{"id":223,"date":"2007-07-24T16:24:51","date_gmt":"2007-07-24T14:24:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=223"},"modified":"2007-07-24T16:24:51","modified_gmt":"2007-07-24T14:24:51","slug":"du-hast-mich-inspiriert-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=223","title":{"rendered":"&#8222;DU HAST MICH INSPIRIERT&#8220; (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Katharina Wagner im Gespr\u00e4ch mit Christoph Schlingensief. Aus der Frankfurter Rundschau vom 23.07.2007<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nKatharina Wagner, Opernregisseurin und Urenkelin von Richard Wagner, inszeniert das erste Mal in Bayreuth. Am Mittwoch haben ihre &#8222;Meistersinger von N\u00fcrnberg&#8220; Premiere. Die Auff\u00fchrung wird \u2013 auch wegen der offenen Nachfolge f\u00fcr die Leitung der Bayreuther Festspiele, an der die 29-j\u00e4hrige Katharina interessiert ist \u2013 mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat vor drei Jahren in Bayreuth den &#8222;Parsifal&#8220; inszeniert, damals eine sehr umstrittene Auff\u00fchrung. Am Tag vor unserem Gespr\u00e4ch war Schlingensief in der Hauptprobe der &#8222;Meistersinger&#8220;. Deswegen unterhalten sich die beiden Regiekollegen bereits vor der Premiere \u00fcber diese Auff\u00fchrung. Bei Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; war Katharina Wagner Regieassistentin. So ist es nicht erstaunlich, dass auch diese Auff\u00fchrung in ihrem Gespr\u00e4ch eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n<p>Unser Fotograf Enrico Nawrath hat von Katharina Wagner aufsehenerregende Modephotos gemacht. Ihm fielen zuerst Schlingensiefs strubbelige Haare auf. Damit begann dann auch das Gespr\u00e4ch.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Protokoll von Peter Michalzik<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<i>Schlingensief:<\/i> Fangen wir doch mit den Haaren an. Das Thema Haare und Aussehen, das ist ja nun auch dein Thema. Und das interessiert die Leute doch am meisten.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ich wollte dich schon immer mal fragen, ob deine Haare echt so wachsen, oder ob du Gel reintust?<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Ich wei\u00df nicht, wie das Zeug hei\u00dft, aber es ist kein Gel. Man nimmt ein fingernagelgro\u00dfes St\u00fcck, es ist wie Staub. Du kannst ja mal reinf\u00fchlen, \u00fcberhaupt nicht klebrig.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Stimmt.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> F\u00e4rbst du deine Haare?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Klar habe ich meine Haare gef\u00e4rbt, das sieht man doch an den Augenbrauen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/070722_1752_feu2_schlingi12.jpg\" width=\"450\" height=\"255\" alt=\"Wagner und Schlingensief (Enrico Nawrath)\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Sch\u00f6n war ja deine Bemerkung, dass du auf deinen Modephotos so gestylt bist, damit man dich auf der Stra\u00dfe nicht erkennt.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Es ist doch auch l\u00e4stig, wenn man auf der Stra\u00dfe angeschaut wird.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Sonst kennt man Dich ja nur von den Photos vor dem Festspielhaus bei der Er\u00f6ffnung, auf denen ich dich nicht erkenne.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Das ist doch klar, ich laufe privat nicht im Abendkleid rum und schminke mich nie. Da bin ich geschminkt, also kennt mich keiner mehr. Ich finde das voll praktisch.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Kann es sein, dass dich diese Photos mal richtig \u00e4rgern werden? Ich \u00e4rgere mich sehr \u00fcber Photos, die ich mal f\u00fcr die Deutsche Grammophon gemacht habe, wo ich in Lederklamotten aussehe wie Herbert von Karajan, der vor seinem Learjet in Salzburg steht.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Nein, ich glaube nicht. Mich \u00e4rgern andere Bilder.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Welche?