{"id":1844,"date":"2016-08-30T19:00:46","date_gmt":"2016-08-30T17:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1844"},"modified":"2016-08-30T19:00:58","modified_gmt":"2016-08-30T17:00:58","slug":"sein-werk-soll-nicht-verloren-gehen-mopo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1844","title":{"rendered":"&#8222;SEIN WERK SOLL NICHT VERLOREN GEHEN&#8220; (MOPO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kost\u00fcmbildnerin Aino Laberenz verwaltet den Nachlass von Christoph Schlingensief und leitet das Operndorf in Afrika. Ein Treffen in Mitte.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1845\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/I3F8217.jpg\" alt=\"I3F8217\" width=\"820\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/I3F8217.jpg 820w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/I3F8217-450x253.jpg 450w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/I3F8217-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 820px) 100vw, 820px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p_1\">Aino Laberenz kommt um die Ecke der Ackerstra\u00dfe in Mitte, beinahe unsichtbar zart und fragil, so dass wir sie fast \u00fcbersehen h\u00e4tten. Nikiletten an den gelackten F\u00fc\u00dfen, schwarze H\u00fcftjeans, ein Anker-Tattoo am Handgelenk, ein silbernes Medaillon um den Hals, vom Jakobsweg. Eine Erinnerung der Familie Schlingensief. Sieben Jahre lang war die Kost\u00fcmbildnerin die Frau an der Seite des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. 2010 starb er mit 49 Jahren an Krebs. Er hinterlie\u00df ihr seinen Traum \u2013 vom Operndorf Afrika in Burkina Faso. \u00dcber sein Verm\u00e4chtnis und ihre Arbeit spricht die 35-J\u00e4hrige mit uns.<\/p>\n<p class=\"p_2\"><em>Sie managen das Operndorf Afrika und sind als Kost\u00fcmbildnerin viel unterwegs. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_3\"><span class=\"name\"><strong>Aino Laberenz: <\/strong><\/span>Nach der Sommerpause gehe ich wieder an das Wiener Burgtheater, f\u00fcr die Produktion &#8222;Torquato Tasso&#8220; von Goethe, und arbeite mit Philip Haus und Ignaz Kirchner zusammen. Ich habe nie aufgeh\u00f6rt, als Kost\u00fcmbildnerin zu arbeiten, und plane mein Jahr, wie es f\u00fcr Freiberufler \u00fcblich ist. Kost\u00fcmbild, die t\u00e4gliche Arbeit mit dem Operndorf Afrika, der Nachlass von Christoph Schlingensief, Theaterproduktionen. Ich versuche zwei bis dreimal im Jahr vor Ort im Operndorf in Burkina Faso zu sein.<\/p>\n<p class=\"p_4\"><em>Das Operndorf sehen Sie aber als Ihre Hauptaufgabe, oder?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_5\">Das Operndorf ist der Teil des Nachlasses von Christoph Schlingensief, der sich weiterentwickelt \u2013 das ist eine Verantwortung, die ich \u00fcbernommen habe. Als Christoph Schlingensief 2010 verstarb, gab es im Operndorf lediglich ein paar Fundamente, die zu einem Schulbau geh\u00f6rten. In den sechs Jahren hat es sich gut entwickelt. Es gibt die Schule, die Krankenstation, G\u00e4ste- und Lehrerh\u00e4user, insgesamt 27 Geb\u00e4ude. Vorher gab es nichts, kein Strom und kein Wasser.<\/p>\n<p class=\"p_6\"><em>Am Anfang war das Interesse gro\u00df, es gab prominente Spenden. Es liegt in der Natur der Dinge, dass das Interesse nachl\u00e4sst.<\/em><\/p>\n<p class=\"p_7\">Ja, nat\u00fcrlich. Aber ich habe mich dagegen entschieden, mit einem prominenten Mentor das Projekt nach vorne zu bringen. Wir bewegen uns in einem fremden Land, ich setze auf langsame Entwicklung, auf Ausbildung und Zusammenarbeit vor Ort. Mit prominenter Unterst\u00fctzung w\u00e4re es wahrscheinlich einfacher, das Projekt zu &#8222;verkaufen&#8220;. So sind wir nur zu dritt, ein kleines Team in Berlin.<\/p>\n<p class=\"p_8\"><em>In der Volksb\u00fchne, wo Christoph Schlingensief auch gearbeitet hat, herrscht gerade Theaterkrieg wegen Frank Castorfs Nachfolger Chris Dercon.<\/em><\/p>\n<p class=\"p_9\">Da geht es um mehr als nur den Wechsel eines Intendanten, das ist grunds\u00e4tzlich etwas Normales am Theater. Die Volksb\u00fchne war Christophs Zuhause, auch wenn er die letzten Jahre dort weniger gearbeitet hatte. Auch wenn ich dort nicht so viel gearbeitet habe, ist die Volksb\u00fchne auch f\u00fcr mich ein sehr wichtiges Theater. Ein Haus mit einer Haltung, wo es wirklich um inhaltliche Auseinandersetzung geht \u2013 das gibt es nicht oft.<\/p>\n<p class=\"p_10\"><em>Die Volksb\u00fchne ist gerade zum Theater des Jahres gek\u00fcrt worden, sicher eine kulturpolitische Entscheidung der Jury.