{"id":206,"date":"2007-04-25T02:02:18","date_gmt":"2007-04-25T00:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=206"},"modified":"2007-04-25T02:02:18","modified_gmt":"2007-04-25T00:02:18","slug":"launige-tropen-schlingensief-in-manaus-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=206","title":{"rendered":"LAUNIGE TROPEN &#8211; SCHLINGENSIEF IN MANAUS (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf seiner rastlosen Suche nach Orten, die ihn \u201enoch \u00fcberfordern k\u00f6nnen\u201c, ist Christoph Schlingensief wieder einmal f\u00fcndig geworden. Zwei Monate hielt er sich in der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus auf. Da war er in einer Weltecke angelangt, in der alles zu einem Kraftakt wird. Schlingensief hat am Amazonas seinen derzeit wichtigsten Kompagnon wiedergetroffen: Richard Wagner, der allerdings schon l\u00e4nger als er heimisch in Manaus ist. Denn dort wurde vor zwei Jahren der komplette \u201eRing des Nibelungen\u201c aufgef\u00fchrt. Das Terrain war also bereitet, doch mit Schlingensief kam nun ein neuer Erl\u00f6ser f\u00fcr das \u201eAmazonas-Opernfestival\u201c in seinem elften Jahr.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Josef Oehrlein, Manaus<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDer \u201eRing\u201c war noch der Versuch, zu beweisen, dass man Wagner im ungew\u00f6hnlichsten Opernhaus der Welt, dem Teatro Amazonas in Manaus, \u00fcberhaupt und vielleicht sogar musterg\u00fcltig auff\u00fchren kann. Schlingensief l\u00e4sst ganz einfach die Tropen, ihre Mythen und Menschen, ihre Bilder und Zerrbilder auf Wagner los, vermengt alles ordentlich mit seinen eigenen Obsessionen und schaut, was dabei herauskommt. In diese \u201eZwischenwelt\u201c, in der alles unfertig, provisorisch, vorl\u00e4ufig und verg\u00e4nglich wirkt, jagt er den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c und l\u00e4sst ihn als Nosferatu-Verwandten die scheinbare Ordnung einer spirituellen Gemeinschaft reichlich durcheinanderbringen. Der Hohepriester der Gemeinde hei\u00dft Daland. Er macht gleich zu Beginn eine wundersame Wandlung vom katholischen Bischof zum radikalen und recht gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Sektenf\u00fchrer durch, dessen wichtigste Ritualhandlung darin besteht, junge M\u00e4dchen zu k\u00f6pfen.<\/p>\n<p><strong>Kautschuk und Samba<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief hat die Eindr\u00fccke seiner Brasilien-Aufenthalte sorgsam in seine Inszenierung hineingepackt: schwarze Rituale, die Favelas, den Regenwald, den Amazonas, sogar die Kautschukballen, die im einstigen Reich der Kautschukbarone von Marys M\u00e4dchen anstelle des Spinnrads gedreht werden. Vor allem aber den Samba. Am Ende des zweiten Aktes, wenn endg\u00fcltig klar wird, dass Senta dem Holl\u00e4nder verfallen ist, bricht eine Sambatruppe in das Theater ein und begleitet die Szene mit ohrenbet\u00e4ubendem Trommeln.<\/p>\n<p>Das B\u00fchnenbild, ein Labyrinth aus Innen- und Au\u00dfenr\u00e4umen mit Wacht\u00fcrmen, Kanzeln und einem Stacheldrahtzaun, erinnerte \u00fcberdeutlich an Schlingensiefs Bayreuther \u201eParsifal\u201c-Inszenierung. Auch diesmal flutet er die B\u00fchne regelrecht mit visuellen Eindr\u00fccken. Zu dem Gewusel der Figuren kommen wieder unz\u00e4hlige Filmeinspielungen hinzu. Die meisten Sequenzen hat er mit seiner Bolex-Handkurbelkamera in der Umgebung von Manaus gedreht, vor allem in einem verfallenen Kloster, das auch einmal Krankenhaus und Gef\u00e4ngnis war. Dorthin hatte er sogar das Orchester schaffen und in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern die \u201eHoll\u00e4nder\u201c-Ouvert\u00fcre spielen lassen. Aber er zitiert ebenso Pasolinis Film \u201e120 Tage von Sodom\u201c und konterkariert seine Aufnahmen von vegetativer Materie, von schl\u00fcpfenden Larven und toten Fischen mit der strengen Geometrie einer Arbeit des fr\u00fchen deutschen Experimentalfilmers Oskar Fischinger.