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Im Urlaub mit Sonnenbrand.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Das gibt&#8217;s als Photo von Paparazzi gemacht?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Nein, die bekommt niemand in die Hand.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Ich habe ja nun gestern Deine Hauptprobe gesehen. Ich glaube, dass die Hans-Sachs-Fans dich lynchen werden. Dieser doch von denen so hochverehrte joviale, ausgeglichene, tolle Mensch, der das alles im Griff hat, wird einfach &#8230;<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> &#8230; der ist &#8211; musikalisch gesehen &#8211; gar nicht jovial. Wer so einen Stuss als Ansprache singt, der ist kein ausgeglichener Mensch, der die F\u00e4den in der Hand h\u00e4lt. Der hat eine Forderung, die einfach nur pervers ist. Gerade an dem Ort hier, oder?<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Ja, hier ist das noch mal eine Stufe brisanter. Die Szene ist wirklich ein peinlich irritierendes Bild, wo die Puppen tanzen, dann eine Nacktszene kommt und dann das Regieteam verbrannt wird. Das \u00fcbrigens nur aus M\u00e4nnern bestand, da ist keine Frau zu sehen, wenn das Feuer ausbricht. In dieser Szene kommt das Gef\u00fchl in einem auf: Jetzt steh ich auf und mach den Gru\u00df. Das hast Du wirklich gut hinbekommen. Was ich dagegen nicht verstanden hab, ist die Rolle von Stolzing. Ich habe hier in Bayreuth geh\u00f6rt, dass ich das sein soll. Aber er sieht eigentlich mehr aus wie Leander Haussmann. Trotzdem empfand ich das wie eine kleine Liebeserkl\u00e4rung oder eine Hommage, auch wenn ich nicht aussehe wie Leander Haussmann.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Es gab eine ewige Diskussion um Stolzings Kost\u00fcm. Wobei dieser Typ ja vom Kost\u00fcm her total \u00fcberstylt ist. Das bist du nicht.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Bl\u00f6derweise hatte ich gestern auch noch wie Stolzing wei\u00dfe Turnschuhe an.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> In gewisser Weise inszenieren wir uns ja auch selbst. Das tut Stolzing auch, da habe ich ja auch von dir gelernt. Aber die Klamotten, die du und ich im Alltag anhaben, die sind halt nicht b\u00fchnenwirksam. Dadurch, dass der so nach David Bowie aussieht, f\u00e4llt er aus dem piefigen &#8222;Meister&#8220;-Rahmen raus. Im dritten Akt bekommt er dann ja auch diesen piefigen Anzug wie die anderen.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Da sieht er aus wie Hansi Hinterseer.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Klar, der Kommerz, er biedert sich an. Weil er sich seinen schicken Anzug in den ersten beiden Akten vollsaut, dachte ich, das ist Brechung genug. Oder meinst Du nicht?<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Ich hatte das Gef\u00fchl, dass das Bild des K\u00fcnstlers da nicht stimmt. Der K\u00fcnstler ist im Atelier und und l\u00e4uft da nicht in diesen tollen Klamotten rum, um sie mit Farbe zu versauen. Das ist so ein Klischee des K\u00fcnstlers. Da geh\u00f6rt eher die Adidas-Jacke von Jonathan Meese hin.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Die Adidas-Jacke ist mir einfach zu wenig b\u00fchnenwirksam, deswegen der sch\u00f6ne Anzug und die Sauerei, die er damit veranstaltet. Mich hat dazu \u00fcbrigens eine Szene mit dir inspiriert, die wir gemeinsam erlebt haben, als du hier in blonder Per\u00fccke auf die B\u00fchne raus bist und dich mit gr\u00fcner Farbe bespritzt hast. Stolzing ist der K\u00fcnstler, der sich da bewirbt, in seinem Anzug, und dann geht ihm das alles so auf die Nerven, dass er sich beschmieren muss. Kunst kommt bei ihm von m\u00fcssen, wie bei dir. Das kennst du doch, wenn du was loswerden musst. Daf\u00fcr ist der Anzug ein Zeichen.