{"id":201,"date":"2007-04-22T20:26:17","date_gmt":"2007-04-22T18:26:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=201"},"modified":"2007-04-22T20:26:17","modified_gmt":"2007-04-22T18:26:17","slug":"der-dschungel-soll-singen-vanity-fair","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=201","title":{"rendered":"DER DSCHUNGEL SOLL SINGEN (VANITY FAIR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler inszeniert den &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; an der Oper von Manaus. Vanity Fair begleitete ihn<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>von Marc Fischer<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n&#8222;Wie hei\u00dft er?&#8220;, fragt Antonia mit dem blutigen Auge, vor 84 Jahren geboren in einem der Stelzenhausviertel am Rand von Manaus.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df nicht&#8220;, sagt Anesio mit dem sch\u00f6nen wei\u00dfen Hemd, vor 72 Jahren geboren in einem Dorf am Rio Solim\u00f5es.<br \/>\n&#8222;Shwingensiev?&#8220;<br \/>\n&#8222;Schlingensief&#8220;, sagt jemand. &#8222;Christoph Schlingensief. Er ist ein Regisseur aus Deutschland. Macht hier eine Oper.&#8220;<br \/>\n&#8222;Er ist verr\u00fcckt&#8220;, sagt Antonia.<br \/>\n&#8222;Er hat das Fieber&#8220;, sagt Anesio.<br \/>\n&#8222;Oder beides&#8220;, sagt Antonia.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr, was die beiden Laienschauspieler in den letzten 36 Stunden alles mitgemacht haben, ist es fast ein Wunder, dass die Erkenntnis so sp\u00e4t kommt \u2013 erst auf diesem Amazonasdampfer, auf dem sie zusammen mit dem irren Deutschen und 60, 70 anderen Leuten nun den schwarzw\u00e4ssrigen Nebenfluss Rio Negro hochfahren, in Richtung eines Dorfes, das mal ein Gef\u00e4ngnis war, das mal eine Leprakolonie war, die mal ein Kloster war. Oder irgendwas in der Art, denn viel genauer hatte sich der Deutsche nicht ausgedr\u00fcckt. Auch was dort passieren w\u00fcrde, wussten sie nicht. Nur, dass er heute noch &#8222;den Dschungel singen lassen&#8220; wolle, hatte dieser Shwingensiev\/Schlingensief gesagt. &#8222;Und sp\u00e4ter vielleicht noch den Amazonas: Ach, lieber S\u00fcdwind, blas noch mehr!&#8220;<\/p>\n<p>Soso, dachte Anesio da: S\u00fcdwind! Aha. Und Antonia dachte offensichtlich dasselbe.<br \/>\nSie h\u00e4tten die Lage nat\u00fcrlich fr\u00fcher erkennen k\u00f6nnen. Anzeichen gab es genug: Der Deutsche sah ganz und gar verr\u00fcckt aus mit seinen links und rechts vom Kopf abstehenden Haaren; dazu schwitzte er stark und trank nicht im Ansatz genug Wasser, um seinen Fl\u00fcssigkeitshaushalt wieder auszugleichen. Das ist die Lebensregel Nummer eins in den Tropen, wei\u00df normalerweise selbst der gr\u00f6\u00dfte Gringo-Dummkopf. Er musste also tats\u00e4chlich von einer Dengue-M\u00fccke gestochen worden sein, wie auf Deck gemurmelt wurde. Oder, auch das w\u00e4re m\u00f6glich: Es lag an den Geistern. Den Flussgeistern unter ihnen. Die gibt es n\u00e4mlich. Es gibt Feen so stark wie Bodybuilder im Amazonas, Monsterfr\u00f6sche und rosa Delfine, Botos, die sich nachts in M\u00e4nner in wei\u00dfen Anz\u00fcgen verwandeln (Dandys also), an Land gehen, Frauen schw\u00e4ngern und wieder abhauen.