{"id":24,"date":"2005-06-17T10:59:15","date_gmt":"2005-06-17T08:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=24"},"modified":"2005-06-17T10:59:15","modified_gmt":"2005-06-17T08:59:15","slug":"es-brauchte-leute-wie-schlingensief-oder-zadek-um-das-wieder-ins-theater-hineinzubringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=24","title":{"rendered":"&#8222;Es brauchte Leute wie Schlingensief oder Zadek, um das wieder ins Theater hineinzubringen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gespr\u00e4ch mit M.Brehm und Roberto Orth, den Kuratoren der Salzburger Ausstellung &#8222;Les Grands Spectacles&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Les Grands Spectacles&#8220;: Auf rund 2300 Quadratmetern beleuchten Margrit Brehm und Roberto Ohrt die Verbindungen von 120 Jahren Kunst und Massenkultur. Gespr\u00e4ch mit den beiden Kuratoren \u00fcber Salzburg als Schaub\u00fchne, Prince Charles und den &#8222;Arc de Triomphe&#8220; sowie das Ende der Spa\u00dfgesellschaft.<\/p>\n<p><em>Der Standard, 17.6.05<\/em><\/p>\n<p>STANDARD: &#8222;Les Grands Spectacles&#8220; umfasst 120 Jahre und fast ebenso viele K\u00fcnstler. Ein riesiges Kunstkompendium?<\/p>\n<p>Ohrt: Das gibt es nie und wurde auch nicht angestrebt. Die Ebenen am M\u00f6nchsberg geben die Grundfragestellungen vor: Die erste Ebene besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit den Ver\u00e4nderungen durch die Reproduzierbarkeit des Bildes, die zweite fokussiert die Installation der Massenmedien nach dem Zweiten Weltkrieg und zentrale Themen der 50er- und 60er-Jahre, bevor wir im dritten Teil zu den Zeitgenossen kommen. Ein sicherlich sehr weites Themenspektrum, das aber immer die Verbindung zu dem sucht, was die Medien thematisierten.<\/p>\n<p>STANDARD: Und extrem gro\u00dfe, klingende Namen.<\/p>\n<p>Brehm: Es ging nicht darum, eine Hitliste zu erstellen, sondern Verbindungen sichtbar zu machen. Zum Beispiel zu sagen, dass das Thema &#8222;Atombombe&#8220; von seiner \u00e4sthetischen, politischen wie seiner historischen Fragestellung eine gro\u00dfe Rolle in der Kunst gespielt hat. Aber unser Ausgangspunkt waren die Kunstwerke und nicht ein Konzept, das man bebildert. Heute reagiert die Kunst auf massenmediale Fragen sehr schnell. Im Vergleich dazu hatte die kritische k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg weniger Einfluss auf die Medien.<\/p>\n<p>STANDARD: Kommt man bei so einer Masse an Kunstwerken nicht selbst in die N\u00e4he eines Ausstellungsspektakels?<\/p>\n<p>Ohrt: Man kann sich der Situation nicht unbedingt entziehen: Wir sind in Salzburg, einem Festivalort, der perfekt mit beiden Seiten des Spektakels zu tun hat. Einerseits Disneyfizierung, andererseits klassische alte Theaterkultur &#8211; und vielleicht sogar eine dritte Seite: jene der barocken Planung der Stadt als Schaub\u00fchne. Es geht auch darum, an einem typischen Ort des Spektakels eine Ausstellung \u00fcber ebendieses Thema zu machen. Der Transformation der Kunstwelt in eine Event-Struktur kann man sich auch nicht ganz verweigern, da m\u00fcsste man das Ganze schon hier im Wald veranstalten. Das w\u00e4re nicht die richtige Strategie. So wie Martin Kippenberger sagte, man ist zwar &#8222;auch dabei&#8220;, aber in einer un\u00fcblichen Form, die nicht das liefert, was erwartet wird.