{"id":205,"date":"2007-04-25T02:00:42","date_gmt":"2007-04-25T00:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=205"},"modified":"2007-04-25T02:00:42","modified_gmt":"2007-04-25T00:00:42","slug":"im-dschungelcamp-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=205","title":{"rendered":"IM DSCHUNGELCAMP (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>OPER EXTREM Musiktheater-Expeditionen in Brasilien und Berlin. Wie Christoph Schlingensief am Amazonas mit Richard Wagner abhebt.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Michael Laages<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nHier kommt er nicht her, aber hier geh\u00f6rt er hin im letzten Augenblick, dieser ruhelose Seemann aus dem M\u00e4rchenbuch, der ums Verrecken nicht sterben kann \u2013 in den Urwald geh\u00f6rt er, mitten hinein ins Naturtheater vom Amazonas. Wie ein Ufo lie\u00dfen anno 1896 die Gr\u00fcnderzeitler aus der Alten Welt im brasilianischen Manaus eines der vielleicht sch\u00f6nsten Opernh\u00e4user der Welt landen, als sei es ein St\u00fcck Heimat. Sp\u00e4ter kamen Werner Herzog und Klaus Kinski mit \u201eFitzcarraldo\u201c.<\/p>\n<p>\u201eEin ganz fr\u00fcher Fall von Disneyland\u201c, sagt Christoph Schlingensief \u00fcber das Opernhaus und l\u00e4sst im letzten Bild der Inszenierung \u201eO Navio Fantasma\u201c (wie \u201eDer Fliegende Holl\u00e4nder\u201c hier hei\u00dft) ein altes Flussboot vom Amazonas gen Nirgendwo tuckern; an Bord spielt die Geisterkapelle Richard Wagners Musik. Mit diesem wahrhaftigen Traumbild \u2013 wie unendlich viele Filmseqenzen zuvor auf den Gazevorhang projiziert, der jetzt \u00fcber der B\u00fchnengeschichte vom untotunsterblichen Seefahrer f\u00e4llt \u2013 zwingt der Regisseur und Vision\u00e4r noch einmal all die \u00dcberblendungen zusammen, die sein brasilianisches Abenteuer pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Er sei ja nicht hierher gekommen, um zu erkl\u00e4ren, wie gut er deutsch k\u00f6nne, hat Schlingensief vor der Premiere am Sonntag betont, wo immer er konnte; und dieser neuerliche Versuch mit Wagner (nach dem Bayreuther \u201eParsifal\u201c) ist das konkrete Gegenteil jener Import-Export-Begl\u00fcckung durch deutsche Kulturpr\u00e4sentationen all\u00fcberall in der Welt. Das sei auch gut so, sagt Hans Georg Knopp, Generalsekret\u00e4r des Goethe-Instituts, das sich gemeinsam mit der Bundeskulturstiftung m\u00e4chtig ins Zeug gelegt hat f\u00fcr dieses Projekt. Am deutschen Wagner-Wesen jedenfalls solle hier nicht der Urwald genesen.<\/p>\n<p>Mitten hinein ins Finale des zweiten Akts mischt sich der Rhythmus einer jener furios trommelnden Stra\u00dfenkapellen des brasilianischen Karnevals. Auch sonst ist der Auff\u00fchrung weder Musik noch Story heilig. Knallbunt prunken die klassischen Kost\u00fcme der rituellen Feste; und ungez\u00e4hlte Einwohner einer Favela hat Schlingensiefs Team zum Mitmachen bewegen k\u00f6nnen. Sie alle hat er auf Expeditionen in die n\u00e4here Umgebung kennen gelernt, lange bevor die Arbeit auf der B\u00fchne begann.