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Aber ich liege nicht in einem Klavier oder male Pril-blumen auf &#8222;Hitlerh\u00e4nde&#8220;, so wie du den Stolzing charakterisierst. Du hast f\u00fcr deine Inszenierung merkw\u00fcrdige, gegen den Strich geb\u00fcrstete Bilder benutzt. Aber wir wollen ja offen reden. Manchmal dachte ich, dass diese Bilder nur f\u00fcr sich stehen. Es kommt eines, dann das n\u00e4chste. Ich h\u00e4tte es gut gefunden, wenn du manchmal ein Element aus einem Bild mit in das n\u00e4chste r\u00fcbergezogen h\u00e4ttest. So wie Ballast.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Das sollte und das wird es auch.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Ich bin ein Verfechter davon, dass das Festival einer von euch weiterleiten muss. Bayreuth wird nicht gr\u00f6\u00dfer, wenn es der Familie Wagner nicht mehr geh\u00f6rt. Bayreuth ist der einzige Ort, wo eine solche Familientradition noch besteht. Aber das wird jetzt zur Diskussion gestellt. Wenn das nicht mehr der Fall ist, haben wir hier den Intendantencocktail mit Verdi und Bruckner. Au\u00dferdem bin ich der Meinung, dass es ein Junger machen soll. Ich finde es super, was Eva macht, ich finde wunderbar, was Nike sagt, manchmal aber mag ich es einfach lieber, wenn junge Leute in ein Projekt reinrasen. Und du hast mehr als einen Puffer, vor allem in Thielemann. Hast du eigentlich Angst, dass die Leute jetzt sagen: Frau Wagner Junior, da muss jetzt aber noch einiges gelernt werden.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Nein, da ist keine Angst.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Aber es steht viel auf dem Spiel. Oder nicht?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Mir ist es egal, ich muss das St\u00fcck so erz\u00e4hlen. Ich mache das ja nicht, um mich anzubiedern. Das kennst Du doch genau.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Die Leute werden behaupten, dass du ausschlie\u00dflich provozieren willst, dass du einen Skandal willst.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ach, nein.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Das werden sie machen. Das ist das Prinzip der Presse.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Das glaube ich nicht. Die Konservativen werden sagen, das ist die reine Provokation.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Wird Nike Wagner nicht sagen, das ist nicht wirklich durchdacht, das sind Kindergartenideen?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ja klar, das wird es auch geben.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Und wer wird es gut finden?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Leute, die das St\u00fcck kennen. Und die bereit sind nachzudenken, und die nicht d\u00e4mliche Konventionen haben. Das kennst du doch selbst am besten.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Mein Vater ist dieses Jahr gestorben, wie du wei\u00dft. Da wurde mir bewusst, dass ich vieles nicht gemacht habe, weil es meine Eltern in Oberhausen verletzt h\u00e4tte. Sie mussten in ihrer Umgebung ohnehin vieles aushalten. Wo kommt dein Mut her, das zu machen? Ist das ein innerer Zwang? Ein Versuch eine Grenze zu ziehen? Wenn du da so Sachen machst wie Wagner mit Pimmel, hast du da nicht das Gef\u00fchl, dass dein Vater darunter leiden k\u00f6nnte, was du da machst.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Dann h\u00e4tte er mich nicht engagiert, glaube ich. Dann h\u00e4tte er auch dich nicht engagiert.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Du wei\u00dft, was bei mir los war. Da haben schon kleinste Sachen ein Riesengezeter erzeugt.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> So ist er immer, so ist er auch bei mir. Aber letztlich wei\u00df ich, dass er auch bei dir im Zuschauerraum sitzt und sagt, der Junge, der hat Phantasie. Er findet das anregend. Und bei mir regt er sich auch auf.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Was machst du dann? Sitzt er dann unten drin und br\u00fcllt dich an? Oder wartet er, bis ihr zu Hause seid?