{"id":216,"date":"2007-05-25T02:50:53","date_gmt":"2007-05-25T00:50:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=216"},"modified":"2007-05-25T02:50:53","modified_gmt":"2007-05-25T00:50:53","slug":"tod-und-traum-im-film-munchner-merkur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=216","title":{"rendered":"TOD UND TRAUM IM FILM (M\u00dcNCHNER MERKUR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>M\u00fcnchner Haus der Kunst: Christoph Schlingensiefs \u201e18 Bilder pro Sekunde\u201d<\/p>\n<p>Das ist seit langem seine beste Arbeit &#8211; auf alle F\u00e4lle im Bereich Bildende Kunst. Die gro\u00dfe Installation \u201e18 Bilder pro Sekunde\u201d, die extra f\u00fcr die Foyerhalle des M\u00fcnchner Hauses der Kunst entstanden ist, \u00fcberrascht h\u00f6chst angenehm (Kuratorin Stephanie Rosenthal).<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief (Jahrgang 1960), dessen spektakul\u00e4re Inszenierung von Richard Wagners Oper \u201eDer fliegende Holl\u00e4nder\u201d f\u00fcr Manaus gerade durch die Medien geisterte, hat sich auf den Film besonnen. \u201eImmer wieder kommt es vor, dass man mich mit dem Theaterregisseur verwechselt. Ich komme aber vom Film, nicht vom Theater.\u201d Na ja, der K\u00fcnstler wurde nicht ungern verwechselt. Und seit l\u00e4ngerem arbeitet er daran, dass man ihn mit einem Bildenden K\u00fcnstler verwechselt. Die h\u00f6heren Weihen etwa durch die Biennale von Venedig oder diverse Museen wurden ihm da nicht verweigert. In den letzten beiden Jahren schloss er sich bei seiner Installation des \u201eAnimatographen\u201d (Reykjavik) samt Weiterentwicklung bis zu \u201eChickenballs &#8211; Der Hodenpark\u201d (Salzburg) dem Verm\u00fcllungs-Stil eines John Bock oder Jonathan Meese an. Was auch das Bayreuther B\u00fchnenbild f\u00fcr den \u201eParsifal\u201d (2004) zum Kollaps brachte.<\/p>\n<p>Nichts davon im Haus der Kunst. Und doch ist sich Schlingensief treu geblieben. Assoziationen sind Zentrum und Medium seiner Ausdruckskraft. Aber er diszipliniert sich nun. Vermeidet die \u00dcberf\u00fclle, denn da l\u00f6scht ein Reiz den anderen aus. Zun\u00e4chst setzt er einen einzigen m\u00e4chtigen Reiz: das Letzte Abendmahl &#8211; das Symbol der Eucharistie, der innigen Verbindung zwischen Gott und Mensch. Zw\u00f6lf Pers\u00f6nlichkeiten &#8211; und Mohammed &#8211; zwischen Leben, Tod und ewigem Leben. Was die europ\u00e4ische Kunstgeschichte zu grandiosen Leistungen inspirierte, \u00fcbernimmt Schlingensief aus der brasilianischen Volksfr\u00f6mmigkeit (Karnevalswagen). Die m\u00e4chtigen Styropor-Apostel an der Hufeisen-Tafel sind lediglich durch eine unterschiedlich intensive braune Spr\u00fch-Konturierung modelliert. Trotz naiver, ungelenker Gestaltung strahlen sie W\u00fcrde aus.<\/p>\n<p>Ihr in Treppen ansteigendes Podest ist von ebenfalls k\u00fcnstlichen Arkaden, sechs Holzh\u00fcttchen und einem primitiven Bauzaun umgeben. In diesen ersten \u201eBeh\u00e4ltnissen\u201d erz\u00e4hlt der K\u00fcnstler vom Handwerk des Produzierens &#8211; vom Filmkleber bis zum Elektrokasten, vom gemalten Familienbildnis bis zu alten Fotos. Auch ein unzug\u00e4ngliches K\u00e4mmerchen gibt es. Das Provisorische, Baustellenhafte der Szene unterstreicht, dass Arbeit und Kunst unaufh\u00f6rliche Prozesse sind.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren auch die Filme im Sockel der Abendmahl-Gruppe. In dieser Quasi-Krypta ist eine Doppelreihe zw\u00f6lf alter Projektoren aufgestellt. Die Streifen laufen sicht- und h\u00f6rbar mal in einer kurzen Schleife, mal in vielen Windungen. Auch hier ist bereits die Materialit\u00e4t \u00e4sthetischer Genuss. Altert\u00fcmlich wirken ebenfalls die Flimmerbilder, die zum Teil \u00fcbereinanderprojiziert sind. Tanz und Tod sind Themen, der Fluss, der Leben spendet und nimmt, die Indianer und die Zugezogenen. Und nat\u00fcrlich Schlingensiefs Phantasmagorien, etwa die Paradiesvogel-Sambat\u00e4nzerinnen im Schummerlicht des Regenwalds. Verwaschene, einander \u00fcberlagernde und bald durch das Film-Abspulen mehr und mehr kaputtgehende, durch Schwarzfilm ersetzte Erinnerungsbilder an Brasilien erz\u00e4hlen Bruchst\u00fcck-Geschichten. Jeder Betrachter wird sie zu stets neuen Dramen zusammenf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Noch mehr auf das Prinzip Simultanit\u00e4t pocht die R\u00fcckwand der Krypta. 18 Flachbildschirme zeigen den ungeschnittenen Film-Rohstoff von \u201eAfrican Twin Towers\u201d (L\u00fcderitz, Namibia) &#8211; und wie optische Verm\u00fcllung nerven kann.<\/p>\n<p>* Bis 16. September, Tel. 089\/ 21 12 71 13, www.hausderkunst.de.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Simone Dattenberger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist seit langem seine beste Arbeit &#8211; auf alle F\u00e4lle im Bereich Bildende Kunst. 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