{"id":208,"date":"2007-04-27T01:04:24","date_gmt":"2007-04-26T23:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=208"},"modified":"2007-04-27T01:04:24","modified_gmt":"2007-04-26T23:04:24","slug":"senta-trifft-samba-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=208","title":{"rendered":"SENTA TRIFFT SAMBA (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201cTrandzendierung des Musikdramas zum spektakul\u00e4ren Gesamtkunstwerk\u201d<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Hans-Klaus Jungheinrich<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nManaus, die Amazonasstadt, liegt gleich hinter Alices Spiegel, in einem Wunderland hinter sechs Zeitzonen, \u00fcber den \u00c4quator, einen gro\u00dfen Ozean und den gr\u00f6\u00dften Teil eines Kontinents. In Manaus steht, als machtvolles Kultursymbol am Rande der Zivilisation, ein ber\u00fchmtes Opernhaus, 1896 erbaut in der Bl\u00fctezeit der Stadt w\u00e4hrend des Kautschukbooms, dann lange vergessen, zur Hundertjahrfeier pr\u00e4chtig renoviert und seitdem wieder mehr genutzt, vor allem f\u00fcr das Amazonas-Opernfestival, das vor einigen Jahren auch die brasilianische Erstauff\u00fchrung von Wagners Ring pr\u00e4sentierte. Zur Er\u00f6ffnung des elften Festivals gab es jetzt den Fliegenden Holl\u00e4nder in einer Inszenierung von Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p>A propos Wunderland: Manaus wurde nach dem Niedergang als wichtiger Au\u00dfenposten wirtschaftlich k\u00fcnstlich beatmet, zur Freihandelszone und zum Einkaufsparadies gemacht. Neuerdings gewinnt die Region wieder verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit als Zentrum der die Natursch\u00e4tze des Regenwaldes erschlie\u00dfenden und ausbeutenden Aktivit\u00e4ten, ein St\u00fcck Fortsetzung des 19. Jahrhunderts im einundzwanzigsten. Amerikanisierung und Prosperit\u00e4t sind hier wie \u00fcberall in diesem riesigen Land mit H\u00e4nden zu greifen.<\/p>\n<p><strong>Vorspiel in der Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Opernpflege ist in Brasilien haupts\u00e4chlich von launenhaften politischen Konstellationen abh\u00e4ngig, zunehmend auch vom Wohlwollen privater Sponsoren. Ohne einen resoluten k\u00fcnstlerischen Motor geht es nicht, und einen solchen hat das Amazonas-Festival in Luiz Fernando Malheiro, dem k\u00fcnstlerischen Direktor, der die meisten Termine selbst dirigiert, in diesem Jahr auch noch Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk. Am Schlingensief-Projekt beteiligten sich zudem die Goethe-Institute von Sao Paolo und Rio de Janeiro.<\/p>\n<p>Als Wahrzeichen \u00fcber der h\u00fcgelig gebauten Stadt thronend \u2013 der von einem klassizistischen Viereck in Schweinchenrosa ummantelte B\u00fchnenturm erinnert mit seinen bunten Azulejos an Moscheekuppeln in Samarkand \u2013, sind das Opernhaus und die Fl\u00e4che drumherum besonders gegen Abend urbaner Anziehungspunkt.<\/p>\n<p>Er f\u00fcllte sich mit Tausenden geduldiger Zuh\u00f6rer und Zaung\u00e4ste beim Er\u00f6ffnungs-Stra\u00dfenkonzert mit anschlie\u00dfender Prozession zum einen halben Kilometer entfernten Fluss. Dieser Abend war eine popul\u00e4re Einstimmung in die brasilianische Wagneriade. Von den Au\u00dfengalerien des Opernhauses erklang bereits der gr\u00f6\u00dfte Teil des Fliegenden Holl\u00e4nders, von Verst\u00e4rkeranlagen grausam vergr\u00f6\u00dfert und verzerrt, so dass die Harfenstelle am Ende der Ouvert\u00fcre wie ein auf Autod\u00e4cher niederprasselnder Starkhagel klang.<\/p>\n<p>Als szenische Schaupl\u00e4tze dienten zum Teil die Prozessionswagen, die dann auch beim karnevalsek-festlichen Eilschritt zum Fluss mitwirkten. Niemand wunderte sich, dass auf dem gruseligen Geisterschiff des Holl\u00e4nders auch eine leichtgesch\u00fcrzte Samba-Aktrice t\u00e4nzelte. Nach dem Erl\u00f6sungsschluss wurde ein kleines Feuerwerk eingelegt.<\/p>\n<p>So \u00fcberbr\u00fcckten sich ozeanische Kulturabst\u00e4nde zwischen Amazonas-Anrainern und Wagner\u2019schen Nordmeer-Visionen. Von der anderen Seite des Alice-Spiegels war\u2019s wirklich nur ein kleiner Schritt.<br \/>\nVon Schlingensiefs Bayreuther Parsifal-Szenographie her wirkte der synkretistische Ansatz seiner zweiten Operninszenierung schon vertraut. Dennoch erlebte man eine in vielen Details atemberaubend-\u00fcberraschend hybride Darstellung, die auch spezifisch auf die Lokalit\u00e4t diesesEreignisses abgestimmt schien und nirgendwo sonst sinnvoll gewesen w\u00e4re: Verschmelzung von Wagnermotiven und amazonischer Lebenswelt.