<\/em><\/p>\n<p class=\"p_11\">Es gibt viele Theater, die arbeiten sehr tradiert, intellektuell, die lassen nicht viel rein. Die Volksb\u00fchne hingegen ist da eine offene Plattform, die auf Umst\u00e4nde und Situationen reagiert. Es ist schon kurios, aber in Burkina Faso, wo es eine wirklich starke Theaterszene gibt, wird die Frage, ob Kunst noch relevant und politisch genug ist, gar nicht in dem Sinne gestellt. Theater ist dort Schutz- und Freiraum, inmitten der Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"p_12\"><em>Christoph Schlingensief hat schon vor Jahren mit seiner Fl\u00fcchtlingsaktion in Wien viele Themen vorweggenommen, als sie uns noch nicht so wichtig schienen. Geradezu hellseherisch.<\/em><\/p>\n<p class=\"p_13\">Na ja, was passiert ist, ist nichts Neues. Eigentlich haben wir doch um die Situation der Fl\u00fcchtlinge gewusst. Nur haben wir nicht reagiert, weil es abstrakt war, sch\u00f6n weit weg. Wir dachten, es betrifft uns nicht. Christoph Schlingensief hat immer, schon in seinen Filmen, auf gesellschaftliche Gegebenheiten reagiert. Er brauchte immer Inhalte. &#8222;Torquato Tasso&#8220;? Das h\u00e4tte er nicht machen k\u00f6nnen. Ein St\u00fcck aktualisieren, darum ging es ihm nicht.<\/p>\n<p class=\"p_14\"><em>Inwieweit arbeiten Sie mit seinem Nachlass? Gibt es noch Manuskripte oder etwa Regieb\u00fccher, die Sie ver\u00f6ffentlichen werden?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_15\">Nat\u00fcrlich ist mein Wunsch, dass Christoph Schlingensief als K\u00fcnstler lange lebt. Es ist wichtig, dass sein Werk nicht verloren geht. Ich habe mich aber bewusst entschieden, nicht jedes Jahr zu viel rauszubringen. Es existiert noch viel Material. Was den Bereich Bildende Kunst betrifft, gibt es Ausstellungsanfragen, bei denen ich dann mit meinem Team schaue, was wichtig ist, wie man sie realisiert, wie und wo man seine Installationen zeigt. Der Nachlass ist gesplittet. Die Installationen sind im Lager seiner Galerie Hauser und Wirth in Z\u00fcrich. Der filmische Teil liegt bei der Filmgalerie 451 in Berlin. Mit beiden gab es bereits zu Lebzeiten eine Zusammenarbeit. Alles privates Engagement, da gibt es keinen finanziellen Gewinn, wir verdienen auch nichts daran. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die an Christoph glauben und ihn erhalten wollen. Ohne sie w\u00fcsste ich nicht, wie ich es machen sollte. Die Filmgalerie 451 hat zusammen mit dem Goethe Institut im vergangenen Jahr, zu seinem 55. Geburtstag, sechs DVDs mit alten Filmen und neuem Material herausgegeben, dieses Jahr kommen wieder drei.<\/p>\n<p class=\"p_16\"><em>Und wie sieht es mit dem schriftlichen Material aus?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_17\">Korrespondenzen, alte Presseberichte, Regieb\u00fccher und schriftliche Unterlagen liegen in der Akademie der K\u00fcnste Berlin, das hat Christoph Schlingensief noch zu Lebzeiten vereinbart. Na ja, es gibt noch relativ viel, gerade im filmischen Bereich. Teils nicht verarbeitetes oder noch nicht gesehenes Material.<\/p>\n<p class=\"p_18\"><em>Nach seinem Tod wurde er hofiert, eine Anerkennung, die er gerne zu Lebzeiten gehabt h\u00e4tte. Wie empfinden Sie das heute?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_19\">Nat\u00fcrlich hat er sich mehr Anerkennung gew\u00fcnscht. Die erste Reaktion darauf, dass er den Pavillon zur Biennale in Venedig 2011 ausgestalten sollte, war negativ. Warum er als nicht-bildender K\u00fcnstler das mache, hie\u00df es. Er hatte aber immer Unterst\u00fctzer und Wegbegleiter. In Burkina Faso war er ein Unbekannter. Irgendein wei\u00dfer Typ mit komischen Haaren und einer irren Idee, dachten sie dort. Was ihn auszeichnete, war, dass er Menschen mit einbezogen hat. Nun m\u00f6chte ich nichts verherrlichen, er war kein einfacher K\u00fcnstler, sicherlich mit egoistischem Antrieb, wie es bei autonomen K\u00fcnstlern so ist. Es gab keine Demokratie in seinen Arbeiten. Er hat einfach den Mund nicht gehalten, nat\u00fcrlich macht man sich da nicht nur Freunde.<\/p>\n<p class=\"p_20\"><em>Kann man seine Installationen heute eigentlich kaufen?<\/em><\/p>\n<p class=\"p_21\">Nein. Ich m\u00f6chte aber, dass Museen seine Arbeiten zeigen oder in ihre Sammlungen aufnehmen. Man soll seine Werke sehen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass die Stadt Berlin da etwas macht, dass er hier in einem Haus vertreten w\u00e4re. Ich habe oft das Gef\u00fchl, sie steht nicht zu den K\u00fcnstlern, die hier arbeiten. Christoph Schlingensief war ein wichtiger deutscher K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/article208135049\/Sein-Werk-soll-nicht-verloren-gehen.html\" target=\"_blank\">Berliner Morgenpost vom 27.8.2016<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kost\u00fcmbildnerin Aino Laberenz verwaltet den Nachlass von Christoph Schlingensief und leitet das Operndorf in Afrika. 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