{"id":209,"date":"2007-04-28T23:01:51","date_gmt":"2007-04-28T21:01:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=209"},"modified":"2007-04-28T23:01:51","modified_gmt":"2007-04-28T21:01:51","slug":"eine-art-wunder-fas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=209","title":{"rendered":"EINE ART WUNDER (F.A.S.)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wider alle Wahrscheinlichkeit inszeniert Christoph Schlingensief am Amazonas eine Oper<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDrei Grad s\u00fcdlich des \u00c4quators, vor wenigen Nachmittagen: Der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief sitzt auf der Terrasse des kleinen Restaurants &#8222;Scarola&#8220; in Manaus, einer Stadt mitten im brasilianischen Regenwald, und sieht aus wie immer, nur brauner. Seine Haare stehen wie gewohnt in alle Richtungen vom Kopf weg, seine Augen blitzen etwas heller als sonst aus seinem Jungengesicht. In zwei Tagen hat hier sein &#8222;Fliegender Holl\u00e4nder&#8220; Premiere, es ist nach dem &#8222;Parsifal&#8220; in Bayreuth seine zweite Operninszenierung, sechs Wochen Probenzeit liegen hinter ihm. Anfang Februar ist Schlingensiefs Vater gestorben, seine Mutter hatte vor wenigen Tagen einen Schlaganfall &#8211; es ist anzunehmen, dass dieser Mann ziemlich durch den Wind ist, aber es ist ihm nichts anzumerken. Im Moment unterh\u00e4lt er einen ganzen Tisch voller Leute, und in der Zeit, in der andere einmal Luft holen, hat er schon acht Gedanken zu einer in sich logischen Welt verwoben, hat, Mythen, Tagespolitik und die unmittelbare Umgebung streifend, eine Vision entwickelt, die sich auf einer B\u00fchne umsetzen l\u00e4sst, hat das Ganze nach links und rechts mit Pointen versehen und isst dabei auch noch ein Schokoladeneis. Und das alles in einem Klima, in dem es hei\u00df und die Luft so feucht ist, dass eine Zeitschrift, die man auf einen Tisch legt, sich nach wenigen Minuten wellt.<\/p>\n<p>Dass es in Manaus ein Opernhaus gibt, ist nicht zuletzt aus Werner Herzogs &#8222;Fitzcarraldo&#8220; bekannt, dem Film, in dem Klaus Kinski so ber\u00fchmt ein Schiff \u00fcber einen Berg zieht und der in ebenjenem Opernhaus beginnt, aber man muss wahrscheinlich vor Ort gewesen sein, um zu verstehen, was es bedeutet. Es ist eine Stadt, die der Mensch dem Urwald abgetrotzt hat. Eine gro\u00dfe Stadt, reich geworden mit Kautschukhandel, heute nicht mehr so reich, daf\u00fcr Freihandelszone und wichtiger Industriestandort. 1,8 Millionen Menschen wohnen hier, eine Art Wunder, denn eigentlich wollen hier Pflanzen leben. Kaum steht ein Haus leer, wachsen Farne durch die Fenster nach innen, \u00fcbernehmen Schlingpflanzen die Treppenh\u00e4user, schie\u00dfen Palmen vom Erdgeschoss aus kerzengerade in die H\u00f6he, und bald bilden ihre Kronen ein neues, raschelndes Dach. Beinahe jedes Geb\u00e4ude in Manaus ist von Schimmel befallen, der schwarze Flecken auf die W\u00e4nde malt. In der Luft liegt ein leichter Modergeruch. Sogar im Taj Mahal, dem besten Platz am Ort, das stolz ein Drehrestaurant sein Eigen nennt, riecht es komisch. Wie W\u00e4sche, die zu lange feucht gelegen hat.<\/p>\n<p>Und hier steht nun also, 1896 erbaut, ein Opernhaus. Ausgerechnet. Die kultivierteste Form von Zivilisation. Und als am Abend mit einem Freiluftspektakel das &#8222;Festival Amazonas de Opera&#8220; er\u00f6ffnet wird, es ist das elfte seiner Art, als ein Orchester elektronisch verst\u00e4rkt die ersten Takte der Ouvert\u00fcre des &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nders&#8220; spielt, da w\u00fcrde es einen wirklich \u00fcberhaupt nicht wundern, wenn das Geb\u00e4ude, das da so unwirklich in die H\u00f6he ragt, als st\u00fcnde es in Wien und nicht am Amazonas, wenn dieses Geb\u00e4ude von der Musik in die Luft getragen w\u00fcrde, wenn es wegfliegen w\u00fcrde wie ein Ufo, begleitet vom Blinken der Kronleuchter