{"id":215,"date":"2007-05-25T02:49:07","date_gmt":"2007-05-25T00:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=215"},"modified":"2007-05-25T02:49:07","modified_gmt":"2007-05-25T00:49:07","slug":"tausend-jahre-kein-problem-merkur-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=215","title":{"rendered":"TAUSEND JAHRE, KEIN PROBLEM (M\u00dcNCHNER MERKUR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eben war er noch im brasilianischen Urwald, um in Manaus Richard Wagners \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201d zu inszenieren. Jetzt bereitet Christoph Schlingensief im M\u00fcnchner Haus der Kunst seine Installation \u201e18 Bilder pro Sekunde vor\u201d. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Sie sagten, mit Ihrem \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201d h\u00e4tten Sie nach dem \u201eParsifal\u201d eine weitere Wagner-Oper dem Volk zur\u00fcckgegeben. Wer hat die beiden denn vorher besessen?<\/em><\/p>\n<p>Die Wagnerianer haben so ein Reinheitsgebot. Man kennt sich aus, was \u00fcberhaupt nicht stimmt. Es soll immer nur ein gesellschaftliches Event sein. Der \u201eHoll\u00e4nder\u201d ist ja stark zur Nummernrevue verkommen und in einer Aktualit\u00e4t steckengeblieben, bei der die Seem\u00e4nner \u201eJohotoho\u201d singen und Geschlechtsverkehr haben. Der Wagner in Manaus sah anders aus. Die Leute, die die Drehb\u00fchne per Hand bedient haben, kannten oder verstanden den Text zum Teil nicht. Dadurch wurde diese Nummernrevue \u00e0 la Offenbach gebrochen. Zur\u00fcckgeben, damit habe ich keinen Akt des Schenkens gemeint. Wer bin ich denn? Ich glaube nur, der Wagner h\u00e4tte sich damit sehr wohl gef\u00fchlt.<\/p>\n<p><em>Warum eigentlich immer Wagner, warum nicht Strauss oder Beethoven?<\/em><\/p>\n<p>Meine erste LP war Strauss\u2018 \u201eHeldenleben\u201d. Auf dem Cover Karajan in Lederklamotten vor seinem Learjet. Meine Mutter hat Beethovens Neunte bis zum Abwinken geh\u00f6rt. Wagner war da gar nicht so aktuell, nach dem Motto: jeden Nachmittag einen Opfergang. Wagner ist mir mit dem \u201eTristan\u201d begegnet. Und das ist auch die Oper, die ich unbedingt noch realisieren will. Mit Mozart hatte ich immer Probleme. Das liegt vielleicht am Alla-Turca-Geklimper, was ich machen musste. Oder weil mir die Geschichten zu konkret sind. Bei Wagner teilen die Leute Endloses mit. Zum Beispiel Gurnemanz: Tausend Jahre, kein Problem, ich erz\u00e4hl\u2018 euch das mal.<\/p>\n<p><em>Haben Sie mit dem Bayreuther \u201eParsifal\u201d nicht l\u00e4ngst abgeschlossen? Das ist doch ein Widerspruch: Sie als Performancek\u00fcnstler m\u00fcssen jedes Jahr zur\u00fcck und daran feilen.<\/em><\/p>\n<p>In meinen Filmen habe ich die Leute gequ\u00e4lt, weil ich zum Beispiel \u2018ne ganz bestimmte Stimmfarbe wollte. Eine Szene in \u201e120 Tage von Bottrop\u201d haben wir 24 Mal bis nachts um drei gedreht. Ich bin also eigentlich nicht der Performancetyp. Mittlerweile sitze ich bei so was im Theater und denke mir: Gibt\u2018s da nicht ein Mindestma\u00df an Dramaturgie? Es stimmt schon: Manchmal will man auf der B\u00fchne schneller sein als der Besucher vom Prenzlauer Berg, der sowieso alles Schei\u00dfe findet. Nat\u00fcrlich mag ich\u2018s, wenn Darsteller, die alles genau wissen und wom\u00f6glich noch in der Garderobe ausgerufen werden wollen, ohne ihr Wissen in die Kunst geraten. Bei mir hat sich vieles ver\u00e4ndert, vor allem durch die Arbeit mit Film und dieser besonderen Kamera, der Bolex. Die muss gekurbelt werden, alle 30 Sekunden ist ein neuer Film erforderlich. Ich kann doppelt und dreifach belichten, dann sitze ich am Schneidetisch, gehe zum Kopierwerk. Unheimlich viel Handwerk ist das, ein dauernder Umgang mit Material und seiner Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielt f\u00fcr Sie das Haus der Kunst mit seiner Geschichte im \u201eDritten Reich\u201d?