<\/p>\n<p>STANDARD: &#8222;Spectacles&#8220; ist im Franz\u00f6sischen die &#8222;Auff\u00fchrung&#8220;, wird im Deutschen aber eher negativ besetzt.<\/p>\n<p>Brehm: Das hat viel mit der Trennung von ernster und unterhaltender Kultur Ende des 19. Jahrhunderts zu tun. Das seit dem Mittelalter auf den M\u00e4rkten existierende Spectaculum war stets verbunden mit Tricks und ein bisschen Betr\u00fcgerei. Aus dem ernsthaften Theater und Opernhaus wurden narrenhafte Figuren, wie man sie von Shakespeare kennt, ausgeschlossen, und es brauchte Leute wie Schlingensief oder Zadek, um das wieder ins Theater hineinzubringen.<\/p>\n<p>STANDARD: Haben wir gro\u00dfe Spektakelkunst zu erwarten in &#8222;Les Grands Spectacles&#8220;?<\/p>\n<p>Brehm: Es verbirgt sich hinter dem Titel keine Sensationsausstellung, die in erster Linie schockieren will, sondern wir zeigen Werke, die die Provokation bereits reflektieren. Nicht dass wir hier ein Britney-Spears-Memorial h\u00e4tten, aber ich h\u00e4tte nie gedacht, wie viele Kunstwerke sich mit der Aff\u00e4re rund um ihren Kuss mit Madonna besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p>STANDARD: Ist der Umgang der Gesellschaft mit dem &#8222;Spektakel&#8220; heute ein anderer?<\/p>\n<p>Brehm: Die Suche nach dem Spektakel hat eine andere Ebene erreicht: Ein Modell der Gelatin-Skulptur Arc de Triomphe, die 2003 einen Skandal ausl\u00f6ste, ist einer Aktion von Jean Tinguely aus dem Jahr 1970 gegen\u00fcbergestellt. Dieser stellte einen riesigen goldenen Phallus vor den Mail\u00e4nder Dom. Die 2000 bis 3000 Anwesenden klatschten bei der Enth\u00fcllung, aber die Aktion wurde in den Medien totgeschwiegen.<br \/>\nRund 30 Jahre sp\u00e4ter wird die ganze Diskussion fast v\u00f6llig auf die Ebene der Medien verschoben und dort skandalisiert. Sogar die Sun und der Daily Telegraph fragten an, ob das ein pers\u00f6nlicher Angriff auf Prince Charles sei, der an diesem Tag in Salzburg war. Nicht in den k\u00fchnsten Tr\u00e4umen h\u00e4tten wir daran gedacht!<\/p>\n<p>STANDARD: Die Zeiten der Spa\u00dfgesellschaft sind ja vorbei. Wie reagiert die Kunst darauf?<\/p>\n<p>Ohrt: Im Moment spielt die Spa\u00dfgesellschaft eher mit dem Tod. Aber im Fernsehen wird dieses Konzept noch weiter gezogen. Eine Video-Sound-Installation von Kendell Geers bezieht sich jedoch ganz konkret auf den Zusammenbruch der Twin Towers, und Daniele Buetti fertigte einen Springbrunnen aus den Ruinen.<\/p>\n<p>STANDARD: 9\/11 als Anfang vom Ende der Spa\u00dfgesellschaft?<\/p>\n<p>Ohrt: Nein, mit der Machtergreifung der Bush-Administration beginnt die Aufk\u00fcndigung der Spa\u00dfgesellschaft. Sie bestand ohnedies aus Leidensgemeinschaften. 9\/11 war lediglich das Signal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit M.Brehm und Roberto Orth, den Kuratoren der Salzburger Ausstellung &#8222;Les Grands Spectacles&#8220; &#8222;Les Grands Spectacles&#8220;: Auf rund 2300 Quadratmetern beleuchten Margrit Brehm und Roberto Ohrt die Verbindungen von 120 Jahren Kunst und Massenkultur. 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