<\/p>\n<p>Geister und Magie w\u00fcrden auch erkl\u00e4ren, was Anesio und Antonia seit gestern erlebt haben: Warum der Deutsche sie mit einer Zwergin im Hochzeitskleid und einem Mann mit einer Frauenper\u00fccke auf dem Kopf tanzen lie\u00df, w\u00e4hrend er die Szene mit einer Kurbelkamera drehte. Oder warum er ein v\u00f6llig unbesch\u00e4digtes Buch mit Motor\u00f6l beschmierte, es halb zerriss, und Antonia sagte, sie solle ihren guten alten faltigen Runzelfu\u00df darauf stellen. Ein Ritual? Ein seltsamer Fetisch? Altdeutsche Mystik? Ganz und gar nicht: Eine &#8222;Referenz an Man Ray&#8220; sei das, meinte der Irre. Zwischendurch h\u00fcpften dazu immer wieder der Mann mit der Per\u00fccke und die Zwergin durchs Bild. Der Mann hie\u00df Klaus, die Zwergin Karin.<\/p>\n<p>Nicht, dass hier sonst keine seltsamen Dinge gesch\u00e4hen, aber das war dann doch ein wenig viel Irrsinn auf einmal, selbst f\u00fcr Manaus, diese 1,6-Millionen-Stadt mitten im brasilianischen Regenwald, in die du immer noch nur mit dem Flugzeug oder dem Boot kommst, weil eine Stra\u00dfe oder Eisenbahntrasse gegen den Dschungel keine Chance hat. Hier, wo die Luft so feucht ist, dass du eine Salzspur auf dem Boden hinterl\u00e4sst, wenn du kurz in die Sonne gehst, der du nur entkommst, wenn du dich bei Aircondition im Zimmer einschlie\u00dft und nie wieder rausgehst. Hier also, in diesem Ort, der zwar ab und zu von Leuten aus dem 21. Jahrhundert besucht wird, aber immer noch ganz und gar nicht so wirkt, als h\u00e4tte er was mit der Welt von heute zu tun. Eher hat Manaus was von einem Luxuswagen, den vor hundert Jahren mal kurz jeder haben wollte, bis er kaputtging, und der seitdem nicht wieder angefasst wurde. Wie &#8222;Christine&#8220;, dieses Teufelsauto von Stephen King.<\/p>\n<p>Ein bisschen ist es auch tats\u00e4chlich so: Ende des 19. Jahrhunderts war die Stadt ein Eldorado, ein Gl\u00fccksritterparadies. Von \u00fcberall her kamen die Leute, um den Kautschuk aus den B\u00e4umen zu pressen, die in den Riesenurw\u00e4ldern Amazoniens wuchsen. Gerade hatte jemand das Auto erfunden, Gummireifen wurde gebraucht, und f\u00fcr Gummi brauchtest du Kautschuk. Unvorstellbar schnell unvorstellbar reich konntest du werden, wie beim Internet ganz zu Anfang \u2013 doch als ein paar Jahre sp\u00e4ter ein Engl\u00e4nder die Kautschuksamen nach Indien schmuggelte und dort Plantagen angelegt wurden, verfiel zuerst das Monopol, dann der Kilopreis und dann Manaus. Nur ein einziges Bauwerk erinnert heute noch an die Tropenperle, die der Ort fr\u00fcher mal war. Eine Oper.<\/p>\n<p>Mitten in der Stadt erhebt sie sich aus der br\u00f6ckligen Skyline, erhaben, stolz, ein wenig protzig auch mit ihrer Kuppel, wie eine Neureiche, die etwas zu viele Perlen am Dekollet\u00e9 hat. So sehr war w\u00e4hrend des Booms das Geld geflossen, dass Gouverneur und Parlament sich fast schuldig gef\u00fchlt hatten f\u00fcr den Reichtum und der Stadt das Teatro Amazonas schenkten, um Kunst und Kultur in den Dschungel zu holen. Verdi, Rossini, Mozart wollten sie auff\u00fchren, doch mit dem Niedergang der Wirtschaft verfiel schnell auch das Teatro. Ratten und M\u00e4use liefen jahrzehntelang \u00fcber das zweifarbige Teakparkett und knabberten die 700 Samtsessel an. Bis 1997 der schlaue Kultursekret\u00e4r Rob\u00e9rio Braga kam, um das Haus mit einem j\u00e4hrlichen Opernfestival wieder in Betrieb zu nehmen \u2013 und ein bisschen ber\u00fchmt damit zu machen, dass der Dirigent Luiz Fernando Malheiro hier 2005 Wagners komplette Ring-Tetralogie aufgef\u00fchrt hat. Da war Manaus sogar Titelthema der &#8222;New York Times&#8220;.