{"id":197,"date":"2007-02-27T12:21:41","date_gmt":"2007-02-27T10:21:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=197"},"modified":"2007-02-27T12:21:41","modified_gmt":"2007-02-27T10:21:41","slug":"naher-am-leben-wirtschaftswoche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=197","title":{"rendered":"N\u00c4HER AM LEBEN (WIRTSCHAFTSWOCHE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Manaus inszeniert der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief beim au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Wagner-Festival der Welt den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c. Er will das Publikum mitten im Urwald mit ungewohnten Ideen \u00fcberraschen.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn Manaus herrscht drau\u00dfen ein Klima wie in Bayreuth drinnen im Scheinwerferlicht. Die Schlange der Zuschauer vor dem Eingang bildet sich bei 40 Grad Hitze. Einer Dame verl\u00e4uft die Wimperntusche, der Herr neben ihr schwitzt unter dem Smoking-Hemd. Sie wollen schnell rein, drinnen ist Musik und die Luft angenehm k\u00fchl. Im pr\u00e4chtigen Zuschauerraum mit rot gepolsterten St\u00fchlen regiert die Klimaanlage. Als die ersten Takte der \u201eRheingold\u201c-Ouvert\u00fcre erklingen, weht auf die Zuschauer im Parterre ein eisiger Luftzug. Lautlos und nicht nur in den Pausen, wie in Bayreuth. Selbst Richard Wagner h\u00e4tte das hier im Teatro Amazonas akzeptiert.<\/p>\n<p>Nirgendwo sonst au\u00dferhalb Bayreuths wird dem Komponisten so gehuldigt wie hier, mitten im brasilianischen Regenwald, in der Oper von Manaus. Auch dieses Jahr, Ende April, werden sie wieder in Scharen mit den Jets einfliegen, die Wagnerianer aus Europa und den USA \u2013 die meisten aber aus Deutschland. Es ist eine fast fanatische Elitegruppe unter den Opernfans.<\/p>\n<p>Die Opernfreunde fallen auf in der Stadt, im Flughafen, in den Hotels. Der ehemalige BMW-Vertreter aus Oberfranken, der Internist aus Aachen, die K\u00fcnstleragentin aus Innsbruck, der Spitzenbeamte einer UN-Organisation, der \u00f6sterreichische Botschafter a. D. am Vatikan oder der Roland-Berger-Partner aus M\u00fcnchen, sie alle geben sich am Amazonas ein Stelldichein. Sie kennen die T\u00fccken der Klimaanlage und haben lange Schals dabei, die Damen legen sich Stolas \u00fcber die nackten Schultern.<\/p>\n<p>Wagner in Manaus \u2013 das ist das kuriose-ste Wagner-Festival der Welt. Seit der brasilianische Dirigent Luiz Fernando Malheiro 2005 erstmals den ganzen Ring aus den vier Opern des germanischen Mythenzyklus in Manaus auff\u00fchrte, ist die Stadt zu einer neuen Kulturdestination geworden. Die Auff\u00fchrung 2005 war ein voller Erfolg: \u201eDie boten Wagner pur, ohne die inzwischen \u00fcbliche Regieverliebtheit\u201c, sagt Klaus Billand, einer der f\u00fchrenden deutschsprachigen Wagner-Kritiker, \u201ein Europa will oder kann man das bereits Bekannte nicht mehr einfach spannend erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Dieses Jahr soll es ein deutscher Regisseur richten, dessen Inszenierung des Parsifal 2004 auch in Bayreuth mit gro\u00dfer Spannung erwartet wurde. Der Aktionsk\u00fcnstler und Regisseur Christoph Schlingensief wird am 21. April den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c auff\u00fchren. Statt der tobenden Nordsee bildet der gewaltige R\u00edo Negro die B\u00fchne f\u00fcr die Geschichte vom verfluchten Seefahrer, den nur die Treue einer Frau von seinem Bann befreien kann. Schlingensiefs Pl\u00e4ne sind spektakul\u00e4r. Die