{"id":202,"date":"2007-04-16T18:53:10","date_gmt":"2007-04-16T16:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=202"},"modified":"2007-04-16T18:53:10","modified_gmt":"2007-04-16T16:53:10","slug":"der-wille-zum-gesamtkunstwerk-goethe-institut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=202","title":{"rendered":"DER WILLE ZUM GESAMTKUNSTWERK (GOETHE INSTITUT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief und Richard Wagner \u2013 Der Wille zum Gesamtkunstwerk  <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Als Helmut Kohl ausgedient hatte als Feindbild und Gerhard Schr\u00f6der sich doch als zu langweilig f\u00fcr echte Aufregung entpuppte, trat eine Gestalt in das Zentrum von Christoph Schlingensiefs Arbeit, der er sich nicht mehr prim\u00e4r mit Aggression, sondern mit Sympathie zuwendete: Richard Wagner.<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst glaubte jeder, der bereits seit vielen Jahren in seinen Filmen und Theaterst\u00fccken herumgeisternde Komponist sei nur eine weitere Anti-Gestalt wie Adolf Hitler oder Guido Westerwelle. Personen, die Schlingensief dazu dienten, seinen Feldzug gegen Heuchelei und Verlogenheit zu illustrieren. Die Beschallung einer Robbenkolonie im Jahr 2000 mit Siegfried-Musik in Namibia im Stile der ber\u00fchmten Szene aus Apocalypse Now war so eine Aktion, die Wagner als Soundtrack des B\u00f6sen zitierte. Auch seine gro\u00dfen Wagner-Performances am Ort der deutschen Herero-Massaker in Namibia (African Twin Towers, 2005) oder auf dem Totenfeld des Zweiten Weltkriegs in Neuhardenberg (Odins Parsipark, 2005) schienen Wagner als Fahrstuhlmusik zur H\u00f6lle zu ben\u00fctzen. Tats\u00e4chlich aber entschl\u00fcsselte sich das Interesse Schlingensiefs an Wagner als Liebe \u2013 und das nicht erst seit seiner Parsifal-Inszenierung in Bayreuth 2004.<\/p>\n<p><strong>Der Wille zum Gesamtkunstwerk<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir sind Br\u00fcder im Fleische. Der war genauso getrieben wie ich\u201c, erkl\u00e4rte Schlingensief einmal \u00fcber den Komponisten, den er \u201esehr verehre\u201c. Ein anderes Mal begeisterte er sich f\u00fcr das \u201elebensnahe Chaos\u201c Wagners, denn \u201esein Leben war ja auch ein Durcheinander\u201c \u2013 so ein Durcheinander wie Schlingensiefs eigenes Dasein zwischen gro\u00dfen Theatern, fernen L\u00e4ndern, dr\u00e4ngenden Themen und seinem eigentlichen Zuhause in Berlin Prenzlauer Berg. Und eben diese assoziative Kraft, dieser etwas gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Wille zum Gesamtkunstwerk, der nicht immer einer rationalen Logik, sondern einer absolut pers\u00f6nlichen Sensibilit\u00e4t folgt, verbindet Wagner und Schlingensief als K\u00fcnstler: \u201eMich interessiert Wagner als Besessener!\u201c<\/p>\n<p>Schlingensiefs zweite Inszenierung einer Wagner-Oper treibt diese obsessive Selbst\u00fcberforderung, die der Motor seiner Kreativit\u00e4t ist, auch noch zum klimatischen Exzess. Im brasilianischen Manaus, im Glutofen des Amazonasgebietes steht das ber\u00fchmte Opernhaus, dem schon der Werner Herzog\/Klaus Kinski-Film Fitzcarraldo huldigte. Hier wird Schlingensief den Fliegenden Holl\u00e4nder inszenieren. Der Premiere am 22. April geht zwei Tage zuvor eine ebenfalls von Schlingensief inszenierte Open-Air-Prozession zur Er\u00f6ffnung des Festivals voraus, die vom Opernhaus durch die Stadt zum Hafen f\u00fchrt. Schon w\u00e4hrend seiner ber\u00fchmten Verwandlung des Hamburger Schauspielhauses in eine \u201eStadtteilmission\u201c 1997 hatte er gefordert, die Fassade des Theaters abzurei\u00dfen, um die Kunst dem Leben zu \u00f6ffnen. Zehn Jahre \u00e4lter und mittlerweile etwas gefasster im Umgang mit Totall\u00f6sungen reicht es ihm, die Gro\u00dfkunst der Oper aus der Isolation des Kunsttempels herauszuholen und mit den orts\u00fcblichen Mitteln des tropischen Karnevals popul\u00e4r zu machen.