<\/p>\n<p>Und dieses Jahr, am 22. und 25. April, soll nun Christoph Schlingensief Richard Wagners &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; im Teatro auff\u00fchren!<br \/>\nDer irre Deutsche aus Oberhausen, bekannt durch den Film &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220;, die Aktion &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl!&#8220;, die Partei Chance 2000, viel lustigen Quatsch an der Berliner Volksb\u00fchne und den &#8222;Parsifal&#8220; in Bayreuth. Er inszeniert den irren Deutschen aus Leipzig, bekannt durch die Werke &#8222;Tristan und Isolde\u201c, &#8222;Lohengrin&#8220;, &#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220;, den Antisemitismus-Bestseller &#8222;Das Judenthum in der Musik&#8220;, die Frauen Minna und Cosima, das Haus Wahnfried. Und wer sieht, wie der verschwitzte Schlingensief mit seinen S\u00e4ngern, Musikern und Schauspielern hier an Bord dieses alten Schiffes den Rio Negro raufschippert, um Bilder und Filmmaterial f\u00fcr die Drehb\u00fchne zu sammeln, die er f\u00fcr seinen &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; im Teatro aufbauen wird, muss an zwei weitere irre Deutsche denken: den Regisseur Werner Herzog und den Schauspieler Klaus Kinski, die hier vor 25 Jahren &#8222;Fitzcarraldo&#8220; drehten \u2013 den Film \u00fcber einen Opernfanatiker, der sein Schiff von &#8222;Nacktarsch-Indianern&#8220; \u00fcber einen Berg ziehen l\u00e4sst, um an den Kautschuk zu kommen, der ihm den Bau eines Opernhauses finanzieren soll.<\/p>\n<p><strong>Dengue-Fieber und Pflanzen, die im Ohr wachsen<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte von Herzogs Katastrophen-Dreharbeiten ist fast noch ber\u00fchmter als der Film selbst: Mehrfach brach damals die Finanzierung zusammen; diverse Schauspieler sprangen ab oder wurden krank; der Kameramann spaltete sich beim Drehen die Hand; ein paar der Indianer verletzten sich oder wurden von Giftschlangen gebissen, sogar von Toten wurde geredet und einem Fluch, der auf der Produktion gelegen h\u00e4tte; dazu stritten sich Herzog und Kinski so sehr, dass Herzog Kinski drohte, ihn zu erschie\u00dfen, falls er keine Ruhe gebe.<\/p>\n<p>Die Geister des Flusses, ewig unruhig, ewig an der Arbeit, auch heute, auch jetzt? M\u00f6glich, denn auch f\u00fcr Schlingensief lief in den zwei Monaten, die er nun hier ist, nicht gerade alles glatt: Nach seinem ersten Ausflug in den Dschungel kam er mit einem Jucken im Ohr zur\u00fcck, das sich erst im Krankenhaus als eine Pflanze herausstellte, die in seinem Geh\u00f6rgang genistet hatte und ein Baum werden wollte, ein Kautschuk-Schlingensief. Vor ein paar Tagen fiel seine Freundin Aino, die s\u00e4mtliche Kost\u00fcme f\u00fcr den &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; entworfen hat, auf der Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich in Ohnmacht, und bis eben rannte einer der Assistenten mit einer offenen Kopfwunde herum. Ein anderer verbrannte sich beim Feuerwerk die Finger. Und ob es wirklich eine Dengue-M\u00fccke war oder doch nur eine Aircondition-Grippe, die Schlingensief vor ein paar Tagen Fiebersch\u00fcbe und Gliederschmerzen bescherte, ist noch nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt. Jedenfalls wird er auch die n\u00e4chsten Tage jeden Morgen eine Antibiotikaspritze in den Hintern gerammt bekommen.<br \/>\nAu\u00dferdem macht Schlingensief sich Sorgen um seine Augen.<br \/>\n&#8222;Da sind Ablagerungen auf dem Sehnerv, die mein Gesichtsfeld einschr\u00e4nken. Familienkrankheit.&#8220;<br \/>\n&#8222;Werden Sie blind?&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine Ahnung. Mein Vater sah irgendwann kaum noch was. Es gibt aber auch \u00c4rzte, die sagen, dass es irgendwann wieder besser wird. Mit 80 oder so.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist eine fremde, seltsame Welt, auf die man sich einl\u00e4sst, wenn man das Amazonasgebiet betritt. Besonders jetzt, zur Regenzeit, wo sich der Himmel morgens und abends mit schweren Wolken vollsaugt. F\u00fcr ein St\u00fcck wie den &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220;, in dem es um Fluch, Tod und Erl\u00f6sung geht, ist das nat\u00fcrlich perfekt. Das Wasser, der Fluss, die gammeligen Boote am alten Hafen von Manaus mit ihren Besatzungen, einer Menschenmischung aus Indianern, Spaniern, Portugiesen, Holl\u00e4ndern und Afrikanern \u2013 ein besseres Bilder-Setting h\u00e4tte sich Schlingensief gar nicht ausdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Boto, der schw\u00e4ngernde Menschendelfin aus dem Amazonas \u2013 ist er nicht ein Vampir ganz wie der Holl\u00e4nder, der immer auf der Suche nach einer Frau ist, die ihn treu liebt bis in den Tod, sich also f\u00fcr ihn umbringen w\u00fcrde? Und Senta, die ihn erl\u00f6sen wird \u2013 ist sie nicht zu gleichen Teilen Satanistin, die sich dem Teufel verschrieben hat, wie auch Heilige, seit jeher verliebt in ein Bild? Aus Gedanken dieser Art, seinen Erfahrungen mit Ein\u00e4ugigen, Schamanen und Madonna- bzw. Nina-Hagen-Darstellerinnen aus den Manauser Altstadtbars &#8222;Do Armando&#8220; und &#8222;5 Estrelas&#8220;, Man Rays Film &#8222;Der Seestern&#8220; (1928) und ungef\u00e4hr 1263849444484 weiteren Assoziationen, die auf die B\u00fchne des Teatro projiziert werden, wird Schlingensief seinen &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; montieren. Aus dem Leben und der Kunst also, so, wie\u2019s sein sollte.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief ist \u00e4hnlich heimatlos wie Wagners Kapit\u00e4n<\/strong><\/p>\n<p>Man muss allerdings auch ein bisschen aufpassen in den Tropen. Das Klima ist nicht ganz ungef\u00e4hrlich. Die Hitze umschlingt dich und sickert ein. Der K\u00f6rper wird langsamer, der Geist unruhiger.<br \/>\nImpressionen, Halluzinationen, Komplikationen entstehen im Kopf. Nichtstoffliches (Licht, Wolken, Himmel) wird st\u00e4rker, Stoffliches (Holz, Beton, Menschen) wird morscher. Wunden heilen langsamer, Tote und Geister bleiben l\u00e4nger da. Oder kommen zur\u00fcck und setzen sich neben dich.