{"id":231,"date":"2007-08-03T09:58:54","date_gmt":"2007-08-03T07:58:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=231"},"modified":"2007-08-03T09:58:54","modified_gmt":"2007-08-03T07:58:54","slug":"bye-bye-bayreuth-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=231","title":{"rendered":"BYE-BYE, BAYREUTH (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dernieren auf dem H\u00fcgel: &#8222;Tannh\u00e4user&#8220; und &#8222;Parsifal&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Eleonore B\u00fcning, FAZ<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nZu einem z\u00fcnftigen Gesamtkunstwerk geh\u00f6rt nicht zuletzt auch das richtige Vorhangaufziehen. Die weltber\u00fchmte mausgraue &#8222;Wagner-Gardine&#8220; in Bayreuth wird seit mehr als hundert Jahren alleweil flie\u00dfend seitlich gerafft und erst anschlie\u00dfend hochgezogen. So verlangt es das Ritual, das Christoph Schlingensief nun gezielt seiner &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung eingemeindet hat. So aufreizend langsam legt sich die Gardine in Falten, als wollten die elektrischen Strippenzieher nicht (frei nach Kundry, dritter Aufzug) &#8222;Dienen! Dienen!&#8220; rufen, sondern nur noch &#8222;Schlafen &#8211; Schlafen&#8220; (erster Aufzug). In jedem Akt scheint dieser Zeitlupenvorhang ein neues Geheimnis zu enth\u00fcllen: den gestirnten Himmel, eine lichterkettenbunte Kirmesbude, eine fromme Piet\u00e0.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Sekundenewigkeit sprechen diese Tableaus allein f\u00fcr sich. Dann \u00fcberst\u00fcrzen sich die Geschehnisse, beginnt das Schlingensiefsche Multitasking, das Durcheinanderwursteln von Menschen, Tieren, Wundern mit all den Doppelg\u00e4ngern, Voodoozauberern, Terroristen und vor allem gro\u00dfen und kleinen, echten und falschen, lebenden und toten Osterhasen. Zum vierten und bedauerlicherweise letzten Mal ist diese turbulente &#8222;Parsifal&#8220;-Lesart in Bayreuth zu sehen. Nicht einmal eine Filmaufzeichnung wird es geben von dem Spektakel. Wer es noch erleben will, sollte sich also sputen und sofort mit einem &#8222;Suche Karte&#8220;-Schildchen auf den H\u00fcgel eilen. Die Chancen stehen nicht schlecht, repr\u00e4sentative Teile der &#8222;Freunde und F\u00f6rderer&#8220; sind demonstrativ am Tag vor dieser letzten Premiere abgereist: Sie wollen die &#8222;Schande&#8220; einfach nicht mehr sehen.<\/p>\n<p>Die vorangegangene Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung stammte noch von Wolfgang Wagner pers\u00f6nlich, sie hielt sich satte zw\u00f6lf Jahre lang. Wann wurde je ein &#8222;Parsifal&#8220; so blitzschnell wieder aus dem Programm gekippt? Letztlich wird sich die Festspielleitung mit dieser Entscheidung wohl auch dem Willen der allerstrengsten Wagnerianer gebeugt haben, was viele H\u00fcgelschlachtenbummler als ein Zeichen von F\u00fchrungsschw\u00e4che interpretieren, \u00e4hnlich wie die Auseinandersetzung zwischen Festspielleitung und &#8222;Freunden&#8220; um das Loch im Bayreuther Finanzplan. H\u00e4tte der streitbare Alte wirklich noch selbst das Heft in der Hand, wer wei\u00df, ob er ausgerechnet eine so offenkundig als Kult sich entpuppende Produktion wie den Schlingensief- &#8222;Parsifal&#8220; um des lieben Burgfriedens willen aufgegeben h\u00e4tte. Auch f\u00fcr den Ch\u00e9reau-&#8222;Ring&#8220;, auch f\u00fcr den M\u00fcller-&#8222;Tristan&#8220; hatte Wolfgang Wagner doch weiland Atem genug.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Inszenierung ist ein hervorragendes Exempel daf\u00fcr, wie Bayreuths Festspielidee selbst die frechsten Provokateure zu z\u00e4hmen wusste. Als einziger der zur Zeit hier t\u00e4tigen K\u00fcnstler hat er den &#8222;Werkstatt&#8220;-Gedanken verwirklicht und von Jahr zu Jahr vieles ver\u00e4ndert, einiges verbessert. Was stehenblieb von der ersten Version, erscheint in den Konturen klarer geworden, sch\u00e4rfer gefasst. Das Ende des ersten Akts, nach der Blutopfer-Prozession rund um die Gralsenth\u00fcllung, ist jetzt leerger\u00e4umt, Buden und Zelte sind verschwunden, die B\u00fchne ist kahl. Auch hat Schlingensief gelernt, mit Operns\u00e4ngern umzugehen. Er zieht sichtbar klare Argumentationslinien, die das H\u00f6rbare tragen, sorgt f\u00fcr eine nachvollziehbare Gef\u00fchlslogik in der Personenregie und nicht zuletzt f\u00fcr hinrei\u00dfende Bilder.