{"id":198,"date":"2007-04-22T19:45:30","date_gmt":"2007-04-22T17:45:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=198"},"modified":"2007-04-22T19:45:30","modified_gmt":"2007-04-22T17:45:30","slug":"schlingensief-wagt-wagner-im-urwald-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=198","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF WAGT WAGNER IM URWALD (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Operninszenierungen am Amazonas sind ein heroisches Unterfangen. Das ist seit dem Film Fitzcarraldo bekannt. Nun inszeniert Christoph Schlingensief Wagner in Manaus. Am Freitag hat er eine Kostprobe gezeigt. Schon das war blanker Wahnsinn.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief, das ewige Kind, der unerm\u00fcdliche Vision\u00e4r, er hat es wirklich geschafft. Mit einer mehrst\u00fcndigen Ouvert\u00fcre aus Opern-Open-Air-Happening, Sambaprozession, sp\u00e4tn\u00e4chtlicher Bootsfahrt auf dem Rio Negro und von Magnesiumfackeln umzuckter Totemzeremonie in einer vom Amazonasurwald \u00fcberwucherten Klosterruine er\u00f6ffnete er das 11. Festival Amazonas de Opera im legendenumwobenen Opernhaus von Manaus. Am Sonntagabend folgt dann die Indoor-Premiere von Schlingensiefs Neuinszenierung des \u201eFliegenden Holl\u00e4nders\u201c.<\/p>\n<p>Bayreuth hat ihn mit dem \u201eParsifal\u201c abgeh\u00e4rtet, da konnte ihn jetzt das Abenteuer mit der Wagner-Oper in Brasilien auch nicht mehr schrecken. 600.000 Euro kostet die so absurd anmutende wie faszinierende Produktion, zu der die Bundeskulturstiftung 200.000 Euro beitr\u00e4gt, das Goetheinstitut in Sao Paulo f\u00fcr Logistik und Manpower sorgte, das M\u00fcnchner Haus der Kunst anschlie\u00dfend die dabei entstandenen Videofilme als Ausstellung zeigt und diverse Kunstm\u00e4zene, Stiftungen und brasilianische Regierungsstellen ihren Beitrag leisten. Zwar muss Christoph Schlingensief nicht wie einst Klaus Kinski als Fitzcarraldo in Werner Herzogs wahnwitzigem (weitgehend in Peru gedrehtem) Film von 1982 ein ganzes Schiff \u00fcber den Berg ziehen, um zu Wagner zu finden, aber der Berg kommt auch nicht unbedingt zu Schlingensief. Nach zwei Monaten Probenzeit, feuchtwarmer Hitze, viel Schwei\u00df und Geschrei hat die Schlingensief-Family aus Freaks und Fanatikern, Behinderten, Begnadeten und Bekloppten, Praktikanten und Pragmatikern nun auch dieses Ding gestemmt. Wenn auch nur f\u00fcr zwei Auff\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Enrico Crauso kam entgegen der Legende nicht bis zum 1896 mit Ponchiellis \u201eLa Gioconda\u201c er\u00f6ffneten Opernhaus Teatro Amazonas in Dschungel von Manaus. Die Angst vor der Cholera hatte den Tenorrissimo vorher wieder abdrehen lassen. Und auch Herzog konnte nur auf der Freitreppe vor dem Theater drehen, das damals v\u00f6llig verkommen war. Der Prunkbau entstand auf dem H\u00f6hepunkt des Kautschukbooms, der die Stadt im Dschungel m\u00e4rchenhaft reich werden lie\u00df. Die Marmors\u00e4ulen und Kronleuchter stammen aus Italien und Frankreich, selbst das einheimische Edelholz war in Europa bearbeitet worden. Doch bald wurde es zum Festmahl f\u00fcr die Termiten und zum Leichenschmaus einer vergessenen Stadt von Gestern.