{"id":239,"date":"2007-09-04T12:54:12","date_gmt":"2007-09-04T10:54:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=239"},"modified":"2007-09-04T12:54:12","modified_gmt":"2007-09-04T10:54:12","slug":"wer-sagt-das-kruppel-nicht-singen-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=239","title":{"rendered":"WER SAGT, DA\u00df KR\u00dcPPEL NICHT SINGEN? (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Freax&#8220; hei\u00dft eine neue Oper des Komponisten Moritz Eggert &#8211; Christoph Schlingensief sollte sie eigentlich am Theater Bonn inszenieren. Doch es kam anders&#8230;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON DOROTHEA MARCUS<\/em><\/p>\n<p>Letztlich war alles wohl ein Missverst\u00e4ndnis. Als Christoph Schlingensief das Libretto zur Oper &#8222;Freax&#8220;, ein Auftrag der Oper Bonn, in die Hand bekam, h\u00e4tte er erkennen k\u00f6nnen, dass seine Auffassung von Kunst von der des hochdekorierten M\u00fcnchener Komponisten Moritz Eggert empfindlich abweicht: Die auf die Spitze getriebene K\u00fcnstlichkeit und Regelhaftigkeit einer Oper kann nicht zusammengehen mit Authentizit\u00e4t und Grenzdurchl\u00f6cherung, die Schlingensief f\u00fcr seine Arbeit in Anspruch nimmt.<\/p>\n<p>Der Kultfilm &#8222;Freaks&#8220; von Tod Browning hat angeblich beide inspiriert, beteuerten sie auf der Pressekonferenz kurz vor der Urauff\u00fchrung und k\u00fcndigten als beste Freunde eine neue Form von experimentellem Musiktheater an: die Zweiteilung von Opern konzertant und Inszenierung filmisch. Browning war 1932 der Erste, der in seinem Film echte Verst\u00fcmmelte als Hauptdarsteller nahm.<\/p>\n<p>In Eggerts Oper und Brownings Film geht es um eine &#8222;Freak-Show&#8220;, ein Kuriosit\u00e4tenkabinett des 19. Jahrhunderts: &#8222;Freaks&#8220; sind hier zur Belustigung ausgestellte Behinderte, also Kleinw\u00fcchsige, siamesische Zwillinge oder Hermaphroditen. Ein reicher Zwerg verliebt sich in eine gro\u00dfe, sch\u00f6ne T\u00e4nzerin, die aber eigentlich den normalgro\u00dfen Showmoderator bevorzugt. Bei der Hochzeit f\u00e4llt sie aus der Rolle: Weil sie verweigert, von den &#8222;Freax&#8220; als eine der ihren anerkannt zu werden, beschimpft sie ihren Ehemann, den sie nach der Hochzeit umbringen will, als Monster. Daraufhin wird die T\u00e4nzerin von den &#8222;Freax&#8220; zerfleischt und muss k\u00fcnftig als arm- und beinloses &#8222;Vogelwesen&#8220; auf die B\u00fchne. Ihr Geliebter wird kastriert und tritt k\u00fcnftig, ironisch genug, als Operns\u00e4nger auf.<\/p>\n<p>Schon die Handlung, die auf eigenartige Weise die Ausgrenzung von Behinderten kritisiert und zugleich umdreht, h\u00e4tte allen Beteiligten klarmachen m\u00fcssen, dass es hier um einen unl\u00f6sbaren Konflikt geht: Was diese Oper erz\u00e4hlen wollte, sprengt ihre Form. So, wie Eggert die Musik angelegt hat, ist sie mit echten &#8222;Freaks&#8220; nicht singbar. Eine Oper mit Schauspielern, die als &#8222;Freaks&#8220; verkleidet sind, ist von Schlingensief, der seit Jahren mit einer &#8222;Family&#8220; aus unter anderem Kleinw\u00fcchsigen arbeitet, nicht inszenierbar. Im Gegenteil: Schlingensiefs Genie besteht