{"id":235,"date":"2007-08-22T12:20:04","date_gmt":"2007-08-22T10:20:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=235"},"modified":"2007-08-22T12:20:04","modified_gmt":"2007-08-22T10:20:04","slug":"ich-will-die-oper-nicht-zerstoren-22807","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=235","title":{"rendered":"&#8222;ICH WILL DIE OPER NICHT ZERST\u00d6REN&#8220; (BONNER GA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>GA-GESPR\u00c4CH Regisseur Christoph Schlingensief erl\u00e4utert, warum die szenische Realisierung von Moritz Eggerts Oper &#8222;Freax&#8220; in Bonn, die nur in einer konzertanten Auff\u00fchrung zu erleben sein wird, gescheitert ist<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Bernhard Hartmann<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Der Virus ist im Abmarsch&#8220;, sagt Christoph Schlingensief erleichtert, als wir ihn in einem Caf\u00e9 an der Bonner Oper treffen. Doch die Krankheit ist ihm noch deutlich anzusehen. Als er die dunkle Sonnenbrille l\u00fcpft, kommen zwei heftig ger\u00f6tete Augen zum Vorschein. Dass die \u00c4rzte dem Regisseur weiterhin Ruhe empfehlen, muss er gar nicht erst betonen. Wegen der Virusinfektion hatte Schlingensief, wie gestern berichtet, die Arbeit an der Inszenierung von Moritz Eggerts neuer Oper &#8222;Freax&#8220; aufgeben m\u00fcssen, die nun am 2. September beim Beethovenfest in einer konzertanten Fassung zu erleben sein wird. Mit dem Komponisten und der Opernintendanz hat er sich jedoch darauf geeinigt, in der Pause im Foyer des Hauses eine Art Kommentar zum St\u00fcck zu zeigen: &#8222;Fremdverst\u00fcmmelung 2007 &#8211; Freax &#8211; Ein Diskurs \u00fcber Behinderung in der Oper&#8220;, hei\u00dft er und besteht im Wesentlichen aus Filmmaterial, das er trotz seiner Krankheit derzeit mit behinderten Schauspielern erarbeitet, die urspr\u00fcnglich an der Inszenierung h\u00e4tten mitwirken sollen. Zum Teil wird das Material auch auf DVD gebrannt, die der Zuschauer dann als Teil des Werks nach Hause tragen kann.<\/p>\n<p>Doch die schwere Augenentz\u00fcndung war nicht das einzige Problem, das die eigentliche Inszenierung der Oper zum Scheitern gebracht hat. Schlingensief findet, die Oper habe eine entscheidende inhaltliche Schwachstelle. Und die sieht er in dem Umgang mit den Behinderten. Eggerts Musikdrama &#8222;Freax&#8220; sieht ausschlie\u00dflich echte Operns\u00e4nger auf dem Besetzungszettel vor und gibt wirklichen Behinderten keinen Raum. Nat\u00fcrlich k\u00f6nne die Arbeit mit solchen Darstellern einen Abend ins Wackeln bringen, sagt Schlingensief. Das aber findet er gerade spannend und wichtig. Und f\u00fcr ihn ist dieses irritierende Moment des Fremdseins, das den Zuschauer ber\u00fchren w\u00fcrde, das eigentliche Thema.<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre von Hannah D\u00fcbgens Libretto hatte er vor allem Tod Brownings Film &#8222;Freaks&#8220; aus dem Jahre 1932 assoziiert. Die Geschichte ist in einer Kuriosit\u00e4tenshow eines Zirkus angesiedelt und behandelt die tragisch endende Liebe eines zwergw\u00fcchsigen Darstellers zu einer sch\u00f6nen Trapezk\u00fcnstlerin. Schlingensief sagt: &#8222;Das ist ein ausgesprochener Lieblingsfilm von mir. Ich finde, er zeigt, dass bei der Arbeit mit den Behinderten extrem gute, pure Verh\u00e4ltnisse herrschten. Ich glaube nicht, dass Browning die Leute angebr\u00fcllt hat.&#8220; Auch Schlingensief arbeitet seit 1993 regelm\u00e4\u00dfig mit behinderten Darstellern, hat ihnen unter anderem an der Berliner Volksb\u00fchne immer wieder ein Podium gegeben. Manche, wie etwa Achim von Paczensky, sind bis heute dabei geblieben. &#8222;Damals hat Achim f\u00fcr den Arbeitersamariterbund jeden Tag 150 H\u00fchner geschlachtet. Das fanden die Leute v\u00f6llig in Ordnung, obwohl er sehr darunter gelitten hat.&#8220; Deshalb findet Schlingensief Vorw\u00fcrfe absurd, er f\u00fchre die Behinderten auf der B\u00fchne vor. Achim von Paczensky habe dort &#8222;wunderbar schr\u00e4g&#8220; gesungen. &#8222;Ich mag immer, wenn die Autonomie dieser Menschen gewahrt bleibt.&#8220; Er akzeptiert sie mit all ihren Besonderheiten, mit ihren Krisen, die sie durchleben wie jeder andere Mensch.<\/p>\n<p>Schlingensief h\u00e4tte seine Schauspieler auch in Bonn gern st\u00e4rker integriert, wollte ihnen mehr bieten als kurze Aktionen in den Generalpausen. Das h\u00e4tte jedoch \u00c4nderungen am St\u00fcck erfordert, die nat\u00fcrlich nicht durchzusetzen waren. Schlingensief ist sich dieses Dilemmas durchaus bewusst: &#8222;Ich will die Oper von Moritz nicht zerst\u00f6ren. Das ist sein Werk.&#8220;<\/p>\n<p>Ungewohnt war f\u00fcr den Regisseur auch die Erfahrung, sich ein St\u00fcck neuester Musik des 21. Jahrhunderts anzueignen. Zwar hatte Moritz Eggert ihm w\u00e4hrend eines Treffens in M\u00fcnchen einen etwa zehnmin\u00fctigen Ausschnitt vorgespielt und -gesungen, doch einen authentischen Klangeindruck erhielt Schlingensief erst jetzt bei der Orchesterprobe in der Bonner Oper. &#8222;Es w\u00e4re besser gewesen, wenn diese Probe vor der Sommerpause stattgefunden h\u00e4tte&#8220;, meint er heute. &#8222;Ich habe aber viel gelernt. Wenn ich im n\u00e4chsten Jahr an der Deutschen Oper in Berlin die ,Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna` von Walter Braunfels inszeniere, werde ich vorher noch h\u00e4ufig die Aufnahme h\u00f6ren. Dann kann ich meine Gef\u00fchle erst in Gang bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensief bedauert zwar das Aus f\u00fcr die szenische Realisierung in Bonn. Aber er sieht den &#8222;langen, intensiven Kampf um das Werk&#8220; auch als Chance: &#8222;Jeder von uns darf &#8211; und das ist das Verdienst des Hauses &#8211; seine Sache am Ende dem Zuschauer zeigen.&#8220; Und eine komplette Inszenierung des Werks k\u00f6nnte er sich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt auch vorstellen.<\/p>\n<p>(Bonner Generalanzeiger, 22.8.07)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit dem &#8222;Bonner Generalanzeiger&#8220; erl\u00e4utert Christoph Schlingensief, warum die szenische Realisierung von Moritz Eggerts Oper &#8222;Freax&#8220; in Bonn, die nur in einer konzertanten Auff\u00fchrung zu erleben sein wird, gescheitert ist<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=235"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}