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Er sagt es teilweise schon sehr laut. Du kennst ihn ja. Wei\u00dft du, ich habe \u00fcber alles nachgedacht, was ich mache. Dann sage ich zu ihm, ich mache das aus dem und dem Grund. Naja, wenn du meinst, dass es richtig ist, sagt er dann. Nat\u00fcrlich regt es ihn trotzdem auf. Ich glaube, es w\u00fcrde ihn echt aufregen, wenn er merkt, ich mache es, um zu provozieren.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Das stimmt. Das Anschreien von ihm war zwar eine wirkliche Ersch\u00fctterung bis ins Mark. &#8222;Machen Sie doch Ihre Schei\u00dfe alleine. Das interessiert mich nicht mehr. Sie haben k\u00fcnstlerische Freiheit.&#8220; Das waren seine drei S\u00e4tze. Aber dann hatte er diese Neugierde und kam nach zehn Minuten wieder. Das fand ich das Gr\u00f6\u00dfte, was passieren konnte. Gestern bei der Probe habe ich trotzdem gedacht, ist das jetzt geschmacklos gegen\u00fcber deinem Vater, wei\u00df der das \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Letztlich ist es bei dir auch so. Ich fand seinen Satz ganz pr\u00e4gnant, als du die Kirche angemalt hast und zu ihm hin bist und gesagt hast, schauen Sie mal, Herr Wagner, das ist Kunst. Und er sagte: &#8222;Na, wenn Sie meinen.&#8220; Ich glaube, so \u00e4hnlich ist das auch bei mir.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Das ist so \u00e4hnlich wie in meinem zweiten Jahr, wo er nach einer Viertelstunde der Proben gesagt hat, das ist noch schlechter als letztes Jahr. Und dann den ganzen Tag in der Probe sa\u00df.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Klar, es interessiert ihn n\u00e4mlich, was du machst.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Wie kam das eigentlich, dass ich hierher gekommen bin? Darf ich das mal fragen?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Klar. Er hat Listen von Leuten, die er gerne einladen w\u00fcrde. Da fragt er mich auch. Bei dir war er in Vorstellungen und sagte, ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass der was macht, das noch nie jemand auf eine Opernb\u00fchne gestellt hat. Ich fand deine Arbeit auch nicht schlecht, kannst du dir ja denken.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Und wie kam ich zum &#8222;Parsifal&#8220;? Das ist ja ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Er \u00fcberlegt sich, wer zu welchem St\u00fcck passt.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Wir hatten abends beim Essen dann vor allem \u00fcber Wohnmobile geredet. Dein Vater ist Wohnmobil-Fan. Deine Mutter sagte, dass sie die immer gehasst hat. Gestern habe ich eine halbe Stunde mit deinem Stolzing \u00fcber Wohnmobile geredet. Der f\u00e4hrt ja so ein Riesending, 7,4 Tonnen und steht auch hier auf dem Campingplatz, wo wir gerade wohnen. Seid ihr denn auch mal zusammen in Urlaub im Wohnmobil gefahren. Deine Eltern und du?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ich glaube nicht, ich mag Wohnmobile nicht. Es gibt ja gewisse Leidenschaften von Menschen, da geh\u00f6ren bei mir Wohnmobile nicht dazu.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Was hast du f\u00fcr Leidenschaften?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ich muss jeden Tag laufen, sonst werde ich kr\u00e4tzig.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Wann hast du mit dem Laufen angefangen?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Vor sechs Jahren. Ich mache jetzt seit sechs Jahren jeden Tag Sport.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Daher muss auch kommen, dass du im ersten Jahr, als wir zusammengearbeitet haben, zwar schon powerm\u00e4\u00dfig warst, es aber jetzt noch viel st\u00e4rker bist. Man denkt, Wagner, da kommt so eine Mimose, aber das bist du ja \u00fcberhaupt nicht. Du bist eher deftig.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Ja, ich bin deftig. Es ist so.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Wie w\u00fcrdest du mich beschreiben?