darin, seit Jahren das zu machen, wozu ihn Browning inspirierte: n\u00e4mlich zu behaupten, dass sogenannte Behinderte sehr wohl S\u00e4nger oder Schauspieler sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Der Normale und der Stigmatisierte sind nicht Personen, sondern Perspektiven&#8220;, hat er als Zitat von Erving Goffman \u00fcber seine &#8222;Inszenierung&#8220; gelegt, die nur als Film in der Pause der konzertanten Auff\u00fchrung l\u00e4uft und jedem Zuschauer als DVD mitgegeben wird. &#8222;Fremdverst\u00fcmmelung&#8220;, so der Titel, verhandelt die wichtigen Fragen, die die Oper selbst gar nicht angreift. Wer weist wem die Freak-Rolle zu? Ist nicht ein Operns\u00e4nger auch einer? Kann die auf Perfektion getrimmte Opernmaschinerie \u00fcberhaupt dazu benutzt werden, sich mit dem Unperfekten einer &#8222;Behinderung&#8220; auseinanderzusetzen? Wer oder was bestimmt, was perfekt ist?<\/p>\n<p>D\u00fcster braust der Sound und jagen sich die Bilder in Schlingensiefs Schwarz-Wei\u00df-Film, in dem sich Probenausschnitte, eingeblendete Zitate und Au\u00dfenaufnahmen zu einer orgiastischen Feier vereinen, die ja auch etwas mit Oper, jenem Rausch der Emotionen, zu tun hat. Der Endpunkt ist die Kreuzigung eines Kleinw\u00fcchsigen mit Dornenkrone: Das M\u00e4rtyrertum des Ausgegrenzten wird so auf die Spitze getrieben. Im Schlingensief-Kosmos wird der M\u00e4rtyrer zum Massen-Idol, nichts ist, wie es zun\u00e4chst scheint, es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur Rollenzuschreibung, Interpretation, Behauptung.<\/p>\n<p>Doch letztlich liegt in der Zweiteilung des Abends keinerlei Chance. Schlingensiefs Film ist nichts weiter als ein Pausenf\u00fcller, der st\u00f6rt, wenn man eigentlich etwas trinken will. In Wirklichkeit geht es eben doch nur um die rein konzertante Auff\u00fchrung einer neuen Oper mit banalem Musical-Plot, in der die Normalen b\u00f6se und die Behinderten meist gut sind. Die Kost\u00fcme von Aino Laberenz sind quietschbunt und best\u00e4tigten den Eindruck des zeitfern Zirkushaften: eine Frau mit Lampion-Kleid, ein Mann im Leopardenkost\u00fcm, Figuren als Statuetten mit steifen Rundkr\u00e4gen und Riesenr\u00f6cken. Das B\u00fchnenbild ist eine Art Puppenhaus mit drei Etagen und ragt als Laufsteg weit ins Publikum hinein. An Schlingensief erinnert h\u00f6chstens die obere Abteilung, wo Video-Einblicke in Requisite, zum Pf\u00f6rtner und in ein Intendantenzimmer gegeben werden.<\/p>\n<p>Und die Oper? Sie ist eing\u00e4ngig und heterogen zugleich, voller musikalischer Verweise, die S\u00e4nger gro\u00df, allen voran der Hermaphrodit Dominique (Otto Katzameier), der mit sich selbst im Sopran und Bariton ein geschliffenes Duett singt. Zum Schluss durchmischen sich Bravo- und Buhrufe gleichm\u00e4\u00dfig. Schlingensief kommt nicht auf die B\u00fchne, sondern steht im Foyer herum: Die Oper hat sich selbst gefressen. <\/p>\n<p>taz, 4.9.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Freax&#8220; hei\u00dft eine neue Oper des Komponisten Moritz Eggert &#8211; Christoph Schlingensief sollte sie eigentlich am Theater Bonn inszenieren. 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