drei Akte der Oper will er an verschiedenen Orten spielen lassen: Im ersten Akt in Schiffen auf dem R\u00edo Negro, der \u201eFliegende Holl\u00e4nder\u201c h\u00e4lt Kurs auf Manaus. Akt zwei spielt auf den Marktpl\u00e4tzen der Stadt, \u201ewie eine sakrale Prozession oder ein s\u00e4kularer Karnevalsumzug, den die Bewohner selbst inszenieren\u201c, sagt Schlingensief. Und schlie\u00dflich ziehen die S\u00e4nger mit Orchester und Zuschauern gemeinsam zum Opernhaus; dort bleiben die Saalt\u00fcren offen f\u00fcr den dritten Akt.<\/p>\n<p>Das Teatro Amazonas soll zum Bersten voll werden mit Menschen. \u201eDie Oper wird zum Schiff\u201c, sagt der Regisseur. Ein gewaltiger logistischer und organisatorischer Aufwand. Die Stadt, der Fluss, die Menschen \u2013 sie bilden alleine eine grandiose Kulisse.<\/p>\n<p>Ein paar Hundert Meter vom Opernhaus entfernt flie\u00dft der R\u00edo Negro so dunkel und breit, dass man kaum das andere Ufer erkennen kann. Weiter abw\u00e4rts vereint er sich mit dem Amazonas. Hunderte von K\u00e4hnen, Kuttern und Dampfern liegen an den Pontons im Hafen. Auf Tafeln steht, in welche Flussd\u00f6rfer \u201enoch heute\u201c die Fahrt geht. Halbnackte Indianer schleppen Bananenstauden von den K\u00e4hnen. Andere stapeln Bierkisten, S\u00e4rge oder Stacheldrahtrollen auf den Decks. Dazwischen Losverk\u00e4ufer, Matrosen, Taschendiebe, bettelnde Kr\u00fcppel mit Pappschildern um den Hals. Auf dem Markt schlitzen Fischverk\u00e4ufer die m\u00e4chtigen Gr\u00e4ten aus den Leibern der Tambaqui. Piranhas f\u00fcr die aphrodisische Bouillon f\u00e4deln sie zu Dutzenden auf Drahtschlingen. Daneben die St\u00e4nde mit den Kr\u00e4utern, Kalebassen und Kaurimuscheln der indianischen Schamanen und afrobrasilianischen Kultpriester. \u201eIn den Tropen\u201c, sagt Alfons Hug, S\u00fcdamerikakenner und Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro, \u201esind die Menschen n\u00e4her am Leben und am Tod, genau wie Wagner das immer dargestellt hat.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kubismus, Surrealismus, Dadaismus. Kennen Sie sich mit Kunst aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wie Wagners Musik nach Manaus ins Teatro Amazonas kam, ist eine bizarre Geschichte: Ein ehrgeiziger Gouverneur f\u00fcllt 1997 das frisch renovierte Opernhaus mit arbeitslosen Orchestermusikern aus Osteuropa. Sie kommen aus Sofia, Minsk und Warschau. Der brasilianische Real ist stark wie der Dollar, die Gagen sind verlockend. Dazu holt der Gouverneur einen talentierten Dirigenten nach Manaus und sagt ihnen: Nun spielt mal los. Was ihr wollt. Und die machen das. Die Qualit\u00e4t steigt von Jahr zu Jahr, trotz des niedrigen Budgets.<\/p>\n<p>Seit f\u00fcnf Jahren studiert Dirigent Malheiro mit seinem Orchester und S\u00e4ngern jedes Jahr eine neue Oper des Rings ein, 2002 beginnend mit \u201eSiegfried\u201c. Mit \u201eRheingold\u201c 2005 hatte er den Zyklus komplett. Konzerne und Banken treten als Sponsoren auf. So lie\u00df Coca-Cola zum Entsetzen der angereisten Wagnerianer unbek\u00fcmmert ein poppiges Jingle vor der Ouvert\u00fcre erklingen.<\/p>\n<p>Neben beachtlichen lokalen Interpreten singen heute auch international bekannte K\u00fcnstler in Manaus. \u201eEs ist eine neue, extreme Erfahrung, hier in Manaus die Br\u00fcnnhilde zu singen\u201c, sagt die renommierte Sopranistin Maria Russo, die im Holl\u00e4nder die Senta singen wird. F\u00fcr den Kanadier Alan Woodrow, der vor zwei Jahren den Siegfried, eine der schwersten m\u00e4nnlichen Opernrollen, interpretiert hat, sch\u00e4tzt Manaus aus einem anderen Grund: \u201eDie feuchte Luft hilft uns S\u00e4ngern in den H\u00f6hen.