<\/p>\n<p>Vor ein paar Wochen ist Schlingensiefs Vater gestorben. Zur Beerdigung unterbrach er die Proben und Filmarbeiten und flog nach Hause, aber mit der Beerdigung ist der Tod ja nur in den seltensten F\u00e4llen erledigt. Meist geht es danach erst los mit den Fragen, die man dem Toten und sich selber stellt. In dieser Phase ist Schlingensief gerade. &#8222;Die Wurzeln sind ein bisschen angeschlagen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Wohnung in Berlin hat er gek\u00fcndigt; und sollte er irgendwann in den n\u00e4chsten Monaten nach Deutschland zur\u00fcckkommen, will er erst mal wieder im Wohnmobil leben, wie fr\u00fcher. Man mag es kaum hinschreiben, weil die Analogie so offensichtlich ist, aber: Ja, im Augenblick ist Schlingensief \u00e4hnlich hafen- und heimatlos wie Wagners Kapit\u00e4n. Und darum ab und zu etwas traurig in den Tropen.<br \/>\nZum Gl\u00fcck hat er seine Truppe. Sie ist toll. Schlingensief-Truppen sind oft toll. Sie k\u00f6nnen anstrengend sein, wenn sie dir von der B\u00fchne aus ins Gesicht springen, aber sie sind doch fast immer recht interessante Menschenclubs: der dicke Malheiro, der an Bord die ganze Zeit nur Wagner auf dem Discman h\u00f6rt; die Halbjapanerin und -brasilianerin Eiko Senda, die die Senta singt; der gewaltige US-Amerikaner Stephen Bronk, der den Daland macht; zwei Samba-M\u00e4dchen; das Orchester des Teatro; der M\u00e4nnerchor aus Manaus; Antonia und Anesio und die anderen Komparsen.<\/p>\n<p>Auch Schlingensiefs deutsche Musen sind da: der ehemalige Kerzenwachszieher Klaus Beyer (54), selbsternannter f\u00fcnfter Beatle (&#8222;Hauptmann Pfeffers einsamer Herzenclub&#8220;) und Super-8-Film-Regisseur. Im &#8222;Holl\u00e4nder&#8220; spielt er eine Mischung aus Caspar, dem freundlichen Geist, Jonathan Meese und Klaus Kinski in &#8222;Aguirre, der Zorn Gottes&#8220;. Und Karin Witt aus Hamburg-Lokstedt (64), Beisitzerin im Landesverband kleinw\u00fcchsiger Menschen Hamburg\/Schleswig-Holstein (alle ab 18, bis zu 1,50 m), auch schon in Schlingensiefs &#8222;Kaprow City&#8220; und bei &#8222;African Twin Towers&#8220; dabei.<\/p>\n<p>Redet man mit Klaus &#038; Karin, die immer als Duo auftreten, haben die Tropen auf einmal gar nichts Trauriges mehr.<br \/>\n&#8222;Wie war\u2019s neulich im Regenwald, Klaus?&#8220;<br \/>\n&#8222;Toll!&#8220;<br \/>\n&#8222;Tiere gesehen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, da war ein Faultier und im Baum ein Affe, den man nicht gesehen hat.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wen oder was spielen Sie im &#8218;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8216;, Karin?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich bin eine Frau aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert.&#8220;<br \/>\n&#8222;Haben Sie auch einen Regenwaldtrip gemacht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, ich habe Piranhas geangelt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Vermissen Sie irgendwas aus Deutschland, Klaus?&#8220;<br \/>\n&#8222;Frische Milch.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und Sie, Karin?&#8220;<br \/>\n&#8222;Schwarzbrot.