{"id":203,"date":"2007-04-25T01:57:32","date_gmt":"2007-04-24T23:57:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=203"},"modified":"2007-04-25T01:57:32","modified_gmt":"2007-04-24T23:57:32","slug":"caipirinha-zur-auffuhrung-wagner-in-manaus-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=203","title":{"rendered":"CAIPIRINHA ZUR AUFF\u00dcHRUNG &#8211; WAGNER IN MANAUS (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Amazonas Oper inszenieren, das wollte schon der Abenteurer Fitzcarraldo. Christoph Schlingensief hat Richard Wagners &#8222;Der fliegende Holl\u00e4nder&#8220; umgesetzt. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSo kann man Oper inszenieren: Christoph Schlingensief bei einer Probe zu &#8222;Der Fliegende Holl\u00e4nder&#8220; im Urwald bei Manaus<br \/>\nDie kleinen Kinder wissen sicher nicht, an was f\u00fcr einem seltsamen, skurrilen, einzigartigen Opernereignis sie gleich teilnehmen werden. Noch sitzen sie neben den letzten Schienenresten der 1952 eingestellten Stra\u00dfenbahn von Manaus vor dem schmuck sanierten Teatro Amazonas. Das Pflaster des gepflegten Platzes mit seinen schwarzwei\u00dfen Wellenlinien soll den Zusammenfluss des Rio Negro und des Rio Solimones symbolisieren, die sich \u2013 wegen der unterschiedlichen Temperaturen und Wasserzusammensetzungen \u2013 nur z\u00f6gerlich vor Manaus zum Amazonas vereinigen. Noch schauen die herausgeputzten Kleinen \u201eToy Story II\u201c. Doch gleich wird auf die Leinwand die Premiere des \u201eFliegenden Holl\u00e4nders\u201c \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief wagt Wagner im Urwald<\/strong><\/p>\n<p>Diesmal kam also nicht Enrico Caruso (der in Wirklichkeit nie kam) und auch nicht Fitzcarraldo alias Klaus Kinski, der meistenteils in Peru drehte, bis Manaus \u2013 sondern der mehr und mehr die Hochkultur durchpfl\u00fcgende Zivilisationsarch\u00e4ologe Christoph Schlingensief. Er unterwarf sich nach Bayreuth eine weitere musiktheatralische Mythenschmiede: der absurden, weitab von jeder Zivilisation gelegenen Fantasie aus Marmor, Edelholzparkett, Gold, Stuck und Kristall. Kautschukbarone hatte das Theaster bauen lassen, die schnell reich geworden waren und ebenso schnell wieder verarmten. 1990 wurde das Haus renoviert, als Symbol f\u00fcr die Wiedergeburt der Amazonasgegend durch die Schaffung einer Freihandelszone.<\/p>\n<p><strong>Auch bei Wagner wird gehandelt<\/strong><\/p>\n<p>Was wunderbar zu Richard Wagners vierter Oper passt. Der skrupellose Kaufmann Daland handelt mit Waren, auch seine sch\u00f6ne Tochter Senta ist nur eine davon. Der zu ewiger Wiederkehr alle sieben Jahre verfluchte Holl\u00e4nder samt Schiff und Mannschaft m\u00f6chte sich eine Seele erkaufen, um erl\u00f6st zu werden. Und Senta, die von ihrem banalen J\u00e4ger Erik eigentlich nichts wissen will, sieht in dem fremden Mann das Bild an der Wand, in das sie sich jahrelang schon verliebt hat \u2013 und opfert sich, kompromisslos, bis in den Tod. Der Erl\u00f6sungsschluss der zweiten, auch hier in Manaus gespielten Fassung malt das strahlend sch\u00f6n aus. Doch wer opfert sich hier, wer wird erl\u00f6st? So konkrete Fragen beantwortet Schlingensief eher ausweichend. Am Ende schippert eine Amazonasbarkasse \u00fcber endlose Fluten. F\u00fcr die ewigen, auch hier vertretenen Operntourismen war das in jedem Fall ein Ablass. Trotzdem hagelt es aus dem Parkett und den vier schmucken R\u00e4ngen mit ihren kannelierten S\u00e4ulen und den Bronzegittern unter dem verblassten, mit rosa G\u00f6tterwesen und edlen Portalen aufwartenden Deckenfresko viele Buhns und es knallen noch mehr Bravi. Dieses verwunschene Theater ist in einer Moderne angekommen, von der es nichts ahnte. Die hier sonst eher opernabstinenten Menschen, die einen \u00e0 la Mail\u00e4nder Scala gekleidet, die anderem im Amazonasschick, haben eine unbequeme Auff\u00fchrung, sicher fasziniert, aber eben auch verst\u00f6rt genossen. Ob Luiz Fernado Malheiro, der Dirigent und Leiter des 11. Festival Amazonas de \u00d3pera, wirklich wusste, auf was er sich da eingelassen hatte, als er nach dessen \u201eParzifal\u201c den genial beknackten Irrwisch Christoph Schlingensief f\u00fcr \u201eO Naivo Fantasma\u201c, den zum \u201eGespensterschiff\u201c gewordenen \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c verpflichtete?