{"id":186,"date":"2007-01-22T00:14:52","date_gmt":"2007-01-21T22:14:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=186"},"modified":"2007-01-22T00:14:52","modified_gmt":"2007-01-21T22:14:52","slug":"die-augenwaschanlage-berliner-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=186","title":{"rendered":"DIE AUGENWASCHANLAGE (BERLINER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief produziert eine chaotische TV-Reihe in der Akademie der K\u00fcnste<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Ulrich Seidler<\/p>\n<p>Die Veranstaltung l\u00e4uft bereits seit viereinhalb Stunden, es ist gegen 22.30 Uhr. Wir befinden uns im gl\u00e4sernen Foyer der Akademie der K\u00fcnste, wo Christoph Schlingensief mit echten und unechten, prominenten und unprominenten G\u00e4sten an drei Tagen sechs Talkshows namens &#8222;Die Piloten&#8220; produziert. Das aufgenommene Material wird auf ein Drittel zusammengeschnitten und wohl irgendwann auch auf Arte gesendet.<\/p>\n<p>Langsam gleiten wir in eine Phase ab, die wohl kaum noch brauchbares Material hervorbringen wird, was nicht hei\u00dft, dass man nicht ewig so abgleiten k\u00f6nnte: Nachdem eine unechte ehemalige Mitarbeiterin vom desastr\u00f6sen Arbeitsklima bei Suhrkamp berichtet hat &#8211; man habe ihr die M\u00e4nner missgeg\u00f6nnt, es sei zu Schl\u00e4gereien, ungewollten Schwangerschaften und psychischen Erkrankungen gekommen -, fordert sie den Moderator auf, endlich Schluss zu machen, weil wir alle nach Hause wollten. Der Angesprochene bittet den echten Gotthilf Fischer (hat er ihn gebeten oder war er nicht zu bremsen?) zum Abschied noch ein Lied anzustimmen. Der echte Rapper Sido ist ohnehin schon ein bisschen genervt, weil er nichts kapiert hat, als der echte Claus Grossner &#8211; angek\u00fcndigt als &#8222;Terminator&#8220; und &#8222;Barbar&#8220;, der den Suhrkamp-Verlag &#8222;in die Knie gekauft hat&#8220; &#8211; \u00fcber Adornos negative Dialektik und das Weltwissen-Weltethos-Weltzukunft-System schwadronierte. Und jetzt noch Fischer! Sido protestiert friedlich, indem er Maulf\u00fcrze ins Mikro entweichen l\u00e4sst, mit einem Spray hantiert, die Nase wie ein Bankr\u00e4uber im Halstuch versteckt und fl\u00fcchtet. Fischer, Podium und Publikum singen: &#8222;Das ist die Berliner Luft&#8220;, w\u00e4hrend sich ein nasebet\u00e4ubender Geruch verbreitet. Schlingensief ruft noch: &#8222;Sido, das war ja Pupsspray&#8220;, und die Veranstaltung l\u00f6st sich auf. Ein gro\u00dfer, irritierend unterhaltsamer, unverdaulicher, gesellschaftskritischer, politisch unkorrekter, eitler, wichtiger und lustiger Abend nahm ein w\u00fcrdiges und gerechtes Ende.<\/p>\n<p>Worum es ging? Das kann noch nicht gesagt werden. Das Thema, so versprach Schlingensief, werde bei der Montage &#8211; also bei der Manipulation &#8211; noch hineingeschnitten. Gleichwohl werden die Manipulatoren um eines nicht herumkommen: um Drusenpapillen. Schlingensief hat welche, und sein Augenchirurg (vermutlich echt) erkl\u00e4rt, worum es geht. Drusenpapillen sind mehlartige Ablagerungen auf dem Sehnerv. Dieser &#8222;M\u00fcll&#8220; beeintr\u00e4chtige zunehmend Schlingensiefs Gesichtsfeld, aber erblinden wird er daran nicht. Abgesehen davon, dass die Drusenpapille Schlingensief Angst einjagt (vermutlich echte), eignet sie sich hervorragend als metaphorisches Talkshow-Leitmotiv. Denn nicht nur Zellm\u00fcll, sondern auch &#8222;Hirnm\u00fcll&#8220; schr\u00e4nke das Sehverm\u00f6gen von uns Menschen ein. Hinzuzuf\u00fcgen w\u00e4ren andere blendende Schmutzpartikel: Medienm\u00fcll, Religionsm\u00fcll, Moralm\u00fcll, Politikm\u00fcll &#8211; lauter \u00dcberfl\u00fcssiges, das sich zwischen unseren Sinnen und der Welt ablagert. Deswegen w\u00e4re es durchaus angebracht, wenn die Fensterputzerkosten den Kulturetat der gl\u00e4sernen Akademie der K\u00fcnste \u00fcbersteigt, wie Schlingensief behauptet.<\/p>\n<p>Der Akademiepr\u00e4sident Klaus Staeck und der Dramatiker Rolf Hochhuth (beide echt) wurden als erste G\u00e4ste in der &#8222;Talkshow von Kranken f\u00fcr Kranke&#8220; aufgerufen. Staeck gab den ironischen Schlingensief-Durchschauer und versuchte, Hochhuth vor Peinlichkeiten zu bewahren. Der aber blieb in dem Ansturm von Ungereimtheiten stets bei sich. Als der Filmemacher Oskar R\u00f6hler (echt), der Spa\u00dfmacher Rolf Zacher (echt) und eine verschleierte Muslima mit unaussprechlichem Namen (vermutlich unecht) kamen, um R\u00f6hlers neues Filmprojekt (unecht) \u00fcber eine orientalisch-westliche Liebe mit tragischem Ausgang (Krebs) zu promoten &#8211; und bei allem erfolglos versuchten, lustiger zu sein als die Show, blieb Hochhuth beim Thema: &#8222;Krebs? Das ist kein gesellschaftliches Thema.&#8220; Er hielt sich auch wacker, als er von einer Dolmetscherin (unecht) einen hysterischen Heiratsantrag bekam und als Schlingensief den Schleier der Muslima zu l\u00fcpfen versuchte, weil er schon sehbehindert genug sei und sich durch den Sichtschutz beleidigt f\u00fchle.<\/p>\n<p>Entgleisungen solcher Art waren wohl dosiert und wurden sicher von der Showband &#8222;The Pleasures&#8220; oder von der Floskel &#8222;und nach der Werbepause: Tom Cruise&#8220; aufgefangen. Ununterbrochen winkte Schlingensief neue G\u00e4ste auf sein drehbares, mit alten M\u00f6beln, Zimmerpflanzen, Flaschen und Kamerastativen vollgestelltes Podium. Es war so eng, dass sich die beiden dicken K\u00fcnstler Hermann Nitsch (echt) und Jonathan Meese (unecht) in einen Sessel quetschen mussten. Allein f\u00fcr dieses Bild schuldet die Mediengesellschaft dem Mediendirigenten Schlingensief knienden Dank. <\/p>\n<p>17.1.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief produziert eine chaotische TV-Reihe in der Akademie der K\u00fcnste<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/186"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=186"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/186\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}