\u201c<\/p>\n<p>Das Teatro Amazonas ist ein zus\u00e4tzlicher Gewinn f\u00fcr die Musiker. Als ein reicher Clan von Gummiproduzenten sich das Haus 1896 g\u00f6nnte, war nicht abzusehen, dass das Prestigeprojekt ein gutes Opernhaus sein w\u00fcrde. Fast alles wurde damals f\u00fcr den Bau aus Europa importiert \u2013 die Keramikkacheln f\u00fcr die Kuppel, der wei\u00dfe Marmor aus Carrara f\u00fcr die Treppen, die franz\u00f6sischen Kandelaber oder die englischen Schmiedearbeiten an den Emporen. Da zugleich viel Tropenholz zum Einsatz kam, schmeichelt das Teatro den Stimmen und dem Orchester mit einer ungew\u00f6hnlich guten Akustik.<\/p>\n<p>Auch wegen der N\u00e4he zu B\u00fchne und Orchestergraben in dem relativ kleinen Theater mit 700 Pl\u00e4tzen, bekommt Wagner eine ungeahnte kammermusikalische Intensit\u00e4t. Noch in den letzten Reihen ist jedes Wort zu verstehen und die Mimik der Interpreten zu beobachten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wagner-Liebhaber macht noch ein ganz anderer Aspekt die Auff\u00fchrungen so interessant: Die Werke gl\u00e4nzen am Amazonas in inhaltlich ganz neuem Licht. So wirken die Themen des Rings in Brasilien wie aus dem Leben gegriffen, weniger abstrakt als im heutigen Westeuropa. Es sind nicht nur die auff\u00e4lligen Parallelen wie die zwischen Rheinjungfrauen und Amazonen, wie der gestohlene Nibelungenschatz und das von den Konquistadoren geraubte Gold der indianischen Urbev\u00f6lkerung S\u00fcdamerikas. Oder jetzt im Holl\u00e4nder das verzauberte Geisterschiff mit seinen Scheintoten, welches Ungl\u00fcck bringt mit seinem schwarzen Mast und blutroten Segeln \u2013 eine Symbolik, f\u00fcr die sich im afrobrasilianischen Glauben viele Parallelen finden lassen.<\/p>\n<p>Wie in Europa fr\u00fcher spielen Mythen in Form von G\u00f6ttern, Geistern und Zauberern im Alltag Brasiliens<br \/>\neine heute noch wichtige Rolle \u2013 das gilt besonders f\u00fcr abgelegene Orte wie Manaus. \u201eWir sind hier in einer fruchtbaren Gegend f\u00fcr Intrigen, Liebe, Hass, Gewalt, Streit und Vers\u00f6hnung\u201c, sagt Joachim Bernauer vom Goethe-Institut in S\u00e3o Paulo. Und Siegfried Mauser, Rektor der Musikhochschule M\u00fcnchen, erg\u00e4nzt: \u201eMan kann heute von einer lateinamerikanischen Perzeption von Wagners Werk sprechen.\u201c F\u00fcr Kritiker Billand wirken die Auff\u00fchrungen wie ein \u201ebrasilianischer Vitaminsto\u00df\u201c.<\/p>\n<p>Im April werden die Wagner-Experten aus aller Welt also wieder in Manaus einfallen \u2013 vorausgesetzt, dass bis dahin das Chaos im brasilianischen Luftverkehr beendet ist. Sonst k\u00f6nnte es ihnen ergehen wie Klaus Kinski in Werner Herzogs Film \u201eFitzcarraldo\u201c. Kinski, der einen durchgeknallten Opernliebhaber spielt, schafft es darin nur in letzter Minute in halsbrecherischer Hetze zu Schiff und zu Fu\u00df bis zur Ouvert\u00fcre ins Teatro Amazonas.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>[25.02.2007]  Noch Fragen? alexander busch, S\u00e3o Paulo fivetonine@wiwo.de<br \/>\nAus der WirtschaftsWoche 9\/2007. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Manaus inszeniert der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief beim au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Wagner-Festival der Welt den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c. 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