{"id":1874,"date":"2017-02-16T10:51:17","date_gmt":"2017-02-16T09:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1874"},"modified":"2017-03-02T11:00:19","modified_gmt":"2017-03-02T10:00:19","slug":"der-mann-fuers-globale-spon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1874","title":{"rendered":"DER MANN F\u00dcRS GLOBALE (SPON)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erst baute er Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso, jetzt ein bewegliches Theater in den Hangars von Tempelhof. Mit seiner Architektur verfolgt Francis K\u00e9r\u00e9 einen Auftrag: Sie demokratisiert das Bauen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Kaspar Heinrich<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1875\" aria-describedby=\"caption-attachment-1875\" style=\"width: 860px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1875\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/image-1102910-860_galleryfree-gevv-1102910.jpeg\" alt=\"\" width=\"860\" height=\"574\" srcset=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/image-1102910-860_galleryfree-gevv-1102910.jpeg 860w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/image-1102910-860_galleryfree-gevv-1102910-450x300.jpeg 450w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/image-1102910-860_galleryfree-gevv-1102910-768x513.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 860px) 100vw, 860px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1875\" class=\"wp-caption-text\">Architekt Francis K\u00e9r\u00e9. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Francis K\u00e9r\u00e9, 51, sitzt in seinem B\u00fcro in Berlin-Kreuzberg und spricht \u00fcber sein n\u00e4chstes Bauprojekt. Auf einem Blatt Papier zieht er eine geschwungene Linie und schreibt eine Zahl daneben. &#8222;Das Geb\u00e4ude ist 1,2 Kilometer lang, wirklich gewaltig.&#8220; K\u00e9r\u00e9 meint die Hangars auf dem Gel\u00e4nde des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Dort soll der Architekt ein mobiles Theater errichten. Der Auftrag kommt von Chris Dercon, dem k\u00fcnftigen Intendanten der Volksb\u00fchne.<\/p>\n<p>Als er zum ersten Mal in einem der Hangars stand, imponierten K\u00e9r\u00e9 besonders die Stahltr\u00e4ger an der fast 20 Meter hohen Decke. &#8222;Aber man sagte mir: &#8218;Vorsicht Francis, du kannst da nichts aufh\u00e4ngen.'&#8220; Im Zweiten Weltkrieg habe man Metall aus den Deckentr\u00e4gern eingeschmolzen, f\u00fcr Munition. Auch der Boden des Hangars sei unantastbar, aus Denkmalschutzgr\u00fcnden. &#8222;Das macht die Sache nicht einfach&#8220;, sagt K\u00e9r\u00e9, &#8222;aber sehr herausfordernd. Es ist eben kein 08\/15-Projekt.&#8220;<\/p>\n<p>Das &#8222;Satelliten-Theater&#8220; wird als bewegliches Objekt geplant, je nach Bedarf sollen Gr\u00f6\u00dfe und Standort ver\u00e4nderbar sein. So ist der Raum f\u00fcr 500 bis 1000 Zuschauer konzipiert, wie Ziehharmonikas k\u00f6nnen die Sitztrib\u00fcnen zusammengeschoben und wieder auseinandergezogen werden. Zudem l\u00e4sst sich der Theaterraum zwischen Hangar und Rollfeld hin- und herschieben. Die Au\u00dfenh\u00fclle \u00fcber dem Stahlger\u00fcst soll eine flexible Membran bilden, die sich heben und senken kann.<\/p>\n<p>Dass K\u00e9r\u00e9 einmal auf dem Flughafengel\u00e4nde in Tempelhof bauen, dass er \u00fcberhaupt ein global agierender Architekt werden w\u00fcrde, schien lange undenkbar. Seine Lebensgeschichte liest sich wie ein modernes M\u00e4rchen &#8211; nur strotzt es nicht vor Wundern, sondern vor Willenskraft.<\/p>\n<p>Mit sieben Jahren lebte Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 in einem kleinen westafrikanischen Dorf ohne Strom und flie\u00dfendes Wasser, in einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt: Burkina Faso, das damals Obervolta hie\u00df. Sein Vater, H\u00e4uptling von Gando, war Analphabet. Die Briefe, die er bekam, konnte er nicht lesen. Also schickte er seinen Sohn zur Schule in die Stadt, um von ihm k\u00fcnftig die Korrespondenz vorgelesen zu bekommen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nEinmal im Monat nach Burkina Faso<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde K\u00e9r\u00e9 in seiner Heimat in das traditionelle Bauen eingeweiht und begann eine Lehre als Schreiner. Mit 20 Jahren, 1985, f\u00fchrte ihn sein Weg dank eines Stipendiums nach Deutschland. Hier machte er das Abitur an der Abendschule und begann zehn Jahre nach der Ankunft in der Fremde sein Architekturstudium.