{"id":229,"date":"2007-08-03T10:00:53","date_gmt":"2007-08-03T08:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=229"},"modified":"2007-08-03T10:00:53","modified_gmt":"2007-08-03T08:00:53","slug":"der-letzte-liebende-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=229","title":{"rendered":"DER LETZTE LIEBENDE (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief verabschiedet sich mit seinem &#8222;Parsifal&#8220; aus Bayreuth &#8211; und will unbedingt wiederkommen.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Frederik Hanssen, Der TAGESSPIEGEL<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nOhne Saalschlacht geht es auch diesmal nicht. Die Buhrufer schreien sich die Stimmb\u00e4nder wund, die Fans klatschen mit erhobenen H\u00e4nden, \u00fcberall sind Leute aufgesprungen, um den Auftritt des Regieteams besser sehen zu k\u00f6nnen. Da winkt Christoph Schlingensief von der B\u00fchne &#8211; und viele, viele winken zur\u00fcck. In seinem vierten Jahr ist sein &#8222;Parsifal&#8220; zwar kein Klassiker geworden, wie 1980 der von den konservativen Wagnerianern zun\u00e4chst so w\u00fctend bek\u00e4mpfte &#8222;Jahrhundert-Ring&#8220; des Patrice Ch\u00e9reau. Aber die Produktion ist nahe am Kult. Weil aus der w\u00fcsten Vision des Premierenjahrs ein tief bewegender Theaterabend geworden ist. Weil Schlingensief in seinem heiligen Ernst die Herzen des Publikums gewinnt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stimmt, was ein erboster Spanier am Ende des zweiten Aktes ruft: &#8222;Loco!&#8220; Dieser Regisseur ist ein Verr\u00fcckter &#8211; und deshalb genau der Richtige f\u00fcr die Bayreuther Wagner-Festspiele. Und f\u00fcr den &#8222;Parsifal&#8220;, diese Zeit und Raum aufhebendeWeltumarmung. Schlingensief wirft die gesamte christliche Ikonografie \u00fcber Bord &#8211; und doch kann man das St\u00fcck kaum religi\u00f6ser auffassen als er, kaum mythischer, allumfassender. Das vom Lichtdesigner Voxi B\u00e4renklau durch eine barocke Trompe- l&#8217;oeil-Technik aller rationalen Nachvollziehbarkeit enthobene Spektakel ist eine wirkliche Feier. Hier geht es um die letzten Dinge.<\/p>\n<p>Der Tod ist immer r\u00e4tselhaft, hat tausend Gesichter &#8211; genau davon erz\u00e4hlen die Videos von Meika Dresenkamp. Vieles erkennt man nur fl\u00fcchtig, weil wuchernde Ornamente, Fotoprojektionen und Filme sich meist \u00fcberlagern. Auch der Multikultimix der Gralsgesellschaft ist hinter dem Leinwand-Gazeschleier nur zu erahnen. So entsteht ein Zaubergarten moderner Albtr\u00e4ume wie sie wom\u00f6glich in Fl\u00fcchtlingscamps und Favelas getr\u00e4umt werden. &#8222;Die Bilder werden bleiben&#8220;, haben die B\u00fchnenbildner Daniel Angermayr und Thomas Goerge in JonathanMeese-Manier auf eine der Bretterbuden gepinselt. Wie wahr.<\/p>\n<p>Die Bayreuther Festspiele m\u00fcssen in den kommenden drei Jahren ein Defizit von 1,6 Millionen Euro verkraften. Die staatlichen Zusch\u00fcsse sind seit Jahren nicht der Inflationsrate angepasst worden, da entsteht bei einer festgeschriebenen Zahl von 30 sommerlichen Auff\u00fchrungen und einem deshalb konstanten Umsatz von 17 Millionen Euro im Wirtschaftsplan schnell ein Minus. Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth hat zugesagt, die Summe auszugleichen, und wer mag, kann auch ein Statement des FDP-Politikers Hans-Joachim Otto als positives Signal einer anstehenden Subventionserh\u00f6hung deuten: &#8222;Kultur&#8220;, hat der Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses j\u00fcngst bei einem Bayreuth-Besuch gesagt, &#8222;findet nicht nur in Berlin statt&#8220;.