<\/p>\n<p>Die kollektive Fu\u00dfwaschung ist solch ein Tableau, ebenso Kundrys Taufe und Tod, auch das lustig-l\u00fcsterne Sichherumdr\u00fccken der Blumenm\u00e4dchen am Maschendrahtzaun. Sie sind frisch aus dem afrikanischen Busch eingetroffen und singen pr\u00e4chtig. Die sch\u00f6ne H\u00f6llenrose Kundry alias Evelyn Herlitzius ist eine gl\u00fchend intensive Darstellerin, nur ihre Stimme beginnt unter zu starkem Forcieren zu leiden. Gemeinsam mit ihren beiden Rittern Parsifal (auch er br\u00fcllt zu laut: Alfons Ebers) und Amfortas (noch lauter: Jukka Rasilainen) muss sie sich im dunklen Wald verstecken vor dem b\u00f6sen Klingsor. Immer wieder st\u00f6bert er die drei auf. Sie fliehen h\u00e4ndchenhaltend wie H\u00e4nsel und Gretel.<\/p>\n<p>Zwar kommt Klingsor im dritten Aufzug bei Wagner singend gar nicht mehr vor, sein Reich der Negation ist &#8222;zernichtet&#8220;. Doch hat sich Schlingensief auf der rotierenden Drehb\u00fchne aus Nomadenbauten und multifunktionalen Kinoleinw\u00e4nden ein Einsteinsches Raum-Zeit-Kontinuum geschaffen, darin Tod, Auferstehung und Wiedergeburt zu einem Mirakel zusammenfallen. Vielleicht kam bisher kein &#8222;Parsifal&#8220;-Regisseur dem Raum-Zeit-Gef\u00fcge der Wagnerschen Musik n\u00e4her als Schlingensief. Es gibt keine linear zu erz\u00e4hlende Geschichte mehr in diesem &#8222;Parsifal&#8220;, alles geschieht simultan. Wie die Orchestersprache vor- und zur\u00fcckblendet, sich erinnernd, vorauswissend-verwandelnd, so verwandelt auch Schlingensief seine Figuren. Sie sterben, verdoppeln sich, kehren wieder. Klingsor, der vom ansehnlich durchtrainierten Bassbariton Karsten Mewes mit zirkusreifen Artistenleistungen bedacht wird, katapultiert sich mit seinem effektvollen Raketenstart im zweiten Aufzug eigentlich nur wieder in die n\u00e4chste Umlaufbahn.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu zeigt die zweite Derniere dieser Spielzeit, wie rasch modische Designerarbeit altert und schal wird. Philippe Arlauds beliebte &#8222;Tannh\u00e4user&#8220;-Inszenierung mit den Nelken, die aus der Decke wachsen, und der elegant in den Schn\u00fcrboden davonfliegenden Venusgrotte funktioniert in der Wiederholung nicht mal mehr richtig als M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene. Auch die S\u00e4ngercrew im &#8222;Tannh\u00e4user&#8220; forciert durchwegs aufs Unangenehmste, als m\u00fcsste die Lautst\u00e4rke beim Wagnersingen partout aufgedreht werden.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten das gar nicht n\u00f6tig, denn sie werden auf H\u00e4nden getragen von der flexiblen und durchsichtigen Musizierweise, die der junge Detmolder Dirigent Christoph Ulrich Meyer pflegt. Sein Aufzug der G\u00e4ste ger\u00e4t, nicht zuletzt des Chores wegen, zu einem Glanzst\u00fcck. Meyer, als einer der Assistenten Christian Thielemanns bestens vertraut mit der &#8222;Tannh\u00e4user&#8220;-Partitur, ist eine echte \u00dcberraschung: Er sprang sehr kurzfristig ein f\u00fcr den Dresdner Generalmusikdirektor Fabio Luisi, der wegen R\u00fcckenproblemen abgesagt hatte, danach aber noch einmal in Wien am Pult gesichtet wurde, was ihm in Bayreuth sehr \u00fcbel genommen wird. Wie anders ein und dasselbe Orchester klingen kann, je nachdem, welcher Dirigent am Pult steht, war am letzten Abend im &#8222;Parsifal&#8220; zu erfahren. Adam Fischer dirigiert bodenst\u00e4ndig, mit sattem Legato: Alle T\u00f6ne sind da. Aber die feine Binnendynamik, mit der Thielemann oder auch Meyer jede einzelne Phrase modulieren und ins Leben, ins Leuchten bringen, wird von ihm nicht erreicht.<\/p>\n<p>Am Ende winkte Schlingensief fr\u00f6hlich ins Buh- und Bravo-Gewitter hin\u00fcber, seine Fans jauchzten und winkten zur\u00fcck: bye-bye, Bayreuth. Dies ist ein Gef\u00fchl, das auch viele Alt-Wagnerianer zurzeit mit sich herumtragen. Wenn n\u00e4mlich die Avantgarde-Freaks wie Schlingensief oder Katharina Wagner nicht mehr nur kleine bunte Farbtupfer sind, sondern das Sagen auf dem H\u00fcgel haben, werden sie, so f\u00fcrchten sie, ihre Mitgliedschaft k\u00fcndigen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dernieren auf dem H\u00fcgel: &#8222;Tannh\u00e4user&#8220; und &#8222;Parsifal&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/231"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=231"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/231\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}