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief im ungew\u00f6hnlichsten Opernhaus der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Die Hauptfiguren des St\u00fccks werden von einem Heer schlingensiefscher Phantasiefiguren begleitet, es wimmelt nur so von Ministranten, buckligen Missgestalten, Sambat\u00e4nzerinnen, Nonnen, Jungfrauen. Wie eine ewige Braut, die von Daland als Ritualfigur verwendet wird, geistert die zwergw\u00fcchsige deutsche Darstellerin Karin Witt durch die Auff\u00fchrung. Eifrig spielen die Bewohner einer Favela von Manaus sich selbst. Trotz der Flut an Visionen und Assoziationen bleibt die Geschichte erkennbar. Die Aff\u00e4re zwischen dem Holl\u00e4nder und Senta endet vergleichsweise plausibel: Sektenvater Daland ersticht seine Tochter Senta. Der Holl\u00e4nder steigt in einen Kokon und entschwebt in den Himmel, ebenso wie das schneewei\u00dfe Larvengewand, in das Senta wie eine Raupe zuletzt gekleidet war.<\/p>\n<p>Vieles wirkte noch am Premierenabend halb roh und improvisiert. Aber so sollte es sein. Alles ist Ver\u00e4nderung. Besonders in den Tropen. Die Bilderflut lie\u00df bisweilen vergessen, dass es auch noch Musik gab. Der Wagner-erfahrene brasilianische Dirigent Luiz Fernando Malheiro, der vor zwei Jahren den \u201eRing\u201c \u00fcber weite Strecken mit gro\u00dfer Einf\u00fchlung souver\u00e4n durchstand, wirkte diesmal etwas weniger inspiriert und kam mit seiner \u201eAmazonas Filarm\u00f4nica\u201c \u00fcber eine solide Leistung nicht hinaus.<\/p>\n<p>Das S\u00e4ngerensemble wirkte recht uneinheitlich. Dem sonoren, stimmgewaltigen Daland des in Brasilien lebenden Amerikaners Stephen Bronk, einer altbew\u00e4hrten St\u00fctze des Festivals, stand Gary Simpson als ein etwas farbloser Holl\u00e4nder gegen\u00fcber. Er war allerdings erst sp\u00e4t w\u00e4hrend der Proben anstelle eines anderen S\u00e4ngers engagiert worden. Die brasilianisch-japanische Senta Eiko Senda brillierte mit sch\u00f6nen Spitzent\u00f6nen, forcierte oft aber allzu sehr. Die farbige S\u00e4ngerin Elaine Martorano gab eine expressive Mary im Sambakost\u00fcm, ohne den sonst \u00fcblichen keifenden Gouvernantenton. Ricardo Tuttmanns Erik wirkte robust, Martin M\u00fchles Steuermann klang etwas eng und bem\u00fcht.<\/p>\n<p>Das brasilianische Publikum empfand das Schlingensief-Panoptikum nicht im Geringsten als provokativ, nur ganz wenige Buhrufe mischten sich in den \u00fcberschwenglichen Beifall. Unentschieden blieb ohnehin, wer da wen provoziert hatte: Die tropische Exuberanz vermochte selbst noch einen Berserker wie Schlingensief herauszufordern. Sein \u201eHoll\u00e4nder\u201c war am Ende so brasilianisch, dass niemand auf die Idee kam, mit Wagner sei hier etwas Besonderes geschehen. Unterschiedliche Meinungen gab es nur dar\u00fcber, ob der Auftritt der Sambatrommler unbedingt sein musste. Die hatte Schlingensief zwei Tage zuvor bei der Festival-Er\u00f6ffnungsfeier im Freien vor dem Opernhaus viel wirkungsvoller eingesetzt. Da durften sie die \u201eHoll\u00e4nder\u201c-Schlussszene in eine karnevalistische \u201eErl\u00f6sungs\u201c-Prozession verwandeln.<\/p>\n<p><strong>Auf der Suche nach Selbst\u00fcberforderung<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende waren alle gl\u00fccklich, vor allem die Verantwortlichen der Goethe-Institute in S\u00e3o Paulo und Rio de Janeiro, die Schlingensiefs W\u00e4hnen nach einem neuen \u201eZwischenreich\u201c rechtzeitig erkannt, ihn in das Zauberland des Synkretismus gelockt und mit dem Festival in Manaus zusammengebracht hatten. F\u00fcr die deutschen Kulturvermittler war das \u201eHoll\u00e4nder\u201c-Projekt in Manaus, zu dem auch die Kulturstiftung des Bundes einen gr\u00f6\u00dferen finanziellen Beitrag leistete, ein werbewirksamer Auftakt zu ihrem \u201eTropen\u201c-Schwerpunktthema, das von einer gro\u00dfen internationalen Ausstellung gekr\u00f6nt werden soll.<\/p>\n<p><em>Text: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 \/ Seite 33<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf seiner rastlosen Suche nach Orten, die ihn \u201enoch \u00fcberfordern k\u00f6nnen\u201c, ist Christoph Schlingensief wieder einmal f\u00fcndig geworden. 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