{"id":195,"date":"2007-01-22T00:02:23","date_gmt":"2007-01-21T22:02:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=195"},"modified":"2007-01-22T00:02:23","modified_gmt":"2007-01-21T22:02:23","slug":"ich-will-teil-einer-augenbewegung-sein-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=195","title":{"rendered":"ICH WILL TEIL EINER AUGENBEWEGUNG SEIN (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sehen und gesehen werden. 10 Jahre nach &#8222;Talk 2000&#8220; l\u00e4sst Christoph Schlingensief seine Quasselbude noch einmal wiederauferstehen: &#8222;Die Piloten&#8220; in der Akademie der K\u00fcnste. Und die Referenzh\u00f6lle frisst ihre Kinder<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Ren\u00e9 Hamann<\/p>\n<p>Das Fernsehen ist am Ende. Die wesentlichen Ereignisse spielen sich im Internet ab, eine Tatsache, die mittlerweile sogar bis zur GEZ vorgedrungen ist. Um das Kapital und den gemeinen B\u00fcrger jedoch dar\u00fcber hinwegzut\u00e4uschen, dass das Fernsehen l\u00e4ngst Geschichte ist, werden schnell noch neue technische Formate erfunden und in den Sendeschemas graduelle Ver\u00e4nderungen vorgenommen. <\/p>\n<p>So gibt es seit Montag mit Comedy Central endlich einen Kanal, in dem rund um die Uhr Sitcoms laufen. So meldete am selben Tag Sat.1 die Wiederkehr der Laura zu &#8222;Verliebt in Berlin&#8220;. Und am Abend dieses Montags durfte Christoph Schlingensief im Foyer der Akademie der K\u00fcnste am Pariser Platz noch einmal das nachspielen, was er vor zehn Jahren, 1997, schon einmal gemacht hat &#8211; Talk 2000 Reloaded, jetzt &#8222;Die Piloten&#8220; gehei\u00dfen. Sechs Folgen turbulenter Egotrip mit G\u00e4sten. <\/p>\n<p>&#8222;Ich bin das Thema, und ich war auch schon&#8220;, sagt er dann auch in der ersten Folge. Vor zehn Jahren war das Konzept der Sendung: prominente K\u00f6pfe einladen, sie und ihren politisch-intellektuellen Diskurs so weit dekonstruieren wie m\u00f6glich. Dazu kam ein wenig Selbstreferenz, Theaterkritik und tats\u00e4chlich ganz viel Theater, indem man auch m\u00f6glichst ruhmferne und l\u00e4cherliche Gestalten (vor allem Behinderte, die man m\u00f6glichst unkorrekt behandelt, um auf die allgemeine unkorrekte Behandlung hinzuweisen!) auf die B\u00fchne brachte &#8211; tats\u00e4chlich spektakul\u00e4r. Das war aufst\u00f6rend und provokativ, weil Schlingensief die Ebenen so gut es ging durcheinander brachte: Hochkultur wurde Trash und Trash wurde Hochkultur, und das alles auf dem Hintergrund der aufkommenden politischen Korrektheit. <\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Harald Schmidt damals den besten Auftritt hatte, indem er den schlingernden Schlingensief noch einmal \u00fcberbieten konnte. Und wenn es nur im irren Schwafeln war. <\/p>\n<p>Und heute? Heute wirkt das alles albern und angestaubt, irgendwie ungut ambitioniert und langweilig. Die Prominenten sind halt die Prominenten, elende Selbstdarsteller, die mal den einen, mal den anderen Unsinn von sich geben, ob sie nun als G\u00e4ste oder als Thema da sind. Nat\u00fcrlich wird in Schlingensiefs sich drehender Quasselbude jedes Thema, das im letzten Jahr kurrent war, halbironisch abgehandelt: Grass, Hitlerismus, der Papst, der Islam, die Gazprom. Dar\u00fcber hinaus geht es ums Sehen, das Thema der ersten Folge, in der sogar ein Augenarzt geladen ist, aber vor allem ums Gesehenwerden. <\/p>\n<p>Es ist viel von Schlingensiefs Drusenpapillen die Rede, von Blindheit, von blinden Flecken in der allgemeinen Wahrnehmung, um die &#8222;Gesellschaft in ihrer Selbstverschmutzung&#8220;, die Blindheit der Kritik usw. ad infinitum. Nur Wesentliches wird dabei nicht vermeldet, allerh\u00f6chstens kurz angerissen. Aber um Erkenntnis, Sichtung, Licht geht es bei Schlingensief schon lange nicht mehr. Schade eigentlich, denn eine Kehrung hin zum vermeintlich Ernsthafteren w\u00fcrde sein Eventtheater vielleicht noch einmal vorm eigenen Verschwinden retten. <\/p>\n<p>&#8222;Umgebungsblind&#8220; nennt das der greise Rolf Huchhuth, auch einer, der mit dem alten &#8222;Hitler sells&#8220;-Trick noch einmal um Aufmerksamkeit bettelt. Apropos Umgebung: Die wird nat\u00fcrlich ebenfalls hineingeholt in den Schlingensief&#8217;schen Verwertungskosmos, in diese sich selbst verdauende Referenzh\u00f6lle. Der Pariser Platz sieht zum Beispiel aus wie aus Marzipan. Klaus Staeck wird befragt, wie viel er als Pr\u00e4sident der Akademie der K\u00fcnste verdiene (weniger als ein MdB), dann wird sich kurz \u00fcber kulturelle F\u00f6rderung lustig gemacht, und zwischendurch wird verraten, warum das alles: nat\u00fcrlich wegen dem Geld, das es f\u00fcr das Sendeformat gibt. Von Arte, wo die sechs Folgen bald zu sehen sein werden. Die Sendetermine entnehmen Sie bitte der \u00fcblichen Fernsehbeilage Ihrer Zeitung.<\/p>\n<p>17.1.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehen und gesehen werden. 10 Jahre nach &#8222;Talk 2000&#8220; l\u00e4sst Christoph Schlingensief seine Quasselbude noch einmal wiederauferstehen: &#8222;Die Piloten&#8220; in der Akademie der K\u00fcnste. 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