{"id":210,"date":"2007-05-02T10:00:00","date_gmt":"2007-05-02T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=210"},"modified":"2007-05-02T10:00:00","modified_gmt":"2007-05-02T08:00:00","slug":"der-fliegende-hollander-der-neue-merker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=210","title":{"rendered":"DER FLIEGENDE HOLL\u00c4NDER IN MANAUS \u2013 1. REPRISE (DER NEUE MERKER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kritik zum Fliegenden Holl\u00e4nder in Manaus\/Brasilien beim XI. Amazonas Opernfestival am 22. April 2007<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Drei Tage nach der Premiere erlebte die Neuinszenierung des Fliegenden Holl\u00e4nders durch CHRISTOPH SCHLINGENSIEF am Teatro Amazonas ihre erste und vorl\u00e4ufig letzte Reprise. So, wie der Regisseur seine Arbeiten stets als \u201ework in progress\u201c versteht, f\u00fchrte er auch hier bereits einige \u00c4nderungen durch, die mehr Ruhe und auch Konsistenz in seine Interpretation des Wagnerschen Fr\u00fchwerks brachten, u.a. durch das weniger h\u00e4ufige Einfahren des Projektionsschleiers. Auch erschienen seine in Manaus und Umgebung gedrehten Filmsequenzen nun l\u00e4nger und ruhiger und hatten so eine nachhaltigere Wirkung. Dabei wurde in den Szenen stets auf \u00dcberblendungen und andere gewollte Unvollkommenheiten geachtet, um niemals den Verdacht des Fertigen oder gar \u201eSch\u00f6nen\u201c aufkommen zu lassen. Manches wirkte nun schl\u00fcssiger und einleuchtender aus der eigentlichen Handlung der Akteure heraus entwickelt. Trotz der erwartet unkonventionellen Lesart erscheint Schlingensiefs Holl\u00e4nder stringenter und viel n\u00e4her am Werk inszensiert als sein Bayreuther Parsifal. <\/p>\n<p>Zur Ouverture sah man nun, wie sich Leben durch das angestrengte Schl\u00fcpfen zweier Insekten aus ihren Larven kompromisslos Bahn bricht. Als Folge dieses neu gewonnenen Lebens bleibt die tote Materie Larve zur\u00fcck. Der Tod als Kehrseite des Lebens, sieben Jahre todesartige Unt\u00e4tigkeit und dann ein paar Tage Leben&#8230; Der Holl\u00e4nder fixiert nun den Sektenf\u00fchrer Daland mit einer Taschenlampe und akzentuiert damit den beunruhigen Charakater seines Eindringens in die vermeintlich heile Welt der Sekte. Offenbar ist schon lange vor seinem Erscheinen das Schicksal Sentas besiegelt: Auf ihrem R\u00fccken prangt wie ein Teufelsmal ein schwarzer Fleck&#8230; Mit dem Pagen aus George Bernhard Shaws Salome m\u00f6chte man sagen: \u201eIch weiss, es wird Schreckliches geschehn&#8230;\u201c. Schlingensief hebt immer wieder menschliches Leiden hervor, wie im Monolog des Holl\u00e4nders, der ihn als einen total gebrochenen Man zeigt, oder die Leprakranken bzw. Auss\u00e4tzigen im Hinterhof der Sekte, die dem Holl\u00e4nder, Heilung ersehnend, ihre Arme entgegen strecken. Der Regisseur zitiert die \u00c4sthetik der H\u00e4sslichkeit als Teil der unvollkommenen Realit\u00e4t menschlicher Existenz. <\/p>\n<p>Im Rahmen seines weit gef\u00e4cherten Assoziationstheaters sind aber auch \u2013 m\u00f6glicherweise gar nicht explizit beabsichtigte \u2013 Zitate aus der Opernwelt erkennbar. So wirkt das st\u00e4ndige Einmischen der Sambat\u00e4nzerinnen und \u2013gruppen in das ernste Geschehen um den Holl\u00e4nder wie jenes der lustigen Truppe um Zerbinetta in Ariadne auf Naxos. Senta r\u00e4kelt sich am Schluss ihrer Ballade lasziv wie Giulietta in Hoffmanns Erz\u00e4hlungen auf der chaise longue und wird vom Holl\u00e4nder, ihrem Hoffmann, z\u00e4rtlich umschmeichelt&#8230; Die Sektenmitglieder und ihr F\u00fchrer gr\u00fcssen im 3. Akt den bezeichnend aus einem Wachturm heraustretenden Holl\u00e4nder wie einen Erl\u00f6ser, \u00e4hnlich wie die Brabanter und K\u00f6nig Heinrich ihren neuen F\u00fchrer Lohengrin&#8230; Auch Wagners \u201eGespenster\u201c nimmt Schlingensief w\u00f6rtlich und verwandelt den Holl\u00e4nder in einen Pirarucu, den gr\u00f6ssten und mit viel Respekt bedachten, sowie von manchen Mythen umrankten Fisch des Amazonas-Beckens. Im 2. Akt schwebt Senta allegorisch als rosa Madonna auf die Szene herab; die Madonnenverehrung in Brasilien ist weithin bekannt.