<\/p>\n<p>Schlingensief hatte zwei Monate nicht nur im Theater geprobt, sondern war auch \u00fcber Land gegangen und hatte viel gefilmt. Dieses Filmmaterial integrierte er so in die B\u00fchnenaktion, dass sich ein ebenso virtuoses wie labyrinthisches Gewebe ergab.<\/p>\n<p>Die multimediale Polyphonie der filmischen und theatralischen Parallelerz\u00e4hlungen war nicht aufs klare Mitverfolgen der Handlung hin angelegt.Immer wieder gab es chaotische Stellen, bei denen der Kenner sich fragen mochte, wo gerade die singende Person sich bef\u00e4nde. Und der Nichtkenner sto\u00dfseufzte: Wer singt denn da schon wieder? Leser der opaken &#8222;mestizischen&#8220; Romane von Joao Guimaraes Rosa wissen solche Irrgarten-Poetik zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>In Manaus sah es aber eher so aus, dass die deutschen Premierenbesucher mehr mit Schlingensiefs Optik anzufangen wussten als die einheimischen. So vertraut auch das katholische Ambiente des als Bischof unterm Baldachin einziehenden Daland sie ber\u00fchren musste: Wo, bitte, blieb das Seemannswesen? Daf\u00fcr Stacheldraht, Wachtt\u00fcrme und das Gewimmel von Komparsen, Behinderten, Zwergen und Kindern, das Fellini-Volk der Schlingensief\u2019schen Humanit\u00e4t. Alles durchdacht und leitmotivisch multimedial ausgef\u00fchrt, aber doch auch bet\u00e4ubend: Zuviele Bilder, zuviele Personen auf der B\u00fchne. Und dadurch auch eine nicht immer n\u00fctzliche &#8222;Entlastung&#8220; der S\u00e4ngerdarsteller.<\/p>\n<p><strong>Holl\u00e4nder in Blau<\/strong><\/p>\n<p>Die Wucht des Opern\u00e4u\u00dferen t\u00e4uscht: Innen im Haus gibt es nur 700 Sitzpl\u00e4tze, und die B\u00fchne ist kleiner als die in Mainz oder Schwerin. Zur Ausleuchtung gen\u00fcgten oft zwei seitlich postierte M\u00e4nner mit Handlampen, und trotz munteren Drehb\u00fchnenwirbels wirkten die von Schlingensief entworfenen architektonischen Kulissenteile pappig. Sehr bed\u00fcrftig also des filmischen Raffinements, das besonders triumphierte beim Holl\u00e4nder-Horrorchor im Schlussakt, der mit dem Einsatz des alten deutschen Experimentalfilms &#8222;Komposition in Blau&#8220; von Oskar Fischinger grandios ins Wildbewegte gelenkt wurde. Weniger gl\u00fccklich die filmische Verhackung der Senta-Ballade.<\/p>\n<p>Am Schluss des 2. Aktes, wo alles sich zum b\u00fcrgerlich-hochzeitlich Guten zu schicken scheint, platzte die Auff\u00fchrung brillant aus ihren bis dahin noch m\u00fchsam haltenden Wagner-N\u00e4hten: Von hinten zog eine vielk\u00f6pfige Schar von Sambamusikern mit Tschinellen, Rasseln und Handtrommeln ein und vollf\u00fchrte, mehr als zehn Minuten lang, unter der Aufsicht eines trillerpfeifenden, effektiv gestikulierenden Anf\u00fchrers ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm. Die Trandzendierung des Musikdramas zum spektakelnden, spektakul\u00e4ren Gesamtkunstwerk vollendete sich in einer Zeitstrecke, die lang genug war, um den Eindruck eines aufgesetzten Gags durch ihre Impertinenz aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Riesenstimmen, die m\u00fchelos den Raum f\u00fcllten: Eiko Senda als kraftvolle Senta, Gary Simpson als etwas unbedenklich intonierender Holl\u00e4nder, Stephen Bronk als sonorer Daland. Elaine Martorana aber war, mit ihrem glei\u00dfenden Stimmvolumen, eine geheimnisvoll-d\u00e4monische Voodoo-Priesterin. Z\u00fcnftige Opernpoesie am Schluss: statt der irgendwie abhanden gekommenen Senta schwebt ihr pinkfarbenes Flauschgewand schn\u00fcrbodenw\u00e4rts.<\/p>\n<p>En passant gab es einen \u00e4hnlich gekonnten Theatereffekt schon mitten im zweiten Akt als Umdeutung von Sentas Erschrecken vor dem leibhaftig vor ihr stehenden Holl\u00e4nder: Hier ist es Daland (forciert expressiv: Ricardo Tuttmann), der statt der scheinbar liebevoll sich ihm hingebenden Senta ein Phantom, ein Nichts in H\u00e4nden h\u00e4lt. Luiz Fernando Malheiro dirigierte die robust, aber zuverl\u00e4ssig spielende Amazonas Filarmonica straff und unumwegig, und der in dieser Oper besonders hervortretende Chor singt mit frenetischer Hingabe.<\/p>\n<p><em>FR vom 25.4.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cTrandzendierung des Musikdramas zum spektakul\u00e4ren Gesamtkunstwerk\u201d<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/208"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=208"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}