{"id":221,"date":"2007-06-26T12:44:43","date_gmt":"2007-06-26T10:44:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=221"},"modified":"2007-06-26T12:44:43","modified_gmt":"2007-06-26T10:44:43","slug":"bravo-schlingensievo-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=221","title":{"rendered":"BRAVO, SCHLINGENSIEVO (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Ausstellung &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; im M\u00fcnchner Haus der Kunst \u00fcberrascht Christoph Schlingensief mit sensibel inszenierter privater Trauer.<\/strong><\/p>\n<p><em>VON JOHANNA SCHMELLER<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEin Enfant terrible weint nicht, wenn es leidet. Zusammen mit dem Superhelden, dem Idol und dem Protestler begr\u00fcndet es eine eigene Gattung, der in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung lediglich Br\u00fcllen, Toben und Schreien zur \u00c4u\u00dferung von Verzweiflung zugestanden werden. <\/p>\n<p>Ausgerechnet Christoph Schlingensief tritt nun aus der Reihe der tr\u00e4nenlosen W\u00fcter heraus. Herzensw\u00e4rme wird dem Theaterprovokateur l\u00e4ngst nachgesagt, Empathie dagegen erregte er selten. Das d\u00fcrfte sich demn\u00e4chst gr\u00fcndlich \u00e4ndern. In einer gro\u00dfartigen Ausstellung im M\u00fcnchner Haus der Kunst \u00fcberrascht der 47-J\u00e4hrige ausgerechnet mit unpr\u00e4tenti\u00f6s inszenierter, h\u00f6chst privater Trauer. Gewidmet ist die Ausstellung &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; Schlingensiefs Vater. Im Februar, w\u00e4hrend der Sohn zum Zwecke einer Inszenierung von Wagners &#8222;Fliegendem Holl\u00e4nder&#8220; im Urwald von Manaus weilte, starb der nach einem Schw\u00e4cheanfall. Dies verarbeitet Schlingensief in M\u00fcnchen mit \u00fcberraschender Eindringlichkeit und ungeahntem Zartgef\u00fchl. <\/p>\n<p>Hinter einem zusammengenagelten Bretterzaun, der Schlingensiefs Kunst gegen den Ausstellungsraum, gegen die nationalsozialistische Machtarchitektur des Museums abgrenzt, dominiert ein meterhoher, quittengelber Jesus in knuffiger Disney-\u00c4sthetik, umringt von acht Aposteln. Sie stammen alle aus Manaus und alle sind sie einem peruanischen Karnevalswagen nachempfunden. Vielleicht sitzt auch deshalb ein styroporener Mohammed zur Rechten des Gottessohnes? Zwar w\u00fcrde er mit Spitzbart, Mandelaugen und Trompeten\u00e4rmeln problemlos als mongolischer Krieger oder geheimnisvoller Mandarin durchgehen. Doch er soll nat\u00fcrlich das friedliche Miteinander der Weltreligionen symbolisieren, Abbildungsverbot hin, Karikaturenstreit her. <\/p>\n<p>Unter den fr\u00f6hlich-farbigen Aposteln sind in achtzehn Kabinen \u00e4u\u00dferst bemerkenswerte Filmsequenzen zu sehen, teils aus der Opernproduktion in Manaus, teils Schlingensiefs neustem Projekt &#8222;African Twin Towers&#8220; in Namibia entnommen. Neben den wohlgeformten Schenkeln einiger Samba-T\u00e4nzerinnen zeigen sie das ganze K\u00f6nnen eines K\u00fcnstlers, der nach Jahren der Theaterarbeit wieder zum Film zur\u00fcckgekehrt ist. Bereits in den Siebzigern, noch bevor der in Oberhausen geborene Schlingensief nach M\u00fcnchen kam, um Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik zu studieren, widmete er sich der Videokunst &#8211; und versteht sich daher immer noch als Filmer. Mitte der Neunziger bestritt Schlingensief als Hausregisseur das Programm der Berliner Volksb\u00fchne. Neben &#8222;Hamlet&#8220; am Schauspielhaus Z\u00fcrich und Jelineks &#8222;Bambiland&#8220; am Wiener Burgtheater z\u00e4hlt die Parsifal-Inszenierung bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth vor drei Jahren zu seinen prominentesten Auftritten. <\/p>\n<p>Seit zwei Jahren wendet sich Schlingensief wieder verst\u00e4rkt dem Film zu; die momentane Ausstellung im Haus der Kunst stellt die erste gr\u00f6\u00dfere Installation dar. Die mit einer altmodischen 16-Milimeter-Bolex-Kamera gedrehten Streifen bilden ab, was Schlingensief selbst sah und tat, kurz bevor und kurz nachdem er vom Zusammenbruch seines Vaters erfuhr: Er trug eine schwarze Langhaarper\u00fccke nebst Augenklappe, er dirigierte ein Orchester und fluchte gelegentlich obsz\u00f6n, er besudelte sich und andere in einer kargen W\u00fcstenlandschaft literweise mit Milch, er bewarf die Vorsitzende des Verbandes der Kleinw\u00fcchsigen mit wei\u00dfem Babypuder. Er widmete sich seinem Tagesgesch\u00e4ft. Gehetzte Regieanweisungen sind in 18 Stunden ungeschnittenem Bildmaterial zu vernehmen, das den Kern der Installation bildet. Schlingensief lehnt es ab, diesen Teil durch Schnitt zu vollenden und ein Kapitel abzuschlie\u00dfen, das mit seinem Vater in einem letzten Zusammenhang steht. Wie schon in der Wahl des Sujets &#8211; eine Oper im Urwald von Manaus &#8211; scheint er gerade in dieser Sequenz den atemlosen, fanatischen Brian Sweeny Fitzgerald aus Werner Herzogs &#8222;Fitzcarraldo&#8220; nicht nur zu imitieren, sondern in ihm aufzugehen. <\/p>\n<p>Alle Filmsequenzen laufen in Endlosschleifen durch die ratternden Projektoren, n\u00fctzen sich langsam ab wie eine \u00e4lter werdende, erblindende Netzhaut, erkl\u00e4rt der K\u00fcnstler. Wie die Erfahrung Erinnerungen \u00fcberzeichnet &#8211; oder wie Personen, die man als Kind als riesig wahrnahm, beim sp\u00e4teren Wiedersehen pl\u00f6tzlich kleiner erscheinen -, kann die Bolexkamera fr\u00fchere Aufnahmen zwar nicht l\u00f6schen, aber \u00fcberschreiben. Dasselbe aus einer neuen Perspektive sehen, Eindr\u00fccke korrigieren, ohne sie zu vernichten &#8211; wie das menschliche Gehirn, so die Bolex. <\/p>\n<p>Doch nicht alle Bretterverschl\u00e4ge zeigen Filme; einer ist verschlossen, der Inhalt nur dem K\u00fcnstler bekannt. In einem anderen h\u00e4ngt ein expressives Familienportr\u00e4t von 1975, das den damals 15-J\u00e4hrigen mit seinen Eltern zeigt: Der Vater steht ein St\u00fcck h\u00f6her als der K\u00fcnstler selbst und dessen Mutter. In einem weiteren Schrein steht eine ge\u00f6ffnete 70er-Jahre-Kommode aus dunklem Holz mit eckigen Messingbeschl\u00e4gen.Im obersten Fach liegt vor einem Chaos aus Filmrollen und Ordnern eine kleine, verkrumpelteSchwarzwei\u00dffotografie. Sie zeigt einen blutjungen, bildsch\u00f6nen Schlingensief im Profil, hochkonzentriert durch eine Bolex blickend, den ersten Bartflaum auf der Oberlippe. Im Zusammenf\u00fcgen der einzelnen Ausstellungselemente vervollst\u00e4ndigt Schlingensief seine Auseinandersetzung mit der \u00dcberlagerung von Vergangenheit und Gegenwart. <\/p>\n<p>Schlingensiefs Neigung zur Selbstdarstellung verliert sich auf gl\u00fcckliche Weise in der gro\u00dfen Intimit\u00e4t, die diese Ausstellung so gl\u00e4nzen l\u00e4sst. Und selbst, wer bislang nur neidvoll Skandale und Skand\u00e4lchen, Krankheitsbilder und nackte Pop\u00f6chen aufz\u00e4hlen konnte, die der nicht immer unumstrittene Schlingensief zur Komplettierung seines Lebenswerkes aufzutreiben wusste, wird sein Urteil nun zumindest erg\u00e4nzen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Schwer ist die best\u00fcrzende Offenheit zu ertragen, mit der der Frontalk\u00fcnstler dem Vergehen begegnet. Nicht fatalistisch oder tobend, sondern einf\u00fchlsam und leise. Nicht gew\u00f6hnlich und exaltiert, sondern bedr\u00fcckend todtraurig. In Katakomben unter kitschigen Styroporg\u00f6tzen unternimmt er den hilflosen Versuch, den absurdesten Moment des Lebens zu verstehen: den Moment des Erl\u00f6schens, das Ende einer Existenz und, noch furchteinfl\u00f6\u00dfender, die Ver\u00e4nderung und das schrittweise Verblassen des Abbildes in der Erinnerung. <\/p>\n<p>Bis 16. September; Film-Retrospektive noch bis 22. Juni, Filmmuseum M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ausstellung &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; im M\u00fcnchner Haus der Kunst \u00fcberrascht Christoph Schlingensief mit sensibel inszenierter privater Trauer.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/221"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=221"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/221\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}