{"id":219,"date":"2007-06-12T16:39:33","date_gmt":"2007-06-12T14:39:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=219"},"modified":"2007-06-12T16:39:33","modified_gmt":"2007-06-12T14:39:33","slug":"schlingensief-zeigt-film-reflexion-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=219","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF ZEIGT FILM-REFLEXION (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im M\u00fcnchener Haus der Kunst hat Christoph Schlingensief eine spektakul\u00e4re Installation geschaffen. Die Ausstellung bietet eine sinnliche Reflexion \u00fcber das Medium Film mit vielen Bez\u00fcgen zur Gegenwart.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nM\u00fcnchen &#8211; Es hat etwas Nostalgisches. Mehrere knatternde Projektoren spielen in kleinen Kabinen grobk\u00f6rnige 16-Milimeter-Kurzfilme ab, in Schwarz-Wei\u00df, ohne Ton, es knistert, es flimmert. Wenige Schritte weiter dann der visuelle Kontrast: An einer Wand zeigen 18 Flachbildschirme in \u00fcppigen Farben oder kontrastreichem Schwarz-Wei\u00df eine Flut von gestochen scharfen Filmaufnahmen. In Christoph Schlingensiefs Installation &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; im M\u00fcnchner Haus der Kunst ist die \u00dcberforderung des Betrachters Programm.<\/p>\n<p>Eine Bretterwand umgibt die Installation, am Eingang gr\u00fc\u00dft ein riesiger Jesus. Ein paar Schritte weiter \u00f6ffnet sich der Blick auf den optisch dominanten \u00dcberbau: eine begehbare, \u00fcberdimensionale Abendmahlszene. Als Vorlage daf\u00fcr diente ein Karnevalswagen im brasilianischen Manaus. Darunter sind die Videowand sowie &#8211; analog zu den zw\u00f6lf Aposteln &#8211; die zw\u00f6lf Kabinen mit den Filmprojektoren angeordnet. Sechs weitere Kabinen davor bieten eine subjektive Ann\u00e4herung Schlingensiefs an das Thema Film.<\/p>\n<p><strong>Auch Kurzfilme sind zu sehen<\/strong><\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der eigens f\u00fcr das Haus der Kunst konzipierten Schau stehen zwei filmische Werkkomplexe des Regisseurs und Aktionsk\u00fcnstlers: Zum einen 18 Stunden ungeschnittenes Material seines unfertigen Films &#8222;African Twin Tower&#8220;, gedreht in Namibia, in dem es unter anderem um Richard Wagner, den Anschlag vom 11. September, Angeh\u00f6rige eines afrikanischen Hirtenvolks sowie Geister der Gegenwart und der Vergangenheit geht.<\/p>\n<p>Zum anderen sind Kurzfilme zu sehen, die Schlingensief w\u00e4hrend der Vorbereitungen f\u00fcr seine Inszenierung der Wagner-Oper &#8222;Der fliegende Holl\u00e4nder&#8220; in Manaus gedreht hat. Aufgenommen hat er die Kurzfilme mit einer Kurbelkamera aus den 1930er Jahren, die durch R\u00fcckspulen Doppel- und Mehrfachbelichtungen erlaubt &#8211; &#8222;wo die Zeit so tut, als w\u00e4re sie schon fortschritten&#8220;, wie Schlingensief es formuliert.<\/p>\n<p><strong>Betrachter Teil des Betrachteten<\/strong><\/p>\n<p>Anders als im Kinosaal sind die Projektoren nicht verborgen. Ihre Pr\u00e4senz wird betont, sie werden integraler Bestandteil der Vorf\u00fchrung. Sie rattern, strahlen W\u00e4rme aus, es riecht nach erhitztem Zelluloid, die Filmstreifen laufen \u00fcber den K\u00f6pfen der Ausstellungsbesucher zum Teil in mehreren Bahnen durch die kleinen Kabinen. Die Filmsequenzen werden dabei in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleinem Ma\u00dfstab an die Wand geworfen: Der Betrachter soll laut Schlingensief &#8222;einen Schritt auf das Bild zugehen&#8220;.<\/p>\n<p>Der Regisseur meidet mit seinen neuen Filmarbeiten bewusst Kinos\u00e4le und bezieht den Projektionsraum mit ein. &#8222;Mein Leben lang habe ich eine Pr\u00e4sentationsform im Kino gesucht, die ich nie gefunden habe&#8220;, erl\u00e4utert er. &#8222;Ich versuche klar zu machen, was der Betrachter f\u00fcr eine Rolle spielt.&#8220; Er wolle ihn &#8222;nicht einfach vor den Film setzen&#8220;. Der Betrachter solle merken, dass er selbst ein Teil des Betrachteten sei.<\/p>\n<p><strong>Eine Bilderlawine<\/strong><\/p>\n<p>Die Installation des 46-J\u00e4hrigen bietet &#8211; neben vielfachen Bez\u00fcgen zur gesellschaftlichen Gegenwart und Grundfragen der menschlichen Existenz &#8211; eine \u00fcberaus sinnliche Reflexion \u00fcber das Medium Film. Unterstrichen wird dieser Aspekt durch die mehrfache Pr\u00e4senz der Zahl 18: 18 Monitore zeigen 18 Stunden Rohmaterial eines Films, insgesamt 18 Kabinen umfasst die Installation. Auch der Ausstellungstitel &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; verweist darauf, dass der Mensch ab 18 Bildern pro Sekunde anf\u00e4ngt, eine fl\u00fcssige Bewegung zu sehen.<\/p>\n<p>Schlingensief verwirrt den Betrachter, \u00fcberrollt ihn mit einer wahren Bilderlawine, meidet das Eindeutige, betont das Verborgene. In &#8222;18 Bilder pro Sekunde&#8220; muss der Betrachter gewisserma\u00dfen selbst zum Regisseur werden: Er muss aus der Flut der Eindr\u00fccke und Themen das herausfiltern, was ihn ber\u00fchrt und so im Kopf einen eigenen Film schaffen.<br \/>\nDie Ausstellung ist seit Freitag und bis zum 16. September zu sehen. (tso\/ddp)<\/p>\n<p><em>(Die ZEIT vom 25.05.2007)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00fcnchener Haus der Kunst hat Christoph Schlingensief eine spektakul\u00e4re Installation geschaffen. 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