<\/p>\n<p>Von einer Finanzkrise mag Festspiel-Pressesprecher Peter Emmerich auch gar nicht sprechen. Und von einer k\u00fcnstlerischen Krise will Clan-Chef Wolfgang Wagner sowieso nichts wissen. Dennoch wird Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; nach nur vier &#8211; statt wie sonst \u00fcblich f\u00fcnf &#8211; Jahren aus dem Spielplan genommen und bereits im kommenden Sommer durch eine Neuproduktion mit dem italienischen Dirigenten Daniele Gatti und dem norwegischen Regisseur Stefan Herheim ersetzt. Wenn sich die Festspielleitung da mal nicht vergaloppiert hat. Denn nach all den Routiniers, Fotorealisten, Schaumschl\u00e4gern, Experimentierfreudigen, Entschleunigern oder schlicht Fehlbesetzungen der letzten Jahre ist Herheim ein illusionsloser Analytiker, ein ehrgeiziger, methodisch herzkalter St\u00fcckezerleger, dem definitiv nichts heilig ist.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hingegen, das hat sein &#8222;Parsifal&#8220; am Freitag noch einmal auf ergreifende Weise deutlich gemacht, ist der letzte gro\u00dfe Liebende auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel von Bayreuth seit Heiner M\u00fcller. Ein Besessener, der den so oft beschworenen und so selten genutzten Werkstattcharakter der fr\u00e4nkischen Festspiele beim Wort nimmt. Dass die Regisseure hier gebeten sind, vor jeder Wiederaufnahme an ihrer Interpretation weiterzuarbeiten, hat Schlingensief nicht als Fron, sondern als echte Chance begriffen &#8211; und genutzt. Im vierten Jahr ist seine szenische Installation zur auch psychologisch erhellenden Inszenierung gereift, haben die Figuren, zun\u00e4chst mehr Behauptung als Charakter, ein menschliches Antlitz erhalten. Die S\u00e4nger leben ihre Partien mit jeder Faser ihres K\u00f6rpers, Alfons Ebertz als Parsifal und Jukka Rasilainen als Amfortas wagen es, ihren Schmerz herauszuschreien, Evelyn Herlitzius singt eine geradezu expressionistische Kundry. Robert Holl verstr\u00f6mt sich wundermild und macht aus Gurnemanz eine Mosesgestalt, wie Schlingensief sie sich wohl ertr\u00e4umt hat. Im Graben schlie\u00dflich beglaubigt Adam Fischer durch einen bet\u00f6renden, mit der kosmischen Unausweichlichkeit des endlosen Ozeans auf und ab wogenden Orchesterklang die humanistische Botschaft des B\u00fchnenweihfestspiels.<\/p>\n<p>&#8222;Bayreuth hat mir ungeheure M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet und mir eine Beherrschung meiner selbst beschert&#8220;, res\u00fcmiert Schlingensief seine H\u00fcgel-Erfahrung im &#8222;Nordbayerischen Kurier&#8220;. Und nat\u00fcrlich will er wiederkommen, in ein paar Jahren, wenn er noch mehr dazugelernt hat. Gerne w\u00fcrde er den &#8222;Tristan&#8220; inszenieren. Weil er das aus der Zeit gefallene Festival liebt, mit seiner Konzentration auf das Werk eines einzigen K\u00fcnstlers, seines Seelenverwandten Wagner. Forderungen, den Kanon zu \u00f6ffnen oder Bayreuth mit einem Off-Festival zu konfrontieren, h\u00e4lt er f\u00fcr Quatsch. &#8222;Um junge Leute heranzuholen, braucht man diesen Firlefanz nicht. Da braucht man nur die T\u00fcr in Bayreuth aufzumachen. Das ist wie Cape Canaveral.&#8220;<\/p>\n<p>In Schlingensiefs \u201eParsifal\u201c entflieht Karsten Mewes\u2019 Klingsor schlussendlich dem irdischen Jammertal mit einer Rakete. Zu neuen Taten, teurer Helde!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief verabschiedet sich mit seinem &#8222;Parsifal&#8220; aus Bayreuth &#8211; und will unbedingt wiederkommen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/229"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=229"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}