im Foyer. Aber es bleibt stehen. Allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz. Der Dirigent zerteilt die warme schwere Luft mit seinem Dirigentenstab, mehrere tausend Leute sitzen auf Plastikst\u00fchlen, h\u00f6ren Wagner und essen Zuckerwatte, die als Clowns verkleidete Brasilianerinnen vor Beginn verkauft hatten. S\u00e4nger singen, ein Chor tritt auf, irgendwann wird ein Schiff von links nach rechts getragen, dazu gro\u00dfe zappelnde Plastikfische, mit denen Schlingensief aber nichts zu tun hat, wie eine Frau vom Goethe-Institut uns Journalisten zufl\u00fcstert, und noch etwas sp\u00e4ter, es hat schon ziemlich lange gedauert, setzen brasilianische Trommeln ein, holen Wagner in die Tropen, und es formiert sich eine Prozession in Richtung Hafen.<\/p>\n<p>Es wird noch eine lange Nacht werden, eine lange hei\u00dfe Nacht, an deren Ende Christoph Schlingensief mehrere Stunden neues Filmmaterial haben wird, gedreht mit seiner 16-Millimeter-Kamera in einem verlassenen Kloster zwei Bootsstunden den Rio Negro hinunter. Heute wohnen B\u00e4ume darin, und durch die Decke h\u00e4ngen Schlingpflanzen, die aussehen wie Dreadlocks. Auf der R\u00fcckfahrt \u00fcber den schwarzen Fluss schlafen die Journalisten an Deck, Schlingensief ist wach und h\u00e4lt Wache. Als schlie\u00dflich alle in ihre vergilbten Hotelbetten fallen, ist es schon hell.<\/p>\n<p>An dieser Stelle, kurz vor der feierlichen Premiere, auf die ganz Manaus schon seit Wochen hinfiebert, eine kurze Unterbrechung, um all die Fragen zu beantworten, die sich bis hierhin sicher aufgetan haben.<\/p>\n<p><strong>&#8211; Warum inszeniert Christoph Schlingensief am Amazonas?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee entstand vor drei Jahren. Die Goethe-Institute S\u00e3o Paulo und Rio de Janeiro hatten Schlingensief zu einer Recherchereise nach Lateinamerika eingeladen. Damals wurde gerade ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Goethe-Institute mit dem Titel &#8222;Tropen&#8220; geplant, und weil man schon l\u00e4nger vorhatte, mal etwas mit Christoph Schlingensief zu machen, beschloss man, dies sei eine gute Gelegenheit.<\/p>\n<p><strong>&#8211; Wer bezahlt das?<\/strong><\/p>\n<p>Das Festival in Manaus gab 500 000 Euro, die Kulturstiftung des Bundes 198 000 Euro, das Goethe-Institut half durch personelle Unterst\u00fctzung, Vermittlung, Vernetzung und indirekte Mittel.<\/p>\n<p><strong>&#8211; Warum der &#8222;Fliegende Holl\u00e4nder&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Nach seiner &#8211; zum Erstaunen vieler gegl\u00fcckten &#8211; Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung wollte Schlingensief noch mal Wagner inszenieren; als er 2004 in S\u00e3o Paulo den Festivalleiter und Dirigenten Luiz Fernando Malheiro traf und die beiden \u00fcber eine m\u00f6gliche Zusammenarbeit sprachen, schlug Malheiro den &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; vor, den das Opernhaus von Manaus ohnehin geplant hatte.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck nach Manaus, wo jetzt, eine halbe Stunde vor Beginn der Premiere, ein roter Teppich den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens bildet. Er f\u00fchrt l\u00e4ngs durch das Foyer des Opernhauses und empf\u00e4ngt die ankommenden G\u00e4ste, die sich, einmal eingetreten, rasch ihrer Schirme entledigen und kontrollierend nach der Frisur greifen, denn drau\u00dfen f\u00e4llt gerade und ohne dass es sich angek\u00fcndigt hatte eine Wand aus Regen vom Himmel. Links und rechts vom Teppich stehen Paare Spalier, die sich als Prinzen und Prinzessinnen verkleidet haben, richtig mit Kr\u00f6nchen und Federhut. M\u00e4nner mit wei\u00df geschminkten Pantomimegesichtern verkaufen Programmhefte. Vereinzelt haben sich Deutsche unters Premierenpublikum gemischt, man erkennt sie an der warmen Kleidung &#8211; im Opernsaal soll es sehr kalt sein, hatte es gehei\u00dfen &#8211; die Brasilianerinnen kommen unger\u00fchrt mit nackten Schultern.