<\/p>\n<p><strong>Parsifal 2004 in Bayreuth <\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Betrachter von Angela Merkel bis zum deutschen Feuilleton erlebten Schlingensiefs Opern-Deb\u00fct mit Parsifal am Gr\u00fcnen H\u00fcgel als Bildersturmflut, bei dem auf einer Drehb\u00fchne viel Zeugs und noch mehr Filme rotierten. Aber die Zuschauer bemerkten damals doch, dass etwas Neues in der Arbeit Schlingensiefs auftauchte. Hatte er bis dahin Personen und Themen nur ben\u00fctzt, um sie durch Ironie, Zynismus, Provokation und \u00dcbertreibung in ihrer vermeintlichen Sicherheit zu ersch\u00fcttern, so nahm Schlingensief Wagner und sein Werk wirklich ernst. Er versuchte auf seine sprunghafte und dabei sehr moralische Art eine Deutung der Oper als existentielle Erfahrung.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief \u2013 Wagner \u2013 Beuys<\/strong><\/p>\n<p>Doch bei aller Begeisterung und Verehrung ist Schlingensiefs Verh\u00e4ltnis zu Wagner ambivalent geblieben. Der drastische Einsatz der Musik in seinen zahlreichen Indoor- und Outdoor-Performances bezieht sich nat\u00fcrlich auf die atmosph\u00e4rische N\u00e4he der Wagner-Familie und Wagner-Kunst zur faschistischen Selbstinszenierung. Die monumentale Wirkung wird bei Schlingensief dann sehr effektsicher eingesetzt. Dort aber, wo er eine ernsthafte Ann\u00e4herung an den k\u00fcnstlerischen Gehalt von Wagners Kompositionen versucht, f\u00fchrt er eigentlich immer die Symbole und Methoden eines anderen von ihm verehrten Gro\u00dfk\u00fcnstlers als Kontrastmittel ein: Joseph Beuys. Bei Parsifal etwa zeigt er den Gral als verwesenden Hasen im direkten Bezug zu Beuys\u2019 Symboltier f\u00fcr die Inkarnation. Und auch den k\u00fcnstlerischen Freiheitsbegriff des Mannes mit dem Filzhut braucht Schlingensief als Gegengewicht zum fest gef\u00fcgten Gro\u00dfrahmen von Wagners Mythenspielen. Zwischen diesen beiden gro\u00dfen politischen Mystikern sucht sich Christoph Schlingensief als \u201emetaphysisch obdachloser Metaphysiker\u201c erfolgreich seine eigene Welt. Jetzt auch in Manaus.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensiefs Inszenierung ist eine Koproduktion des Goethe-Instituts mit dem Kultursekretariat des Bundesstaates Amazonas. Sie wird von der Kulturstiftung des Bundes gef\u00f6rdert und hat im Rahmen des \u201eXI. Festival Amazonas de \u00d3pera\u201c am 22. April im legend\u00e4ren Teatro Amazonas Premiere. Eine zweite Vorstellung findet am 25. April statt. Das Festival wird er\u00f6ffnet am 20. April mit einer Open-Air-Prozession, ebenfalls in der Regie von Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p><em>Till Briegleb<br \/>\nist freier Theater- und Kunstkritiker und Mitglied der Auswahljury des M\u00fclheimer Theaterfestivals st\u00fccke<\/p>\n<p>Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Helmut Kohl ausgedient hatte als Feindbild und Gerhard Schr\u00f6der sich doch als zu langweilig f\u00fcr echte Aufregung entpuppte, trat eine Gestalt in das Zentrum von Christoph Schlingensiefs Arbeit, der er sich nicht mehr prim\u00e4r mit Aggression, sondern mit Sympathie zuwendete: Richard Wagner.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/202"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=202"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/202\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}