{"id":236,"date":"2007-08-22T21:49:00","date_gmt":"2007-08-22T19:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=236"},"modified":"2007-08-22T21:49:00","modified_gmt":"2007-08-22T19:49:00","slug":"ein-behindertes-fragment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=236","title":{"rendered":"EIN BEHINDERTES FRAGMENT"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief zu seinem Beitrag zur Oper &#8222;Freax&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nMein Zugang zu dieser Oper, und vor allem zu ihrer Thematik, erfolgt \u00fcber den Film \u201eFreaks\u201c von Tod Browning. Die \u00dcbersetzung des Films in die Schemata der Oper finde ich falsch. Dagegen mu\u00df sich der Film wehren, weil er vereinnahmt wird, und die Oper, weil sie droht, Plagiat zu werden. Auch wenn Moritz Eggert eine ehrenhafte Idee verfolgt, stellt sich in der Realisierung des Themas die Frage nach der Oper in ihrem zwanghaften Wahn, etwas Vollkommenes pr\u00e4sentieren zu m\u00fcssen, vollkommen im Sinne von perfekt. <\/p>\n<p>\u201eFreaks\u201c von Browning ist f\u00fcr mich nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen einer sogenannten Normalen und einem Stigmatisierten. Er wird heute noch dem Genre des Horrorfilms zugerechnet und war, unter Verweis auf seine Darsteller, in mehreren US-Bundesstaaten lange Zeit verboten. Der Film unterscheidet sich von allen anderen Horrorfilmen dadurch, da\u00df die \u201eMonster\u201c  nicht aus Pappmaschee und Gummi gebastelt, sondern tats\u00e4chlich Schwerstbehinderte sind, die sich nicht verstecken, sondern sich selbstbewu\u00dft und gleichzeitig \u201eunheimlich\u201c zur Schau stellen. <\/p>\n<p>Das ist der bleibende, meine Arbeit pr\u00e4gende Impuls durch diesen Film. Ich kann davon nicht abstrahieren. Und ich will nicht davon abstrahieren, weil es diesen Leuten ihr Selbstbewu\u00dftsein nimmt und sie zur\u00fcck ins Klischee schickt. Eine Opernauff\u00fchrung aber, die genau dieses Element der Autonomie in den Mittelpunkt stellt, ist, so wie die Dinge stehen, mit der vorgegebenen Musik und den Aufgaben der S\u00e4nger nicht vereinbar. <\/p>\n<p>Die Behinderten ausgerechnet bei dem Thema, das ihr Thema ist, nur als \u201eGeneralpausenf\u00fcller\u201c und Referenzmaterial vorkommen zu lassen, widerspricht allen meinen bisherigen Arbeiten mit sogenannten \u201eBehinderten\u201c grundlegend, ob an der Wiener Burg oder dem Schauspielhaus Z\u00fcrich, ob in \u201eKunst &#038; Gem\u00fcse\u201c (nach \u201eVon heute auf morgen\u201c von Sch\u00f6nberg) an der Berliner Volksb\u00fchne oder in meinen Film- und TV-Arbeiten (\u201eFreakstars 3000\u201c).<\/p>\n<p>Bei \u201eFreax\u201c konfligieren zwei berechtigte Interessen, die sich durch keinen Kompromi\u00df vermitteln lassen, sondern nur durch eine klare Trennung der Sph\u00e4ren. Da\u00df eine solche Parallelit\u00e4t hier m\u00f6glich ist, ist ein Verdienst dieser Arbeit. Und eine Hoffnung darauf, da\u00df Oper sich \u00f6ffnen kann.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00e4re mir \u2013 und so wie es jetzt ausschaut, wird es m\u00f6glich sein \u2013, wenn das Publikum einen Teil unserer Arbeit (als DVD) mit nach Hause nehmen kann und ihn sich dort in einer stillen Stunde anschaut, und so den Opernabend in die Wohnstube verl\u00e4ngert. Mein Beitrag ist jedenfalls ein \u201ebehindertes Fragment\u201c. <\/p>\n<p>Die Oper mu\u00df, wenn sie irgend etwas mit Kunst zu tun hat, zumindest in F\u00e4llen wie \u201eFreax\u201c neue Wege versuchen und ungew\u00f6hnliche \u00e4sthetische Konstellationen m\u00f6glich machen, ohne R\u00fccksicht auf Konventionen und \u00fcbliche Erwartungshaltungen, wenn es das Material erfordert. Die Werkstatt Bayreuth mu\u00df es auch in Bonn geben, als \u201eFreakstatt\u201c Bonn.  Deshalb ist die von uns angestrebte Trennung unter den gegebenen Umst\u00e4nden das einzige, was alle Beteiligten ohne Selbstverleugnung und Preisgabe ihrer k\u00fcnstlerischen und menschlichen \u00dcberzeugungen vertreten k\u00f6nnen. Eine Verleugnung dieser \u00dcberzeugungen, eine Identit\u00e4tsverleugnung, kann kein Publikum wollen und ist auch keinem Publikum zuzumuten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief zu seinem Beitrag zur Oper &#8222;Freax&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/236"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=236"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}