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Was ich bei dir so Wahnsinn finde: Du kommst rein und bist total wohlerzogen und mittendrin, wenn du irgendetwas siehst oder aufnimmst, musst du daraus etwas machen, musst du Kunst machen. Diese beiden Zust\u00e4nde, obwohl ich mich auch als K\u00fcnstler definiere, kenne ich gar nicht. Das inspiriert und fasziniert mich total. Wo viele sagen w\u00fcrden, der hat doch eine Meise, wenn du dir eine Per\u00fccke aufsetzt und dir gr\u00fcne Farbe draufhaust. Blo\u00df hast du keine Meise.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Deswegen war das wahrscheinlich vor drei Jahren auch so schwierig zu vermitteln, dass ich das nicht gemacht habe, um das Haus kaputt zu machen und zu provozieren. Die H\u00e4rte, die hier herrschte, war wirklich extrem. Dieses Jahr ist da eine echte Ver\u00e4nderung. Aber vor drei Jahren war bei jeder Kleinigkeit schon wieder ein Fax f\u00fcr mich an der Rezeption in meinem Hotel. Das war dann sofort \u00f6ffentlich, das wurde gelesen. Da hast du viel vermittelt.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Das muss man miterleben. Wenn ich nicht gemerkt h\u00e4tte, dass du diese Sachen machst, weil du es musst, h\u00e4tte ich da nie vermittelt.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Was sich auch extrem ver\u00e4ndert hat, sind die Arbeitsm\u00f6glichkeiten auf der B\u00fchne. Man konnte vieles gar nicht ausprobieren, meinetwegen das Licht mal zur\u00fcckzufahren und auf der B\u00fchne zu tr\u00e4umen. Man hatte schon bei der B\u00fchnenorchesterprobe kaum eine M\u00f6glichkeit mehr, etwas zu \u00e4ndern. Was in diesem Jahr f\u00fcr eine Flexibilit\u00e4t ist, ist schon erstaunlich.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Da profitiere ich auch von dir. Weil du eine ganz andere Arbeitsweise hast, wie sie ein Opernhaus gew\u00f6hnt ist.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Tut gut, das zu h\u00f6ren, das war ein ganz sch\u00f6ner Kampf. Auf beiden Seiten. Und nun wird es fast schon harmonisch hier. Die Leute verstehen es allm\u00e4hlich nicht mehr als Provokation. Und trotzdem begegnen mir immer wieder Leute, die dar\u00fcber erstaunt sind, dass ich weiterhin an Opern interessiert bin. Das erstaunt mich wiederum. Ich finde, dass der Bilderorganismus des &#8222;Parsifal&#8220; zum Organismus der Musik doch seine Berechtigung hat.<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Nat\u00fcrlich. Der entscheidende Punkt ist dabei der folgende. Du hast einen verdammt intuitiven Zugriff, und das merkt man. Du hast nicht den Zugriff: Aha, da ist in der Partitur dieses Motiv, also muss das und das entstehen. Deine Sprache ist eine seltene Opernsprache. Nun besteht die Schwierigkeit darin, zum Teil ist das ja schon bei mir so, dass wir es hier mit S\u00e4ngern zu tun haben. So ein Gl\u00fcck, wie wir hier beide haben, werden wir nicht so oft haben. Da habe ich Angst f\u00fcr dich, wenn du an ein Repertoirehaus gehst und S\u00e4nger hast, die keinen Spa\u00df an deiner Arbeit haben, dass du dann extrem gehemmt wirst oder ausrastest. Aber du musst es weitertreiben. Man bekommt sonst nie so eine Bilderwelt in der Oper.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Da w\u00e4re es doch richtig, wenn ich die Bilder zusammendenke und mir vorstelle, wie du mit deiner Halbschwester Bayreuth leitest. Eva Wagner-Pasquier ist doch eine Halbschwester von dir. Hast Du Kontakt mit ihr?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Nein.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Gab es jemals das Bed\u00fcrfnis?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Wei\u00dft du, es ist problematisch, die Damen sind ja nicht zimperlich in ihrer \u00f6ffentlichen Wortwahl. Ich erwidere nie etwas darauf. Ich w\u00fcrde mich nicht verwehren, wenn sie auf mich zuk\u00e4men. Aber bei der Wortwahl sind sie es, die auf mich zukommen m\u00fcssten.<\/p>\n<p><i>Schlingensief:<\/i> Und dann gibt&#8217;s was zu Essen. Was isst die Familie Wagner denn am liebsten, wenn man zu dritt zusammensitzt?<\/p>\n<p><i>Wagner:<\/i> Schweinebraten mit Kl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katharina Wagner im Gespr\u00e4ch mit Christoph Schlingensief. 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