{"id":230,"date":"2007-08-03T09:59:40","date_gmt":"2007-08-03T07:59:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=230"},"modified":"2007-08-03T09:59:40","modified_gmt":"2007-08-03T07:59:40","slug":"schlingensiefs-wunderbare-bayreuth-subversion-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=230","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS WUNDERBARE BAYREUTH-SUBVERSION (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Man h\u00e4tte ihn verfilmen sollen: Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; dreht seine vierte, leider letzte Bayreuther Festspielrunde. Die Inszenierung bekam den Spitznamen &#8222;Hasifal&#8220;, weil darin Meister Lampe als Fruchtbarkeitssymbol dient. Eine Inszenierung die den Mythos Bayreuth ehrt und in Frage stellt.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>DIE WELT<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEigentlich sieht es auf der Habenseite der Bayreuther Festspiele Wolfgang Wagners nicht so schlecht aus: Nach dem &#8222;Arbeiter-Tannh\u00e4user&#8220; von G\u00f6tz Friedrich (auch seinen &#8222;Parsifal&#8220; im ungest\u00fcrzten Gralstempel sollte man nicht ganz vergessen) und dem &#8222;Jahrhundert-Ring&#8220; Patrice Ch\u00e9reaus von 1976 wurde Harry Kupfers &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; als Sentas Traum eine Wegmarke der Rezeptionsgeschichte.<\/p>\n<p>Ebenso der romantikverliebte nazareners\u00fc\u00dfe &#8222;Lohengrin&#8220; Werner Herzogs als antiintellektuelle Utopie, dem wiederum der traumk\u00fchl abstrakte Heiner-M\u00fcller &#8222;Tristan&#8220; Kontra bot. Auch die noch roh behauenen &#8222;Meistersinger&#8220; Katharina Wagners haben dem St\u00fcck gerade eine neue, interessante Dimension als Kunstdiskurs zwischen Anpassung und Aufbruch gewiesen, zudem den Sachs so radikal wie nie demontiert. Welches andere Opernhaus weltweit k\u00f6nnte auf eine solche Liste verweisen? Sicher, ein neue \u00fcberzeugende &#8222;Ring&#8220;-Sicht vermisst man besonders nach dem Dorst-Flop schmerzlich am H\u00fcgel-Horizont. Und dann war da noch der hei\u00df diskutierte &#8222;Parsifal&#8220; Christoph Schlingensiefs von 2004.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief wei\u00df mehr als mancher Wagner-Profi<\/strong><\/p>\n<p>In seiner finalen Wiederaufnahmerunde (bereits n\u00e4chsten Sommer folgt eine neue Gralssuche unter Stephan Herheim) wurde er wiederum mit viel Buh, aber mit noch mehr Bravo bedacht. Und man m\u00f6chte sich gar nicht ausmalen, was passiert w\u00e4re, wenn diese inzwischen exemplarisch gewordene Auff\u00fchrung etwa als Gastspiel bei der Documenta oder der venezianischen Biennale gezeigt worden w\u00e4re, statt unter Fastausschluss der \u00d6ffentlichkeit vor einem stockkonservativen Wagnerianer-Publikum, das diese ungeliebten Karten im Losverfahren erhalten hat.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte diese Inszenierung verfilmen m\u00fcssen, man h\u00e4tte sie weiter verkaufen k\u00f6nnen, oder wenigstens durch Live-\u00dcbertragung in Kinos von Berlin bis Paris und New York wirklich interessierten Menschen zug\u00e4nglich machen sollen. Doch es scheint bei den Festspielen keiner gemerkt zu haben, wie diese, wegen des am Ende dominanten, dabei universellen Fruchtbarkeitssymbol eines verwesenden Hasen &#8222;Hasifal&#8220; genannte Tat der Subversion die Bayreuther Szene wohl auf immer ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Sieht man die Auff\u00fchrung jetzt zum ersten Mal seit der Premiere wieder, wird deutlich, dass augenblicklich einzig Christoph Schlingensief die Demut eines Lehrlings besitzt und Bayreuth in seiner fr\u00fcheren Bedeutung als Werkstatt begriffen hat. Bei seinem &#8222;Parsifal&#8220; wei\u00df er inzwischen sehr genau, was er wann tut, was er wie beleuchtet oder im Dunkeln l\u00e4sst. Ob Schlingensief wirklich ein Regisseur ist, mag weiterhin dahingestellt bleiben; jedenfalls kann er eine B\u00fchne gestalten und gliedern, und in seiner Mischung aus Naivit\u00e4t und Abgefeimtheit wei\u00df er \u00fcber den &#8222;Parsifal&#8220; inzwischen mehr als mancher Wagner-Profi.<\/p>\n<p><strong>Mit dem Mythos Bayreuth spielen<\/strong><\/p>\n<p>Die vielfach kreiselnde, aber eben auch stoppende Drehb\u00fchne ist entr\u00fcmpelt, der Symbolwust wurde durchforstet, die Bewegungsvorg\u00e4nge sind entschlackt. Die Videos sind kanalisiert worden, es findet jetzt auch Personenregie statt. Viele Kost\u00fcme wurden ge\u00e4ndert, im letzten Akt ist Kundry keine exotische Schwarze mehr, sondern ebenfalls in Wei\u00df &#8211; wie Parsifal und Amfortas. Sie scheint, obwohl nach der Taufe entseelt zu Boden gegangen, auch im Schlussbild auf, bevor wiederum Parsifal mit seinem Bischofsstab als heiligem Speer in einem Lichttunnel schreitet.<\/p>\n<p>Es ist alles da: ein Gralstempel, eine Aue (mit Kinderschaukel), sogar ein Kelch und eine Wunde. Kundry w\u00e4scht F\u00fc\u00dfe (andere auch), eine Titurel-Puppe liegt in dessen Sarg. Die Verf\u00fchrungsszene zwischen Kundry (im Schleifenkleid) und Parsifal ist immer noch ein Schwachpunkt. Obwohl sie jetzt in einem freudianischen Praxis-Ambiente auf einer Couch stattfindet. Schlingensief zeigt alle Requisiten, aber er ist sich auch einig mit Gurnemanz: was ist der Gral? &#8222;Das sagt sich nicht&#8220;.<\/p>\n<p>So viel Ausdeutung und so wenig Erkl\u00e4rung gab es vor Schlingensief in Bayreuth nie. Gl\u00fccklicherweise wird das auf der B\u00fchne und im Graben mitgetragen. Adam Fischer dirigiert dienend, fast neutral, schafft diesen Bildern eine klangliche H\u00fclle. Die inzwischen stark tremolierende Evelyn Herlizius ist trotzdem eine starke Kundry, Alfons Eberz ein manchmal schneidend lauter Parsifal, Robert Holl ein g\u00fctiger, aber st\u00f6rrischer Gurnemanz, Jukka Rasilainen ein biestiger Amfortas, Carsten Mewes ein auch vokal d\u00fcsterer Klingsor. Sie alle stehen im Dienst dieser eigenartigen, aber gro\u00dfartigen Auff\u00fchrung. Die sich dem Mythos Bayreuth w\u00fcrdig erweist &#8211; und ihn gleichzeitig in Frage stellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man h\u00e4tte ihn verfilmen sollen: Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; dreht seine vierte, leider letzte Bayreuther Festspielrunde. Die Inszenierung bekam den Spitznamen &#8222;Hasifal&#8220;, weil darin Meister Lampe als Fruchtbarkeitssymbol dient. Eine Inszenierung die den Mythos Bayreuth ehrt und in Frage stellt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/230"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=230"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/230\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}