Gustava Tj\u00f6nn, Barbara Schmidt-Gaden und der \u00fcberragende Otto Katzameier f\u00fcr diese \u201ekomischen\u201c Einlagen erhielten, verschmolz mit den Lachern aus dem Off, die sonst die Auftritte der \u201eMonster\u201c wie bei einer Comedy-Show quittierten.<\/p>\n<p>Schlingensiefs \u201eFremdverst\u00fcmmelung\u201c zeigt Momentaufnahmen von B\u00fchnenproben unter der sicheren Leitung von Wolfgang Lischke sowie Texte von Adorno, Erving Goffmans \u201eStigma\u201c und ihm selbst, die dem traditionellen Opernbetrieb eine klare Absage erteilen: \u201eDas Takten nach Noten ist wie das Malen nach Zahlen.\u201c Hinter halb durchsichtiger Filmleinwand stellten behinderte Schauspieler als lebendes Bild die Hochzeitstafel aus Brownings altem \u201eFreaks\u201c-Film nach. Der sich damit \u00fcberlagernde, teils ersch\u00fctternde Film gipfelte in der Kreuzigung eines Verkr\u00fcppelten, w\u00e4hrend schrilles Dauerl\u00e4uten zum zweiten Akt rief; als g\u00e4lte es, sich zwischen Schlingensief und Eggert zu entscheiden.<\/p>\n<p>Den Verbeugungen vor dem in Buh- und Bravo-Rufer gespaltenen Publikum blieb Schlingensief fern. Warum, das zeigte die so eindringliche wie verst\u00e4ndliche Bitte seines Films: \u201ePlease! No Music!\u201c<\/p>\n<p>K\u00f6lner Stadt-Anzeiger, 4.9.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Moment trennte sich Regisseur Christoph Schlingensief von Moritz Eggerts Oper \u201eFreax\u201c. Als Torso \u00fcbrig blieb die konzertante Urauff\u00fchrung der Oper &#8211; und getrennt davon Schlingensiefs Filminstallation \u201eFremdverst\u00fcmmelung\u201c&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/240"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=240"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}