<\/em><\/p>\n<p>Orte waren mir in meinen Filmen immer wichtig. Auf einer Hallig waren wir vom Eis eingeschlossen, konnten nicht weg \u00ad das beeinflusst kolossal. Genauso das Stahlwerk beim \u201eKettens\u00e4genmassaker\u201d. Solche Orte haben sich aufgetankt. Wie Bayreuth. Oder eben Manaus. Das Haus der Kunst hab\u2018 ich 2005 durch die Paul McCarthy-Ausstellung n\u00e4her kennengelernt und mir keine gro\u00dfen Gedanken gemacht. Reingelatscht und Hitler im Sinn oder so. Dass der hier rumlief, ergreift mich gar nicht. Die Kuratorin Stephanie Rosenthal \u00fcberzeugte und fragte mich damals: Willst du hier mitmachen? Willst du hier im Bild stehen?<\/p>\n<p><em>Und wie stehen Sie hier im Bild?<\/em><\/p>\n<p>Ich biete eine filmische Installation. Zw\u00f6lf Projektoren knattern mit Filmloops. Die Filme werden kaputtgehen, die kriegen Risse. Dann gibt es die zw\u00f6lf Apostel, jeder erz\u00e4hlt Gurnemanz-m\u00e4\u00dfig seine Geschichte. Der eine, Johannes, geht nach Patmos, schreibt die Apokalypse. Auch Mohammed, der Nichtabbildbare, ist dabei.<\/p>\n<p><em>Was werden die Leute wohl zu Letzterem sagen?<\/em><\/p>\n<p>Das ist doch wie beim Berliner \u201eIdomeneo\u201d. So ein Bl\u00e4tterrauschen. Wichtig f\u00fcr ein paar Leute. Die nutzen das, um damit Wind zu machen. Das ist ja hier keine Karikatur. Er ist einfach im Kreis der Apostel angekommen. Das sind doch alles gesichtslose Wesen. Wer wei\u00df denn, wie Johannes aussah? Der filmischste ist vielleicht Thomas, weil er bei Jesus in die Dunkelzone fasst.<\/p>\n<p><em>Apropos Bl\u00e4tterrauschen: Funktioniert Schlingensief nur, weil die Tagesthemen \u00fcber die Spektakel berichten?<\/em><\/p>\n<p>Beim \u201eHoll\u00e4nder\u201d sind Leute erreicht worden, die damit \u201eFitzcarraldo\u201d oder \u00c4hnliches assoziieren. Wen interessiert in Manaus, was ich in M\u00fcnchen mache? Wundersamerweise gibt es \u00fcber die Medien dann doch Querverbindungen. So wie ich erfahre, dass in Korea einer meiner Filme l\u00e4uft. Toll. Ich liebe es, im Ausland zu arbeiten. Nicht weil ich Deutschland hasse. Sondern weil ich da mit Stoppelenglisch rumhantiere und ich Freude am Fremden habe.<\/p>\n<p><em>Ist Bayreuth auch eine Form von Ausland?<\/em><\/p>\n<p>Unbedingt, ja. Aber dann eher so auf der Ebene: Jeder wei\u00df es besser. Anfangs war\u2018s ein Kampf, und jetzt ist da ein Gef\u00fchl von Gemeinsamkeit entstanden. Nur: Wenn ich was mache, steht in Deutschland immer gleich \u201eProvokationsk\u00fcnstler\u201d dr\u00fcber.<\/p>\n<p><em>Aber bedienen Sie nicht auch manchmal Ihre eigene Marke?<\/em><\/p>\n<p>Als ich f\u00fcr das M\u00fcnchner Projekt zum Beispiel am Schneidetisch bis morgens fr\u00fch sa\u00df, war das ein Supergl\u00fcck. Diese Konzentration. Sicher, bei meinen fr\u00fcheren Filmen gab\u2018s Geschrei, die Leute sind rausgerannt und so weiter. Und jetzt wurde einer im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt. Die Filme waren halt nicht nur die Eintagsnummer, damit\u2018s mal knallt. Ich nehme das meiste ernster, als man denkt. Am Theater ist, das r\u00e4ume ich ein, einiges komisch gelaufen. Was nicht hei\u00dft, das man dabei auf Humor verzichten sollte. Man muss in Deutschland immer so grimmig kucken bei der Kunst.<\/p>\n<p><em>Ihr Film in New York. Da k\u00f6nnten Sie sich doch ein kleines Triumphgef\u00fchl g\u00f6nnen. Nach dem Motto: Ich hatte Recht&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Triumph nein. Aber ich bin stolz, das gebe ich gerne zu.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Markus Thiel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eben war er noch im brasilianischen Urwald, um in Manaus Richard Wagners \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201d zu inszenieren. 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