<\/p>\n<p><strong> Boomtown am Amazonas<\/strong><\/p>\n<p>Seit Manaus zur Freihandelszone erkl\u00e4rt wurde, bl\u00fcht hier freilich wieder die Wirtschaft, mit 1,7 Millionen Einwohnern ist die Stadt ohne Stra\u00dfe zur Au\u00dfenwelt nach Sao Paulo und Rio de Janeiro die drittgr\u00f6\u00dfte Metropole Brasiliens. Das Teatro Amazonas hat man Anfang der neunziger Jahre aufw\u00e4ndig saniert, Musiker aus Russland wurden zum Orchester neu zusammengef\u00fcgt. Die bunte Saison kulminiert seit elf Jahren allj\u00e4hrlich im von dem Dirigenten Luiz Fernando Malheiro geleiteten Festival Amazona de Opera. Dessen bisheriger H\u00f6hepunkt war 2005 die erste zyklische Auff\u00fchrung von Wagners \u201eRing des Nibelungen\u201c in Brasilien.<\/p>\n<p>Kurz darauf entstand via Goethe-Institut in Sao Paulo der erste Kontakt zwischen Malheiro und dem eben mit den h\u00f6heren Bayreuth-Regieweihen versehenen, so charmanten wie penetranten Aktionsk\u00fcnstlerchaoten. Und jetzt wird hier von ihm wirklich und wahrhaftig die an sich schon unm\u00f6gliche Kunst der Oper zu einem neuen und absurd anmutenden H\u00f6hepunkt gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Planung war kurzfristig, die brasilianische Finanzierung kam sp\u00e4t, doch dann schwei\u00dften die furiosen Werkst\u00e4tten eine Drehb\u00fchne zusammen, auf der w\u00e4hrend der Proben freilich zweimal der Chor einbrach und endlich jene hohen Cs h\u00f6ren lie\u00df, die sonst nie kamen. Das willige, nicht einmal um seine Instrumente f\u00fcrchtende Orchester wurde genauso wie zwei halbnackte Sambat\u00e4nzerinnen auf hohen Haken per Schiff in den Urwald verfrachtet, wo sie die Ouvert\u00fcre spielten und tanzten w\u00e4hrend Schlingensief ihr Tun mit einer alten Handkurbelkleinkamera filmte und das Restteam unter seinem Videoequipment schwitzte.<\/p>\n<p><strong>Der Abbruch war nahe<\/strong><\/p>\n<p>Ein Zwergin und den f\u00fcnften Beatle, Klaus Beyer, der nun Jonathan-Meese-Per\u00fccke tr\u00e4gt, hat Christoph Schlingensief aus Deutschland mitgebracht, das S\u00e4ngerensemble wurde international zusammengecastet. Mehrmals schien der Abbruch nahe, Vor zwei Monaten starb Schlingensiefs Vater, eben erlitt seine Mutter einen Schlaganfall. Ihm selbst wuchs angeblich aus dem Ohr eine Schlingpflanze. \u201eDie Frist ist um\u201c dr\u00f6hnt nun ausgerechnet an F\u00fchrers Geburtstag der Holl\u00e4nder und l\u00e4sst endlich das Wagnerinferno \u00fcber Manaus live herein krachen.<\/p>\n<p>Ganze Familien haben auf dem Theatervorplatz ihre wei\u00dfen Stapelst\u00fchle eingenommen, S\u00e4uglinge schlafen, Kleinkinder kreischen nach kunterbunter Zuckerwatte, Clowns zeigen roten Nasen auf kaffeebrauner Haut. Das auf hohem Sockel thronende Theater sieht mit seinen guaveroten, von wei\u00dfem Stuckschaum verzierten W\u00e4nden wie eine Hochzeitstorte aus, \u00fcber der sich eine moscheeartige Goldkuppel aus Els\u00e4sser Kacheln erhebt, umrundet von den brasilianischen Farben Gelb, Blau und Gr\u00fcn. An seiner Seitenfront ergie\u00dfen sich \u00fcber Balkone, Treppen und Terrassen das schwarzgewandete Orchester, die Choristen in priesterlichem Ornat; der Geisterchor sind m\u00e4nnliche Nonnen, die Spinnerinnen auf der anderen Seite drehen statt am R\u00e4dchen an riesigen Grillspie\u00dfen mit Kautschukkugeln. Zwei Videow\u00e4nde \u00fcbertragen das w\u00fcste Geschehen.