&#8220;<\/p>\n<p>Da legt das Boot auch schon an, und alle \u2013 Schlingensief, Malheiro, die Senta, der Daland, der Klaus, die Karin und die anderen \u2013 gehen \u00fcber eine kleine, wacklige Holzbr\u00fccke an Land in den Dschungel, wie die ersten Menschen. Oder die letzten, ganz nach Wunsch.<br \/>\n&#8222;Sch\u00f6n mit M\u00fcckenschutz eingecremt, Klaus?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, Christoph.&#8220;<br \/>\n&#8222;Auch am Arsch?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nat\u00fcrlich!&#8220;<br \/>\n&#8222;Dann ist\u2019s gut.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Osama Bin Laden h\u00e4ngt neben einer Riesenspinne<\/strong><\/p>\n<p>Von der ehemaligen Mission Paricatuba ist nicht mehr viel \u00fcbrig. Farne und Schlingpflanzen fressen das Gem\u00e4uer, das nach dem Abzug der Priester als Krankenhaus und Gef\u00e4ngnis diente. Nur wenig Licht f\u00e4llt durch die B\u00e4ume auf die Anlage. Knapp hundert Menschen leben hier vielleicht noch. Und Osama bin Laden. Als h\u00fcbsch gemaltes Bild h\u00e4ngt er neben einer Riesenspinne in einem der Ruinenr\u00e4ume. Hierhin ist er also geflohen, der alte Racker. Und dann, w\u00e4hrend das Orchester noch seine Instrumente aufbaut und die Kamerafrau Locations sucht, singt auf einmal der Dschungel. Er singt mit der Stimme des Daland die Arie des Holl\u00e4nders: &#8222;Wann dr\u00f6hnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?&#8220;<\/p>\n<p>Es ist d\u00fcster, verwirrend und ganz und gar magisch, das hier zu h\u00f6ren, aber irgendwie passt es. Es passt zu Schlingensief, den Schlingpflanzen, Flussgeistern, Dandy-Delfinen, Dengue-M\u00fccken und zu Osama bin Laden. Vielleicht passt es sogar zum iranischen Atomprogramm und zur Gesamtsituation der Weltlage, auch wenn die sich jeden Tag zu \u00e4ndern scheint. Oder immer dieselbe bleibt, manchmal wei\u00df man es ja nicht. Man wei\u00df nur, dass die Welt durch Musik ertr\u00e4glicher wird: durch M\u00e4nnerch\u00f6re, die &#8222;Hojohe!&#8220; rufen; durch Frauench\u00f6re, die &#8222;Brumm! Summ!&#8220; singen; durch ein Orchester, das, so wie jetzt, als alles aufgebaut und gestimmt ist, die grandiose Ouvert\u00fcre des &#8222;Holl\u00e4nders&#8220; durch den Regenwald pustet.<\/p>\n<p>&#8222;Fitzcarraldo&#8220; ist angekommen. In Gestalt des fliegenden Schlingensiefs hat er\u2019s endlich geschafft. Die Oper ist im Dschungel. Und weil das so ein sch\u00f6ner Irrsinn ist \u2013 einer des Lebens, nicht des Todes \u2013, schweigen nun auch die Geister und sind ganz Musik.<br \/>\n&#8222;Wie hei\u00dft er? Shwingensiev?&#8220;, fragt die alte Antonia mit dem blutigen Auge, w\u00e4hrend sie dem Deutschen zusieht, wie er tanzt und filmt und springt und h\u00fcpft.<br \/>\n&#8222;Schlingensief&#8220;, sagt der alte Anesio mit dem sch\u00f6nen wei\u00dfen Hemd.<br \/>\n&#8222;Er ist verr\u00fcckt&#8220;, sagt Antonia.<br \/>\n&#8222;Er hat das Fieber&#8220;, sagt Anesio.<br \/>\n&#8222;Oder beides&#8220;, sagt Antonia und l\u00e4chelt, bevor der Regen kommt. <\/p>\n<p><em>Marc Fischer \/ VANITY FAIR<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler inszeniert den &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; an der Oper von Manaus. 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