{"id":189,"date":"2007-01-22T00:13:08","date_gmt":"2007-01-21T22:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=189"},"modified":"2007-01-22T00:13:08","modified_gmt":"2007-01-21T22:13:08","slug":"hauptsache-man-hat-mal-druber-geredet-kolner-stadtmagazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=189","title":{"rendered":"HAUPTSACHE, MAN HAT MAL DR\u00dcBER GEREDET (K\u00d6LNER STADTANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur und Medienberserker Christoph Schlingensief hat dem medialen Zeitgeist wieder einmal die Temperatur gemessen. Befund: \u00dcberhitzt, banal, um sich selbst kreisend, beliebig.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Horst Willi Schors<\/p>\n<p>\u201eDas Thema bin eigentlich ich\u201c, findet Schlingensief und changiert in seiner neuen Show als Talkmaster virtuos zwischen den Rollen, die uns in den t\u00e4glich vorgef\u00fchrt werden. Verst\u00e4ndnisgierig wie Beckmann, schulterklopfend wie Kerner, pseudo-intellektuell wie Harald Schmidt, alle Peinlichkeitsgrenzen durchbohrend wie Michel Friedman und unsagbar wie die jungen Damen und Herren der Nachmittagsshows, die als Wertstoffhof f\u00fcr jugendlichen Seelenm\u00fcll fungieren. Ganz allein geht das nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>Darum hat Schlingensief f\u00fcr seine ersten beiden neuen Shows, die in der Berliner Akademie der K\u00fcnste aufgezeichnet wurden und irgendwann bei Arte gesendet werden, einige angegraute Schlachtr\u00f6sser der deutschen Talkshow-Wirklichkeit auf die runde, sich st\u00e4ndig drehende B\u00fchne gelockt: den Dramatiker Rolf Hochhuth und den Vors\u00e4nger der Nation, Gotthilf Fischer, Fernseh-Tr\u00f6ster Pastor Fliege und die dr\u00f6hnende Knallcharge Rolf Zacher. Es gab aber auch ein paar frischere Gesichter: die Schauspielerin Katharina Sch\u00fcttler, den Rapper Sido, den Regisseur Oskar Roehler (\u201eElementarteilchen\u201c) und den Wiener Aktionsk\u00fcnstler Hermann Nitsch. Zehn Jahre nach seiner legend\u00e4ren Fernsehtalkshow \u201eTalk 2000\u201c, bei der sich unter anderem Hildegard Knef, Kunstf\u00e4lscher Konrad Kujau und der dahingeschiedene Modesch\u00f6pfer Moshammer die Ehre gaben, ist Schlingensief zu einem neuen Inspektionsflug aufgebrochen. \u201eDie Piloten\u201c hei\u00dft sein Projekt und verspricht einen \u201eBlindflug in neue, alte, verhei\u00dfungsvoll abgegriffene Fernsehregionen\u201c. Das Verfahren ist simpel, aber effektvoll: Schlingensief zerlegt die deutsche TV-Realit\u00e4t in ihre Einzelteile und setzt sie &#8211; leicht verr\u00fcckt &#8211; wieder zusammen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist vorhersehbar, doch unterhaltsam. Kein Stein bleibt auf dem anderen, Gespr\u00e4chspartner und Zuschauer (\u201eMehr Applaus bitte\u201c) lassen sich lustvoll zum Affen machen, werden hin und wieder aber auch in die Betroffenheitsfalle gelockt. Ein schwerbehinderter Schauspieler berichtet \u00fcber sein Schicksal, ein geistig behinderter Mann \u00fcber das Leben mit seiner Mutter. Aber ist das alles echt? Der Blinde, der nuschelnd \u00fcber sein Sexualleben berichtet, spaziert Stunden sp\u00e4ter mit klaren Augen davon. Und haben wir den wegen P\u00e4dophilie exkommunizierten Priester nicht drei Stunden vorher schon als Alzheimer-Patienten gesehen?<\/p>\n<p>Schlingensief parliert ausschweifend \u00fcber den Befund seines Augenarztes, l\u00e4sst sich von einem (vermutlich echten) Professor best\u00e4tigen, dass keine Blindheit droht. \u201eBlind sind ja nur die Kritiker\u201c tr\u00e4gt Hermann Nitsch, der wegen seiner blutigen Mysterienspiele manche Anfeindung erleben musste, zum Thema bei, das sich dann rasch \u00fcber Terrorismus, Stra\u00dfenkinder und Weltfrieden in immer neue Ebenen ver\u00e4stelt. Der Regisseur Schlingensief, st\u00e4ndig auf seiner Drehb\u00fchne unterwegs, schafft auch sch\u00f6ne Stillleben. Da thront im Ledersessel der Kunst-Titan Nitsch, den wei\u00dfen Bart auf dem gew\u00f6lbten Bauch; auf der breiten Lehne balanciert &#8211; feenhaft und fast durchsichtig &#8211; Katharina Sch\u00fcttler, dahinter steht Rolf Zacher und ruft nach seinem Chauffeur. Aber werden die Fernsehzuschauer das sehen? \u201eWir schneiden das raus\u201c, k\u00fcndigt Schlingensief an. \u201eSie werden die Show nicht wiedererkennen.\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wird es seri\u00f6s. Der Kaufmann Claus Grossner, der sich finanziell beim Suhrkamp-Verlag engagiert und einen Streit \u00fcber die Zukunft des renommierten Verlags vom Zaun gebrochen hat, spricht von \u201enegativer Dialektik\u201c und davon, dass aus dem Geiste Schlingensiefs die Suhrkamp-Kultur neuentstehen k\u00f6nnte. \u201eIch hab das alles geh\u00f6rt\u201c, mault der Rapper Sido, \u201eaber ich habe nichts verstanden.\u201c \u201eUnd nun die Werbung\u201c, jubelt Schlingensief, \u201eund nach der Werbung Tom Cruise.\u201c Dann tut noch jeder, was er tun muss. Gotthilf Fischer singt \u201eDas ist die Berliner Luft\u201c, Sido verspr\u00fcht \u00fcbelriechende Essenzen, der Talkmaster sch\u00fcttelt H\u00e4nde. Der Blindflug durch die Medienzukunft (oder ist es bereits die Gegenwart?) schafft freien Blick auf eine Wirklichkeit, die leider nicht so lustig ist wie Schlingensiefs Talkshow. <\/p>\n<p>18.1.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur und Medienberserker Christoph Schlingensief hat dem medialen Zeitgeist wieder einmal die Temperatur gemessen. 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