<\/p>\n<p>In einem rosa Plisseekokon als Mischung aus Robbenbaby und Evita Perron pl\u00e4rrt die Halbjapanerin Eiko Senda Sentas Ballade blechern \u00fcber die Lautsprecher. Ihr Vater Daland ist ein Sektenf\u00fchrer, Frau Mary schwingt ihre Reiherfedern, der Holl\u00e4nder thront auf einem zweist\u00f6ckigen, von bunten Riesenfischen umschw\u00e4rmten Pappschiff. Der Mann am Mischpult dreht durch, verursacht mit klirrenden Geigen, dumpf dr\u00f6hnenden B\u00e4ssen, grellem Blech und knallender Harfe eine br\u00fcllende Kakophonie.<\/p>\n<p><strong>Karneval und Wagner<\/strong><\/p>\n<p>Doch als die Ausz\u00fcge aus \u201eIl navio Fantasma\u201c (eigentlich \u201eDas Gespensterschiff\u201c) nach einer Stunde mit \u201eSteuermann, halt die Wacht\u201c langsam und laut in den dritten Akt biegen, wackelt auf einem riesigen Kuhsch\u00e4del eine Sambat\u00e4nzerin herein. In einer Prozession werden weitere Totemk\u00fche, versehen mit den Bildnissen von Wagner, Verdi, Kinski und der Callas, vorbei geschleppt. Und dann, Wagners nachkomponierter Dur-Schluss verhallt fast ungeh\u00f6rt, \u00fcbernimmt der brasilianische Karneval und tr\u00e4gt die europ\u00e4ische Oper in die s\u00fcdamerikanische Stadt, hin zur Kathedrale. Kinder und Greise, mal barock umh\u00fcllt, mal (fast) indianernackt, tanzen in Formationen los, Trommler und T\u00e4nzerinnen feiern Sentas Opfer und Erl\u00f6sung auf Brasilianisch weiter. Dazwischen ein klatschnasser, aber gl\u00fccklicher Schlingensief, hier \u201eIschlingsf\u201c ausgesprochen, der unerm\u00fcdlich mit der Kamera kurbelt. Die Filme werden in die Inszenierung am Sonntag miteinflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend sollen eigentlich sieben Schiffe aus dem Hafen auslaufen, die auch hierzulande sehr umst\u00e4ndlichen Beh\u00f6rden gestatten nur eines. An Bord; vier der nepalesischem Totemkuhstelen. Sie schippern nun mit den Treusten der Treuen anderthalb Stunden \u00fcber die jetzt wirklich samtschwarzen Fluten des Rio Negro. Inmitten der feuchten Restmauern eines erst als Kloster, dann als Leprastation und schlie\u00dflich als Gef\u00e4ngnis dienenden, fast v\u00f6llig vom Dschungel zur\u00fcckeroberten Geb\u00e4udes werden sie aufgestellt und zum Teil verbrannt. Gespenstisch flackern Fackeln und Handlampen durch die Nacht, im letzten, dem Voodoozimmer, zuckt ein Graffiti von Osama bin Laden aus dem Dunkel. Und wieder dr\u00f6hnt Wagners Musik aus dem tragbaren CD-Player. \u201eWenn das Tarkowskij noch erlebt h\u00e4tte\u201c, st\u00f6hnt verz\u00fcckt der Dramaturg Karl Hegemann. Und auch hier hat noch eine Bar offen.<\/p>\n<p>Um vier Uhr morgens legt das Schiff wieder im zu dieser Uhrzeit heimeligen Hafen an. Die Frist ist jetzt wirklich fast um. \u201eDer Fliegende Holl\u00e4nder\u201c kann Manaus entern. Die weltweiten Wagnerianer sind schon im Anmarsch.<\/p>\n<p><em>DIE WELT, 21.4.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Operninszenierungen am Amazonas sind ein heroisches Unterfangen. Das ist seit dem Film Fitzcarraldo bekannt. Nun inszeniert Christoph Schlingensief Wagner in Manaus. Am Freitag hat er eine Kostprobe gezeigt. 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