<\/p>\n<p>Viel bedeutender als diese interessanten Assoziationen ist jedoch, dass Schlingensief und sein Dramaturg MATTHIAS PEES es schaffen, durch eine intensive Dramaturgie die Nummernhaftigkeit des Fliegenden Holl\u00e4nders nahezu vollst\u00e4ndig aufzuheben. Damit nehmen sie im Prinzip das erst sp\u00e4ter von Wagner zu voller Reife gef\u00fchrte Konzept des Gesamtkunstwerks auf Regieebene vorweg. Der Fliegende Holl\u00e4nder hat bei ihnen auf einmal keine L\u00e4ngen mehr, die bei konventioneller Regie durchaus auftreten k\u00f6nnen. Neben der intensiv gestalteten Ballade und Eriks Traum gelingt dem Regieteam dabei besonders die ganz nat\u00fcrlich aus der Handlung entstehende fiktive Darstellung des Holl\u00e4nder-Chores durch die Komposition in Blau sw. 68 von Oskar Fischinger aus dem Jahre 1932 mit der sog. Gaspa-Technologie. Die flash-artige Abfolge von farbigen Fl\u00e4chen und Linien in Abstimmung mit der Musik war aufs beste geeignet, den abrupten hochdramatischen Szenenwechsel deutlich zu machen und gleichzeitig dem Zuseher und \u2013h\u00f6rer weite Fantasier\u00e4ume zu \u00f6ffnen. Mit diesem Konzept der Integration der \u201eNummern\u201c in den hier besonders intensiv fortlaufenden Handlungsstrang ersetzt Schlingensief in seinem Holl\u00e4ndergewissermassen die in diesem Werk noch nicht vorhandene endlose Melodie Wagners durch die endlose Geschichte&#8230; Diese Endlosigkeit dokumentiert er auch in seinem gegen\u00fcber der Premiere abge\u00e4nderten Schluss: Zwar sehen wir auch hier den Amazonasdampfer auf dem Strom ruhig dahin ziehen. Dann aber kommen wieder die Insekten wie am Anfang, die sich jedoch nun in ihre Larven zur\u00fcck verpuppen. Schlingensief g\u00f6nnt dem Holl\u00e4nder keine Erl\u00f6sung. In sieben Jahren muss er wohl wieder an Land gehen. Wer weiss, wo?<\/p>\n<p>Musikalisch und auch vokal gab es gegen\u00fcber der Premiere keine wesentlichen Ver\u00e4nderungen. Subjektiv stellte sich nun das Gef\u00fchl ein, dass Musik und Handlung doch besser zueinander passen, als es zun\u00e4chst in der Premiere schien. Vieles war ja nun schon bekannt und damit eine gr\u00f6ssere Konzentration auf den musikalischen Teil der Auff\u00fchrung m\u00f6glich. Da klang unter der Leitung von LUIZ FERNANDO MALHEIRO manches auch homogener als einige Tage zuvor. Sicher ist wieder hervorzuheben, dass EIKO SENDA nicht allzu oft die Senta singen sollte und die beiden Ten\u00f6re RICARDO TUTTMANN und MARTIN M\u00dcHLE noch erheblich an ihrer Technik arbeiten m\u00fcssen, um eine bessere vokale Leistung zu erzielen, vielleicht nicht unbedingt in diesen Rollen. STEPHEN BRONK war wieder ein sehr guter Daland mit bester Technik und Phrasierung.<br \/>\nAm Rande der Fille du r\u00e9giment in S\u00e3o Paulo einige Tage sp\u00e4ter war zu h\u00f6ren, dass man ein Gastspiel dieses neuen Holl\u00e4nders am dortigen Teatro Municipal erw\u00e4gt. Die Qualit\u00e4t der Produktion von Christoph Schlingensief ist sicher nicht nur eine Reise in den S\u00fcdosten Brasiliens sondern auch eine nach Europa wert&#8230;<\/p>\n<p><em>Klaus Billand<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik zum Fliegenden Holl\u00e4nder in Manaus\/Brasilien beim XI. Amazonas Opernfestival am 22. 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