{"id":218,"date":"2007-06-12T16:37:30","date_gmt":"2007-06-12T14:37:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=218"},"modified":"2007-06-12T16:37:30","modified_gmt":"2007-06-12T14:37:30","slug":"bekenntnis-zum-verlorenen-faden-focus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=218","title":{"rendered":"BEKENNTNIS ZUM VERLORENEN FADEN (FOCUS)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief zeigt im M\u00fcnchner Haus der Kunst seine Installation \u201e18 Bilder pro Sekunde\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von FOCUS-Online-Redakteurin Claudia Weingartner<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nObwohl Christoph Schlingensief sich inzwischen einen Namen als Filmemacher, Theater- und Opernregisseur, bildender K\u00fcnstler und Parteigr\u00fcnder gemacht hat \u2013 das Label \u201eProvokateur\u201c und \u201eEnfant terrible\u201c haftet ihm noch immer an. F\u00fcr sein neuestes Projekt im M\u00fcnchner Haus der Kunst tritt der Meister als Person zur\u00fcck und l\u00e4sst Bilder sprechen: Im Zentrum steht der Film \u201eAfrican Twin Towers\u201c, den er 2005 aus Namibia mitbrachte sowie die Kurzfilme, die er w\u00e4hrend seiner Regiearbeit f\u00fcr den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c am Teatro Amazonas in Brasilien drehte.<\/p>\n<p>\u201eIch erfinde nicht, ich finde\u201c, beschreibt Schlingensief sein k\u00fcnstlerisches Vorgehen \u2013 und gefunden hat er in den vergangenen beiden Jahren einiges: In seiner filmischen Aufarbeitung mischen sich nordische und europ\u00e4ische Sagen mit afrikanischem Schamanentum, die Musik von Patti Smith mit Texten von Elfriede Jelinek und dem Spiel der Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann. Richard Wagner und die Figuren seiner Theater-, Oper- und Filmprojekte spielen ebenso eine Rolle wie der Anschlag vom 11. September und das Thema der Erl\u00f6sung. Reales trifft Irreales, Gegenwart auf die Geister der Vergangenheit \u2013 in Schlingensiefs Welt hat alles mit allem zu tun. <\/p>\n<p><strong>Kino \u00e0 la Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p>Das Kino ist nicht der richtige Ort f\u00fcr diese Art von Film, stellt der K\u00fcnstler wohl zu Recht fest, und sucht im Museum nach einer geeigneten Pr\u00e4sentationsform f\u00fcr sein Schaffen. Eingebettet in eine raumf\u00fcllende Installation sollen seine filmischen Sequenzen Dreidimensionalit\u00e4t gewinnen. Statt Filmzuschauern, \u201edie nur davorsitzen\u201c, sollen die Museumsbesucher sp\u00fcren, dass sie \u201eTeil des Bildes sind\u201c. <\/p>\n<p>Eine \u00fcberdimensionale Figurengruppe bildet den aufmerksamkeitsstarken Fixpunkt der Installation, die Schlingensief in der ehemaligen Ehrenhalle des Hauses aufgebaut hat. Bei der Abendmahlszene, die sie darstellen, lie\u00df er sich von einem brasilianischen Karnevalswagen inspirieren. Die Riesen thronen auf einem dunklen Tunnel, in dem zw\u00f6lf altmodische Projektoren rattern und Filme in Endlosschleifen, sogenannten \u201eloops\u201c, zeigen: Die 12 Apostel erz\u00e4hlen ihre Geschichte, auch der Prophet Mohammed ist dabei. In einem abgeteilten Raum wird auf 18 Monitoren das vollst\u00e4ndige Material des Films \u201eAfrican Twin Towers\u201c gezeigt, insgesamt 18 Stunden lang. Vor dem Bau sechs weitere Filmkabinen, die Schlingensiefs Weg zum Filmemacher und seine Erfahrungen im Urwald von Manaus thematisieren.<\/p>\n<p><strong>Bilder aus einer anderen Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Viele der Filmszenen wurden mit einer 16-mm-Bolex-Kamera aus den 30-er Jahren gedreht. Mittels eines Hebels an der Kamera lassen sich die Bilder in Licht oder Dunkelheit versenken. Das eigentlich Interessante sind laut Schlingensief diese kurzen Momente des Nicht-Sehens, \u201eLeerstellen, die Nachbilder auf der Netzhaut provozieren.\u201c In den Dunkelphasen mischt der Betrachter eigene Bilder dazu, \u00fcberschreibt die Erfahrungen des K\u00fcnstlers mit seinen eigenen. <\/p>\n<p>Letztlich geht es bei der Ausstellung deshalb nicht um die gezeigten Bilder \u2013 bei der fragilen Konstruktion aus sich meterlang windenden Filmstreifen in engen Kabinen l\u00e4sst sich nicht ausschlie\u00dfen, dass der Film zerkratzt oder rei\u00dft \u2013 sondern darum, wie sich das Gesehene in der Erinnerung des Betrachters aufl\u00f6st. Die Installation setzt auf die Magie der Bilder. Sie will zum Abtauchen in einen wilden Assoziationsstrom verf\u00fchren und wirbt f\u00fcr neue Seherfahrungen jenseits der Linearit\u00e4t. \u201e18 Loops, Filmloops, zerst\u00f6rbar, knatternd, riechend \u2026 kein digitales Nichts. Aber ein Bekenntnis zum verlorenen Faden\u201c, sagt Schlingensief zu seinem Kunstwerk, auf das sich nicht jeder einen Reim machen k\u00f6nnen wird. F\u00fcr Kuratorin Stephanie Rosentahl kein Nachteil, denn \u201enicht Sch\u00e4rfe ist Schlingensiefs Thema, sondern Unsch\u00e4rfe. Dinge, die klar sind, inspirieren nicht. Die Welt in ihrer Ganzheit ist eben nicht zu begreifen.&#8220;<\/p>\n<p><em>\u201eChristoph Schlingensief: 18 Bilder pro Sekunde&#8220;<br \/>\n25. Mai bis 16. September 2007<br \/>\nHaus der Kunst<br \/>\nPrinzregentenstr. 1<br \/>\n80538 M\u00fcnchen<\/em><\/p>\n<p><em>(FOCUS vom 25.05.2007)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief zeigt im M\u00fcnchner Haus der Kunst seine Installation \u201e18 Bilder pro Sekunde\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/218"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=218"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/218\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}