<\/p>\n<p>Auch darum ist Schlingensiefs \u201eFliegender Holl\u00e4nder\u201c vollgepropft mit Zeichen und Bildern der Spiritualit\u00e4t und Katholizit\u00e4t im brasilianischen Alltags: als Bilderflut \u00fcber Passion und Erl\u00f6sung. Der untote Holl\u00e4nder, verdammt zum Nicht-Sterben-K\u00f6nnen und alle sieben Jahre auf der Suche nach der treu liebenden Frau, die ihn in der Liebe zum Tode erl\u00f6sen k\u00f6nnte, ist bei Schlingensief vor allem und unrettbar unter die Gl\u00e4ubigen gefallen. Gastgeber Daland ist alles andere als nur ein Kapit\u00e4n \u2013 vom Schiffs- mutiert er zum Glaubensf\u00fchrer, mit der ganzen Macht einer Kirche im R\u00fccken. Choristinnen und Choristen \u00e4hneln eher M\u00f6nchen und Nonnen. Dem Steuermann aber k\u00f6pft er gleich zu Beginn die Geliebte. Und dem Holl\u00e4nder fallen beim ersten Auftritt prompt die Erniedrigten und Beleidigten zu F\u00fc\u00dfen, all die armen Lazarusse einer leidenden Welt, auf Erl\u00f6sung hoffend wie er selbst.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich birgt derlei dauernde Durchmischung und immerw\u00e4hrende \u00dcberblendung der Kulturen auch Risiken und Nebenwirkungen der eher ulkigen Art \u2013 wenn etwa Steuermann und Daland n\u00e4chtens das Holl\u00e4nder-Schiff entdecken, das aber nur Fisch ist statt Schiff, Modell eines eindrucksvollen \u2013 und im \u00fcbrigen recht leckeren \u2013 Flussbewohners. In den hat sich die soeben gek\u00f6pfte Geliebte des Steuermanns verwandelt, wie sich unentwegt Bilder aus Bildern entwickeln. Schlingensief fackelt mit selbst gefertigten Filmen wie auch mit klassischen Sequenzenvon Man Ray, Pasolini oder dem deutschen Avantgardisten Oskar Fischinger ein Assoziationsfeuerwerk ab, das jeden \u00fcberfordern muss, ihn selber eingeschlossen.<\/p>\n<p>Alltag und Traum sind oft ununterscheidbar geworden f\u00fcr Schlingensiefs Team \u2013 auch am Abend der Er\u00f6ffnung, noch vor der Premiere, als gut 25 000 Menschen umsonst und drau\u00dfen eine szenische Auff\u00fchrung des Werks erlebten; auf mehrere B\u00fchnen rund ums Opernhaus verteilt und live f\u00fcrs Fernsehen. Bruchlos ging die Oper \u00fcber in einen furiosen Stra\u00dfenumzug voller Trommeln und Tanz und Gesang, Schlingensief und die Seinen verzaubert mittendrin.<\/p>\n<p>Und dann l\u00e4sst er noch eins der Flussboote ausr\u00fccken, um eine Versammlung kulturbeflissener Europ\u00e4er hin\u00fcber zu schippern aus der Stadt an den Strand vom Ende der Welt: Pericatuba liegt versteckt an einem Flussarm des Rio Negro. Dort hatte Schlingensief bei der Vorbereitung auf Wagners Geisterbeschw\u00f6rung einen nicht minder romantischen Beschw\u00f6rungsort ganz anderer Gespenster gefunden \u2013 ein Kloster, verlassen erst seit ein paar Jahrzehnten, aber schon wieder v\u00f6llig zugewuchert vom Regenwald.<\/p>\n<p>Schatten, Schemen, Schamanen, wohin sich Ohr und Auge wenden \u2013 hier werden nun vier dreifach mannshohe und doppelt kuhk\u00f6pfige Prozessionsfiguren des Boi-Bumba-Ritus aufgestellt und verbrannt. Wer mag noch von Oper reden, von Kunst, gar von deutscher Kulturpolitik! Mit Blick auf die Lichter der Stadt am Amazonas kommen wir Au\u00dferirdischen von sehr weit weg zur\u00fcck. <\/p>\n<p><em>TAGESSPIEGEL vom 23.4.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>OPER EXTREM Musiktheater-Expeditionen in Brasilien und Berlin. Wie Christoph Schlingensief am Amazonas mit Richard Wagner abhebt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/205"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=205"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/205\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}