<\/p>\n<p>Im Saal ist es dann tats\u00e4chlich sehr kalt. Es ist ein Opernsaal wie aus einem Bilderbuch. Roter Samtvorhang, ansteigendes Parkett, Guckkastenlogen. Wie \u00fcberall in der Stadt riecht es auch hier nach Keller. Als der Dirigent kommt, brandet Applaus auf. Einsatz, und los. Das Orchester klingt etwas scheppernd, aber dass es hier ein Orchester gibt, ist ohnehin schon ein Wunder, es muss f\u00fcr die Streicher eine Herausforderung sein, ihr Instrument in diesen Breitengraden gestimmt zu halten. Man sitzt in roten Samtst\u00fchlen, die sich ab dem zweiten Akt als unbequem erweisen sollen. In den Zuschauerreihen knackt und f\u00e4chert es, hin und wieder fliegt ein &#8222;Schsch&#8220; von den R\u00e4ngen, wenn sich wieder ein paar Besucher zu einem Gespr\u00e4ch hatten hinrei\u00dfen lassen. Wie sie ihnen wohl gef\u00e4llt, den B\u00fcrgern von Manaus, diese Schlingensief-Inszenierung des &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nders&#8220;? Ob er ihnen etwas zu sagen hat, der Mann, der in Deutschland als Enfant terrible gilt, obwohl er das eine nicht mehr ist und das andere nie war.<\/p>\n<p>Kennt jeder die Handlung? Nein? Ist ja auch nicht so wichtig. Es geht um Schuld und S\u00fchne und Erl\u00f6sung und Verdammnis. Ein Vater kommt vor, der seine Tochter weggibt; ein Seemann, der mit einem Fluch behaftet ist. Gl\u00fccklicherweise ist es die k\u00fcrzeste Wagneroper, bei Schlingensief dauert sie mit Umbauten knapp vier Stunden. Den Holl\u00e4nder sang einer dieser Klischees\u00e4nger, die den ganzen Abend lang ihrer eigenen erhobenen Hand hinterherlaufen &#8211; ab und zu ein Griff ans Herz, ja, schl\u00e4gt noch. Daf\u00fcr war der Vater sehr gut. Ach, aber eigentlich war das alles wirklich vollkommen egal. Das Ganze war im besten Sinne ein Gesamtkunstwerk, und dazu geh\u00f6rte der tropische Regen, der drau\u00dfen niederging, genauso wie die brasilianischen Trommler, die am Ende des zweiten Aktes pl\u00f6tzlich zwischen den Zuschauerreihen standen und trommelten, als g\u00e4be es keinen dritten Akt. Dazu geh\u00f6rten die wundersch\u00f6nen bewegten Schwarzwei\u00dfbilder, die Schlingensief w\u00e4hrend der letzten Wochen hier gedreht hatte und die, auf Stoffe und W\u00e4nde projiziert, dem B\u00fchnenbild einen flirrenden Zauber verliehen &#8211; Dampfer auf dem Rio Negro, eine Messe im Regenwald, brasilianische Ureinwohner, Kinder, Frauen. Dazu geh\u00f6rte der M\u00e4nnerchor, der in Nonnentracht auftrat und sich in seinem feierlichen Ernst auch von einer Sambat\u00e4nzerin nicht st\u00f6ren lie\u00df, die unabl\u00e4ssig vor ihm auf und ab wedelte. Dazu geh\u00f6rte die Drehb\u00fchne, die altmodisch noch von Hand gezogen wurde und \u00e4chzend und knarzend den Blick freigab auf immer neue Treppchen und Bauten und Winkel. Dazu geh\u00f6rte das venezianisch anmutende, hell und blau getupfte Deckenfresko, das sich \u00fcber den K\u00f6pfen der Zuschauer aufspannte wie ein Himmelszelt. Und auch die Kuppel, die sich in brasilianischem Gr\u00fcngelb \u00fcber das Opernhaus w\u00f6lbte und an diesem Abend an schwere Regenwolken stie\u00df. Und dazu geh\u00f6rt der Mann, der all das gestemmt hat und sich dabei nicht von Krankheiten abhalten lie\u00df, nicht von Trauer, Sorge oder Regenzeit. Ein Schiff \u00fcber einen Berg, pah. JOHANNA ADORJ\u00c1N<\/p>\n<p>Vom 25. Mai bis 16. September widmet das Haus der Kunst in M\u00fcnchen Christoph Schlingensief eine gro\u00dfe Ausstellung; dort werden unter anderem auch die Filme zu sehen sein, die in Manaus entstanden sind.<\/p>\n<p><em>Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 \/ Seite 28<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wider alle Wahrscheinlichkeit inszeniert Christoph Schlingensief am Amazonas eine Oper<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}