<\/p>\n<p>Heute besch\u00e4ftigt K\u00e9r\u00e9 in seinem B\u00fcro neun Mitarbeiter aus den USA, England, Italien, Spanien, der Schweiz und Deutschland, hat eine Professur inne, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge. Dazu fliegt er jeden Monat f\u00fcr mindestens f\u00fcnf Tage nach Burkina Faso. Wie das zu schaffen ist? &#8222;Ich komme morgens um 7, sp\u00e4testens 8 Uhr ins B\u00fcro und gehe nicht vor 22 Uhr nach Hause.&#8220;<\/p>\n<p>K\u00e9r\u00e9s Werdegang ist mehr als nur das beeindruckende Beispiel eines sozialen Aufstiegs. Er erkl\u00e4rt vielmehr, was ihn seit jeher in seinem Beruf antreibt. Denn das erste realisierte Bauprojekt, K\u00e9r\u00e9s Diplomarbeit, war eine Grundschule in seinem Heimatdorf. Finanziert durch den eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndeten Verein &#8222;Schulbausteine f\u00fcr Gando&#8220;, die heutige &#8222;K\u00e9r\u00e9 Foundation&#8220;. Der Lohn: die wichtigste Auszeichnung f\u00fcr Architektur in der islamischen Welt, der Aga-Khan-Preis im Jahr 2004.<\/p>\n<p>Es folgten Oberschulen in Gando und anderen Orten Burkina Fasos, ein Waisenheim sowie ein Gesundheitszentrum. F\u00fcr den verstorbenen Theaterregisseur Christoph Schlingensief baut K\u00e9r\u00e9 seit 2010 das &#8222;Operndorf Afrika&#8220;, in der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou soll er das neue Parlamentsgeb\u00e4ude errichten. K\u00e9r\u00e9 plant einen von jedermann begehbaren Bau, auf dessen terrassiertem Dach Landwirtschaft betrieben wird. Eine kleine Revolution in einem Land, das erst vor anderthalb Jahren einen blutigen Milit\u00e4rputsch erlebte.<\/p>\n<p><strong><br \/>\n&#8222;F\u00fcr Einfachheit braucht man viel Planung&#8220;<\/strong><br \/>\nBei seinen Projekten verbindet K\u00e9r\u00e9 das Wissen um die Bedingungen in seinem Heimatland, etwa die hohen Temperaturen und starken Niederschl\u00e4ge w\u00e4hrend der Regenzeit, mit den Erkenntnissen des Studiums. So versetzt er das traditionelle Baumaterial Lehm mit Zement, damit es dem Regen standh\u00e4lt. Ausgekl\u00fcgelte Dachkonstruktionen aus Wellblech und Tonkr\u00fcgen sorgen in seinen Geb\u00e4uden f\u00fcr nat\u00fcrliche Beleuchtung und Bel\u00fcftung, auf diese Weise bleiben Klassen- und Behandlungsr\u00e4ume k\u00fchl.<\/p>\n<p>&#8222;Radically Simple&#8220; lautet der Titel der Ausstellung des Architekturmuseums M\u00fcnchen zu Francis K\u00e9r\u00e9s Werk, radikal einfach. Doch &#8222;um Einfachheit zu erreichen, braucht man viel Planung und Know-how&#8220;, so K\u00e9r\u00e9. Seine Arbeiten werden h\u00e4ufig mit dem Label &#8222;sozial engagierte Architektur&#8220; versehen. Es meint nicht nur, dass K\u00e9r\u00e9 Bildungsst\u00e4tten und eine medizinische Infrastruktur schafft, sondern vor allem, dass er Einheimische in die Prozesse einbindet. &#8222;Partizipation&#8220; ist das Zauberwort.<\/p>\n<p>Auch in Tempelhof soll das geschehen. Mehr als 700 Gefl\u00fcchtete leben derzeit in den Hangars, ohne Besch\u00e4ftigung. &#8222;Viele w\u00fcrden gerne was machen&#8220;, sagt K\u00e9r\u00e9, &#8222;und wir haben uns gefragt: Was k\u00f6nnen wir tun, damit ungelernte Arbeiter mit anfassen k\u00f6nnen?&#8220; Noch ist unklar, wie das konkret aussehen soll, selbst die Finanzierung des Projektes steht noch nicht. Doch wenn im September die Spielzeit beginnt, soll in K\u00e9r\u00e9s Amphitheater das neue St\u00fcck des Dramatikers Mohammad al-Attar aus Damaskus aufgef\u00fchrt werden &#8211; mit 40 syrischen Frauen aus Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften.<br \/>\nAusstellung: <a href=\"https:\/\/www.pinakothek.de\/ausstellungen\/francis-kere-radically-simple\" target=\"_blank\">Radically Simple<\/a>, Pinakothek der Moderne M\u00fcnchen , bis 26. M\u00e4rz 2017<br \/>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/architekt-francis-kere-der-mann-fuers-globale-a-1132742.html\" target=\"_blank\">SPIEGEL ONLINE<\/a> vom 2.2.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst baute er Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso, jetzt ein bewegliches Theater in den Hangars von Tempelhof. 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