{"id":222,"date":"2007-07-23T17:53:48","date_gmt":"2007-07-23T15:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=222"},"modified":"2007-07-23T17:53:48","modified_gmt":"2007-07-23T15:53:48","slug":"schlingensief-zeigt-18-bilder-pro-sekunde-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=222","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF ZEIGT &#8222;18 BILDER PRO SEKUNDE&#8220; (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der erste Eindruck: ein erstaunlich aufger\u00e4umter. Betritt man die gro\u00dfe Ehren- und Eingangshalle im M\u00fcnchner Haus der Kunst, ist man zun\u00e4chst erstaunt, wie geschickt Chris Derkon und sein Team diesen mit Blutmarmor verkleideten Unort bespielen. Ob Paul McCarthys nicht jugendfreies Westernfort oder Konstantin Grcics k\u00fchle Industriedesign samt Pappdummies in allen Entwicklungsstufen, der unmenschlich gro\u00dfe Raum taugt durchaus als sch\u00fctzende H\u00fclle f\u00fcr \u00fcberdimensionierte Installation. Diesmal beherbergt er Christoph Schlingensief und seine Arbeit &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220;.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Manuel Brug<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nHinter einem rohen Holzzaun zeigen sich riesig cremefarbene Apostelk\u00f6pfe aus Pappmaschee als erste Ank\u00fcndigung eines brasilianischen Karnevalswagen, den Schlingensief per Schiff aus Manaus hat herbeischaffen lassen. Seine Installation ist eine Reflexion auf seine Auseinadersetzung mit Wagners &#8222;Fliegendem Holl\u00e4nder&#8220; mitten im finsteren Herzen des Amazonas-Dschungel. Sah es in seinen letzten bildk\u00fcnstlerischen Arbeiten wie &#8222;Hodenpark&#8220;, &#8222;Ragnar\u00f6k&#8220; oder dem Animatographen mit ihren verschmierten Turbinen, Heuhaufen in dunklen Kabuffs, Mozart-Pornos und Nazibildern eher aus wie in einer Jonathan-Messe-Assamblage, in die der Blitz eingeschlagen hatte, so ist diesmal alles wohlgeordnet.<\/p>\n<p>Schlingensief, der Krankheit und Tod in der eigenen Familie zu verarbeiten hatte, erinnert sich an seine Jugendtage im Oberhausener Schmalfilmclub und verkn\u00fcpft das Haptische der in diversen Projektoren als kunstvoll aufgef\u00e4delte Endlosschleifen ratternden Filme mit dem Urwaldtrip hin zu den Wagner-M\u00fcttern. Hat man einige Kisten passiert &#8211; manche sind geschlossen, in anderen warten Familienbilder und Filmschachteln -, tun sich im Unterbau der Abendmahlszene Kabinen auf, wo man sieht und h\u00f6rt, was die Benutzung aus dem Zelluloid macht: verkratzte, springende, durchlaufende Bilder. Oder einfach gerissene Spulen, wo alles stillsteht.<\/p>\n<p>Sambat\u00e4nzerinnen und alte Frauen huschen \u00fcber die W\u00e4nde, ein Amazonasschiff ist auf gro\u00dfer Fahrt, Vorbereitungen f\u00fcr die Erkundung einer verlassenen Leprastation sind zu sehen. Schlingensief hielt immer drauf, kurbelte von Hand mit seiner uralten 16-Milimeter Bolex-Kamera in altmodischstem Schwarzwei\u00df. 18 Bilder dreht die pro Sekunde, 18 Kojen mit kurzen, schlaglichtartigen Filmen durchschreitet man, bis am Ende, von einer Videowand mit 18 Monitoren Schlingensiefs j\u00fcngstes Filmprojekt &#8222;African Twin Towers&#8220; \u00fcber den Betrachter hinwegflutet: mit Zwergen und Verr\u00fcckten, Robben und Per\u00fcckentr\u00e4gern, das \u00fcbliche Schlingensief-Universum, in dem alles und nichts bedeutungsverwurstelt wird.<\/p>\n<p>Oben auf dem Wagen, wo Jesus mit sieben J\u00fcngern und dem Propheten Mohamed freundlich papppr\u00e4sidiert, gibt es erstmals Ton. An einem Fernseher h\u00e4ngen Kopfh\u00f6rer &#8211; die Ouvert\u00fcre zum &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; wird mit dem Mut der Verzweiflung in Priestergew\u00e4ndern vom Orchester des Teatro Amazonas zwischen Lianen und Schlingpflanzen gespielt. 18 soll angeblich auch eine Geheimzahl unter Neonazis sein. Und das in Hitlers ehemaligem Kunsttempel? Ein sehr ruhiger Schlingensief bindet hier sein brasilianisches Abenteuer in seinen Lebenswerkkosmos aus Kunst und Kitsch, Religion und Revolte ein. Anfang August wird er auch in Bayreuth mit der vierten und finalen &#8222;Parsifal&#8220;-Variation sich ein St\u00fcckchen weiterdrehen, bevor Anfang September an der Oper Bonn &#8222;Freax&#8220; auf Musik von Moritz Eggert startet.<\/p>\n<p>Die Welt vom 23. Juli 2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik aus der WELT zu Christoph Schlingensiefs Installation &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; im M\u00fcnchner Haus der Kunst<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/222"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=222"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/222\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=222"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=222"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=222"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}