<\/p>\n<p><strong> Der S\u00e4nger als Ready-made !<\/strong><\/p>\n<p>Es war jedenfalls ein wunderbares Happening, von dem alle noch lange sprechen werden, die dabei waren. Schlingensieg hat bei dieser emphatischen Handlungsoper nat\u00fcrlich wieder seinen Unwillen in Sachen Personenregie zur Schau gestellt. Der S\u00e4nger als Ready-made.<\/p>\n<p>Er hat das wettgemacht und \u00fcberkleistert, durch seinen nie versiegenden, immer neu am konkreten Objekt variierten Assoziationsstrom. Dieser Gedankenfluss ist mindestens so breit wie der ewig m\u00e4andernde Amazonas. Und der \u201eHoll\u00e4nder\u201c mutierte zum Brasilianer im Videomahlstrom.<br \/>\nDie forsch genommene Ouvert\u00fcre bleibt bilderlos, doch dann beamen sich auf der einer Gardine und auf Ersatzleinw\u00e4nden die bildlichen Metaphern \u00fcbereinander. Da sind wieder die Am\u00f6ben-Filme, Daland aber ist ein Sektenanf\u00fchrer, sein Schiff ist ein Kirchenschiff. Seine Mannschaft: Priester und Ministranten; die des Gespensterschiffs sind m\u00e4nnliche Nonnen. Tochter Senta steht bereits unter Dalands Kuratel, sein Steuermann wie auch der Holl\u00e4nder erleben Traum, Totem und Tabu, Todeserfahrungen &#8211; wie das vom S\u00fcdwind getragene M\u00e4dchen (w\u00e4hrend im Zuschauerraum der Nordwind der Klimaanlage eisig bl\u00e4st) im Schneewittchensarg. Eine freudianisches Kanapee ist ein wichtiges Requisit, aber auch ein heimisches Seniorenpaar, eine Zwergin, eine Jonathan Meese-Kopie. Sie alle wirken kuriosererweise nicht ausgestellt, nur selten benutzt. Schlingensief zeigt aber nicht nur im Dschungel gedrehte Filme von Orchestern zwischen Lianen und kultischen Handlungen in \u00fcberwucherten Ruinen, sondern auch das missbrauchte Hochzeitspaar aus Pasolinis Film \u201eSal\u00f3\u201c, dem auf der eifrig kreiselnden Drehb\u00fchne \u00e4hnliches widerf\u00e4hrt.<\/p>\n<p><strong>Vergewaltigung und K\u00f6pferei<\/strong><\/p>\n<p>Die norwegische Hafenstadt mutiert sp\u00e4ter zur Favela samt Caipirinha-Bar, in der ebenfalls von Nonnen bev\u00f6lkerten Spinnstube regiert die Karnevalsk\u00f6nigin Frau Mary; eine Kellnerin und die Zwergin drehen Kautschukkn\u00f6del am Spie\u00df, Senta verpuppt sich zusehend in einen rosa T\u00fcllkokon. Da wird vergewaltig und gek\u00f6pft, Schlingensief beschw\u00f6rt atavistische Rituale, kn\u00fcpft schr\u00e4ge Querverbindungen, die pl\u00f6tzlich sonderbar logisch wirken. Dieser ganz und gar Latino-\u201eHoll\u00e4nder\u201c, weitab von jeglicher Zivilisation, in der Stadt ohne Stra\u00dfe zur Au\u00dfenwelt, ist sich selbst genug und wei\u00dft doch \u00fcber sich hinaus. Schlingensief sowie seine Dramaturgen Mathias Pees und Carl Hegemann riskieren das Kunstst\u00fcck, mal plakativ, mal prezi\u00f6s den \u201eHoll\u00e4nder\u201c aufzuspalten, und ihn ethnisch vollkommen neu zusammenzusetzen. Was schl\u00fcssig bleibt, obwohl teilweise schauderbar gesungen wird. Nur der Daland von Stephen Bronk und der Steuermann Martin M\u00fchle lassen so etwas wie Wagner konforme Melodiebildung und Vokalgestik erkennen.<\/p>\n<p>Dieser \u201eHoll\u00e4nder\u201c segelt davon und hebt ab. Am st\u00e4rkten, wenn die verfremdet europ\u00e4ische Kunst\u00fcbung am Ende des zweiten Aktes \u00fcbert\u00f6nt wird von der mit Urgewalt wohl zum ersten Mal in diese heil\u2019ge Halle einbrechende Samba-Band. Die schl\u00e4gt die Trommel, auf den Balkonen wird getanzt und auch auf der B\u00fchne wippen die H\u00fcften nicht nur der m\u00e4nnlichen Federpfauen. Statisten, Chor, S\u00e4nger, Orchester, Publikum am Ende des Irgendwo in der kollektiven Begl\u00fcckung: der totale Wagnerwahnsinn. Und drau\u00dfen dampft es feucht nach dem letzten Amazonasregen. <\/p>\n<p><em>DIE WELT vom 23. April 2007, Von Manuel Brug<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Amazonas Oper inszenieren, das wollte schon der Abenteurer Fitzcarraldo. 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